Donnerstag, 18. April 2024

Treibholz

Nach einer wunderschönen Wanderung durch den Maremma Nationalpark kamen wir am Strand an. Der Anblick raubte mir den Atem, obwohl ich wusste, was mich erwartete, denn wir waren vor zwei Jahren schon einmal hier gewesen. Damals hing ein schweres Gewitter in der Luft, ein starker Wind blies und wir konnten weder lange verweilen noch wagten wir es, den Strand entlang zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung zu gehen. Wir nahmen eine Route durchs Landesinnere, ein Vernunftsentscheid. Das Herz tat noch eine ganze Weile weh, weil es sich zurück an den Strand sehnte.

Auch dieses Mal wehte ein starker Wind; in den Hügeln, durch die wir eben noch gewandert waren, brauten sich dunkel die Wolken zusammen, aber über dem Meer hing blauer Himmel. Wir zogen die Wanderschuhe aus und machten uns dem Strand entlang auf den Weg. Die Wellen rollten auf dem Sand aus, bildeten kleine, weisse Schaumränder, leckten am Treibholz, löschten hinter uns die Spuren unserer Fussabdrücke.

Das Laufen im weichen Sand gegen den Wind forderte Kraft. Wie gut, dass ich immer wieder stehenbleiben musste um zu fotografieren und filmen! Ich konnte mich kaum sattsehen. Treibholz habe ich immer geliebt. Bei uns in den Bergbächen, auf den Sandbänken am Rhein, im Walensee, am Meer. Von einem einsamen Strand in Schottland habe ich ein kleines Stück eines zerschollenen Fischerbootes mit nach Hause genommen. Es steht nach all den Jahren immer noch auf einer kleinen Kommode in einem unserer Zimmer. Im Haus in den Bergen befindet sich eine mittlerweile beinahe vollständig überwachsene Skulptur aus Tongebilden und Treibholz, die Herr Ehemann und ich gebaut haben (die Tongebilde in einem Kurs, den wir gemeinsam besucht haben).

Bei uns im Rheintal gibt es die Rheinholzer, die bei Hochwasser das Treibholz aus dem Fluss fischen, eine jahrhundertealte, nicht ungefährliche Tradition. Auch ich habe schon als Kind besonders schöne Teile von den Sandbänken mit nach Hause genommen. 

Warum mich Treibholz so fasziniert, kann ich nicht genau sagen. Mir gefällt das vom Wasser ausgelaugte Holz, mir gefallen seine Farbe und seine Formen. Und nicht zuletzt könnte jedes dieser Stücke eine Geschichte erzählen. Vielleicht mögt ihr ja noch ein wenig dem Holz zusehen und zuhören. Dann klickt doch auf das Video:

Freitag, 12. April 2024

Einfach in die Landschaft gucken

Einfach in die Landschaft gucken. Mit diesen Worten endete mein letzter Blogbeitrag. Hausfau Hanna hat das Gucken in einem Kommentar aufgenommen, weil es ihr besonders gefallen hat. Nun, dann gucken wir doch in diesem Blogpost einfach ein wenig in die Landschaft und suchen das Schöne im Kleinen, Unscheinbaren. Das Überwältigende im Gewohnten. Das Einzigartige in dem, was direkt vor unserer Nase liegt oder steht oder sitzt. 

"Aber da ist nichts", sagst du.
Dann guck genauer hin. Oder guck bei Hausfrau Hanna vorbei. Die ist nämlich so was wie Weltmeisterin im Beobachten und Gucken.

Entdecke das Unkraut, das sich frech durch eine Ritze im Asphalt in die Höhe reckt. Schau dir Hauseingänge oder Gärten an, wenn du durch deinen Ort spazierst. Betrachte ganz bewusst etwas, das du schon eine Zillion Mal gesehen hast und finde das, was dir bis jetzt noch nicht aufgefallen ist. Du denkst, das Industrieviertel sei hässlich. Da irrst du gewaltig. Das Hässliche hat seine ganz eigene Schönheit.

Leute mit Hund haben es besonders einfach. Die können einfach stehen bleiben, wenn der Hund mal wieder an etwas schnuppert. Auch bei Spaziergängen mit Kindern sieht man die Welt mit anderen Augen. Mein Trick ist das Fotografieren. Ich kann überall stehen bleiben. Auch mal in die Knie gehen für einen tollen Kamerablickwinkel. In den Bergen lege ich mich zuweilen flach auf den Bauch für das perfekte Foto (etwas, das ich jetzt mitten in der Stadt nicht wirklich tun würde).

Aber eigentlich brauchst du gar keine Ausreden. Du kannst dich auch einfach irgendwo hin setzen und einfach schauen. Und staunen. Das, was du siehst, tief in dich aufnehmen. Ich merke, wie mich das immer wieder mit unendlich viel Energie und Kreativität füllt.

Das Foto oben im Post habe ich im Frühlingsdreck kniend aufgenommen. Danach bin ich ganz lange einfach dagestanden und habe geguckt. Diesen Post schreibe ich auf einem Liegestuhl in einer Landschaft von überwältigender Schönheit. Sogar die Vögel singen. Ich gucke jetzt noch eine Weile. Einfach so. Und geniesse die innere Ruhe, die sich in mir ausbreitet.

PS: Wenn du gerade maximal genervt und gestresst bist und dich dieser Post nur noch mehr nervt und stresst, weil du grad gar nicht gucken willst, dreh die Musik auf, tanze wild und ungehemt und singe laut mit. Oder zieh die Laufschuhe an und renne los. Oder tu, was immer dir jetzt, gerade in diesem Moment so richtig gut tut.

Freitag, 5. April 2024

Das Schreiben und die Natur


Irgendwo unterwegs auf einem Spaziergang hatte ich so was wie eine Erleuchtung. Du schreibst doch über die Berge und die Natur, sagte aus (buchstäblich) heiterem Himmel eine Stimme in meinem Kopf. Ich war so verblüfft, dass ich kurz stehen blieb. Und dann lang und laut lachte. Was bin ich doch manchmal für eine Doofdödelin. Da hatte ich mich gefragt, wie ich die Natur-und Bergfrau in mir mit dem Schreiben in Einklang bringe - und dabei schreibe ich seit meinem ersten Buch Geschichten, in denen die Berge und die Natur eine wichtige Rolle spielen.

