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Montag, 9. März 2026

BUNT

Stell dir vor, du gehst an ein Fest. Einer redet den ganzen Abend über Reisen, die er gemacht hat. Eine verrät ein Geheimrezept nach dem anderen. Einer ist die ganze Zeit über wahnsinnig witzig. Eine erklärt allen den aktuellen Stand in Sachen Klimawandel. Einer kann alle Formel 1 Rennfahrer bis zu den Anfangszeiten zurück aufzählen. Einer preist begeistert die Kosmetikmarke owieschön. Eine schwingt ihr Haar und formt dabei ihre aufgespritzten Lippen zum Schmollmund. Einer weiss haargenau fünf Punkte, mit denen du garantiert erfolgreich wirst, eine andere wiederum kennt genau drei Tipps, wie du zehn Kilos in einer Woche verlierst. Jeder und jede hat genau ein Thema, alle reden, keiner hört zu, alle klingen irgendwann wie kaputte Schallplatten. Du versuchst, irgendwie mitzuhalten, doch keiner hört dir richtig zu. Also hörst und schaust du halt den anderen zu. Beginnst dich zu langweilen, irgendwann hast du genug, alles ist so grell bunt, während jeder und jede einzelne an Farbe verliert, nach und nach verblasst. Immer mehr Menschen kommen durch die Tür, niemanden von ihnen kennst du, auch sie scheinen niemanden zu kennen, aber alle haben ein Thema, über das sie unbedingt reden wollen. Alle scheinen ein Spiel zu spielen, die meisten scheinen es zu kennen. Einige besser als andere. Und du? Fragst dich, wann wir so geworden sind. 

Dieses Fest läuft nonstop, 24 Stunden am Tag, und wir können jederzeit hin. Ohne Einladung. Es findet online statt, auf Insta, auf TikTok, auf Snap und wie sie alle heissen und noch heissen werden. Das war nicht immer so, und um das wehmütig zu bedauern, muss man für einmal kein Boomer sein, denn selbst wesentlich jüngere Menschen können sich erinnern, wie es früher gewesen ist. 

Kürzlich habe ich irgendwo gelesen, dass der Wandlungsprozess in den Social Media ungefähr 2012 begonnen hat. Was als grosses Experiment zur Verbindung von Menschen weltweit begonnen hat, an dem alle teilnehmen konnten, sich über Grenzen verbanden und miteinander austauschten, wurde nach und nach zu Plattformen, auf denen man sich zeigen konnte, Werbung machen konnte, Geld verdienen konnte, Influencer werden konnte. Algorithmen bestimmten immer mehr, wer Aufmerksamkeit bekommt und wer nicht, welche Art von Posts und Werbung wir sehen wollen/sollen/müssen. Menschen, mit denen man sich bisher ausgetauscht hatte, verschwanden aus unserem virtuellen Blickfeld, wurden abgelöst von Unbekannten, von denen eine gesichtslose Maschinerie fand, wir könnten uns für sie interessieren. 

Die Jahreszahl 2012 könnte hinhauen. Ich erinnere mich, wie Buchverlage ungefähr zwei oder drei Jahre nachdem die meisten anderen Firmen schon längst kapiert hatten, dass man auf Social Media Werbung machen kann, auch auf den Zug aufsprangen. "Du musst auf Social Media", hiess es. "Dich präsentieren. Deine Bücher vorstellen. Dich verkaufen." Yap. Dich verkaufen. Als Autorin. Heute geht das so weit, dass Influencer mit vielen Followern Buchverträge bekommen - und bei Autor:innen, die sich bewerben, wird schon mal geschaut, wie gross denn ihre Reichweite auf Social Media ist.

Ich gehöre zu jenen, die über das Bloggen zu den Social Media gefunden haben. Mein erster Blog hiess Zappadong und es ging um so ziemlich alles und jeden, die/der/das mich interessierte. Ich erstellte eine Blogroll und folgte Blogger:innen, die mich beeindruckten. Unter den einzelnen Blogposts gab es nicht selten endlos lange Kommentarlisten. Später kam Twitter dazu, Texthäppchen, versehen jedoch oft mit Links zu spannenden Artikeln. Schnell zeichnete sich ab: Negatives sorgt für Klicks, Kommentare und Likes. Aufmerksamkeit bekam, wer sich empörte oder wer gnadenlos provozierte. Es wurde leiser in den Blogs, andere Plattformen setzten sich durch. Trotzdem mochte ich das Bloggen immer noch am besten, weil es Platz für das Bunte und vor allem auch das Lange liess, für Gedankengänge statt Gedankenhäppchen. Nur: Das Lange war nicht mehr wirklich attraktiv. Attraktiv waren Bilder, später Filmclips. Immer häufiger ging es darum, im Netz nicht unterzugehen, gefunden zu werden. Und gefunden wurde man, wenn einen der Algorithmus liebte. Der wiederum liebte, wenn man ein klares Profil hatte. Mit Menschen, die über dieses, jenes und anderes berichteten, konnte der Algorithmus nicht verstehen, also liess er sie links liegen. 

