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Montag, 16. Februar 2026

FUNDSTÜCK


Ich sass im Zug, unterwegs zu einer Lesung, in der Hand ein Buch, und mir rollten die Tränen über die Wangen. Nicht, weil der Text so traurig war, sondern weil er wunderschön war. Inhaltlich und sprachlich. Ich musste das Buch zuklappen, weil ich nicht mit verweinten Augen im Schulhaus ankommen wollte. An mir zog die Landschaft vorbei, ein Fluss, eingebettet zwischen sanften Hügeln, und ich dachte, wie viel Glück ich doch hatte, dieses Buch gefunden zu haben. Schon das zweite in Reihe, das mich tief berührte, beide wahre Fundstücke. Und dann wurde mir klar, dass nicht ich diese Bücher gefunden hatte, sondern sie mich. Denn: Ich hatte beide Bücher weder auf einer Wunschliste gehabt, noch nach ihnen gesucht. Sie waren einfach da, als ob sie darauf gewartet hätten, dass ich vorbeikomme. Die Fundstücke waren nicht sie, das Fundstück war ich.  

Beide Bücher passen perfekt zu mir, so, wie massgeschneiderte Kleidung oder all die kargen Landschaften, in die ich so gerne eintauche. Massgeschneidert, weil die Geschichten so herrlich unkonventionell sind, die Charaktere so grandios einzigartig. Eine Erzählsprache wie eine Wahnsinnslandschaft, die mir den Atem nimmt und in der ich endlos verweilen möchte. 

Das erste Buch - Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen) von John Greene - hatte im Eingangsbereich des Schulhauses Türggenau gelegen, mitten zwischen anderen ausgemusterten Bibliotheksbüchern. Zum Mitnehmen stand daneben. Meine Hand streckte sich nach dem Buch aus, wie von selbst. Ich fragte die Bibliothekarin, ob dieses Zum Mitnehmen auch für mich gelte, und sie bejahte. Das Buch und ich gingen gemeinsam nach Hause, ich begann noch am gleichen Tag, es zu lesen. Es war Liebe auf den ersten Blick - und Kapitel 14 hat mich dann schlicht umgehauen. Wow, dachte ich, wow, wow, wow, so sollten Bücher immer sein. 

Das zweite Buch fand mich im Bücherschrank in der Winterthurer Altstadt. Ich war mit dem kleinen Menschen und meiner Tochter dort und hatte nicht viel Zeit zum Schmökern. Mein Blick glitt über die Bücher, fahrig strich ich mit den Fingern über ein paar. Und dann war es da. Klick - zehn Autoren erzählen einen Roman (leider vergriffen). Ein Erzählexperiment um ein Mädchen, das seinen Opa, den Fotografen Gee, verliert und um ihn trauert. Die Autorin Linda Sue Park hat das erste Kapitel geschrieben und an ihren Autorenkollegen David Almond weitergeschickt. Der hat ein zweites Kapitel geschrieben und es weitergeschickt. Zehn Autor:innen, zehn Kapitel, zehn kleine Geschichten, die sich alle um Opa Gee drehen. Das Kapitel, das mich auf dem Weg zur Lesung zum Weinen gebracht hat, war Kapitel 2. Ja, dachte ich, ja, so sollten Texte zu Herzen gehen. Mitten rein.

Seit diese beiden Bücher mich gefunden habe, überlege ich mir immer wieder, wann und wo und wie ich ein Fundstück war. Die bisherigen Antworten sind schön (ein etwas banales Wort, aber hier passt es genau): Mich haben Menschen gefunden, Berufe, Landschaften, Musik, Bücher, Geschichten ...  und ich ahne, dass ich noch ganz viele weitere Antworten finde.

Habt ihr euch schon einmal überlegt, wann ihr ein Fundstück wart? Wann und wo und wie? Und was das mit euch gemacht hat? 

