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Montag, 27. April 2026

FARBE


Wir befanden uns auf dem alten Saumpfad von Forno nach Campello Monti, in einem Seitental in der Nähe des Ortasees. Gerade hatten wir etwas abenteuerlich einen kleinen Fluss überquert, folgten nun dem Pfad zwischen den Bäumen und erreichten eine Lichtung. Hellgrünes Gras leuchtete, vor uns lagen Häuser, die zumindest teilweise noch bewohnt waren. Weiter oben befand sich eine Siedlung mit Steinhäusern, alt, zum Teil zerfallen. Meine ganze Aufmerksamkeit galt dem Kirchenturm, den ich für den kleinen Menschen in Winterthur fotografieren wollte (er findet Kirchtürme gerade total spannend,
vor allem, wenn die Glocken läuten). Ich drückte ab, einmal, zweimal. Eine Kirche, ein Turm, dahinter waldbewachsene Bergkämme. Rockmusik aus den Achtzigern klang zu uns rüber. Wir gingen weiter, zwischen zerfallenden Steinhäusern hindurch, entdeckten den Garten, aus dem die Musik kam ... und dann standen wir unverhofft vor einem quietschbunten Spielplatz vor einem roten Turm, im Hintergrund Berge mit letzten weissen Schneeflecken. Es war surreal, es war lustig, es war ein einziges Fest der Farben. Eine Weile lang staunten wir, dann wanderten wir weiter.

Erst auf dem Rückweg (dieselbe Strecke), fiel mir beim Anblick des Spielplatzes ein, was ich vor lauter Staunen und Lachen vergessen hatte: Ich bin ja in der Gelb-Woche!!! Und was könnte ich gelberes finden als dieses gelbe Ufo-Tierchen direkt vor mir? Ich fotografierte. So, wie ich vieles fotografiert habe in diesen Tagen in Norditalien. Grund dafür ist die Aufgabe, die der Schneckenpost von Theres beilag: "Halte Ausschau nach gelben Dingen. Betrachte sie, zeichne sie, fotografiere sie." (Der genaue Wortlaut ist mir entfallen). Ich habe mir diese Aufgabe für meine Ferien aufgehoben. Erkenntnis: Wie sehr sich die Wahrnehmung doch ändert, wenn man den Fokus auf etwas Bestimmtes richtet. Plötzlich sehe ich überall Gelb. Dabei mag ich Gelb nicht einmal. Dachte ich. Jetzt merke ich: Gelb kann schön sein. Und überall. Ich habe entschieden, mich von der Farbe Gelb bis Ende Monat begleiten zu lassen.

Während also Gelb sozusagen meine kreative Mission im April ist, begleitet mich das Thema Farbe schon eine ganze Weile. Jeder Lost Souls Titel ist von einer Farbe geprägt. Als ich mich an Band 5 machte, begann damit auch meine berufliche Farb-Mission. Am Anfang sah es einfach und klar aus: Band 5 wird grün. Von dieser Klarheit kam ich ziemlich schnell weg, denn überall war es grau. In den Augen, in den Herzen, in den Handlungen der Guten und der Bösen - und weil der Wolf aus den ersten vier Bänden eine wichtige Rolle spielt. Also Grau. Dachte ich. Bis ich zu zweifeln begann. Grau??? Echt jetzt? Nein. Silber vielleicht, stahlgraues Silber. Das blieb lange so, bis ich auf Purple kam. Eigentlich gedacht für Band 6, aber der wird aller Voraussicht nach grün (falls ich mich nicht auf derselben Achterbahn wiederfinde wie bei Band 5). Im Moment bin ich zurück bei Grau. Weil es am besten passt - und blöderweise auch am schwierigsten ist, dazu einen guten Titel zu finden. Der purple Titel wäre übrigens echt stark gewesen. Aber er will einfach nicht so richtig passen.

Zwei Farb-Missionen. Beide sind spannend und fordern mich. Während ich bei Mission Gelb immer wieder staune und lache, ist Mission Farbe für Lost Souls ein zuweilen total mühsames Abenteuer. Aber Abenteuer sind nun mal zuweilen mühsam.

Diese Zeilen schreibe ich direkt am See, im kleinen Garten der Ferienwohnung. Das Wasser ist nicht einfach blau, es ändert seine Farbe immer wieder. Die Grüntöne im Garten und auf den Bergen reihum decken ebenfalls eine ganze Palette ab. Das graue Steinhaus ist von vollendeter Schönheit. Am Rosenstrauch an der Mauer leuchten die ersten beiden roten Rosen, auf dem See gleitet ein weisses Segelboot vorbei. Über allem liegt ein blassblauer Himmel, durch den träge Wolken ziehen. 

Man muss nicht direkt an einem See sitzen, um die Schönheit der Landschaft oder Gegend um sich herum zu entdecken. Man muss nur die Augen offen halten und schauen. Blaue Fensterläden, Gärten voller Blumen, das helle Grün der Frühlingsblatter, eine knallrote Sitzbank, ein blau-gelbes Verkehrszeichen, ein vorwitzig pinker Hut auf dem Kopf einer Spaziergängerin ... Wenn ihr die Welt einmal durch eine ganz andere Brille sehen möchtet, konzentriert euch die nächsten Tage auf die Farbe Gelb. Ihr werdet staunen!

Und mich würde es freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren schreiben würdet, welches eure Lieblingsfarbe ist. Oder welche Farben euch auf euren Wegen besonders aufgefallen sind. Oder ob und wie sich euer Blick auf die Welt geändert hat, nachdem ihr euch eine Weile auf die Farbe Gelb konzentriert habt. Hier noch meine Gelb-Collage:

Montag, 20. April 2026

MUSE


Warum zur Hölle hatte ich kein Notizbuch und keinen Stift dabei? Buchtitel, Settings, Plotideen, Kurzdialoge - all das ploppte in meinem Kopf auf, tanzte darin herum, löste Kettenreaktionen aus und ich wusste genau, dass ich diese wunderbaren Geistesblitze nicht ansatzweise alle in meiner Erinnerung festhalten konnte. Also, warum zur Hölle hatte ich kein Notizbuch und keinen Stift dabei? Zu allem Elend hatte ich auch das Handy im Auto gelassen, weil ich mich voll und ganz auf das Konzert konzentrieren und jede Sekunde auskosten wollte.

Ort des Geschehens: Altes Kino Mels
Band auf der Bühne: The Beauty of Gemina

Die Band, zu deren Musik ich seit unzähligen Jahren meine Bücher schreibe, meine Inspiration, meine Muse. Längst hat sie auch Eingang in die Bücher gefunden: 

In #no_way_out hängt das Poster zum Album At the end of the sea über Edys Bett. 