Zuhause habe ich mir diese Bücher rausgesucht und für euch und mich fotografiert. Auf dem Stapel links liegen Bücher, in denen die Berge eine wichtige Rolle spielen. Und rechts jene, in der die Natur fix zum Setting gehört. Das ist aber noch nicht alles: Viele dieser Geschichten habe ich in den Bergen oder in Schottland, Frankreich, Italien und vielen anderen Orten geschrieben, meistens irgendwo in der Pampa draussen, mit Blick auf eine schöne Landschaft.

Ich muss also gar nichts suchen. Es ist alles da. Ich kann einfach nur schreiben. Also, das heisst, wenn ich nicht gerade durch schöne (Berg)Landschaften wandere oder Natursteintreppen baue (heute zum Beispiel) oder Hänge terrassiere (mein neustes Projekt) oder Wäsche beim Stall oben aufhänge oder Pflanzen um- und eingrabe oder Brombeersträuche zurechtschneide oder einfach in die Landschaft gucke ...

Donnerstag, 28. März 2024

Verloren - Gefunden


Bestimmt kennt ihr diese Tage auch: Tage, an denen ihr euch verliert, euch abhanden kommt und irgendwie fremd neben euch steht. Ich nenne das meine Wackeltage. Wenn nichts mehr stabil ist, ich mich unsicher oder traurig oder rastlos oder halt eben "wacklig und zittrig" fühle. Meistens ist es gut, wenn man an diesen Tagen einfach funktionieren muss, weil man dann nicht wirklich die Zeit hat, darüber nachzudenken, warum man so weit weg von sich ist, und was mit einem nicht stimmt. Dieses Glück hatte ich gestern nicht. Ich hatte zwar Punkte auf meiner To-Do-Liste, aber ich konnte sie alle zuhause abarbeiten und mit Ausnahme eines fixen Zoom-Termins war nichts wirklich eilig. Ich hatte also alle Zeit der Erde, mich komplett zu verlieren.

Angefangen hat es mit einer kleinen Nebenbemerkung in der Morgenmail von Jutta. Eine, die sehr vieles wieder hochgespült hat, was ich in den letzten Wochen verarbeitet hatte. (Anmerkung in Klammer: Es hat nichts mit Jutta und meiner Beziehung zu ihr zu tun.) Die Bemerkung arbeitete in mir, ich schreib ein paar Mails und die Antworten haben nicht wirklich dazu beigetragen, mir wieder Boden unter den Füssen zu geben. 

Passend dazu hatte ich am Vortag eine Mail einer Frau erhalten, die mir anvertraut hat, wie verloren sie sich als neue Autorin in der Buchwelt fühlt - und die ein paar Fragen hatte. Ich habe ihr ehrlich geantwortet und während ich diese Antwort schrieb, bin ich meiner Wackligkeit Satz für Satz näher auf die Spur gekommen. Am Ende schrieb ich die Antworten genauso sehr für diese Frau wie für mich. Sie brachten mich zurück auf festen Boden. 

Als würde ich noch eine weitere Bestätigung brauchen für das, was ich geschrieben hatte, erreichte mich eine weitere Mail, die sich perfekt in meine Gedanken einreihte. Und zu guter Letzt kam Herr Ehemann nach Hause, dem ich eine Kurzfassung des Tages gab, und der mich mit einem einfachen Satz auffing. 

All das muss heftig in mir gearbeitet haben, denn nach dem Nachtessen hatte ich einen Kreativitätsschub wie selten. Ich setzte mich hin, kreierte einen Buchtrailer (ihr findet ihn am Ende des Posts) und füllte Seite um Seite eines Notizbuches zu einem meiner Schreibprojekte. Noch sehe ich längst nicht wirklich klar, wo meine Reise als Autorin als nächstes hingehen und sich gestalten wird, doch ich habe zwei Projekte, auf die ich mich wirklich freue. Und ich habe unzählige Fragen, denen ich nachhorchen will. Unter anderem: Wie bringe ich die Natur- und Bergfrau in mir mit dem Schreiben in Einklang, und wie bringe ich das Schreiben mit der Natur- und Bergfrau zum Klingen? 

Die Antworten suche ich in den nächsten Tagen und Wochen in den Bergen, auf Wanderungen, im Garten und im wilden Gelände im Haus in den Bergen. Um eine Stelle aus einem Song zu zitieren, die ich zu einer Schlüsselstelle im Mittelstreifenblues gemacht habe: Und plötzlich macht mir nichts mehr Angst. Das ist so was von befreiend und schön.


Mittwoch, 20. März 2024

Jonny und ich

Das sind Jonny und ich. Wir kennen uns ewig und zwei Tage, sind in derselben Gemeinde aufgewachsen. Jonny gehört das Lion-Cave in Trübbach, der Musikclub aus dem Mittelstreifenblues. Auf dem Foto sitzen wir im TwOnE, diesem einzigartigen Raum, der zum Cave gehört. Auch dieser Raum kommt im Mittelstreifenblues vor, genauso wie die legendären Rockkonzerte im Cave, die Erinnerungsalben, in denen sich Berühmtheiten der Musikszene verewigt haben und vieles mehr. 

Als ich die Geschichte von Jelscha und Elia aufschreiben wollte, brauchte ich ein Zuhause für Jelscha - und keines wäre passender gewesen als das Cave, das früher ein Löwen gewesen ist. Ich entschied mich, das Cave für die Geschichte in ein abgelegenes Dorf in den Bergen zu beamen. Aber nicht ohne Jonny. Denn Jelscha brauchte noch einen Onkel. Keiner hätte sich besser geeignet als Jonny. Natürlich habe ich ihn um Erlaubnis gebeten! Und zum Glück hat er JA gesagt.

