Montag, 1. Juni 2026

WÜRFELGESCHICHTE

 

Mein Hirn ist leer, meine Eingebung verweigert ihren Dienst, meine Fantasie meint, ich solle mal ohne sie klarkommen. Es ist Montag, ich suche seit gestern ein Wort der Woche, wobei ich das ja nie suchen gehen wollte, sondern mich darauf verlassen habe, dass es mich schon findet, aber diese Woche spielt es Verstecken mit mir. Sitzt gut verborgen in irgendeinem Gebüsch, streckt mir die Zunge raus und sagt (um aus Tom Zais neuem Buch Mord am Alpenfjord zu zitieren) "ätschi-bätsch." Ich würde ihm (also dem versteckten Wort, nicht Tom Zai) den Mittelfinger zeigen, wenn ich denn wüsste, in welchem Gebüsch es sitzt.

Aufgeben und kein Wort der Woche suchen ist keine Option. Mein Projekt heisst: 52 Wochen - 52 Wörter und beinhaltet auch 52 Collagen und 52 Blogposts. Da kann ich nicht auf halbem Weg vor einem leeren Hirn kapitulieren. Nach umpfzig mühsam herangezogenen Wörtern, die ich alle nicht wirklich mochte, greife ich jetzt zur Notlösung. Ich hole die Schachtel mit den Würfeln, die ich heute an den Schreibworkshop in Unterägeri mitgenommen habe und ziehe das Schicksal oder (um wieder auf Tom Zai zurückzukommen) den Zufall zur rettenden Hilfe herbei.

Vorsatz: Ich greife blind in die Würfelschachtel, ziehe einen Würfel heraus und würfle mir das Wort. Einen Versuch will ich mir geben. 

Nun, das erste Bild ist ein Mund. Labern, reden, sprechen, schweigen, singen, küssen ... blablabla. Nein, keine Lust. Liebes Schicksal, lieber Zufall, ihr könnt mich mal. Also ein zweites Mal würfeln. Ein Ventilator. Ach nöööö. Über die Maihitze ist genug geschrieben worden und wer meinen Blog schon etwas länger liest, weiss, dass ich Hitze nicht ausstehen kann. Und ich will nicht einfach herumnölen und herumjammern, wie grässlich ich es finde, wenn es zu heiss ist ... Ausserdem ist es heute merklich kühler, nicht wegen des Ventilators, sondern weil die Natur es von sich aus so entschieden hat.

ABER, so denke ich mir: Würfel ist doch ein wunderschönes Wort. Und die Bildwürfel, mit denen sich so wunderbar irre Geschichten erfinden lassen, die finde ich toll. Deshalb greife ich jetzt in die Schachtel, ziehe fünf Würfel raus und erzähle euch eine Würfelgeschichte

Meine gewürfelten Wörter: Palme, Lippenstift, Brille, Kompass, Socken. 

Den Titel der Geschichte ermittle ich mit meinem Zeigefinger. Vor mir liegt die Lokalzeitung. Ich werde kurz die Augen schliessen, meinen Finger auf die Zeitung legen und .... da-da-da-daaaa. Der Titel lautet "Auftraggeberin" Also dann.

