Ich sass im Zug, unterwegs zu einer Lesung, in der Hand ein Buch, und mir rollten die Tränen über die Wangen. Nicht, weil der Text so traurig war, sondern weil er wunderschön war. Inhaltlich und sprachlich. Ich musste das Buch zuklappen, weil ich nicht mit verweinten Augen im Schulhaus ankommen wollte. An mir zog die Landschaft vorbei, ein Fluss, eingebettet zwischen sanften Hügeln, und ich dachte, wie viel Glück ich doch hatte, dieses Buch gefunden zu haben. Schon das zweite in Reihe, das mich tief berührte, beide wahre Fundstücke. Und dann wurde mir klar, dass nicht ich diese Bücher gefunden hatte, sondern sie mich. Denn: Ich hatte beide Bücher weder auf einer Wunschliste gehabt, noch nach ihnen gesucht. Sie waren einfach da, als ob sie darauf gewartet hätten, dass ich vorbeikomme. Die Fundstücke waren nicht sie, das Fundstück war ich.
Beide Bücher passen perfekt zu mir, so, wie massgeschneiderte Kleidung oder all die kargen Landschaften, in die ich so gerne eintauche. Massgeschneidert, weil die Geschichten so herrlich unkonventionell sind, die Charaktere so grandios einzigartig. Eine Erzählsprache wie eine Wahnsinnslandschaft, die mir den Atem nimmt und in der ich endlos verweilen möchte.
Das erste Buch - Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen) von John Greene - hatte im Eingangsbereich des Schulhauses Türggenau gelegen, mitten zwischen anderen ausgemusterten Bibliotheksbüchern. Zum Mitnehmen stand daneben. Meine Hand streckte sich nach dem Buch aus, wie von selbst. Ich fragte die Bibliothekarin, ob dieses Zum Mitnehmen auch für mich gelte, und sie bejahte. Das Buch und ich gingen gemeinsam nach Hause, ich begann noch am gleichen Tag, es zu lesen. Es war Liebe auf den ersten Blick - und Kapitel 14 hat mich dann schlicht umgehauen. Wow, dachte ich, wow, wow, wow, so sollten Bücher immer sein.
Das zweite Buch fand mich im Bücherschrank in der Winterthurer Altstadt. Ich war mit dem kleinen Menschen und meiner Tochter dort und hatte nicht viel Zeit zum Schmökern. Mein Blick glitt über die Bücher, fahrig strich ich mit den Fingern über ein paar. Und dann war es da. Klick - zehn Autoren erzählen einen Roman (leider vergriffen). Ein Erzählexperiment um ein Mädchen, das seinen Opa, den Fotografen Gee, verliert und um ihn trauert. Die Autorin Linda Sue Park hat das erste Kapitel geschrieben und an ihren Autorenkollegen David Almond weitergeschickt. Der hat ein zweites Kapitel geschrieben und es weitergeschickt. Zehn Autor:innen, zehn Kapitel, zehn kleine Geschichten, die sich alle um Opa Gee drehen. Das Kapitel, das mich auf dem Weg zur Lesung zum Weinen gebracht hat, war Kapitel 2. Ja, dachte ich, ja, so sollten Texte zu Herzen gehen. Mitten rein.
Seit diese beiden Bücher mich gefunden habe, überlege ich mir immer wieder, wann und wo und wie ich ein Fundstück war. Die bisherigen Antworten sind schön (ein etwas banales Wort, aber hier passt es genau): Mich haben Menschen gefunden, Berufe, Landschaften, Musik, Bücher, Geschichten ... und ich ahne, dass ich noch ganz viele weitere Antworten finde.
Habt ihr euch schon einmal überlegt, wann ihr ein Fundstück wart? Wann und wo und wie? Und was das mit euch gemacht hat?




