Montag, 2. Februar 2026

ANALOG


Sonntagmorgen, erster Februar. Gerade habe ich in meinem "Analog" Notizbuch mein Januar-Fazit gezogen. Und ich warte voller Vorfreude und Neugier auf Post vom Little Truths Studio - Ideen für einen analogen Februar. 

CUT. REWIND.

Ich muss zuerst zurückblicken. So voll im Stile einer nostalgischen Boomerin (wobei ich auf das Wort Boomerin ja allergisch bin, aber in diesem Fall trifft es wohl zu). 

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Mit allem, was dazu gehört: Rumtoben und Abenteuer in der Natur erleben, Wandern, Lesen ... Wenn uns langweilig war und wir wir unsere Mutter fragten, was wir tun könnten, war ihre Antwort immer dieselbe: "Hochsprung". Hochsprung ist für mich ein Synonym geworden für "Langeweile aushalten". Denn wer die Langeweile aushält, dem wird irgendwann so langweilig, dass er von selbst auf Ideen kommt, was er unternehmen resp. anstellen könnte.

Die grosse Welt war weit weg. Das war oft gut, manchmal mühsam und frustrierend, denn vor allem mit dem Älterwerden wurde die Welt auf dem Land halt schon mal zu klein. Ich ging auf Reisen. Immer und immer wieder. Erlebte tolle und nicht so tolle Dinge. Ich übte mehrere absolut tolle und ein paar nicht so tolle Jobs aus. Unter dem Strich waren es grossartige Erfahrungen. Verschiedene Arbeitsumfelder, andere Landschaften, andere Menschen, andere Städte und Dörfer, andere Kulturen.

Und dann kam das Internet und brachte uns die Welt ins Haus. Für mich war das ein einziger, weltweiter Abenteuerspielplatz. Eine Offenbarung. Eine wahnsinnige Chance. Aber halt auch ein Ort, an dem man sich verlieren konnte, weil es immer noch etwas gab, das man entdecken konnte, und dann noch etwas, und noch etwas ... Social Media war ein Ort, sich auszutauschen, andere Menschen kennenzulernen, sich inspirieren zu lassen. Die ideale Ergänzung zum realen Leben. Es ging noch nicht um Follower, um Likes, um Reichweite, um Monetarisierung, um Algorithmen. Es war ein fröhliches Jekami, nicht frei von Hatern, aber doch frei genug, dass jeder und jede es wagen konnte, sich, sein Leben, sein Hobby, seine Arbeit zu zeigen. Ich fand Schreibforen, in denen ich das Schreibhandwerk und alles über die Branche lernte, vom richtigen Bewerben bis hin zu den Stolperfallen und Bauchlandungen - und wie man so was überlebt und trotz allem weitermacht.

Heute scrollen wir viel zu oft dumpf durch umpfzig Beiträge, verdödeln unsere Stunden mit sinnloser Unterhaltung, die oft nicht einmal unterhält. Wäre Social Media ein Gericht, bestünde es aus sehr vielen leeren Kalorien. Doch im Gegensatz zum Essen, wo wir versuchen, uns gesund und ausgewogen zu ernähren, schlucken wir die Social Media Brocken ungekaut hinunter und leiden dann unter Verdauungsbeschwerden.

Heute Morgen habe ich mich gefragt, ob ich ich überhaupt auf Social Media wäre, wenn ich nicht Autorin und Verlegerin wäre und die Sichtbarkeit brauche, sei die Reichweite auch noch so klein. Was wäre, so fragte ich mich, wenn ich als Angestellte arbeiten würde und es mir leisten könnte, total unter dem Radar der Öffentlichkeit zu fliegen, ja, wenn ich das sogar ausdrücklich wollte. Einen Moment lang gab ich mich der Illusion hin, ich würde das problemlos schaffen. Doch dann fragte ich mich: Was, wenn ich in meiner Freizeit kreativ wäre oder ein tolles Hobby hätte? Würde ich da nicht Gleichgesinnte suchen, schauen, wie sie es machen? Von ihnen lernen wollen? Würde ich nicht meine Arbeiten, meine Fotos teilen wollen? Doch, würde ich. Ich wäre trotzdem auf Social Media. Und ich würde mir dieselben Fragen stellen, die ich mir jetzt auch stelle: 

Was macht das mit mir? Wie viel Zeit lasse ich mir vom Netz wegfressen? Wie gehe ich damit um, dass reiche Tech-Bros mich längst im Würgegriff ihrer Algorithmen haben? Dass ich manipuliert werde und mich in einer riesigen Datensammelkrake bewege? Dass in dieser grenzenlosen Freiheit nichts mehr frei ist, sondern wir alle gesteuert werden und nicht genehmen Meinungen vom Algorithmus einfach geschluckt und in einem dunklen Loch ausgespuckt werden, wo eilfertige Opportunisten alles auswerten und gegen uns verwenden? Wie soll ich mich verhalten, wenn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gerade im Sinne der Macht begrenzt wird? Aussteigen? Und ganz konkret im Fall von mir als Autorin und Verlegerin: Was bedeutet das für meine Arbeit? Ich überschätze die Wirkung von Social Media in meinem Fall nicht, habe aber trotzdem Angst, dass ich unsichtbar werde? Ganz generell: Schaffe ich den Ausstieg überhaupt? Oder hat mich das Netz am Wickel?  

