Donnerstag, 18. April 2019

Jugendbuch ade

Zugegeben, der Titel ist etwas drastisch, dramatisch und provozierend. Er eignet sich aber gut, um die Gedanken aus diesem Post von Anfang März aufzunehmen.

Kürzlich brachte es ein Lehrer mitten in der Fragerunde einer Lesung auf den Punkt: "Dann ist Bücherschreiben also eher ein Hobby?" Er meinte es nicht böse, sondern brachte das, was ich über Autoreneinkommen erzählt hatte, treffsicher auf den Punkt, zumindest, was die Einnahmen anbelangt; die Arbeit geht nämlich weit über ein Hobby hinaus und ist tatsächlich - ARBEIT.

Hier die nackte, ungeschminkte Wahrheit: Ich habe in meinem Autorenleben zu keinem Zeitpunkt, also absolut gar nie, von den Bucheinnahmen leben können. Und das, obwohl Blackout ein Renner bei den Klassenlektüren ist, andere Bücher von mir ebenfalls als Klassenlektüre gelesen werden, zwei meiner Bücher Preise gewonnen haben, ich an renomierten Literaturfestivals und an Buchmessen gelesen habe und die Rezensionen sehr gut sind. Damit stehe ich nicht alleine da; das geht vielen anderen AutorInnen ähnlich (oder noch weniger gut).

Da sich Jugendbücher - bis auf wenige Ausnahmen, auf die ich weiter unten komme -  in den letzten Jahren immer schlechter verkaufen und auch sehr viel weniger gelesen werden (wurde mir von unzähligen Bibliothekarinnen und Lehrpersonen bestätigt), sinken die sowieso schon geringen Einnahmen aus den Büchern mit jedem Buch. Das löst einen Teufelskreis aus: Bücher, die sich nicht verkaufen, werden immer schneller wieder vom Markt genommen, entweder, indem sie verramscht werden oder indem man sie nicht mehr nachdruckt. In der Folge schreiben Autoren immer schneller, denn mehr Bücher bedeuten vermeintlich mehr Geld (dass diese Rechnung langfristig nicht aufgehen kann, ist klar).

Von den Bucheinnahmen kann ich also nicht leben - und trotzdem lebe ich vom Schreiben, denn ich verdiene mein Geld mit Lesungen. Und zwar mit einer Unmenge von Lesungen, denn bei organisierten Lesetouren an Schulen betragen die Autorenhonorare für eine Lesung rund einen Drittel von dem, was eigentlich vom AdS (Autoren der Schweiz) empfohlen wird; sie sind zudem seit Jahren gleich tief. Obwohl ich extrem gerne Lesungen mache, bin ich nach gut zehn Jahren kein frischer Hüpfer mehr, ich mag nicht mehr so viele Lesungen machen, kann das nicht mehr so locker durchziehen wie auch schon, zudem bin ich seit einer Weile Verlegerin und habe weniger Zeit für Lesungen. Deshalb habe ich ab Sommer 2018 begonnen, meine Lesungen anders zu organisieren, mehr private Anfragen zu berücksichtigen, weil ich dort auf ein angemessenes Honorar komme und einen Teil des Ausfalls damit auffangen kann. Dieses Jahr beginnt diese Strategie langsam zu greifen, nächstes Jahr möchte ich definitiv nicht mehr als 100 Lesungen (2018 waren es 150).

Kommen wir nun zu Büchern wie #no_way_out und Hundert Lügen. Ich mag beide sehr. Beide sind immer noch brandaktuell, an beiden habe ich mehr als ein Jahr gearbeitet, beide verkaufen sich schlecht. Stelle ich Aufwand und Ertrag gegenüber, komme ich zum Schluss, dass nur Verrückte oder Herzbluttäterinnen sich so was antun. Um auch hier Klartext zu reden: Ich habe mit beiden Büchern aus den Verkäufen je rund 5000 Franken verdient.