Montag, 9. Februar 2026

UNTERWEGS


Es ist Sonntagnachmittag, ich sitze am Wohnzimmertisch in Werdenberg, schaue in den Garten hinaus, in dem es heute schon ein bisschen nach Frühling aussieht, und hänge meinen Gedanken nach. Sie mäandern in verschiedenste Richtungen, ich lasse sie gewähren, folge ihnen, wechsle mit ihnen die Richtung und vertraue darauf, dass sie irgendwann an irgendeinem Ufer das Wort der Woche finden. Und tatsächlich, da liegt es, auf einer Sandbank wie ein Stück Schwemmholz. Ich erkenne die Sandbank, sie liegt in der Rheinschlucht, durch die ich ins Haus in die Berge fahre. Und weil sie so schön ist, fotografiere ich sie jedes Mal, und manchmal stelle ich sie online in eine Insta-Story und schreibe dazu: unterwegs. Und genau das ist das Wort, das jetzt neben dem Schwemmholz liegt, mein Wort der Woche. Ich hebe es auf, meine Gedanken breiten ihre Flügel aus und tragen mich in einen weissen Märchenwald, eingehüllt in Nebel, dann weiter zur Nebelwand von letzter Woche, so dicht, dass ich aus dem Zugfenster nur Weiss gesehen habe, von dort nach Winterthur, wo der kleine Mensch wohnt, von dort weiter durch unberührte Natur, bis ich sanft lande, mein Wort vor mir ausbreite überlege, was unterwegs sein für mich bedeutet.

Ich war fast immer gerne unterwegs. Als Kind in den Bergen, im Wald, am Wasser, draussen, "verjuss", wie wir sagen. Als junge Frau oft auf Reisen, kurzen, langen und sehr langen. In verschiedenen Berufen, oft auch zwischen Berufen. In einem Leben ohne Kinder, dann mit Kindern, neu mit einem Enkelkind. Zu Fuss, mit dem Auto, mit der Bahn, im Bus, immer seltener mit dem Flugzeug, kaum je mit dem Fahrrad, einmal sogar auf einem Flussschiff und immer wieder auch einfach in Gedanken. 

Ich denke, das Unterwegssein ist auch ein Grund, weshalb ich schreibe: Ich kann mich jederzeit nach Schottland schreiben, nach Wales oder in die Yorkshire Dales, in den Frühling, wenn es Winter ist, in den Winter, wenn die Sommersonne zu heiss brennt. Wenn es mir hier auf diesem Planeten zu heftig wird, kann ich mich in eine Fantasiewelt schreiben oder mich in ein anderes Sonnensystem beamen. Dasselbe gilt fürs Lesen. Und so, wie man beim Schreiben und Lesen unterwegs sein kann, ohne irgendwohin zu reisen, kann man als Mensch unterwegs sein, zu sich selbst, von sich selbst weg, zu einem anderen selbst hin. Das kann sich wie eine Flucht anfühlen, wie ein Nachhausekommen, zuweilen wie Fliegen. Oder es kann ein Schweben zwischen Entscheidungen sein, bis man sicher ist, die richtige zu treffen. Kaum etwas ist so spannend, wie unterwegs zu sein. 

Diese Woche pendle ich zwischen Werdenberg (meinem Zuhause), Turbenthal (Lesungsort), Winterthur (zum kleinen Menschen und seiner Familie), zurück nach Werdenberg und am Ende der Woche hoffentlich wieder nach Cumbel (meinem zweiten Zuhause) - und natürlich dürfen auch die Gedankenreisen nicht fehlen. Diese Woche sind das unter anderem Ausflüge in die Gefilde der Titelsuche für da bux Bücher, nach Strassburg zu den Lost Souls und in die wundersame Ideensammelkiste im Atelier, wo wir Träume für die Zukunft weben.

Wo und wie immer ihr diese Woche unterwegs seid: Ich wünsche euch wunderbare Ausflüge und Reisen.

PS: Das Bild hat Theres Willi gemalt. Man kann solche kleinen Bildkärtchen - geometrisch oder so toll ausgerissen wie auf der Karte - übrigens bei ihr kaufen (verschiedenste Sujets) und damit wunderschöne, persönliche (Post)karten gestalten.