Stattdessen richtete ich meinen Blick auf ein Poster über Edys Bett. Nicht auf Edy, denn das hätte mein Herz zerrissen. Die ganze Zeit, in der Jake weiterredete, schaute ich auf das Poster. Es war, als hätte Edy es genau für diesen einen Moment aufgehängt. ... Auf der Mole standen verschwommene graue Gestalten. Smiley, Edy und ich. Ich verstand nicht wieso, aber von dem Bild ging eine unendliche Ruhe aus. Sie gab mir die Kraft, Jakes Worte zu ertragen.

In der Lost Souls Reihe ist Nathan McArran eine junge und kaputte Version (reine Fiktion) von Michael Sele, dem Sänger von The Beauty of Gemina. Was gleich ist: Die Musik und die Stimme, in die man sich fallen lassen kann wie in eine endlose, warme Umarmung. In Band eins erzähle ich, wie Kata zum ersten Mal ein Konzert der Band Black Rain von Nathan besucht - es ist exakt das, was ich an meinem ersten Konzert von The Beauty of Gemina gefühlt habe. In Band zwei der Reihe steht Nathan mit seiner Band im Zentrum, und The Beauty of Gemina hat mir dazu einen Song zur Verfügung gestellt, den ich im Buch kostenlos zitieren und auch dem Buchtrailer unterlegen durfte (Link am Ende des Posts).

Hundert Lügen ist das Buch, zu dem mich der Song Dragon inspiriert hat, und in den dann das ganze dazugehörige Album Ghost Prayers eingeflossen ist.

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich schon an Konzerten der Band war. Es sind viele, sehr viele. Das Konzert im Alten Kino Mels war nur eine weitere Station auf einem langen, gemeinsamen Weg. Wenige Wochen zuvor hatte ich The Beauty of Gemina im Theater am Kirchplatz in Schaan gesehen, wo sie zusammen mit Katharina Thalbach aufgetreten sind. Damals hatte ich mir geschworen, nur noch mit einem Notizbuch und einem Stift zu den nächsten Konzerten zu gehen. Tja. Und dann sass ich am Samstagabend im Alten Kino und liess mich von der Musik, dieser unvergleichlichen Stimme und den wunderschönen Songtexten davontragen, während in meinem Kopf ein Ideengewitter tobte und ich mich fragte, warum zur Hölle ich kein Notizbuch und keinen Stift dabei hatte.

In der Pause habe ich den Lichttechniker gefragt, ob er ein Stück Papier und einen Stift hätte. Vier Wörter sind mir noch eingefallen. Vier! Die habe ich aufgeschrieben. Das ist ein Anfang. Bruchstücke meiner Erinnerung werden zurückkehren. Darauf hoffe ich. Am Ende bleibt nur eins: Beim nächsten Konzert ... ja genau ... Notizbuch und Stift mitzunehmen. Vielleicht schreibe ich bis dahin ein Diary of a Lost, auch das ein Albumtitel der Band. Würde hervorragend passen. 

Nächstes Jahr, so hat Michael Sele am Konzert erzählt, feiert die Band ihren 20. Geburtstag. Mein Herz hat einen kleinen Salto geschlagen, denn nächstes Jahr feiert auch mein erstes Buch Blackout seinen 20. Geburtstag. Es gibt Zufälle, die keine sind.

Musen, so sagt man, inspirieren Künstler und Künstlerinnen in ihrem Schaffen. Und so ist Muse kein zu grosses Wort für die Band, zu deren Musik ich seit Jahren meine Bücher schreibe. Muse, das war auch so ein Geistesblitz am letzten Samstagabend. Einer, der mir im Gedächtnis haften geblieben ist. Es gibt für mich kein anderes Wort der Woche als dieses. Ich habe Michael Sele mal gesagt, so lange er Musik mache, würde ich auch schreiben. Es ist eine Art Versprechen. An mich. 

Hier noch der Buchtrailer zum Buch Black Rain mit der Musik von The Beauty of Gemina


PS: Wenn The Beauty of Gemina bei euch in der Nähe auftreten, geht hin. Mir bleibt, Danke zu sagen. Danke an meine Muse. Danke für eure Musik. 

Montag, 13. April 2026

SCHNECKENPOST

 

Irgendwann Anfang Jahr sass ich zwischen Morgen- und Nachmittaglesungen in einem Café. Vor mir lag Briefpapier, das ich beim Ausmisten gefunden hatte. Rosa Blumen auf wunderschönen Papier. Das einzige Briefpapier, das ich noch hatte. Rosa Blumen! Ich! Mir war es ein Rätsel, wieso ich mich für dieses Papier entschieden hatte, vor Ewigkeiten, in einem Leben, in dem analog weder Trend noch Flucht aus dem Digitalen sondern einfach Realität gewesen war. Auf eine ganz besondere Art gefiel mir das Briefpapier, das so gar nicht zu mir passte - und vielleicht eben doch?

Ich fuhr mit der Hand über das Papier, nahm meinen Stift und begann zu schreiben. Meinen ersten handgeschriebenen Brief seit langem. Die Zeit verging im Flug, meine Mittagspause lief aus, ich musste etwas überstürzt zu einem Ende kommen. Hastig steckte ich den Brief in ein Couvert, auch dieses mit rosa Blumen und einer schönen Marke, die ich schon am Vortag sorgfältig gewählt und ausgedruckt hatte. Auf dem Weg zurück zum Schulhaus, in dem meine Lesungen stattfanden, warf ich den Umschlag in einen öffentlichen Briefkasten. Dann stand ich eine Weile einfach da und freute mich. Stellte mir vor, wie am Tag danach oder auch zwei Tage danach die Empfängerin den Brief in den Händen hielt, die Blumen anschaute, vielleicht kurz lachte (weil sie mich kennt und wahrscheinlich nicht mit rosa Blumen in Verbindung bringt) und sich vielleicht auch genauso freute wie ich.

Seit einer Weile schicke ich dem kleinen Menschen in Winterthur Postkarten. Er hebt sie in seiner Schatzkiste auf und manchmal schauen wir sie gemeinsam an. Den Säntis mit dem hohen Mast, die zwei glücklichen Lamas, den kleine Drachen ...

Schneckenpost nennt man diese Art Post, die im realen Briefkasten landet, die man anfassen, aufbewahren und immer mal wieder anschauen kann. Genau solche Post hatte ich am Samstag im Briefkasten. Schneckenpost von Theres. Ich durfte im Atelier miterleben, wie sie das Konzept dazu entworfen hat, wie der Brief entstanden ist, von der ersten Idee bis zum Absenden. Ich sah, mit wie viel Liebe zum Detail Theres den Brief plante, wie sie sich überlegte, was sie dem Brief beilegen möchte, was das Logo dieser Schneckenpost sein sollte. Sie schrieb den Brief, schliff und feilte daran. Am Freitag hatte sie alles parat (für die Menschen in Deutschland: das ist ein wunderbares Schweizer Wort für etwas, das nach viel Vorarbeit bereit ist) und konnte die Briefe einwerfen.