Herr Ehemann sieht das pragmatisch und - zurecht - völlig unromantisch: Bücher sind für ihn das Vehikel für Lesungen. Wer Bücher schreibt, wird für Lesungen gebucht und mit denen verdient der Autor dann sein Geld. Das ist einer der grossen Vorteile, wenn man Kinder- oder Jugendbücher schreibt: Man wird zu Schullesungen eingeladen. Das funktioniert, solange man selber gut funktioniert und belastbar ist. Aber eben ... siehe Absatz weiter oben. Kommt dazu: Wer viele Lesungen macht, dem fehlt diese Zeit zum Schreiben, manchmal ist es auch die Energie, die fehlt, und immer mal wieder kommt einem die Sinnfrage in die Quere. Und selbst wenn einem die Sinnfrage nicht in die Quere kommt und man der energiegeladene Hüpfer von einst geblieben ist: Ich kenne AutorInnen, die würden noch so gerne Lesungen machen, können aber nicht, weil ihre Bücher vergriffen sind und / oder weil sie nicht zu Lesungen eingeladen werden.

Natürlich gibt es immer noch Jugendbücher, die sich gut verkaufen (Fantasy, Romantasy), es gibt auch AutorInnen, die gut vom Schreiben leben können. Aber ich stelle nüchtern fest: Auf jeder Lesetour, wo ich auf BerufskollegInnen treffe, werden die Fragen "Soll ich mir einen Job suchen? Soll ich überhaupt noch Jugendbücher schreiben?" drängender und häufiger gestellt.

Einige meiner KollegInnen weichen auf das Kinderbuch aus. Denn: Kinderbücher verkaufen sich besser und vor allem schreiben sie sich generell etwas schneller, was an der geringeren Seitenzahl liegt. Die Vorschüsse sind zwar etwas tiefer, aber hey, wenn man zwei oder drei statt ein Buch in einem Jahr schafft, schenkt das immer noch mehr ein als ein Jugendbuch, denn zumindest die Vorschüsse hat man auf Nummer sicher.

Im Augenblick stecke ich in der Schlussphase eines tollen da bux Jugendbuchprojekts. Seiten pro Buch: 60. Themen: genau die, die ich mag. Inhalt: genau mein Ding. Das macht unendlich Freude, und obwohl es ebenfalls viel Arbeit ist, ist doch ein Ende eher abzusehen als bei einem komplex strukturierten 300-seitigen Jugendbuch. Einer meiner Schlüsse ist also: Ich schreibe Jugendbücher für den da bux Verlag, auch, weil ich da sehr gut aufgehoben bin, mein Buch die Werbung und die Plattform bekommt, die es verdient, das Persönliche stimmt. Anders gesagt: Die Rahmenbedingungen sind mehr als gut.

Und jetzt: Werde ich im Sommer erst einmal etwas fürs Radio schreiben. Und an meinem Krimi für Erwachsene weiterarbeiten. Und nachdenken. Neue Bücher für Lesetouren habe ich. Es eilt nicht.

Meine Prognose: Ich werde vom Jugendbuch nicht loskommen :-) Weil ich Jugendbücher extrem spannend finde. Weil ich sie gerne schreibe. Weil sich gerade im Jugendbuchbereich interessante und auch gewagte Experimente durchziehen lassen. Weil man völlig quer denken kann. All das ist der perfekte Tummelplatz für Verrückte und Herzblutschreiber. Aber leider nicht für solche, die vom Schreiben leben müssen. Und genau die guten von ihnen werden wir verlieren. Weil sie sich für das entscheiden werden, was ihnen ein (sicheres) Einkommen bringt. Ich bin in der glücklichen Lage, mir meine Verrücktheit und mein Herzblut leisten zu können; bei mir ist es mehr die Sinnfrage, die sich stellt, und auch die der Anerkennung - und gerade die fehlt im Jugendbuchbereich eben häufig.

Gestern hat mich jemand gefragt, was ich denn mit einem fertigen Text tun würde, also einem umfangreichen, komplexen, tollen Jugendbuchmanuskript. Die Antwort ist einfach: Ich gäbe meiner Agentin vier Monate Zeit, einen Verlag zu finden, der mir einen sehr guten Vorschuss bezahlt, mir schriftlich garantiert, das Buch im Minimum sieben Jahre auf der Backlist zu führen und mir - ebenfalls schriftlich - Werbemassnahmen für das Buch verspricht. Weil das in etwa so unwahrscheinlich sein wird wie ein Lottosechser, würde ich das Buch im Self Publishing machen. So getreu nach meinem Motto: Kein Geld verdienen mit einem Buch kann ich auch selber :-)

PS: Dann ist da noch dieses Exposé von 2012, das ich kürzlich beim Aufräumen der Dateien gefunden habe. Mein damaliger Verlag wollte das Buch nicht machen. Ich las es mit total frischen Augen und dachte: WHAT? WHY the hell NOT? Und wollte sofort loslegen.