Zappadong stellte ich irgendwann ein und begann mit diesem Blog. Kreuz und Quer nannte ich ihn, weil ich kreuz und quer durch die Themen bloggen wollte. Nicht mehr als Frau Zappadong, sondern als Ich. Ich wollte über mein Leben als Autorin erzählen, aber auch über das, was mich generell umtrieb und beschäftigte. Bis ...  ja ... bis wann eigentlich? Ich weiss es gar nicht so richtig. Wahrscheinlich bis ich mir sagte, dass die Verlage vielleicht recht haben, vielleicht müsste es ein reiner Autorinnenblog mit Schwerpunkt Bücher schreiben sein. Ich habe es versucht, bin jedes Mal gescheitert, denn Schein und Sein in einem Autorinnenleben liegen weit auseinander, und über das Sein zu schreiben hat zwar (neugierige) Berufskolleg:innen gefreut, aber nicht wirklich geholfen. Und vor allem: Es ist langweilig, immer nur über das Eine zu berichten. Ich vernachlässigte den Blog und zog zu den Häppchenplattformen. Insta, so fand ich, war die ehrlichste Social Media Plattform, weil man gar nicht mehr so tat, als ob der Text wichtig wäre. Es zählte nur das Bild, das Image.

Und so landete ich auf diesem Fest, das ich am Anfang des Posts beschrieben habe. Spielte das Spiel mit wie alle anderen. Versuchte, mich für den Algorithmus entschlüsselbarer zu machen. Mich sichtbar zu machen. Zum Brand zu werden. Im Wissen darum, dass ich dieses Spiel nur verlieren kann. Ich bin zu alt, schreibe die falschen Bücher (Jugendbücher), bin zu wenig bekannt, habe keine Lust auf Empörungsposts, mag nichts Urprivates posten, und noch weniger Lust hatte und habe ich auf all die: Du musst nur das und das tun und dann explodieren deine Followerzahlen.

Immer öfter frag(t)e ich mich, was ich auf Insta und Co. noch soll. Aber da ist diese leise Angst: Angst, überhaupt nicht mehr gesehen zu werden. Das wäre ja völlig in Ordnung, wenn ich nicht vorhätte, meine Bücher in Zukunft im Self Publishing herauszugeben. Und dazu muss ich meine eigene Marketingfrau sein. Im Internet schreien. Nach Regeln, die mir nicht gefallen. Noch bin ich dort. Weniger oft als auch schon, ich poste zu 80 Prozent nur noch nach Lust und Laune, aber immer noch zu etwa 20 Prozent, weil etwas in mir sagt: Aber du muss doch, wenn du deine Bücher selber herausgeben willst. Während ich im Grunde genommen genau weiss, dass das nicht funktionieren wird. 

Anfang Jahr bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Auf meinen Blog. Zu Raum, Zeit und Vielfalt. Hier, wo ich kein Brand oder eine Einthemenfrau sein muss, wo ich nicht laut klappern muss, sondern über das schreiben kann, was mich beschäftigt. Wo es mir egal sein darf, ob mich irgendein Algorithmus nach oben in die Suchleisten hievt oder mich in den tiefen des Netzes ablegt. Wo der Text wichtiger ist als das Foto. Wo Likes und Reichweite keine Rolle spielen. Hier bin ich. Hier wird es persönlich. Hier darf es bunt und wild und frei und lang und kreuz und quer sein.

Und ich suche nach anderen Blogs. Keine Einthemenblogs, sondern Blogs, in denen es um das Leben in all seinen Facetten geht. Zum Glück habe ich immer noch meine Blogroll aus den Anfangszeiten. Viele Blogs sind daraus verschwunden, einige sind geblieben. Zum Beispiel Hausfrau Hanna, die seit Jahren wunderbar poetisch und genau auf den Punkt aus dem Leben berichtet. Oder Jutta Wilke, die oft lange aus denselben Gründen wie ich Blogpausen gemacht hat, deren neuster Post mich aber zu diesem inspiriert hat.

Wenn ihr selber bunt über das Leben bloggt, lasst es mich bitte in den Kommentaren wissen. Wenn ihr tolle Blogs kennt, bitte ebenfalls. Danke. 

PS: Danke, Jutta Wilke. Von ihr habe ich das Bild des bunten Bloggens. Ich habe es aufgegriffen, weil ich finde, das passt so richtig gut. 

Dank an: Theres Willi für die Zeichnung auf der Collage.