Es war eine Freude, den Umschlag mit der besonderen Briefmarke zu öffnen, das Papier in den Händen zu halten, den Brief zu lesen, der mich an einen Bach mitnahm, wo Theres sich den Platz, an dem sie zeichnete, mit Schnecken teilte. Ich sah, hörte und roch den Ort, war mit Theres dort - und als Goodie lag dem Brief das Bild, das an diesem Tag entstanden ist, als Karte bei. Auch die anderen kleinen Beilagen sind wunderschön. Und wer genau hinschaut, findet sogar eine kleine Aufgabe, etwas versteckt, von Hand geschrieben, die man mit durch die Tage nehmen, sich dazu Gedanken machen und / oder sogar selber kreativ werden kann.

Die Schneckenpost von Theres kann man abonnieren. Entweder jeden Monat neu oder im Jahresabo. Infos dazu findet ihr hier. Für mich ist das handschriftliche Schreiben von Briefen und Postkarten Teil meines analogen Jahres. Wobei ich fest vorhabe, aus dem Jahr ein immer zu machen. Und ich bin jetzt schon gespannt auf die nächste Schneckenpost von Theres.

Dienstag, 7. April 2026

FRÜHLING


Diesen Blogpost schreibe ich auf dem Sitzplatz vor dem Haus. Die Vögel singen, Bäume und Sträucher knospen und blühen, bunte Frühlingsblumen leuchten mit dem Himmel und dem Schnee auf den Bergen um die Wette. Gestern und vorgestern wuselte der kleine Mensch mit einem kleinen Rasenmäher über den Rasen, füllte mit mir die Spritzkante, goss mit mir die Blumen, gemeinsam besuchten wir die Hühner in der Wiese hinter unserem Haus. Nette Nachbarn überliessen uns Fortbewegungsmittel für kleine Menschen, und so konnte unser kleiner Mensch mit den anderen kleinen Menschen die Quartierstrasse erobern (samt ausgeliehenem Helm auf dem Kopf). Was für ein Geschenk, was für ein Wunder.

Im Frühling hüpft mich der Übermut an, meine Energie funkt, die Kreativität tanzt Ringelreihen. Ich habe das Gefühl, dass (fast) alles möglich ist. Wenn ich nicht durch die Landschaft wandere, staunend im Garten herumwusele oder mit dem kleinen Menschen unterwegs bin, schmiede ich Pläne, fülle Notizbücher, zeiche mein Bullet Journal in allen Farben. Natürlich weiss ich, dass ich höchstens die Hälfte von dem umsetzen kann, was ich mir aufschreibe, aber das geht in Ordnung. Ende Herbst werde ich zurückschauen und gucke, was ich alles geschafft habe, und was ich nicht geschafft habe, werde ich im nächsten Frühling angehen.

Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich werde jetzt den Laptop zuklappen und den Frühling geniessen. Wir lesen uns nächste Woche wieder. 

Montag, 30. März 2026

HOFFNUNG

 

Die Welt spinnt. Alte weisse Männer zetteln Kriege an, in die sie nicht selber ziehen. Multimilliardäre leben nach eigenen Regeln, mit denen sie andere ausbeuten und sich selbst noch viel reicher machen.

Und wir? Flüchten uns in unsere kleinen Welten, weil wir in der grossen Welt gar nichts mehr zu sagen haben. Klinken uns aus, weil wir den Wahnsinn, gegen den wir keine Chance haben, nicht mehr ertragen.

Früher, als ich jung war, da habe ich geglaubt, dass wir Menschen etwas bewirken können, wenn wir zusammenstehen. Ja, ich habe sogar geglaubt, dass Musik die Welt verändern kann. Oder Bücher. Naiv? Mag sein. Aber wer naiv ist und bleibt, dem stirbt die Hoffnung nicht. Und Hoffnung ist das, was wir brauchen. 

Deshalb pflege ich die Hoffnung wie eine vom Aussterben bedrohte Pflanze. Was bei meinem Talent, so ziemlich alle Topfpflanzen im Haus ungewollt zu töten, vielleicht nicht der beste Vergleich ist. Und vielleicht ja doch. Denn ziemlich alle sind eben nicht alle. Noch lebt meine Pflanze namens Hoffnung, obwohl sie mehrere Male kurz vor ihrem Ableben stand.

Was mir Hoffung gibt? Zuckerberg hat gerade zwei wichtige Gerichtsfälle verloren - zudem ist sein Metaverse grausam abgeschmiert. In den USA regt sich der Widerstand gegen die gigantischen Energiefarmen (was für ein verniedlichender Name für diese Monster), die man für die extrem strom- und wasserfressende KI benötigt. Ebenfalls in den USA sind über 8 Millionen Menschen an den dritten "No Kings" Protesten marschiert und haben damit den US-Rekord gebrochen. Sehr reiche Menschen kaufen Naturland auf allen Kontinenten, nicht um es auszubeuten, sondern um es in seinem Naturzustand zu belassen. Wo habgierige Tech-Bros alles dem Profit unterordnen, spenden zum Teil ihre Ex-Frauen tonnenweise Geld an Projekte, die vom Staat gestrichen wurden, damit ein verschwindend kleiner Prozentsatz pervers reicher Unsympathen weniger Steuern bezahlen muss. In Schweden drucken sie wieder Schulbücher, weil digital allein eben nicht alles ist. Kreative in der ganzen Welt wehren sich dagegen, dass die KI von ihnen absaugt, was sie nur kann, um es dann in verarbeiteter Form wieder auszuspucken. Online-Trends, die seit Jahren nerven, werden immer mehr ignoriert. Ich könnte hier unzählige weitere Beispiele aufführen.

Fakt ist, dass man uns in den Medien vorwiegend schlechte Nachrichten um die Ohren haut. Ich plädiere nicht dafür, dass man uns die Wahrheit erspart, aber ich hätte sie gerne sachlich präsentiert und diskutiert, ohne Hyperventilieren und Schlagzeilen, die mehrheitlich nur noch Klickbaits sind. Ich bin dafür, dass in jede Nachrichtensendung auch gute Nachrichten des Tages gehören. Damit all jene nicht aufgeben, die die Hoffnung sorgsam pflegen, sich motiviert und mutig um ihre Liebsten, ihre Mitmenschen und die Natur kümmern.

Wir Menschen wollen doch im Grunde genommen vor allem eins: geliebt werden. Aber es war schon immer sehr viel einfacher, Hass zu verbreiten. Lasst uns dagegen ankämpfen. Mit Hoffnung und ganzen Badewannen voller Liebe. Wir können nicht die ganze Welt im Alleingang verändern, aber wenn jeder und jede von uns damit anfängt, schaffen wir es vielleicht gemeinsam. Wenn ihr eine Hymne dazu braucht - so von wegen Musik und Hoffnung - hört Bruce Springsteen. Der Mann singt seit Jahrzehnten gegen alte weisse Männer, die Kriege anzetteln, und reiche Egoisten ohne Moral an. Mein Favorit ist immer noch Ghost of Tom Joad. Pflegt eure Hoffnung, macht Musik, lest gute Bücher, seid mutig und kreativ und versucht, Vorbild zu sein. Vor allem aber: Lasst nie den Hass über die Liebe siegen.