PPS: Wenn das alles etwas durcheinander und irr rüberkommt: Ich habe nie behauptet, nicht verrückt zu sein.

Montag, 15. April 2019

Langsam durchs Leben

Die ersten drei Monate dieses Jahres bin ich buchstäblich durchs Leben gehechelt, meistens sogar hinter ihm hergehechelt. Jetzt wird es ruhiger. Der Arbeitsberg schrumpft täglich, ich kann wieder frei atmen und vor allem wieder (fast) so langsam leben, wie ich es eigentlich will.

Heute musste ich "uf'd Gmai", also zum Rathaus. Das liegt in meinem Fall in Grabs, weil Werdenberg zur Gemeinde Grabs gehört. Zu Fuss ist man in einer guten halben Stunde dort, und weil ich jetzt ja wieder Zeit habe, bin ich zum Rathaus spaziert, den Hinweg dem Berghang entlang, zurück über die Felder. Dabei habe ich in Gärten gelinst, Häuser angeguckt, fleissig fotografiert und ein tolles Schwätzchen gehalten.

Gefunden habe ich: Traumhäuser, Traumgärten, eine Traumlandschaft und jede Menge Inspiration für mein Schreiben und den eigenen Garten.










Freitag, 12. April 2019

Lesungsplanung

Mein erstes Bullet Journal ist fast voll. Bullet Journal Nummer 2 beginnt im Mai, es wird mich wahrscheinlich bis Ende Jahr begleiten. Diesmal bündle ich die ganze Lesungsplanung und stelle sie vorne ins Journal; ich habe dafür mehrere Seiten reserviert. Die Form behalte ich bei- sie ermöglicht mir den perfekten Überblick über die Planung.


2018 hatte ich 150 Lesungen. Das war zu viel. Für 2019 wollte ich auf 100 Lesungen reduzieren, lande aber bis Ende Jahr auf ca. 120. Das ist zwar wesentlich weniger, aber immer noch viel.

Diese Woche war Kreativkollege Diego Balli bei uns zu Gast. Wir haben natürlich auch über unseren Beruf geredet und landeten dabei bei den Lesungen. Er hat mir verraten, wie er es macht: Er setzt sich eine Anzahl Lesungen pro Jahr und streicht dann bei jeder Buchung die gebuchten Lesungen ab - bis er bei Null ist. Ich finde diese Idee genial und habe sie gleich umgesetzt.


 Wie ihr seht, kann man mich jetzt noch locker-flockig für 2020 buchen; für 2019 geht nicht mehr. 120 Lesungen sind genug. Warum?

Ich mache extrem gerne Lesungen. Weil sich aber Bücher nicht über Nacht oder gar von selbst schreiben, brauche ich auch Zeit zum Schreiben. Dazu kommt meine Arbeit als Verlegerin, und nicht zuletzt bin ich meine eigene Sekretärin, Logistikbeauftragte, Social Media Verantwortliche und vieles mehr. Vom Haushalt, dem Einkaufen und dem restlichen alltäglichen Wahnsinn wollen wir an dieser Stelle gar nicht reden. Das bedeutet: Ich kann nur eine bestimmte Anzahl Termine pro Jahr wahrnehmen.

Freitag, 5. April 2019

Anerkennung und Wertschätzung

Gestern hatte ich für eine Weile meine letzten Lesungstermine. Drei wunderbare Lesungen in Tägerwilen, bestens organisiert, das Honorar stimmte perfekt, ich hatte das Gefühl, auf Händen getragen zu werden. Es war herzerwärmende Anerkennung und Wertschätzung pur. Beides tat unendlich gut, denn es gibt auch die Momente, in denen ich mir vorkomme, wie ein Fussabstreifer.