Heute habe ich Jonny sein Exemplar vorbeigebracht. Wir sassen am Tisch, der an Konzertabenden beiseite geschoben wird, weil dort die Bühne ist. Redeten über früher und heute. Wechselten für ein Foto ins TwOne, fühlten uns alt, weil wir das mit den Selfies nicht wirklich im Griff hatten. Leise Wehmut lag im Raum. Es fehlte Jelscha, die sich eine Gitarre geschnappt und uns mit einem trockenen Spruch und einem Song aus dieser Wehmut gerissen hätte. 

Wenn ihr richtig gute Rockkonzerte sehen wollt, folgt dem Cave in den Social Media. Hier die Links:

Cave auf Facebook
Cave auf Instagram

Mittwoch, 13. März 2024

Mittelstreifenblues

Manchmal werde ich gefragt, wie viel von mir in meinen Büchern steckt. "Ein wenig", habe ich früher geantwortet. "Ganz viel", sage ich heute. 

Als junge Frau habe ich in wahnsinnig glücklichen und furchtbar traurigen Nächten auf dem Mittelstreifen balanciert, getanzt, gelacht und geweint. Einmal, da habe ich mich bäuchlings draufgelegt und gedacht, ich sterbe vor Liebeskummer, jetzt, gleich. Nur um ein paar Tage später mit ausgebreiteten Armen auf demselben Mittelstreifen zu stehen und in den Himmel zu rufen: "Ich stehe, ich lebe, ich werde wieder fliegen können!" Dann habe ich aus meiner kleinen Blechdose eine geschnorrte Zigarette gezogen (eine Angewohnheit, die ich Nathan aus den Lost Souls geschenkt habe) und stundenlang in den Himmel geschaut, habe gelacht und geheult. Gefühlt und gelebt. Mit einer ungeheuren Intensität.

Nie ist mir etwas passiert auf diesen Mittelstufengängen. Immer bin ich gut nach Hause gekommen. Genau wie Jelscha in meinem neuen Buch Mittelstreifenblues. Ich weiss nicht, wer über mich gewacht hat in diesen irren Nächten. Im Mittelstreifenblues ist es Elia, Jelschas bester Freund, der über sie wacht. Natürlich denkt er, sie wisse es nicht. Und natürlich weiss sie es. Und natürlich wissen beide, dass es Dinge gibt, vor denen einen nichts und niemand schützen kann.

Die beiden wohnen in Ronda, einem kleinen Bergdorf am Ende der Schweiz. Jelscha will hier nie weg, denn nirgendwo leuchten die Sterne heller als hier; hier kann man nicht verloren gehen - ausser man ist Jelschas Mutter. Elia hingegen hält nichts in Ronda. Er will das Dorf hinter sich lassen, zusammen mit einem Leben, in dem er nicht sein kann, wer er ist, gleich nach dem letzten Schultag. Mit dem Motorrad. Auf dem Mittelstreifen. Hinaus in die Freiheit.

Ich werde euch in den nächsten Wochen mehr über Jelscha und Elia und all die wunderbaren (und weniger wunderbaren) Menschen aus Ronda erzählen. Vorerst zeige ich euch Buchtrailer Nummer 1. Und weil es Nummer 1 ist, ist auch klar, dass ihr nicht nur mehr Hintergrundinfos zur Geschichte bekommen werdet, sondern auch weitere Trailer angucken könnt. 

Hier schon mal die Edition 1:

Donnerstag, 29. Februar 2024

Ein neuer Trampelpfad

Heute ist ein guter Tag: Der Februar hat mir einen zusätzlichen Tag geschenkt, und am späten Vormittag ist auch die Sonne durch den Hochnechnebel gebrochen und hat ihn zurückgedrängt. Geschenke soll man annehmen, habe ich mir gesagt. Und so habe ich gleich nach dem Mittag die Strecke in den nächsten Ort unter die Füsse genommen. Samt Rucksack und eingepackter Einkaufstasche.

Ich spazierte nicht die gewohnten Wege, sondern ging zum Binnenkanal raus, der vor ein paar Jahren renaturiert worden ist. Ein wunderschöner Trampelpfad führt an ihm entlang, und wenn man die Geräusche von der Autobahn ausblendet, kommt man sich ein wenig vor wie in der Wildnis. Zwischen dem gelben Gras von letztem Jahr spriesst das hellgründe von diesem Jahr. Das Wasser ist glasklar, fliesst einmal langsam und bedächtig, dann wieder schnell und fröhlich, manchmal breiter, manchmal teilt es sich und  nimmt eine der vielen kleinen Inseln in die Mitte. Steine, umgefallene Bäume und gelegentlich eine Holzbank säumen das Ufer; die ersten knallgelben Blümchen recken sich stolz der Sonne entgegen.

Kein Mensch störte die Idylle; ich war allein unterwegs. Liess mir Zeit. Fotografierte und filmte (das Resultat zeige ich am Ende des Posts). Nach der Renaturierung hatte ich die Wahl: Bekannte Wege oder Neuland betreten. Ich entschied mich für das Neuland, einen Waldweg durch fast unberührtes Gelände, wo man die Natur mehr oder weniger sich selbst überlässt. Gemäss Handyapp würde der Waldweg irgendwann aufhören; eingezeichnet waren nur noch zwei oder drei dünne, rote gestrichelte Linien. Es konnte also gut sein, dass ich ins Nirvana hinaussteuerte, aber hey, ich hatte einen geschenkten Tag und schönes Wetter. Im Notfall würde ich umkehren und die Einkäufe halt anderswo machen.

Irgendwann wurde der Waldweg zum verblassenden Feldweg und ich kam an eine winzige Abzweigung, von der ein schmaler Trampelpfad wegführte. Das war dann wohl meine dünne rote Linie. Ich folgte ihr. Musste alle paar Meter über umgekippte Bäume klettern und fand mich bald in einer atemberaubend schönen Wildnis. Wald, Sumpfgebiet, kleine Tümpel, Fischreiher. Natur pur. Mitten zwischen Autobahn und Hauptstrasse. 

Trampelpfadgängerin. Das bin ich nun seit fast drei Jahren. Heute habe ich das Wort gelebt und erwandert. 