Montag, 23. März 2026

KONSTANZ

 
Ich bin ein Schusel, ein Dusel, ein vergessliches Huhn, ein Hüpf-durch-die-Welt-Mensch, eine Chaotin. Damit bin ich wunderbar durchs Leben gekommen, stets im Wissen darum, dass diese Eigenschaften mich auch in Teufels Küche reiten können. Deadlines, die "plötzlich" ganz nah vor mir auftauchen, aufgeschobene Arbeiten, die ich in Nachtschichten abgearbeitet habe usw. Gehört dazu, habe ich mir gesagt. Und mir jedes Mal recht gegeben, nachdem ich in einem Anfall von Vernunft so richtig aufgeräumt hatte ... und dann in dieser perfekten Ordnung nichts mehr finden konnte.

Als ich jung war, war es extrem. Später habe ich nach und nach gelernt, ordentlicher und organisierter zu werden, und ich bin jedes Jahr ein wenig besser geworden darin. Doch ganz ehrlich. Das Motto Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen diente mir bei mancher Gelegenheit als perfekte Ausrede. Zudem heisst es ja nicht umsonst creative chaos. Da kam mir mein Beruf als Autorin entgegen. Kreativer geht gar nicht. Na ja ... das mit den Abgabeterminen, den Deadlines, das hatte es jedes Mal in sich, aber ich habe es bis auf zwei Ausnahmen immer hinbekommen (ihr dürft einfach nicht fragen, wie). 

Witzigerweise war ich im Berufsleben dann doch meistens ziemlich gut organisiert. Mit dem da bux Verlag habe ich das Organisieren für mich schon fast zur Perfektion gebracht (Danke an meinen Verlagskollegen Tom Zai, der die besten Produktionspläne ever schreibt!). 

Wo es nie geklappt hat: Bei meiner eigenen Gesundheit. Ich arbeitete oft zu viel, zu lange, in falscher Körperhaltung und verschlang dabei tonnenweise ungesundes Essen. Tiefpunkte in meinem Autorinnenleben und Momente der Schreiblustlosigkeit füllte ich gnadenlos mit Futter aller Art. Bei einer Lesung hat mich einmal jemand gefragt, was eine Autorin sei. Ich antwortete spontan: "Das ist eine mit Schokolade gefüllt Frau, die schreibt."

Seit ein paar Jahren versuche ich mich ernsthaft im gesunden Leben. Mit Höhen und Tiefen. Generell zeichnet sich so langsam ein Muster in die richtige Richtung ab. Und dieses Muster hat sehr viel mit dem Wort der Woche zu tun. Plus sämtlichen Mottos, die ich mir im Laufe dieser Versuchsjahre verinnerlicht habe.

Angefangen habe ich mit Slow and steady wins the race. Gar nicht so einfach, für einen Ungeduldspinsel wie mich. Danach kam: I want to see what happens if I don't give up. Nun, ich habe vor allem gesehen, was passiert, wenn ich aufgebe, also halte ich mich mittlerweile lieber ans Nichtaufgeben. An dieser Stelle kommen jetzt die Fanfarenklänge für ein Wort, das so ziemlich alles veränderte - TATA-TA-TAAAAA: Konstanz. 

Konstanz heisst dranbleiben, weitermachen, nicht aufgeben, jeden Tag aufs Neue, und wenn es nicht klappt, dann steht man auf, macht weiter, bleibt dran, gibt nicht auf ... 

Auf Insta hüpften zunehmend Posts mit einem SHOW UP in meinen Thread. Also: Zeig dich, tauche auf, sei jeden Tag aufs Neue da. Egal in welcher Stimmung, egal, ob du denkst du packst es oder nicht. Wichtig ist, dass du auftauchst, dich zeigst und sagst: "Ich bin hier." Show up. Für dich und niemanden sonst. 

Und dann, wie das so ist im Leben ... eins führt zum anderen und dann kam noch so eine Urgewalt von YouTuberin, die mir die Welt des Essens und des Essverhaltens auf absolut witzige Weise erklärt. Ihre Worte: Konstanz - show up. Und sie hat mir auch gleich ein neues Motto mit auf den Weg gegeben: Don't try to make your good days perfect, try to make your bad days less bad. Wo sie recht hat, hat sie recht. Und so gehe ich es slow and steady an ... und bin in Sachen Gesundheit und Essen super unterwegs.

Drei Anmerkungen dazu: 

Konstanz ein bescheidenes, unscheinbares Wort, etwas langweilig und bieder. Es zu leben ist gar nicht so einfach. Aber der Versuch lohnt sich. Versprochen. 

Jetzt bleibt nur noch eine Baustelle: Mein Schreiben. Das ist nämlich so chaotisch und unbeständig wie selten zuvor. Aber ich kenne jetzt ja die Tricks und vor allem das passende Wort und die passenden Mottos. Es kann also nur besser werden.  

Als angenehmen Nebeneffekt dieser Lebensreise habe ich jetzt so ziemlich die beste Mottosammlung der Welt.

Montag, 16. März 2026

ATELIER

Die Schnecke Yolanda ist von Theres Willi

Vor etwas mehr als einem halben Jahr haben wir unseren Ateliervertrag unterschrieben. Voller Vorfreude, glücklich und aufgeregt, aber auch mit dem Gefühl, angekommen zu sein. Am letzten Freitag unternahmen wir drei Atelierfrauen unseren ersten gemeinsamen Atelierausflug. Es ging hoch hinaus, auf den Säntis, auf 2501,9 Meter über Meer, genau der richtige Ort für unsere hochfliegenden Pläne und Träume. Der Himmel war strahlend blau, auf dem Gipfel blies ein eisiger Wind, die Aussicht war fantastisch.

Wir genossen das Panorama und das Essen, legten auf dem Rückweg auf der Schwägalp eine Kaffee- und Zeichnungsrunde ein und feierten unser Atelier. 

Ins Atelier eintreten ist ein Eintreten in eine Welt der Kreativität, des Austausches, der Ideen, der gegenseitigen Unterstützung. Stilles, konzentriertes Arbeiten und Gespräche wechseln sich ab. Wir entwickeln gemeinsam Ideen, öffnen unsere Türen mit verschiedenen Kreativrunden (Schreiben, Zeichnen, Weltenbasteln, Nature Journalig) und einem offenen Ateliernachmittag auch anderen Kreativen. Nichts ist Müssen, alles ist Dürfen. Vor allem das neugierige Ausprobieren von Neuem. 