  • Lesungen auf organisierten Schullesetouren, wo du trotz zweifach versuchter Kontaktaufnahme KEINE Antwort bekommst und nicht weisst, ob du jetzt zur Lesung erwartet wirst oder nicht (und du dich fragst, warum diese Schulen überhaupt AutorInnen einladen).
  • Eine Anfrage eines Lehrers, ob du bereit wärst, einen Morgen lang aus deinen Büchern vorzulesen und Schreibtipps zu geben, selbstverständlich gäbe es dafür auch ein kleines Entgelt. (NEIN.)
  • Eine Person, die eine Masterarbeit schreibt und dich anfragt, ob du "Zeit und Lust" hast, 50 Seiten ihrer Geschichte zu lesen und Feedback zu geben. (NEIN, weder das eine noch das andere.)
  • Kulturelle Veranstaltungen in deinem Heimatkanton, zu denen du nie eingeladen wirst, und wenn sie dann stattfinden, weisst du genau, dass dir das einfach egal sein sollte, aber in dir drin bohrt es auf den Nerven rum. (IDIOTIN, ich!)
  • Und da der Kulturblues schon mal vor der Tür steht, wünschst du dir gleich auch, du hättest bei der Heirat den Heimatort deines Mannes übernommen, obwohl du nicht mal weisst, wo der liegt, einfach, damit dir das alles nicht so unter die Haut geht. (ICH OBERIDITON, ich).
  • Wenn du dann ganz am Ende und ganz unten in den Tiefen des Blues angekommen bist, kannst du gleich auch noch die Einnahmen aus deinen Buchverkäufen anschauen - falls du sie findest, denn die Zahlen sind so klein, dass du sie nur unter der Lupe erkennen kannst. (Selber schuld, wer guckt sich denn diese Zahlen schon an.)
Trotzdem: Ich möchte keinen anderen Beruf. Aus ganz vielen Gründen. Und wegen Tagen wie gestern, wo einfach alles gestimmt hat. Danke, Edith, für die Einladung!

Freitag, 1. März 2019

Frühlings-Blog-Putz

Ich wedle dann mal eine Ladung Staub von meinem Blog. Die letzten zwei Monate hat er hauptsächlich als Platzhalter für die neue Webseite gedient die Michael Hamannt nach meinen Wünschen wunderschön gestaltet hat. Die Seite ist online; ich hoffe, sie gefällt euch so gut wie mir.

Und jetzt? Kommt einmal mehr der Vorsatz, mehr zu bloggen (ja, das hört sich allmählich ziemlich repetitiv an). Und wenn wir schon bei den Vorsätzen sind: Nachdem ich im Januar und Februar einmal mehr viel zu viel aufs Mal machen wollte und auch gemacht habe, habe ich definitiv beschlossen, ab April kürzer zu treten. Vorher geht es nicht: Ich habe einen Teil der Februararbeit aus Zeitmangel auf den März verschieben müssen, dazu kommt ein ganzer Stapel Märzarbeit. Im März habe ich zudem relativ viele Lesungen; ab April werden es weniger.

An den letzten paar Abenden habe ich an meinem Bullet Journal gearbeitet und mir viele Gedanken darüber gemacht, wie ich kurz-, mittel- und langfristig mein Arbeitspensum reduzieren kann. Eigentlich ist das Rezept einfach: ich muss fokussierter schreiben und arbeiten und die Anzahl meiner Lesungen reduzieren. Langfristig möchte ich bei höchstens 75 pro Jahr landen. Im Augenblick sind es noch viel mehr, weil ich viele der Lesungen schon lange in der Agenda stehen habe.

Vom finanziellen Standpunkt her ist das Reduzieren der Lesungen nicht wirklich ein weiser Entscheid, bilden sie doch den Hauptteil meiner Einnahmen, aber ich möchte endlich, endlich, endlich wieder mehr schreiben.

Wohin die Reise beim Schreiben gehen soll, kristallisiert sich auch langsam heraus. Nachdem ich in Buchläden auf den Stapeln in der Jugendbuchabteilung mehr oder weniger nur noch schöne Kleider, schöne Frauengesichter und schöne Fantasycover sehen, habe ich beschlossen, dass ich mir Jugendbücher wie "Hundert Lügen" oder "no_way_out" in Zukunft schenken kann. Mehr dazu dann in einem separaten Blogeintrag. Ich stelle jetzt für die nächsten 2 1/2 Stunden auf fokussierte Schreibzeit um.