Irgendwann traf ich dann wieder auf die Zivilisation. Ein wenig wehmütig. Aber auch sehr glücklich, weil ich mir gerade eine neue Strecke aufgetan hatte, die ich unbedingt wieder gehen will. Eingekauft habe ich auch :-) Und bin dann mit dem Bus nach Hause gefahren. Schön war's. Total schön. 

Freitag, 23. Februar 2024

Auf Mission

Kürzlich war ich zu Fuss unterwegs, fand die Landschaft und das Leben schön und war mit einer tiefen Gelassenheit unterwegs. Der Rhein zeigte sich von seiner besten Seite; jemand hatte mit Steinen einen Smiley auf eine Sandbank gezaubert. Ich fotografierte, sang und hüpfte vor mich hin. Auf der Höhe der Raststätte Werdenberg verliess ich den Damm, lief über die Autobahnbrücke, blieb stehen und schaute den Autos zu, wie sie in Richtung Berge fuhren. Nach einer Weile wandte ich mich ab, liess das Treiben hinter mir und tauchte in den kleinen Wald ein, der zwischen Autobahn und Auen liegt.

Auf halber Höhe kam mir ein älterer Mann entgegen. Als er mich sah, steuerte er auf mich zu. Noch während ich überlegte, ob ich ihn kennen sollte, zog er etwas aus der Hosentasche, hielt es in die Höhe und stellte sich vor mich hin. Ich guckte genauer. Da stand etwas von Jesus und ich dachte na bravo. Freundlich sagte ich: "Der liebe Gott und ich haben's nicht so miteinander. Danke, aber kein Interesse."

Sag so was mal jemandem mit einer Mission! Weil ich mir aber für dieses Jahr vorgenommen habe, meine Bubble zu verlassen, mir andere Meinungen anzuhören, mich auf Argumente einzulassen, ging ich nicht einfach weiter, sondern hörte dem Mann zu.

Er: "Sie haben bestimmt schon gesündigt."
Ich: "Nein."
Er: "Sie lügen."
Ich: "Nein, ich lüge nicht."
Er: "Alle lügen."
Ich: "Richtig. Ich auch."
Er: "Dann sündigen Sie also doch."
Ich: "Nein. Ich bin menschlich. Ich esse manchmal zu viel, ich nutze Notlügen, wenn ich andere nicht verletzen will. Wahrscheinlich habe ich sogar gegen ganz viele Gebote verstossen, aber ich nenne das nicht sündigen, sondern das ist zutiefst menschlich."
Er: "Und wenn Sie mal sterben?"
Ich: "Bin ich tot."
Er: "Und dann?"
Ich: "Dann ist fertig."
Er: "Wollen Sie denn nicht in den Himmel?"
Ich: "Nein."

(Ich erwähnte nicht, dass im Himmel oben wohl lauter solche selbstgerechten Typen wie er hocken und ich nur schon deshalb da nicht hin will, auf keinen Fall.)

Er: "Aber Sie werden begraben."
Ich: "Nein, ich möchte, dass meine Asche verstreut wird."
Er: "Sie werden begraben wie eine Kartoffel."

(An dieser Stelle verzichtete ich darauf, ihn noch einmal darauf hinzuweisen, dass ich nicht begraben werde; ich hatte so eine Idee, dass meine Worte auf keinen fruchtbaren Boden fallen würden.)

Er: "Und dann spriessen Sie aus."

(Von wegen fruchtbarer Boden ... haha. Nun ja, er meinte die Kartoffel. Danach ging es dann irgendwie eine Weile lang um das jüngste Gericht und die Auferstehung)

Er: "Wer seine Sünden gegenüber Gott eingesteht, dem wird vergeben."
Ich: "Aha. Also kann ich als Priester, der Jugendliche sexuell missbraucht, einfach mal schnell um Vergebung bitten?"
Er: "Sünde ist Sünde. Der Herr kann vergeben."
Ich: "Lügen und einen Jugendlichen vergewaltigen ist also dasselbe?"
Er: "Es sind beides Sünden."
Ich: "Gleichwertig?"
Er: "Es sind beides Sünden."

An dieser Stelle hatte ich dann genug. Ich sagte ihm, dass er seinen Gott behalten könne. 

Okay, ich sagte es nicht ganz so diplomatisch ... Auf jeden Fall liess er mich stehen und verzog sich. Ich hatte kein Mitleid, denn er hätte es nach meinem freundlichen Danke, kein Interesse ja bleiben lassen und mit mir übers Wetter oder den Frühling reden können.

Ich brauchte die ganze Strecke durch die Auen, bis ich mich gefangen hatte. Aus meiner Bubble raus will ich immer noch, war ich auch mehrere Male und es war total spannend. Aber es gibt Grenzen.

Mehr von meinen Ausflügen aus meiner Bubble raus dann - vielleicht - nächste Woche. Hätte schon diese Woche mein Thema sein sollen. Aber nach verschiedenen Anläufen merkte ich, dass ich noch nicht bereit für diesen Post bin.

Mittwoch, 14. Februar 2024

Frühling


Ich bin ein Frühlingsmensch. Wenn die Tage länger werden, die Vögel wieder so richtig fröhlich singen, die ersten Blumen aus dem Boden drängen, dann zieht es mich noch mehr nach draussen als sonst schon. Ich will sehen, riechen, hören, greifen, fühlen. Erde unter meinen Füssen. Diesen kitschig hellblauen Frühlingshimmel über mir. Warme Sonne auf meiner Haut.

Gestern war ich mit Herrn Ehemann auf einem langen Spaziergang. Alles stimmte: Das Wetter, die Strecke, die Laune. Irgendwann gerieten wir ins Spekulieren darüber, ob diese warmen Tage schon das Ende des Winters einläuten oder ob das einfach eine hoch willkommene Verschnaufpause vor dem nächsten Schnee ist. Wir konnten uns nicht festlegen und entschieden, dass das auch gar nicht nötig ist. Der Augenblick war schön und gut. Und solche Augenblicke gilt es auszukosten und zu leben.