Was in den letzten Monaten alles entstanden ist? Wir haben einen Namen für das Atelier gesucht und gefunden, Theres hat ein Logo entworfen und eine eigene Atelier Webseite und Social Media Accounts erstellt. Was noch? Witzige Texte in unseren Writing-Promt-Übungen in den Schreibrunden, überraschende und wunderbare Zeichnungen im offenen Atelier und in den Zeichnungsrunden, Konzepte für Bücher und Kolumnen, Workshopangebote, unzählige Malereien in Experimenten mit Farben und Techniken. Wir haben Plotknoten gelöst und Blockaden überwunden und Theres hat mit ihren Bildern und Gemälden Markterfahrungen gesammelt. Wir haben endlos viel gelacht und viel gelernt. Wahrscheinlich habe ich jetzt nur die Hälfte aufgezählt - und trotzdem ist es nie hektisch im Atelier. Es ist ein ruhiger Hafen, in den man einfährt. Ein Safe Space inmitten einer ziemlich verrückten Welt. Ein Ort auch, an dem so vieles Möglich geworden ist. Ein positiver Ort, ein Ort, an den ich sehr gerne hingehe.

Ein gutes halbes Jahr Atelier - und es fühlt sich ein wenig an, als wäre es immer da gewesen. 

Montag, 9. März 2026

BUNT

Stell dir vor, du gehst an ein Fest. Einer redet den ganzen Abend über Reisen, die er gemacht hat. Eine verrät ein Geheimrezept nach dem anderen. Einer ist die ganze Zeit über wahnsinnig witzig. Eine erklärt allen den aktuellen Stand in Sachen Klimawandel. Einer kann alle Formel 1 Rennfahrer bis zu den Anfangszeiten zurück aufzählen. Einer preist begeistert die Kosmetikmarke owieschön. Eine schwingt ihr Haar und formt dabei ihre aufgespritzten Lippen zum Schmollmund. Einer weiss haargenau fünf Punkte, mit denen du garantiert erfolgreich wirst, eine andere wiederum kennt genau drei Tipps, wie du zehn Kilos in einer Woche verlierst. Jeder und jede hat genau ein Thema, alle reden, keiner hört zu, alle klingen irgendwann wie kaputte Schallplatten. Du versuchst, irgendwie mitzuhalten, doch keiner hört dir richtig zu. Also hörst und schaust du halt den anderen zu. Beginnst dich zu langweilen, irgendwann hast du genug, alles ist so grell bunt, während jeder und jede einzelne an Farbe verliert, nach und nach verblasst. Immer mehr Menschen kommen durch die Tür, niemanden von ihnen kennst du, auch sie scheinen niemanden zu kennen, aber alle haben ein Thema, über das sie unbedingt reden wollen. Alle scheinen ein Spiel zu spielen, die meisten scheinen es zu kennen. Einige besser als andere. Und du? Fragst dich, wann wir so geworden sind. 

Dieses Fest läuft nonstop, 24 Stunden am Tag, und wir können jederzeit hin. Ohne Einladung. Es findet online statt, auf Insta, auf TikTok, auf Snap und wie sie alle heissen und noch heissen werden. Das war nicht immer so, und um das wehmütig zu bedauern, muss man für einmal kein Boomer sein, denn selbst wesentlich jüngere Menschen können sich erinnern, wie es früher gewesen ist. 

Kürzlich habe ich irgendwo gelesen, dass der Wandlungsprozess in den Social Media ungefähr 2012 begonnen hat. Was als grosses Experiment zur Verbindung von Menschen weltweit begonnen hat, an dem alle teilnehmen konnten, sich über Grenzen verbanden und miteinander austauschten, wurde nach und nach zu Plattformen, auf denen man sich zeigen konnte, Werbung machen konnte, Geld verdienen konnte, Influencer werden konnte. Algorithmen bestimmten immer mehr, wer Aufmerksamkeit bekommt und wer nicht, welche Art von Posts und Werbung wir sehen wollen/sollen/müssen. Menschen, mit denen man sich bisher ausgetauscht hatte, verschwanden aus unserem virtuellen Blickfeld, wurden abgelöst von Unbekannten, von denen eine gesichtslose Maschinerie fand, wir könnten uns für sie interessieren. 

Die Jahreszahl 2012 könnte hinhauen. Ich erinnere mich, wie Buchverlage ungefähr zwei oder drei Jahre nachdem die meisten anderen Firmen schon längst kapiert hatten, dass man auf Social Media Werbung machen kann, auch auf den Zug aufsprangen. "Du musst auf Social Media", hiess es. "Dich präsentieren. Deine Bücher vorstellen. Dich verkaufen." Yap. Dich verkaufen. Als Autorin. Heute geht das so weit, dass Influencer mit vielen Followern Buchverträge bekommen - und bei Autor:innen, die sich bewerben, wird schon mal geschaut, wie gross denn ihre Reichweite auf Social Media ist.

Ich gehöre zu jenen, die über das Bloggen zu den Social Media gefunden haben. Mein erster Blog hiess Zappadong und es ging um so ziemlich alles und jeden, die/der/das mich interessierte. Ich erstellte eine Blogroll und folgte Blogger:innen, die mich beeindruckten. Unter den einzelnen Blogposts gab es nicht selten endlos lange Kommentarlisten. Später kam Twitter dazu, Texthäppchen, versehen jedoch oft mit Links zu spannenden Artikeln. Schnell zeichnete sich ab: Negatives sorgt für Klicks, Kommentare und Likes. Aufmerksamkeit bekam, wer sich empörte oder wer gnadenlos provozierte. Es wurde leiser in den Blogs, andere Plattformen setzten sich durch. Trotzdem mochte ich das Bloggen immer noch am besten, weil es Platz für das Bunte und vor allem auch das Lange liess, für Gedankengänge statt Gedankenhäppchen. Nur: Das Lange war nicht mehr wirklich attraktiv. Attraktiv waren Bilder, später Filmclips. Immer häufiger ging es darum, im Netz nicht unterzugehen, gefunden zu werden. Und gefunden wurde man, wenn einen der Algorithmus liebte. Der wiederum liebte, wenn man ein klares Profil hatte. Mit Menschen, die über dieses, jenes und anderes berichteten, konnte der Algorithmus nicht verstehen, also liess er sie links liegen. 

Zappadong stellte ich irgendwann ein und begann mit diesem Blog. Kreuz und Quer nannte ich ihn, weil ich kreuz und quer durch die Themen bloggen wollte. Nicht mehr als Frau Zappadong, sondern als Ich. Ich wollte über mein Leben als Autorin erzählen, aber auch über das, was mich generell umtrieb und beschäftigte. Bis ...  ja ... bis wann eigentlich? Ich weiss es gar nicht so richtig. Wahrscheinlich bis ich mir sagte, dass die Verlage vielleicht recht haben, vielleicht müsste es ein reiner Autorinnenblog mit Schwerpunkt Bücher schreiben sein. Ich habe es versucht, bin jedes Mal gescheitert, denn Schein und Sein in einem Autorinnenleben liegen weit auseinander, und über das Sein zu schreiben hat zwar (neugierige) Berufskolleg:innen gefreut, aber nicht wirklich geholfen. Und vor allem: Es ist langweilig, immer nur über das Eine zu berichten. Ich vernachlässigte den Blog und zog zu den Häppchenplattformen. Insta, so fand ich, war die ehrlichste Social Media Plattform, weil man gar nicht mehr so tat, als ob der Text wichtig wäre. Es zählte nur das Bild, das Image.