Donnerstag, 7. Februar 2019

Meine neue Webseite

Schon seit einer Weile empfängt ein sehr freundlicher Schneehase die Besucher meiner Webseite und weist darauf hin, dass eine neue Seite in Arbeit ist. Eigentlich hätte das mit der Baustelle ja viel weniger lange dauern sollen, aber so ist nun mal das Leben: Es wirft einem Termine ins Haus, Arbeitsberge vor die Füsse und Grippen an den Kopf. Mein Webmaster Michael Hamannt kann nichts für die Verzögerungen - ich liefere zu langsam. Und ich habe jede Menge Spezialwünsche.

Der Schneehase grüsst also noch ein Weilchen, was ich überhaupt nicht tragisch finde. Alles, was es über mich zu wissen gibt, steht auch hier im Blog. Ich schaue der Seite beim Wachsen zu und freue mich darüber, wie toll sie wird. Für euch habe ich auch das "Gschpänli" vom Schneehasen ausgegraben. Hier sind sie beide:


Sonntag, 6. Januar 2019

Was das Schreiben mit Modalverben zu tun hat - Der Tag an dem das Müssen das Wollen und Dürfen getötet hat

Als ich meine erste lange Geschichte schrieb - ohne zu wissen, dass daraus ein Buch werden würde - war das Schreiben ein Wollen. Ich musste mir die Zeit dafür zwischen Berufs-, Mutter- und Hausfrauenleben buchstäblich stehlen.

Aus dieser langen Geschichte ist mein erstes Buch Blackout geworden. Noch während sich der Verlag in der Vorveröffentlichungsphase befand, fragte er mich, ob ich noch weitere Ideen hätte. Und wie ich die hatte! Schreiben war ein Privileg, ein Wollen, ein Dürfen.

Weil ich ziemlich schnell zu ziemlich vielen Lesungen eingeladen wurde, konnte ich das Schreiben schon zwei Jahre nach dem Veröffentlichen meines ersten Buches zum Beruf machen. Damit wurde es zwar zum Müssen, war aber immer auch noch ein Wollen, ein Dürfen und ein Privileg.

Nach den ersten frustrierenden Erfahrungen - Coverkämpfe, wochenlange Kommunkationsflauten - wurde das Schreiben irgendwann mehr zum "Ich sollte" als zum Dürfen. Das Wollen war zwar immer noch da, aber immer häufiger auch verbunden mit einem ABER.

Schliesslich kam eine Phase, in der ich mich als Autorin in der Buchbranche fühlte wie ein Regenwurm auf dem Trockenen. Ich fragte mich, was ich falsch mache, haderte mit meinem Beruf und überlegte den Ausstieg. Gespräche mit BerufskollegInnen machten mir bewusst, dass es nicht an mir lag, sondern an der Branche, die mit jedem Jahr, das ich nun schon dabei bin, härter, orientierungsloser und zunehmend auch mutloser wurde. Ich lernte, diese Branche mit Gelassenheit und viel Galgenhumor zu ertragen. Über Dinge, über die man sich eigentlich wahlweise aufregen oder weinen sollte, habe ich (Tränen) gelacht. Jedes Mal, wenn ich dachte, ich hätte schon alles erlebt, gehört oder gesehen, wurde das irgendwo mühelos getoppt. Der Wahnsinn wurde normal, "mir egal" zu meinem (Überlebens)Motto.

Schon früh wurde mir geraten, den Verlag zu wechseln. Anfangs war ich zu loyal dazu (ich Optimistin hoffte von Jahr zu Jahr, dass es jetzt besser werden würde, verteidigte "meinen" Verlag gegenüber anderen Autoren, beschwor eine bessere Zukunft herauf - die nie kam). Später habe ich es versucht, habe mich von einem Verlag, zu dem ich wirklich wollte, entwürdigend lange hinhalten lassen und immer wieder längere Leseproben nachgeschoben. Am Ende kam das Nein. Dieses Nein hat extrem viel weniger wehgetan als die Erkenntnis, wie sehr ich mich dafür selber entwürdigt habe.