Sonntag, 21. September 2025

Wild, rau, karg


Ich stand auf der Fuorcla Surlej, vor mir ein sehr kleiner Bergsee, mehr eine grosse Pfütze, dahinter Berge mit klingenden Namen, sozusagen das Who is Who der Alpen, ein Bild von überwältigender Schönheit. Meine Gefühle zu gross für mein Herz. Ich wollte für immer dort stehen bleiben, für immer einfach nur schauen, und gleichzeitig wusste ich: Ich kann nicht ewig hierbleiben. Irgendwann muss ich loslassen. Weiterwandern. Dann der Moment, in dem ich mich wegdrehe, und während ich das tue, will ich zurückblicken, stehen bleiben, aber ich gehe weiter. Trage das, was ich gesehen habe, in mir mit. Habe es mit der Kamera festgehalten. Für Tage, an denen die Sehnsucht zu gross wird.

Landschaften, die ich liebe, sind wild und rau, oft auch karg. Das Liebliche passt nicht zu mir. Dasselbe gilt für Texte und Geschichten. Ich mag sie wild und rau, oft auch karg. Einfach, kantig und mit Furchen. Das Geschliffene behagt mir nicht, Gekünsteltes langweilt mich. Schnell klingt es für mich zu geschraubt, zu gewollt, zu sehr nach: "Schau mal, was ich kann." Nicht selten habe ich dabei das Gefühl, der Autor oder die Autorin wolle mich vor allem beeindrucken. Solche Texte wecken meinen Fluchtinstinkt, ich steige genervt aus. Ich will nicht beeindruckt werden, ich will, dass mir ein Text unter die Haut ins Herz geht wie der Anblick einer Landschaft von überwältigender Schönheit.

Diese Woche habe ich beides erleben dürfen: Landschaften und Texte von wilder, rauer, karger Schönheit, die unter die Haut und ins Herz gehen. Die Landschaften haben ihren Weg in meine Social Media gefunden. Von den Texten werde ich im Post von nächster Woche berichten.  

Donnerstag, 8. August 2024

Wenn Engel zweimal landen


Ich stand am Anfang meines Autorinnenlebens, als im Verlag, für den ich damals schrieb, ein Buch erschien: Landeplatz der Engel von einem Frank Maria Reifenberg. Bei mir schlug ein Blitz ein. Ich verliebte mich von jetzt auf sofort in den Buchtitel und das Cover und kaufte mir das Buch. Auch der Inhalt war Liebe auf den ersten Blick. Restlose Begeisterung für einen grandiosen Einstieg, für eine atemberaubende Erzählsprache, für etwas, das ich in dieser Form noch nicht gelesen hatte, etwas, das unter meine Haut drang und mich mitriss. Als ich die Geschichte zu Ende gelesen hatte, wusste ich: Diesen Autor willst und musst du kennenlernen, du musst wissen, wer solche Sätze schreibt, wer solche Ideen hat, wer eine solche Geschichte erfinden kann.

Der glückliche Zufall wollte es, dass dieser Frank Maria Reifenberg bei der Zürcher Autoren-Schullesetour dabei war. Ich war es damals noch nicht; ich war noch zu neu, zu unbekannt, also schrieb ich ihm eine Mail. Den genauen Inhalt weiss ich nicht mehr, aber wir verabredeten uns in Zürich, das damals für ein Landei wie mich noch ziemlich weit von meiner Ostschweizer Pampa entfernt schien.

Mit dem Autor ging es mir wie mit dem Buch. Ich mochte ihn auf Anhieb. Sehr. Wir sassen da und redeten und redeten und redeten. So begann unsere Freundschaft. Später, als ich auch ein Teil der Lesetouren war, habe ich Frank immer wieder getroffen und mich jedesmal prächtig mit ihm unterhalten. Aber zurück zum Buch.

Ich war damals felsenfest überzeugt, dass Landeplatz der Engel für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert werden würde. Wenn nicht dieses Buch, welches denn sonst? Meine Enttäuschung war riesig, als das nicht passierte. Warum sahen andere nicht, was so offensichtlich war: dass da jemand eine Wahnsinnsgeschichte mit einem ureigenen Klang geschrieben hatte? Mutig. Anders. Sprachgewaltig.  