Und so landete ich auf diesem Fest, das ich am Anfang des Posts beschrieben habe. Spielte das Spiel mit wie alle anderen. Versuchte, mich für den Algorithmus entschlüsselbarer zu machen. Mich sichtbar zu machen. Zum Brand zu werden. Im Wissen darum, dass ich dieses Spiel nur verlieren kann. Ich bin zu alt, schreibe die falschen Bücher (Jugendbücher), bin zu wenig bekannt, habe keine Lust auf Empörungsposts, mag nichts Urprivates posten, und noch weniger Lust hatte und habe ich auf all die: Du musst nur das und das tun und dann explodieren deine Followerzahlen.

Immer öfter frag(t)e ich mich, was ich auf Insta und Co. noch soll. Aber da ist diese leise Angst: Angst, überhaupt nicht mehr gesehen zu werden. Das wäre ja völlig in Ordnung, wenn ich nicht vorhätte, meine Bücher in Zukunft im Self Publishing herauszugeben. Und dazu muss ich meine eigene Marketingfrau sein. Im Internet schreien. Nach Regeln, die mir nicht gefallen. Noch bin ich dort. Weniger oft als auch schon, ich poste zu 80 Prozent nur noch nach Lust und Laune, aber immer noch zu etwa 20 Prozent, weil etwas in mir sagt: Aber du muss doch, wenn du deine Bücher selber herausgeben willst. Während ich im Grunde genommen genau weiss, dass das nicht funktionieren wird. 

Anfang Jahr bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Auf meinen Blog. Zu Raum, Zeit und Vielfalt. Hier, wo ich kein Brand oder eine Einthemenfrau sein muss, wo ich nicht laut klappern muss, sondern über das schreiben kann, was mich beschäftigt. Wo es mir egal sein darf, ob mich irgendein Algorithmus nach oben in die Suchleisten hievt oder mich in den tiefen des Netzes ablegt. Wo der Text wichtiger ist als das Foto. Wo Likes und Reichweite keine Rolle spielen. Hier bin ich. Hier wird es persönlich. Hier darf es bunt und wild und frei und lang und kreuz und quer sein.

Und ich suche nach anderen Blogs. Keine Einthemenblogs, sondern Blogs, in denen es um das Leben in all seinen Facetten geht. Zum Glück habe ich immer noch meine Blogroll aus den Anfangszeiten. Viele Blogs sind daraus verschwunden, einige sind geblieben. Zum Beispiel Hausfrau Hanna, die seit Jahren wunderbar poetisch und genau auf den Punkt aus dem Leben berichtet. Oder Jutta Wilke, die oft lange aus denselben Gründen wie ich Blogpausen gemacht hat, deren neuster Post mich aber zu diesem inspiriert hat.

Wenn ihr selber bunt über das Leben bloggt, lasst es mich bitte in den Kommentaren wissen. Wenn ihr tolle Blogs kennt, bitte ebenfalls. Danke. 

PS: Danke, Jutta Wilke. Von ihr habe ich das Bild des bunten Bloggens. Ich habe es aufgegriffen, weil ich finde, das passt so richtig gut. 

Dank an: Theres Willi für die Zeichnung auf der Collage.

Dienstag, 3. März 2026

GRUNDEINKOMMEN

 

64 Jahre und 3 Monate. Das ist das Alter, das Frauen meines Jahrgangs in der Schweiz erreichen müssen, um ihre AHV zu bekommen. Und fast auf den Tag genau habe ich Post erhalten, in welcher ich den Betrag erfahre, der mir zusteht. Es ist mehr oder weniger das, was Herr Ehemann und ich aufgrund von Abklärungen ausgerechnet haben. Auf das Maximum komme ich nicht, obwohl ich ein Leben lang lückenlos gearbeitet und daneben auch Kinder grossgezogen habe. Grund: Ich habe zwar tolle Berufe ausgeübt, aber halt solche, in denen man nicht viel verdient, auf jeden Fall zu wenig, um auf die Maximalrente zu kommen. Darüber könnte ich jetzt einen laaaaangen Blogpost schreiben, vor allem, was das für alleinerziehende Frauen bedeutet, oder für Frauen (und Männer), die Kinder betreuen und deshalb zumindest einen Teil ihrer Berufsjahre Teilzeit arbeiten, oder generell für Menschen, die im Tieflohnbereich arbeiten und dann am Ende eines harten Arbeitslebens nicht einmal eine Maximalrente erhalten, aber darum soll es heute nicht gehen. Man könnte hier auch eine Diskussion um die zweite und dritte Säule unserer Altersvorsorge starten, doch auch darum soll es in diesem Post nicht gehen. Fakt ist: Kein Mensch in der Schweiz kann von der AHV alleine leben (deshalb das Dreisäulenprinzip). 

Fakt ist auch, dass ich ab dieser Woche offiziell Rentnerin bin. Weil ich nicht die leiseste Absicht habe, mit dem Arbeiten aufzuhören, erhalte ich mit der AHV eine Art bedingungsloses Grundeinkommen. Ich freue mich seit Monaten darauf. Weil mir dieses Grundeinkommen die Freiheit gibt, meine Arbeit anderes einzuteilen, denn dass ich weiterhin im Berufsleben bleiben möchte, steht für mich schon lange fest. Ich mag zwar die allermeiste Zeit nur Berufe ausgeübt haben, mit denen man zu wenig verdient, um auf eine volle AHV-Rente zu kommen, aber dafür hatte ich auch fast immer Berufe, die ich leidenschaftlich gerne ausgeübt habe und immer noch ausübe. Ich möchte weiterhin mit dem da bux Verlag tolle Bücher veröffentlichen, ich möchte weiterhin schreiben, ich möchte weiterhin Workhops geben, ich möchte weiterhin Lesungen machen. Beim da bux Verlag kann ich nicht reduzieren, will ich auch gar nicht, auf jeden Fall noch nicht jetzt. Aber mein Leben als Autorin kann ich gemächlicher angehen. Kein Mensch erwartet, dass ich jedes Jahr eins oder gar mehrere Bücher veröffentliche, Workshops kann ich nach Lust und Laune und Bedarf geben und bei den Lesungen habe ich schon die letzten paar Jahre reduziert, zudem ahne ich, dass sie mit nachlassender Veröffentlichungsrate sowieso langsam versanden werden. Wichtig ist: Weil ich jetzt sozusagen ein Grundeinkommen habe, kann ich es mir leisten, weniger zu arbeiten. 