Donnerstag, 8. Februar 2024

Dilemma

 
 
Gestern fiel ein Termin in der Nähe von Zürich sehr kurzfristig aus. Genauso kurzfristig habe ich mich entschlossen, stattdessen in die Berge zu fahren. Ich wollte die Traurigkeit abschütteln, die mich seit längerem begleitet, wollte meine Autorenseele erden und mit Kraft füllen. Kurz nach Chur fühlte ich, wie es mir besser ging, wie meine innere Wackligkeit nachliess. Die Rheinschlucht - immer und immer wieder überwältigend schön - tat mir gut. In Ilanz stieg ich von der Bahn ins Postauto um und merkte, wie ich mit jedem Kilometer mehr bei mir ankam.

Ich blieb nicht lange, nur ein paar Stunden. Ich tat auch nicht viel, denn im ungeheizten Haus war es kalt, im Schreibstall noch kälter und draussen grad auch. Die Sonne schaffte es nicht durch die Wolken, aber all das spielte keine Rolle. Die Traurigkeit verzog sich zwar nicht wirklich, sie schrumpfte jedoch zu einer leisen Melancholie und ich konnte meine Gedanken sortieren und mir überlegen, wie ich mit meinem Dilemma umgehen soll.

Das Dilemma hat mit den Bergen und meinem neuen Buch zu tun. Die Geschichte ist meine Liebeserklärung an die Berge und die Menschen, die in den Bergen leben. Sie wurzelt dort, wo ich auch wurzle. Ich bin tief mit ihr und den Buchcharakteren verbunden. Und zu dieser Geschichte hat das Buch ein Flachlandcover bekommen. Eine Aufnahme aus dem Mittelland, die auch aus Mecklenburg-Vorpommern stammen könnte. Es ist eine schöne Aufnahme mit einer ganz besonderen Stimmung, die bestimmt vielen Menschen gefallen wird. Der Verlag ist begeistert. Nur für mich stimmt das Bild halt überhaupt nicht. 

In dem Moment, in dem mir klar wurde, dass das Cover definitiv so bleiben und aussehen wird, hat sich meine Vorfreude auf das Buch verzogen wie ein geprügelter Hund und einer tiefen Traurigkeit Platz gemacht. Mit Frust oder Wut hätte ich umgehen können, aber nicht mit dieser abgrundtiefen Traurigkeit. Ich komme mir ihr nicht klar. Und ich werde sie nicht los. Ich kann sie verdrängen, habe das jetzt einige Wochen lang gut geschafft, aber mit dem Näherrücken des Erscheinungstermins ist sie zurückgekommen.

Ich würde so gerne sagen, dass ich das alles sehr professionell sehe und vor allem, dass ich professionell damit umgehen kann. Aber beides wäre eine Lüge. Früher wäre ich zumindest so professionell gewesen, dass ich in den Social Media begeistert das Cover gezeigt hätte, mit einem Text dazu, in dem ich verkünde, wie sehr ich mich freue. Das kann und will ich nicht mehr. Mein Entschluss vor einiger Zeit, meine Social Media Accounts nicht zu löschen, hing mit der Bedingung zur Ehrlichkeit zusammen. Was mich zum Dilemma bringt: Wie gehe ich mit all dem um?

Ich glaube, ich habe einen Weg gefunden, wie ich auf das neue Buch eingehen kann: Ich zeige auf Insta Bilder aus der Welt meiner Protas mit passenden Buchzitaten. Anders gesagt: Ich stelle meine Hauptfiguren vor. Das funktioniert für mich. Bei den Lesungen bin ich ehrlich. Wenn mich die Jugendlichen nach meinem neuen Buch fragen, erzähle ich ihnen davon - und verschweige nicht, wie traurig mich das Cover macht.

Wer jetzt schon Einblicke in meine Protas und ihre Welt möchte, findet sie auf Insta. Oder wartet hier noch ein Weilchen. Ich werde die Portraits hier in einem Blogpost vorstellen, sobald ich die wichtigsten Figuren beisammen habe und der Erscheinungstermin des Buches etwas näher liegt.

Mittwoch, 31. Januar 2024

(K)ein typischer Tagesablauf

Ich werde oft gefragt, wie ein typischer Arbeitstag bei mir abläuft. Bis Ende Dezember 2023 war die Antwort wenigstens für den ersten Teil des Tages klar: Ich stehe auf, werfe die Kaffeemaschine an, hole die Zeitung aus dem Briefkasten, mache mir einen Kaffee, stelle die Kaffeetasse neben die Zeitung, lese das Neuste von (sehr) nah und (sehr) fern und trinke dazu meinen Kaffee. Ein Ritual, das sich über Jahrzehnte nicht geändert hat. Bis meinem Zeitungsanbieter einfiel, dass es günstiger kommt, die Zeitung nicht per Frühzustellung sondern per Post zu verteilen. Einen Monat lebe ich nun schon ohne Zeitung am Morgen, und hätte ich nicht meine täglichen Morgenmails, die ich mit Jutta Wilke austausche, stünde ich ritual- und hilflos im Schilf der Verlorenen. Und nein, online Zeitung lesen ist Null Ersatz für das Lesen einer Printzeitung am frühen Morgen.

Nach dem ritualähnlichen Einstieg in den Morgen verläuft jeder Tag ein wenig anders. Ich würde euch jetzt gerne sagen, dass ich sehr diszpliniert und klar strukturiert an meine Arbeiten gehe, aber das wäre eine glatte Lüge. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt etwas tue und wenn ja, was. Wie oft und wie viel ich als Autorin arbeite. Wie oft und wie viel als Verlegerin. Ob ich daneben Projekte auf die Reihe bekomme, die ich mir vorgenommen habe. Ist das alles überhaupt messbar?

Kürzlich habe ich gelesen, wenn man an diesem Punkt sei, an dem man sich fragt: "Habe ich überhaupt was geschafft heute/diese Woche/diesen Monat oder habe ich mehr oder weniger nur prokrastriniert?", dann solle man sich mal aufschreiben/anschauen, was man so alles erledigt hat. Genau das habe ich gemacht, und die abgehakten Punkte in meinem Bullet Journal haben mir gezeigt, dass es gar nicht so wenig war: Ich habe lektoriert, geschrieben, zehn Lesungen gemacht, Termine wahrgenommen, war Sekretärin, Logistikerin und meine eigene Social Media Beauftragte, habe drei Handwerksprojekte umgesetzt, ein grosses und zwei kleinere, und habe mein Monatsziel von 170 gelaufenen Kilometer sogar leicht übertroffen. Bei Autor:innen auch wichtig: Die Zeit, die man in Gedanken bei seinen Figuren und seinen Geschichten verbringt, zeigen sich in keinem Arbeitsplan.