Ich habe auf viele Fragen Antworten gefunden, aber noch nicht die Konsequenz, sie umzusetzen. Auf einige Fragen gibt es keine Antworten, da muss ich den Widerspruch leben. Zum Beispiel diesen: Ich will vermehrt zurück ins analoge, reale Leben und weiss doch, dass es ohne Netz nicht geht. Auch das Analog-Projekt 2026, das ich dieses Jahr umsetze, fusst auf eine Aktion im Netz. Ein Widerspruch? Ja. 

(Wichtige Anmerkung in Klammer: Josia Jourdan hat zu diesen Widersprüchen ein tolles Buch geschrieben: Fehlfunktion. Er beschreibt darin in Essays unsere Wünsche, unsere Träume, unsere Ideale und unser ganz reales Verhalten - und er stellt uns Fragen, denen wir nachhängen können.)

Zurück zu meinem Analogen Projekt: Ich bin per Zufall über einen Post vom Little Truths Studio aufmerksam geworden und fand: Yap, das hänge ich mich ran und rein. Ich habe mich angemeldet, das kostenlose Januar-Workbook heruntergeladen, in viele Einzelteile zerschnitten und jene Punkte, die ich umsetzen wollte in ein neues Notizbuch eingetragen. Dazu nehme ich Pläne und Ziele, die ich sowieso hatte und habe; vieles davon habe ich schon vorher umgesetzt; es gab Aktivitäten, die von meinem Radar verschwunden waren, die habe ich wieder aufgenommen.

Was ich mach(t)e und machen werde dieses Jahr:

Noch mehr Natur, noch mehr rausgehen, noch mehr verweilen, beobachten, wandern, gärtnern oder einfach ziellos durch die Gegend streunen.

Zeit im Atelier verbringen, zeichnen und gestalten und an unseren offenen Ateliertagen und verschiedendsten Kreativrunden ganz real Menschen kennenlernen und mich mit ihnen austauschen.

Einen Tag pro Woche mit meinem Enkel verbringen. Dieser kleine Mensch lebt im Hier und Jetzt, und weil kleine Menschen von Vorbildern lernen - Gutes und Schlechtes - bleibt das Handy möglichst aussen vor, wenn ich bei ihm bin.

Mein Bullet Journal hegen und pflegen, weil keine elektronische Agenda der Welt mir so viel geben könnte wie mein handgestaltetes Bujo.

Dasselbe gilt für Notizbücher, von denen ich mittlerweile ganze Stapel habe. Ich liebe es, von Hand zu schreiben, die Gedanken kreisen zu lassen, mit Buntstiften wichtige Wörter/Ideen hervorzuheben, einzelne Ideen zu verbinden und dabei witzige, spannende und köstliche AHA-Erlebnisse zu haben.

Mehr lesen. Natürlich lese ich enorm viel, aber es sind vor allem News, Analysen des Zeitgeschehens usw. Ich will aber wieder mehr Bücher lesen und stelle fest, dass ich allein im Januar 26 ungeheuer viel mehr gelesen habe als in den Monaten zuvor.

So oft wie möglich analog leben, mit realen Tätigkeiten im realen Leben. Mir Zeit lassen für Dinge. 

Mich weiterhin im Netz inspirieren lassen, denn wenn man die richtigen Accounts und die richtigen Menschen findet, ist das Netz eine tolle Inspirationsquelle. 

Weil ich das Netz aber nicht nur beruflich und als Inspirationsquelle nutze, sondern auch wie ein Dödel viel zu lange an Posts und Reels und Shorts und YouTube Videos hängen bleibe, will ich das Analog-Projekt nutzen, um zu lernen, wie ich den sinnlosen Konsum eindämmen kann ohne gleich ganz aus den Social Media aussteigen zu müssen.

Ich will, dass mir wieder langweilig wird. Und in diesen Langweile-Momenten, will ich nicht zum Handy greifen, sondern auf den Rat meiner Mutter hören und "Hochsprung" machen. 

Montagmorgen, 2. Februar: Ich bin so was von parat für den nächsten analogen Monat. 

Credits to:
The little Truths Studio
Josia Jourdan 

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