Ein Grundeinkommen. Ich wünschte mir, ich hätte das früher gehabt. Damals, als ich - und auch wir als Familie - es dringend benötigt hätten. Ich schaue mir die Familie meiner Tochter an und denke mir, wie viel einfacher es für ihr Lebensmodell (um das ich sie beneide und das ich mir damals so sehr gewünscht hätte) wäre, wenn sie dieses Grundeinkommen heute schon hätte. Und ja: Das kostet. Aber es würde so viel Druck von den Menschen nehmen. Es gäbe vielen von ihnen die Möglichkeit und Chance, über sich hinauszuwachsen, Projekte anzugehen, die ihnen ohne Grundeinkommen nicht möglich wären. Sie könnten Dinge wagen, die sie ohne Grundeinkommen nicht wagen können. Vielleicht stünden wir als Gesellschaft an einem ganz anderen Punkt, wenn wir ein Grundeinkommen hätten und damit die Zeit, die Ruhe und den Raum, etwas Gutes zu schaffen. 

Ich habe fest vor, mir mit meinem Grundeinkommen genau diese Zeit, diese Ruhe und diesen Raum zu schaffen. Für die Arbeit, für meine Freizeit, für den kleinen Menschen in Winterthur. Und ich möchte meine Begeisterung für das kreative Schaffen ausleben und weitergeben. Nicht zuletzt im Atelier in der alten Schufabrik (ja, kein "h" im Schu ... sie schreibt sich so). 

Während ich diesen Post geschrieben habe und immer noch schreibe, sind mir so viele Dinge eingefallen, die ich unbedingt auch noch erwähnen sollte, aber das würde den Rahmen hier total sprengen. Ich freue mich im Augenblick einfach daran, dass ich diese Woche zum ersten Mal eine AHV erhalte. Ihr dürft mir aber gerne in den Kommentaren die Fragen stellen, die euch nach dem Lesen auf der Zunge brennen - oder mir von euren eigenen Erfahrungen berichten. 

Montag, 23. Februar 2026

KÜCHE


Ja, ich weiss. Küche ist ein seltsames Wort der Woche. Aber es ist so: Die Küche ist einer meiner Lieblingsorte im Haus, und ich finde, es ist Zeit für eine kleine Liebeserklärung. 

Seit wir vor ungefähr zwei Jahren ein kleines Sofa zum Küchentisch gekauft haben, ist meine Beziehung zu unserer Küche noch intensiver geworden. Ich sitze ich jeden Morgen auf diesem Sofa, schreibe meine Morgenmail, lese mich durch Mails und Online-Zeitungen, trinke Kaffee, plane, lasse Gedanken schweifen, gucke einfach. Immer wieder kehre ich an diesen Tisch zurück, mehrmals pro Tag. Am Abend und am Wochenende kocht einer von uns beiden und der andere sitzt häufig auf dem Küchensofa. Unsere Küche ist eine Wohnküche, ein Wohfühlort, ein Begegnungsort. 

So war das immer. Ich bin als Kind in einem Haus mit einer Wohnküche aufgewachsen, in der wir viel Zeit verbrachten. Vom Elternhaus meines Vaters - eine Familie mit fünfzehn Kindern - kann ich mich vor allem an die riesige Küche erinnern, in der ein riesiger Tisch stand, an dem immer viele Menschen sassen und sich angeregt unterhielten. Als wir damals unser Haus kauften, ab Plan, war mein einziger Änderungswunsch, die Wand zum Wohnzimmer zu verschieben, damit Platz für eine Wohnküche war, in der man gemeinsam sitzen und essen konnte. Irgendwann werden wir aus diesem Haus ausziehen und dann brauche ich vor allem eins: eine Wohnung mit Wohnküche.  

Wenn ich über unsere Küche schreibe, muss ich auch übers Kochen schreiben. Ich würde gerne sagen, dass ich gerne koche, aber das wäre nicht wirklich die Wahrheit. Über viele Jahre war das Kochen für mich ein Muss. Ich war diejenige, die von zuhause aus gearbeitet hat, und deshalb war ich auch diejenige, die - nebst vielem anderen, das im Haushalt so anfiel - jeden Mittag dafür zuständig war, dass das Essen auf dem Tisch stand. Für die Kinder, die von der Schule kamen, für den Mann, der von der Arbeit kam. Ich musste mir tagein-tagaus überlegen, was ich kochen sollte. Lustlos, unter Stress. Meine Familie könnte ein Lied davon singen, wie oft es sehr seltsame Mittagessen gab, weil ich das Kochen schlicht verlauert habe. Es ist nicht so, dass sich Herr Ehemann vor dem Kochen gedrückt hat: Er hat manchmal das Abendessen gekocht und war meistens am Wochenende für das Kochen zuständig. Er kocht phantastisch, besser als ich, und er hat sich, im Gegensatz zu mir, immer die Zeit für aufwändige Rezepte genommen. 

Seit die Kinder erwachsen sind und ich auch beruflich nicht mehr mit der Geschwindigkeit eines Hochgeschwindigkeitzugs unterwegs bin, hätte ich ganz viel Zeit zum Kochen. Völlig stressfrei. Das, so fand und finde ich, wäre die Gelegenheit, so richtig ins Kochen einzutauchen, vor allem, weil ich ja auch sehr gerne sehr gut esse. Ich versuche mich immer wieder daran. Habe mittlerweile auch Phasen, in denen ich nicht nur gerne auf dem Küchensofa sitze, sondern auch gerne koche. Mein Sohn hat mir fantastische Kochbücher empfohlen, aus denen ich Rezepte ausprobiere. Sogar das ganz normale Alltagskochen macht zwischendurch immer mal wieder Spass. 

Aber ganz ehrlich: Am liebsten sitze ich auf dem Küchensofa. Allein oder in guter Gesellschaft. Trinke Kaffee oder ein Glas Wein, tausche mich aus. Fülle meine Notizbücher. Schreibe jetzt gerade diesen Blogpost. Oder träume einfach vor mich hin.

Was ist euer Lieblingsraum? Und warum?  

Montag, 16. Februar 2026

FUNDSTÜCK


Ich sass im Zug, unterwegs zu einer Lesung, in der Hand ein Buch, und mir rollten die Tränen über die Wangen. Nicht, weil der Text so traurig war, sondern weil er wunderschön war. Inhaltlich und sprachlich. Ich musste das Buch zuklappen, weil ich nicht mit verweinten Augen im Schulhaus ankommen wollte. An mir zog die Landschaft vorbei, ein Fluss, eingebettet zwischen sanften Hügeln, und ich dachte, wie viel Glück ich doch hatte, dieses Buch gefunden zu haben. Schon das zweite in Reihe, das mich tief berührte, beide wahre Fundstücke. Und dann wurde mir klar, dass nicht ich diese Bücher gefunden hatte, sondern sie mich. Denn: Ich hatte beide Bücher weder auf einer Wunschliste gehabt, noch nach ihnen gesucht. Sie waren einfach da, als ob sie darauf gewartet hätten, dass ich vorbeikomme. Die Fundstücke waren nicht sie, das Fundstück war ich.  