All diese oben erwähnten Tätigkeiten habe ich zu den verschiedensten Tageszeiten ausgeübt. Ein konkretes Muster zeichnet sich nicht ab, ein sich wiederholender Tagesablauf sowieso nicht. Ich glaube, das macht es schwierig zu erkennen, was man alles erledigt hat. Diese sehr unterschiedlichen Tagesabläufe sind aber auch genau das, was ich mag. Regelmässige Arbeitszeiten und Verpflichtungen kann ich mir längst nicht mehr vorstellen. Ich empfinde sie als viel zu einengend für mich.

Wichtig ist, sich nicht zu sehr zu verausgaben. Das habe ich jahrelang gemacht, wie so viele andere selbständig Erwerbende auch. Weil es für mich normal war, weil es zum Teil nicht anders ging, weil ich mir auch oft eingeredet habe "Wenn du jetzt absagst, bekommst du keine Anfragen mehr". Erst jetzt, wo ich älter (alt) werde, erlaube ich mir ein Zurückfahren meiner Aktivitäten, erlaube ich mir Arbeitsportionen, die ich bewältigen kann. 

Und genau jetzt, wo ich meistens Zeit und Musse für meine Printzeitung hätte, liegt sie am Morgen nicht mehr in meinem Briefkasten. Zum grossen Glück habe ich Jutta Wilke und unser Morgenmail-Schreibritual. Die Morgenmail für heute ist längst geschrieben - die Arbeit wartet. Na, dann mal los! Hinein in einen Tag, der (k)ein typischer sein wird.

(Bild: Pixabay, TaniaRose)

Freitag, 26. Januar 2024

Eigentlich ... ist es genau richtig und gut so


Ihr kennt das: Eigentlich wolltet/solltet ihr ... Aber dann zuckt das Leben mit den Schultern, schlägt einen Haken und guckt euer geplantes "Eigentlich" nicht mal mit dem Allerwertesten an. So geht es mir mit dem heutigen Post gleich mehrfach.

Eigentlich ... hatte ich mir vorgenommen, dieses Jahr jeden Mittwoch einen Blogpost hochzuladen, allenfalls am Donnerstag. Heute ist Freitag. Also immerhin noch die richtige Woche. Tschakka.

Eigentlich ... wollte ich diese Woche etwas zu den Demonstrationen gegen rechts schreiben. Den Text dazu habe ich am Mittwoch auf der Fahrt nach Zürich geschrieben. Aber dann habe ich die Autorin Monica Cantieni getroffen, die ein tolles Projekt auf die Beine gestellt hat, das bestens zu dem passt, was ich geschrieben habe. Leider ist das Projekt noch nicht ganz so weit, weshalb ich den geplanten Text nach hinten schiebe. Was ich jedoch schon mal kann und auch sehr gerne tue: auf Jutta Wilkes Blogpost verlinken, den sie nach den Demonstrationen vom Wochenende geschrieben hat.

Eigentlich ... wollte ich heute Morgen ins Haus in den Bergen fahren. Aber dann habe ich auf Insta gesehen, dass Susanne Oswald in Chur liest, also beinahe bei mir um die Ecke. Susanne war im gleichen Forum für Kinder- und Jugendbuchautor:innen wie ich und ist schon vor einer ganzen Weile mit ihren wunderbaren Büchern für Erwachsene durchgestartet. Ich habe also meine Pläne über den Haufen geworfen und fahre heute Abend nach Chur und morgen früh dann ins Haus in den Bergen.

Eigentlich ... hätte ich für Januar ganz konkrete Ziele gehabt, was mich und meine Körper betrifft. ähm ... Mehr schreibe ich da jetzt besser nicht dazu.

Eigentlich ... finde ich diese ganzen Haken, die das Leben so schlägt, wenn man eigentlich etwas machen will/sollte, total cool (Ausnahme: das mit den Abmachungen zwischen mir und meinem Körper).

Keine Haken geschlagen haben meine ersten Lesungen des Jahres. Die gingen voll geradeaus und waren Freude pur. Tolle Jugenliche, tolle Lehrpersonen, tolle Lesungen. Einfach nur schön. Ohne das kleinste bisschen "Eigentlich."

Wenn ihr gucken wollt, womit mich die Jugendlichen empfangen und überrascht haben, schaut euch die beiden Kurzvideos an. Viel Spass.


 

Mittwoch, 17. Januar 2024

Ein Ende mit Schrecken - vom Scheitern


Das Ende zeichnete sich ab, aber wir wollten nicht aufgeben. Wir: Jutta und ich. Sieben Monate lang hatten wir an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Zuerst voller Vorfreude, viel Spass und ungeheurer Motivation. Für beide von uns war es in mehrfacher Hinsicht eine neue Herausforderung: gemeinsam schreiben - und erst noch an etwas für uns völlig Neuem. Ein Escape-Krimi sollte es werden. Setting: ein verlassenes Kloster. Wir entwarfen tolle Protas - samt einer Katze -, dachten uns eine Geschichte aus, schauten uns umpfzig Grundrisse von Klostern an und erfanden unseren eigenen. Wir tasteten uns an das Format heran. Zwei Seiten Text, dann ein Rätsel. Jedes Mal ein Cliffhanger. Die Rätsel alleine waren eine Riesenherausforderung, der sich vor allem Jutta annahm - ich war ihr Versuchskaninchen fürs Lösen dieser Rätsel und habe mir an so manchem fast die Zähne ausgebissen; auf jeden Fall fand ich alle toll.