Ich schrieb weiter. Eines meiner Bücher war ein einziges "Müssen". Ich schrieb es nur fertig, weil ich einen Vertrag unterschrieben hatte. (Ich habe es erst vor einem Jahr zum ersten Mal in voller Länge gelesen - und fand es überraschenderweise tatsächlich gut.)

Als ich die Verträge für meine Serie bei "meinem" Verlag unterschrieb, tat ich das mit strafbar viel Fatalismus und ohne jeden Funken Zuversicht, dass es gut herauskommen würde. Ich liebe meine Lost Souls Serie ohne Ende, aber könnte ich zurück an den Punkt der Vertragsunterschrift, würde ich es nicht mehr tun.

Mein Kinderbuch haben meine Agentin und ich ganz bewusst nicht "meinem" Verlag angeboten. Es fand ein anderes Zuhause. Ich war vollkommen überrascht über die tolle Zusammenarbeit. Und das Coolste an der Sache: Da meldete sich doch tatsächliche das Marketing und wollte mit mir besprechen, was man für das Buch machen könnte. Ich bin vor Überraschung beinahe aus den Schuhen gekippt - weil ich das nicht kannte. Das Buch wurde dennoch kein Erfolg, es wurde (leider) nie nachgedruckt, aber ich hatte das Gefühl, der Verlag habe alles getan, was er tun konnte. Leider hat die Sache dann weniger gut geendet: Der Verlag hat vergessen mir mitzuteilen, dass er das Buch auslaufen lässt, und ich hatte keine Chance, meinen eigenen Vorrat aufzustocken. Resultat: Ich lese jetzt bei Lesungen aus dem Buch vor, aber man kann es nicht kaufen (was die Kinder ziemlich unwitzig finden und ich auch, weshalb ich es im Augenblick im Self Publishing neu herausgebe).

Aber zurück zu den Modalverben: Das Schreiben war ein einziges "Müssen" geworden. Schon beim Unterschreiben eines Vertrags grummelte das Wissen um Coverkämpfe und wenig oder keine Werbung in mir. Spätestens nach #no_way_out (weniger Werbung ging gar nicht) schob ich den Schreibprozess manchmal Tage vor mich hin, gelähmt, gefrustet und ohne einen Funken Lust. Nicht wegen meiner Protas (die liebe ich), nicht wegen der Geschichten (die habe ich mir mit Herzblut erschrieben), sondern weil ich das Ende der realen Geschichte kannte: Mein Buch würde herauskommen und niemanden würde das wirklich interessieren, nicht einmal meinen Verlag. Das ging so weit, dass ich eine eigene Theorie zum Geheimplan der Buchbranche entwickelte: Die will gar keine Bücher verkaufen.

Den Vertrag zu "Hundert Lügen" habe ich aus den falschen Gründen unterschrieben. Ich wusste, dass ich es nicht tun sollte, jede Faser in mir schrie "NEIN!". Ich habe nicht auf mein Herz gehört, sondern auf meinen Kopf, obwohl ich wusste, dass mein Kopf zwar theoretisch recht hat, aber praktisch eben nicht. Herausgekommen ist trotz allem ein Herzblutbuch. Es ist vom Verlag absolut lieblos und nach dem Motto: Schwimm allein und ohne Hilfe oder geh halt unter auf den Markt geworfen worden (wie übrigens ein Grossteil der Bücher, die die Kataloge mittlerer und grösserer Verlag füllen). Im Dezember wurde es als "vergriffen" gelistet; herausgefunden habe ich das, weil ich regelmässig nachschaue, wie es meinen Büchern geht; der Verlag fand es nicht nötig, mich zu informieren. Auf mein drängendes Nachfragen hin, hat man mir bestätigt, dass das Buch "ausgelaufen" ist, aber im Januar nachgedruckt werden sollte. Ich habe mich tierisch aufgeregt. Mittlerweile bin ich bei "mir egal" angekommen, oder zumindestens will mir das mein Kopf einreden.