Das Buch ging den Weg der meisten Bücher. Irgendwann war es vergriffen. Auf meinem Bücherregal hatte es stets einen Ehrenplatz und jedes Mal, wenn ich die Regale etwas umräume, um neuen Platz zu schaffen, halte ich es eine Weile einfach in den Händen. Und dann, vor ein paar Monaten, schrieb mir Frank, dass es eine Neuauflage gibt. Ich habe mich sehr für das Buch und ihn gefreut. 

Gestern bekam ich Post. Ich sah den Absender und ahnte, was im Paket war. Es zu öffnen, stellte sich als eine mittelprächtige Kunst heraus, es war zugeklebt wie ein Tresor in Fort Knox (schiefes Bild, ich weiss, aber ich finde grad kein anderes) und so hatte ich ganz viel Zeit, mich auf den Inhalt zu freuen. Nur, als ich dann sah, was Frank mir geschickt hatte, begriff ich erst gar nichts mehr. Das war nicht der Landeplatz der Engel, das war ein Buch mit zwei Affen und einem ziemlich heftigen Titel. Aber Moment ... der Titel ... der erinnerte mich doch an etwas ...

»Scheiß was drauf. Ich hatte nicht mitbekommen, wer den Satz gesagt hatte. Irgendwer, der den weiten Weg hierher gemacht hatte, weil das Depot zum angesagtesten Club der Stadt erklärt worden war. Irgendwer, der es nicht hinter die graue Stahltür geschafft hatte oder dem die letzte Zigarette in den Dreck gefallen war. Irgendwer, der keine Ahnung davon hatte, dass er kurz vor Mitternacht noch die gute Tat des Tages tun würde, einfach, indem er mir einen Satz schenkte, einen guten Satz. Scheiß was drauf. Das ist ein Von-oben-nach-unten-Satz. Er fängt oben an, Scheiß, und rutscht dann nach unten weg, was drauf. Das was hat keine Bedeutung. Es interessiert keinen, was du draufscheißt. Drauf steht an letzter Stelle. Ist eine Falle. Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben (übrigens kein Von-oben-nach-unten-Satz). Du sollst auch den Satz nicht vor dem Ende eintüten, weil du sonst feststellen könntest, ziemlich oft sogar, dass er etwas ganz anderes ist, als du dachtest, dass er nachtritt, aus dem Hinterhalt schießt.«

So fängt Landeplatz der Engel an. Mit Scheiß was drauf. Ich lachte. Presste das Buch an mich. Strich über das ungewohnte Cover. Begriff: Die Engel sind zum zweiten Mal gelandet, diesmal halt als Affen, und der erste Satz des Buches ist zum Titel geworden. Ich lese es gerade wieder. Und bin so begeistert wie beim ersten Mal. Das spricht für das Buch. Es ist zeitlos, immer noch gültig. Mittlerweile schreiben viele Autor:innen in einer Erzählsprache, wie sie Frank damals zu Papier gebracht resp. in seinen Rechner getippt hat, aber immer noch sticht sie heraus. Nicht zuletzt wegen der Einfälle. Wer sonst käme darauf, dass ein Satz ein Von-oben-nach-unten-Satz ist (was übrigens stimmt, lest ihn mal laut).

Zum Inhalt selbst möchte ich nicht viel schreiben, eigentlich gar nichts. Das Buch ist eine Entdeckungsreise, ein unvorhersehbarer Trip in und durch eine Freundschaft. Eine Reise, die man ohne Vorwissen starten sollte, weil es in diesem Fall stimmt: Die tollste Reise ist die, hinter der man nicht weiss, was nach der nächsten Ecke kommt. Eine, in der man von Satz zu Satz lesen sollte, von Absatz zu Absatz, von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel. Immer weiter, immer schneller. Und doch bremsen muss, weil man das Unterwegs ja geniessen will. Bis hin zum Ende.

»Ruhe in Frieden. Wenn du tot bist, gönnen sie dir Frieden. Das war ein Scheissdreck, ein grosser Mist. Tot braucht niemand Frieden, vorher, da machte es Sinn. Ein beschissener Satz, für nichts zu gebrauchen.«

Scheiß was drauf, Frank Maria Reifenberg, Karibu-Verlag, 2024,
sechs von fünf Sternen und ein Landeplatz fürs Herz
(und Frank, das ist genau so viel Wert wie der DJP - oder zumindest fast ;-))