Drei Probekapitel sollten wir schreiben, bevor es das definitive Go-Ahead geben sollte. Wir liefen zu Höchstform auf, fanden schnell heraus, wo die Stolpersteine lagen (zwei Seiten sind sehr wenig bis zum ersten Cliffhanger und Rätsel - Rätsel erfinden hat es in sich), aber wir kniffelten begeistert an Formulierungen herum, kürzten, änderten, verbesserten. Die erste Reaktion darauf: kritisch verhalten. Wir mussten anpassen, vieles von dem, was wir an unserem Text liebten, entsprach nicht dem, was der Verlag erwartete.

Im Nachhinein betrachtet, hätten wir die Übung nach diesen drei Probekapiteln abbrechen sollen. Aber unser Ehrgeiz war geweckt. Der Spass wurde weniger, der Stress mehr, die Freude am Projekt war längst gedämpft und brach immer weniger durch. Aber wir wollten das Ding professionell durchziehen.

Am Ende gaben wir unsere Geschichte Anfang Januar 2023 (also ziemlich genau vor einem Jahr) pünktlich ab. Sie fand keine Gnade. Der Text wurde nicht angenommen, was bedeutete, dass es auch kein Geld gab (okay, JAJAJA, es war dämlich einen solchen Vertrag zu unterschreiben). Wir gaben noch einmal alles. Plotteten um, legten ein langes, detailliertes Konzept mit den Änderungen vor. Auch das neue Konzept mit Kurzzusammenfassung sämtlicher 24 Kapitel fand keinen Gefallen. Das war der Moment, in dem wir uns für den Abbruch der Übung entschieden.

Im Gespräch mit der Lektorin bot uns diese an, das Projekt weiterzuverfolgen und den Veröffentlichungstermin um ein Jahr zu verschieben, aber wir wussten alle drei, dass das nichts mehr wird. Wir entschieden uns gegen einen Schrecken ohne Ende und zogen das Ende mit Schrecken vor. Das bedeutete auch, uns einzugestehen, dass wir grandios gescheitert waren. Aber so was von.

Finanziell war es eine Katastrophe, extrem viel Arbeit für praktisch nichts. Schlimmer für mich war, was es mit meinem Schreiben machte. Ich schrieb in dieser Zeit auch meinen Roman zu Ende und verlor jegliches Gespür dafür, ob der Text gut war oder nicht. Mir hatte unsere erste Escape-Version gefallen. Aber sie war so was von durchgefallen. Konnte ich meiner Wahrnehmung noch trauen? War das, was ich da ablieferte, überhaupt brauchbar? Ich war insgeheim überzeugt, dass auch mein Roman abgelehnt werden würde. Dass er nicht gut genug war. Anders gesagt: Das Scheitern machte mich unsicher. Diese Unsicherheit hielt über Wochen an, sie blieb auch, als wir längst mit dem Lektorat und dem Überarbeiten des Romans angefangen hatten.

Den Abbruch des Escape-Projekts habe ich nie bereut, auch nicht, dass wir ihn viel zu spät vollzogen haben. Ich bereue es nicht einmal, mich an diesem Format versucht zu haben. Es ist ein spannendes Format, eines, das mir gefällt, eines, das sehr anspruchsvoll ist. Ich habe eine Unmenge über mich und das Schreiben im Team gelernt. Und da war vor allem am Anfang eine wahnsinnige Schreibfreude, an die ich mich sehr gerne erinnere.

Heute, ein Jahr später, ist das alles längst Schnee von gestern. Es ist, als hätte das Loslassen, das mit dem Scheitern einherging,  neue Kräfte freigesetzt. Mein Roman kommt Mitte März in die Buchläden. Ich habe in der Zwischenzeit begeistert mit verschiedenen Textformen experimentiert. Mein Kopf ist voller Ideen für nächste Projekte. Selten war die Schreiblust so gross wie in diesen Tagen. Und vor ein paar Wochen habe ich tatsächlich davon geträumt, eine neue Escape-Geschichte zu schreiben. Aber ich denke, das sollte ich wohl besser bleiben lassen.

Scheitern ist Teil unseres Berufs. Immer und immer wieder. Im Kleinen und im Grossen. Als Autorin bin ich so was wie eine Wellensurferin. Ich geniesse die Momente, in denen ich oben auf der Welle surfe, ich stöhne und grummle mich durch die Flauten, mache mir selber Mut. Ab und zu wirft mich eine Riesenwelle an den Strand, so heftig, dass ich nicht mehr weiss, was oben und unten ist. Dann sitze ich bedröppelt da, spucke mir den Sand aus dem Mund, lecke meine Wunden. Und wenn ich genügend in Selbstmitleid gebadet habe, stehe ich auf, wische den Sand ab und suche mein Surfbrett (und meinen Laptop). Tschakka.

Mittwoch, 10. Januar 2024

Einblicke in unsere Schreibrunde

Gemeinsam schreiben motiviert und beflügelt. Manche Gruppen treffen sich online, andere im realen Leben. Ich erzähle euch in diesem Post, wie unsere Schreibrunde entstanden ist, wer wir sind und was wir an unseren Schreibabenden jeweils so tun.

Wie unsere Schreibgruppe entstanden ist:
Wer schon gut vernetzt ist mit anderen Schreibenden, kann einfach konkrete Vorschläge machen, wann und wo man sich zum Schreiben treffen könnte. In unserem Fall wurde die Runde in der lokalen Bibliothek ausgeschrieben, die auch kleine Flyer auflegte, und ich habe in meinen Social Media darauf aufmerksam gemacht. Zu unserer grossen Freude trudelten die Anmeldungen dann sehr schnell ein.  

Ort:
Für Schreibrunden im realen Leben eignet sich jeder Ort, der sich heizen lässt (Winter grüsst) und Platz bietet für einen grossen Tisch, um den man sich setzen kann. Von Vorteil ist es auch, wenn der Ort mit dem ÖV gut erreichbar ist. Unser Treffpunkt ist der ausziehbare Tisch im ersten Stock der Bibliothek, mitten zwischen Büchern und direkt neben der Kaffeemaschine :-). Es kann aber auch ein Küchen- oder Wohnzimmertisch in einer privaten Wohnung sein. Mittlerweile sind wir zehn Schreibende, die sich jeden ersten Donnerstag im Monat treffen.