Ich habe trotzdem noch einmal einen Anlauf unternommen, nach dem Motto: Es kann auch gut herauskommen. Ich habe diesen Anlauf abgebrochen und dem Verlag (ein eigentlich guter Verlag, der an mich herangetreten ist) gesagt, ich wolle nicht. Eine Anfrage eines anderen Verlags habe ich nicht einmal beantwortet: Sie kam als saloppes PS auf einer Weihnachtskarte, da fand ich, ich dürfe mir das Nichtantworten erlauben. Bei beiden Verlagen habe ich meine Entscheide leichten Herzens und ohne Bedauern gefällt. Die Luft war raus, denn:

Mir war schon kurz nach Erscheinen von Hundert Lügen klar, dass das Müssen alle anderen Modalverben getötet hatte. Ja, selbst das Wollen. Ich wollte nicht mehr.

Und trotzdem wuchs in dieser schlechtesten aller schlechten Phasen meines Autorinnenlebens dieser irre, total verrückte Gedanke vom eigenen Verlag in mir, wandelte sich von einem Gedanken zu einem Traum und dank wunderbarer Kollegen zur Realität. Ich bin seit rund drei (oder etwas mehr) Jahren Verlegerin, in der tollsten Buchband, die ich mir denken kann. Wir verlegen Bücher so, wie wir denken, dass man Bücher verlegen sollte: Mit viel Herzblut, viel Zuversicht, viel Überzeugung, viel Optimismus und viel Feuer. Wir behandeln unsere AutorInnen so, wie wir als AutorInnen gerne behandelt werden möchten. Ja, wir machen auch Fehler, nein, wir sind nicht perfekt, aber wir geben uns Mühe, lernen aus Fehlern und versuchen immer noch, besser zu werden.

Verlegerin zu sein ist ein Wollen, ein Dürfen, ein Privileg, eine Freude (und ein total verrückter Wahnsinn). Mit dem Verlegen ist auch das Schreiben wieder zu einem Wollen und Dürfen geworden. Ich komme gerade aus den Bergen zurück, wo ich zwei Tage mit einer Lust und Freude geschrieben habe, wie ich sie nur ganz am Anfang hatte, damals, als ich an meiner ersten langen Geschichte geschrieben habe.

Und so ist das heute, nachdem ich alle Brücken zu meinem Autorenleben, wie ich es kennengelernt habe, abgebrochen habe: Autorin zu sein ist für mich ein Wollen, ein Dürfen, eine Freude (und ein total verrückter Wahnsinn).

PS: Ich weiss, das klingt nach Freiheit. Ist es auch. Aber an dieser Freiheit hängt - leider - ein Preisschild. Es ist fast nicht möglich vom Schreiben zu leben, schon gar nicht, wenn man das Schreiben so lebt wie ich.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Parat machen für die ersten Lesetouren

In einer guten Woche gehen die Lesungen wieder los. Die Logistikarbeit für die erste Woche Zürcher Lesungen (14. - 18. Januar) ist im Kasten. An der Logistik zur zweiten Woche (28. Januar bis 1. Februar) arbeite ich gerade. Will heissen: Zuständige Lehrpersonen kontaktieren, Details klären, Online-Maps konsultieren (welche Bushaltestelle? / welcher Bahnhof?), Fahrpläne raussuchen und ausdrucken. Und - falls es kein Wochenticket vom Veranstalter gibt - Fahrkarten kaufen. Ist eine zeitintensive Sache. Zu allem Elend findet meine Sekretärin (ich) diese Arbeit nicht mal ansatzweise prickelnd oder spannend. Zum Glück habe ich wenigstens mein schönes Bulletjournal,in das ich die erledigten Arbeitsschritte eintragen kann.


Dienstag, 1. Januar 2019

Perfekte Momente

Herr Ehemann und ich haben das neue Jahr in den Bergen begrüsst - es hat uns freundlich angelächelt und zum Wandern eingeladen. Um 8.45 Uhr ging's los, um 10.05 Uhr sassen wir knapp 500 Höhenmeter weiter oben in einer der schönsten Landschaft, die man sich denken kann, im Café Cavazzolas, bei Kaffee und selbst gemachter Bündner Nusstorte.


Danach ging's weiter, über unberührte Wanderwege, vor herrlichem Panorama, rauf und runter, rauf und runter. Der perfekte Start ins Jahr. Frei im Herzen, frei im Kopf.