Beide Bücher passen perfekt zu mir, so, wie massgeschneiderte Kleidung oder all die kargen Landschaften, in die ich so gerne eintauche. Massgeschneidert, weil die Geschichten so herrlich unkonventionell sind, die Charaktere so grandios einzigartig. Eine Erzählsprache wie eine Wahnsinnslandschaft, die mir den Atem nimmt und in der ich endlos verweilen möchte. 

Das erste Buch - Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen) von John Greene - hatte im Eingangsbereich des Schulhauses Türggenau gelegen, mitten zwischen anderen ausgemusterten Bibliotheksbüchern. Zum Mitnehmen stand daneben. Meine Hand streckte sich nach dem Buch aus, wie von selbst. Ich fragte die Bibliothekarin, ob dieses Zum Mitnehmen auch für mich gelte, und sie bejahte. Das Buch und ich gingen gemeinsam nach Hause, ich begann noch am gleichen Tag, es zu lesen. Es war Liebe auf den ersten Blick - und Kapitel 14 hat mich dann schlicht umgehauen. Wow, dachte ich, wow, wow, wow, so sollten Bücher immer sein. 

Das zweite Buch fand mich im Bücherschrank in der Winterthurer Altstadt. Ich war mit dem kleinen Menschen und meiner Tochter dort und hatte nicht viel Zeit zum Schmökern. Mein Blick glitt über die Bücher, fahrig strich ich mit den Fingern über ein paar. Und dann war es da. Klick - zehn Autoren erzählen einen Roman (leider vergriffen). Ein Erzählexperiment um ein Mädchen, das seinen Opa, den Fotografen Gee, verliert und um ihn trauert. Die Autorin Linda Sue Park hat das erste Kapitel geschrieben und an ihren Autorenkollegen David Almond weitergeschickt. Der hat ein zweites Kapitel geschrieben und es weitergeschickt. Zehn Autor:innen, zehn Kapitel, zehn kleine Geschichten, die sich alle um Opa Gee drehen. Das Kapitel, das mich auf dem Weg zur Lesung zum Weinen gebracht hat, war Kapitel 2. Ja, dachte ich, ja, so sollten Texte zu Herzen gehen. Mitten rein.

Seit diese beiden Bücher mich gefunden haben, überlege ich mir immer wieder, wann und wo und wie ich ein Fundstück war. Die bisherigen Antworten sind schön (ein etwas banales Wort, aber hier passt es genau): Mich haben Menschen gefunden, Berufe, Landschaften, Musik, Bücher, Geschichten ...  und ich ahne, dass ich noch ganz viele weitere Antworten finde.

Habt ihr euch schon einmal überlegt, wann ihr ein Fundstück wart? Wann und wo und wie? Und was das mit euch gemacht hat? 

Montag, 9. Februar 2026

UNTERWEGS


Es ist Sonntagnachmittag, ich sitze am Wohnzimmertisch in Werdenberg, schaue in den Garten hinaus, in dem es heute schon ein bisschen nach Frühling aussieht, und hänge meinen Gedanken nach. Sie mäandern in verschiedenste Richtungen, ich lasse sie gewähren, folge ihnen, wechsle mit ihnen die Richtung und vertraue darauf, dass sie irgendwann an irgendeinem Ufer das Wort der Woche finden. Und tatsächlich, da liegt es, auf einer Sandbank wie ein Stück Schwemmholz. Ich erkenne die Sandbank, sie liegt in der Rheinschlucht, durch die ich ins Haus in die Berge fahre. Und weil sie so schön ist, fotografiere ich sie jedes Mal, und manchmal stelle ich sie online in eine Insta-Story und schreibe dazu: unterwegs. Und genau das ist das Wort, das jetzt neben dem Schwemmholz liegt, mein Wort der Woche. Ich hebe es auf, meine Gedanken breiten ihre Flügel aus und tragen mich in einen weissen Märchenwald, eingehüllt in Nebel, dann weiter zur Nebelwand von letzter Woche, so dicht, dass ich aus dem Zugfenster nur Weiss gesehen habe, von dort nach Winterthur, wo der kleine Mensch wohnt, von dort weiter durch unberührte Natur, bis ich sanft lande, mein Wort vor mir ausbreite und überlege, was unterwegs sein für mich bedeutet.

Ich war fast immer gerne unterwegs. Als Kind in den Bergen, im Wald, am Wasser, draussen, "verjuss", wie wir sagen. Als junge Frau oft auf Reisen, kurzen, langen und sehr langen. In verschiedenen Berufen, oft auch zwischen Berufen. In einem Leben ohne Kinder, dann mit Kindern, neu mit einem Enkelkind. Zu Fuss, mit dem Auto, mit der Bahn, im Bus, immer seltener mit dem Flugzeug, kaum je mit dem Fahrrad, einmal sogar auf einem Flussschiff und immer wieder auch einfach in Gedanken. 

Ich denke, das Unterwegssein ist auch ein Grund, weshalb ich schreibe: Ich kann mich jederzeit nach Schottland schreiben, nach Wales oder in die Yorkshire Dales, in den Frühling, wenn es Winter ist, in den Winter, wenn die Sommersonne zu heiss brennt. Wenn es mir hier auf diesem Planeten zu heftig wird, kann ich mich in eine Fantasiewelt schreiben oder mich in ein anderes Sonnensystem beamen. Dasselbe gilt fürs Lesen. Und so, wie man beim Schreiben und Lesen unterwegs sein kann, ohne irgendwohin zu reisen, kann man als Mensch unterwegs sein, zu sich selbst, von sich selbst weg, zu einem anderen selbst hin. Das kann sich wie eine Flucht anfühlen, wie ein Nachhausekommen, zuweilen wie Fliegen. Oder es kann ein Schweben zwischen Entscheidungen sein, bis man sicher ist, die richtige zu treffen. Kaum etwas ist so spannend, wie unterwegs zu sein. 

Diese Woche pendle ich zwischen Werdenberg (meinem Zuhause), Turbenthal (Lesungsort), Winterthur (zum kleinen Menschen und seiner Familie), zurück nach Werdenberg und am Ende der Woche hoffentlich wieder nach Cumbel (meinem zweiten Zuhause) - und natürlich dürfen auch die Gedankenreisen nicht fehlen. Diese Woche sind das unter anderem Ausflüge in die Gefilde der Titelsuche für da bux Bücher, nach Strassburg zu den Lost Souls und in die wundersame Ideensammelkiste im Atelier, wo wir Träume für die Zukunft weben.

Wo und wie immer ihr diese Woche unterwegs seid: Ich wünsche euch wunderbare Ausflüge und Reisen.

PS: Das Bild hat Theres Willi gemalt. Man kann solche kleinen Bildkärtchen - geometrisch oder so toll ausgerissen wie auf der Karte - übrigens bei ihr kaufen (verschiedenste Sujets) und damit wunderschöne, persönliche (Post)karten gestalten.