Wer wir sind:
Menschen vom Teenageralter bis hinauf zu den Menschen auf der anderen Seite von sechzig.

Warum wir in der Gruppe sind:
Alle von uns wollen schreiben und sich über das Schreiben austauschen. 

Woran wir arbeiten:
Alle arbeiten an eigenen Projekten, von Fantasy über Krimi und Gartenbuch bis zu Kolumnen und Drehbüchern. Wir bringen diese Arbeiten mit, besprechen Knackpunkte, helfen einander, wenn wir feststecken, hirnen zusammen an Möglichkeiten, wie wir aus Kniffelstellen und Plotlöchern wieder rauskommen.

Vor der Runde:
Wir ziehen den Tisch aus, damit wir auch alle Platz haben, breiten darauf mitgebrachte Köstlichkeiten aus, füllen zwei Krüge mit Wasser, haben Kaffeetassen parat.

Zu Beginn der Runde:
Wir begrüssen uns, erzählen, was während des Monats Gutes passiert ist. Wenn in diesem Monat drängende Fragen zum Projekt aufgetaucht sind, erwähnen wir sie gleich am Anfang und versuchen, die Knoten zu lösen.

Writing Prompt:
Nach einem ersten Austausch machen wir uns an ein Writing Prompt, also eine kurze, spontane Schreibaufgabe. Je irrer, desto besser. Das Coole: Dabei entstehen jedes Mal, aber wirklich jedes Mal, unendlich witzige, spannende, unterhaltsame Geschichten. Für mich ist das Vorlesen der Writing Prompts immer ein Höhepunkt.

Schreibzeit:
Nach dem Vorlesen unserer Writing Prompt Texte schreibt jede und jeder eine halbe Stunde für sich an seinem eigenen Projekt. In dieser Zeit hört man nur das Klappern von Tastaturen.

Austausch:
Wer Lust hat, liest einen Auszug aus dem soeben entstandenen Text vor. Oft diskutieren wir auch über ein beim Schreiben aufgetauchtes Problem. Und/oder wir sprechen übers Schreiben generell.

Dauer der Runde:
Wir beginnen um sieben Uhr abends und hören meistens zwischen halb zehn und viertel vor zehn auf.

Was mir die Schreibrunde bedeutet:
Sie macht Freude und Spass. Sie zeigt mir, welch tolle Texte praktisch aus dem Nichts in rund zehn Minuten wachsen können (Writing Prompt). Sie motiviert mich. Am Ende gehe ich voller Schreiblust und Tatendrang nach Hause. Und: Wir haben in der letzten Runde ein Fazit zu 2023 gezogen und alle festgestellt, wie unendlich weit wir mit dem Schreiben gekommen sind, wie toll sich unsere Projekte und wir uns mit ihnen entwickelt haben.

Mein Fazit:
Ich möchte diese Runde auf keinen Fall missen. Sie ist eins der besten Projekte, an denen ich je teilnehmen durfte. 

Mein Rat:
Wenn in eurer Gegend eine Schreibrunde ausgeschrieben ist: Meldet euch an. Wenn nicht: Startet eure eigene Runde. Denn gemeinsam macht es mehr Spass, kommt man weiter.

Donnerstag, 4. Januar 2024

Sei ein Verb!

Wann hast du das letzte Mal eine Arbeit vor dir hergeschoben? Fotos von tollen Aktivitäten angeschaut, dir gedacht "wäre noch ganz cool, würde ich gerne, sollte ich mal ..."? Dich in der Vorstellung gebadet Kreativmensch zu sein, tolle Dinge zu gestalten, zu schreiben, zu zeichnen? Im Bullet Journal / Tagebuch / Notizbuch Pläne ausgeheckt, schöne Tabellen und Tracker entworfen und ausgemalt?

Ich kann all das wunderbar, bin sozusagen Weltmeisterin darin. Und ärgere mich immer wieder, dass ich erst einmal ... ja genau ... NICHTS tue. Einen Clip auf YouTube schaue. Pinterest besuche und wehmütig seufzend schöne Fotos von schönen Arbeiten angucke. Zum vierten Mal Kaffee trinke ... Das will ich ändern. Und deshalb habe ich 2024 für mich unter das Motto: SEI EIN VERB! gestellt.

Den Anstoss dazu hat mir Austin Kleon gegeben, ein extrem kreativer Mensch, der viele tolle Dinge tut, unter anderem Ratgeber schreiben für solche Leute wie mich. Sein Gib nicht auf  habe ich umpfzig Mal gelesen (und kann es nur wärmstens empfehlen).

Die Sache mit dem Verb sein erklärt er in Kapitel 3: Kreativ ist kein Substantiv

Er rät, zu vergessen, was man sein will - Autorin, Wanderin, Gestalterin usw. - und sich auf die Arbeit konzentrieren soll, die dazu nötig ist. Also: schreiben, wandern, gestalten. Das würde einen nicht nur weiter bringen, meint er, sondern sei auch sehr viel spannender. Sein Tipp: Vergiss Substantive generell. Mach einfach die Verben. Für mich bedeutet das:

Ich will schreiben. Wenn mich das zur Autorin macht: gut.
Ich will wandern. Wenn ich dadurch zur Wanderin werde: toll.
Ich will gestalten.Wenn mich das zur Kreativen macht: juhui.

Wichtig ist: Der zweite Satz geht nie ohne den ersten. Man muss erst etwas TUN, um etwas zu sein.

Ich will eine ganze Menge tun. Meine Liste ist so lang, dass ich wahrscheinlich 100 Jahre alt werden muss, um all das zu tun, was ich tun möchte. Aber das passt schon so. Irgendwo muss ich ja anfangen. Und zudem kann ich auswählen, was ich zuerst tun will. Wie ich das mit einem anderen Motto von mir (Fokussiere!) unter einen Hut bringe, muss ich noch herausfinden. 

Und wenn wir grad beim Thema "Motto" sind - dann noch eins, das mich 2023 beflügelt hat und das ich deshalb auch mit ins Jahr 2024 genommen habe: I want to see what happens if I don't give up.

Und du? Welches Verb willst du sein?