Auftraggeberin

Ich räkelte mich gemütlich auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine flauschige Lieblingsdecke, an meinen Füssen die Socken, die mir Grosstante Emilia letzte Weihnachten geschenkt hat. Der verregnete Frühsommerabend war genau der richtige Zeitpunkt für einen Krimi, bei dem es einem die Nackenhaare aufstellt und man die Nägel schon auf Seite 50 bis zum Anschlag abgekaut hat. Ich war genau auf Seite 51, die Nägel also blutig abgekaut, die Brille beschlagen, weil es mir von der Decke und dem Angstschwitzen zu heiss geworden war - da klingelte das Telefon. Mein Herz setzte kurz aus, das Buch fiel mir aus den Händen, ich japste nach Luft und suchte den Weg aus dem schottischen Hochmoor, wo der Serienkiller meiner Heldin dicht auf den Fersen war, zurück ins Hier und Jetzt. In diesem Hier und Jetzt klingelte es weiter. Weil ich sowieso in der Realität angekommen war, nahm ich den Anruf entgegen.
"Sie ist tot", sagte eine unheimliche Stimme.
"Wer?", fragte ich etwas ungehalten.
"Morgan Hennaway."
Ich brauchte einen Moment, bis ich den Namen zuordnen konnte. Morgan ... Die schottische Heldin. 
Ich brauchte einen zweiten Moment, bis ich begriff, dass mich wahrscheinlich jemand beobachtete. Wie sonst konnte der Mann wissen, was ich gerade las. Nicht gut, dachte ich, gar nicht gut.
"Und du wirst die Nächste sein." Den Worten folgte ein fieses Kichern.
Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich fiese Kicherer nicht ausstehen kann, schon gar nicht, wenn sie mich ungefragt duzen. Das Kichern triggerte mich also gewaltig, weshalb ich ich etwas zu angriffig reagierte. "Ich wette, Sie tragen Lippenstift und bewahren Ihre tote Mutter in einem Schaukelstuhl im Keller auf", sagte ich.
"Das ist in der Tat richtig", antwortete der Anrufer leicht angesäuert. "Und du scheinst ein paar Thriller und Krimis zu viel gelesen zu haben."
"Möglich", sagte ich, und weil mich der Typ schon zum zweiten Mal geduzt hatte, duzte ich zurück. "Vor allem geht mir dein Kichern auf den Geist."
"Der Joker kichert auch", erklärte er gekränkt.
"Aber du bist nur halb so gut darin", gab ich zurück. "Also: Was verschafft mir das Ärgernis, mich telefonisch mit dir herumschlagen zu müssen?"
"Meine Mutter."
Hätte ich mir denken können. 
"Sie hat mir einen Auftrag gegeben."
"Lass mich raten", sagte ich. "Deine Mutter aka deine Auftraggeberin hat dir befohlen, mich umzubringen, vorzugsweise unter der Dusche, mit einem Messer."
"ähhmm ..." Nun klang er enttäuscht. "Gab's wohl schon mal ..."
"Yap."
Er sagte nichts mehr, aber ich konnte ihn atmen hören. "Willst du schnell in den Keller und einen neuen Auftrag entgegennehmen?"
Der weiteren Stille, die folgte, entnahm ich, dass er ernsthaft über diesen Vorschlag nachdachte. Ich nutzte die Zeit und schaute mich in meiner Wohnung um. Dann stand ich auf und ging auf das Regal zu. Dort stand der Kompass meines Grossvaters, faszinierend schön wie eh und je, aber nicht am selben Ort wie eh und je. Mir fiel der Elektriker ein, der vor ein paar Tagen hier gewesen war. Ein etwas seltsamer Vogel, gross und dünn, mit schütterem Haar und ungesunder Hautfarbe. Ich schlich mich von der Seite an, beugte mich in einer schnellen Bewegung vor und sagte: "Buh".
Er stiess einen erschrockenen Schrei aus. 
"Vorschlag", sagte ich. "Du kaufst dir eine schöne Zimmerpflanze, am besten eine Palme, stellst sie zu deiner Mutter in den Keller und dann lest ihr einen guten Krimi oder Thriller. Und mich lasst ihr in Zukunft in Ruhe. Schönen Gruss auch noch an deine Auftraggeberin."
Ich brach die Verbindung ab.
Er hat nie mehr angerufen.

Dienstag, 26. Mai 2026

WORKSHOPS


Am 22. Mai hatte ich meine letzte Lesung der ersten Jahreshälfte, ein perfekter Abschluss im Oberstufenschulhaus meiner Heimatgemeinde, mit Blick auf die Berge, die mich durch meine Kindheit und Jugend begleitet haben. Nun liegen drei Workshops vor mir, auf die ich mich riesig freue.

Am 29. Mai findet mein erster Schreibworkshop im Atelier statt, am 1. Juni schreiben Stephan Sigg und ich zusammen mit Oberstufenjugendlichen in Unterägeri, und am 6. Juni darf ich für Schreibwerk Ost aus meinem Leben als Verlegerin berichten. Smiley aus meinem Buch #no_way_out würde sagen: Drei Workshops hintereinander, das ist ein Zeichen, und ich denke, er hätte recht. 

Wissen weitergeben, Menschen für eine Sache begeistern, kreative Seiten entdecken und ausleben, gemeinsam herausfinden, was alles in uns steckt. Sich nicht entmutigen lassen von KI und der Härte der Buchbranche, sondern eigene Wege finden und gehen. Das ist das, was ich schon mit den Lesungen mache; in Workshops geht das noch tiefer und weiter. 

Heute Morgen habe ich ein Video einer Onlinekativistin aus den USA geschaut, in dem sie gesagt hat, dass sie neue Wege gehen will. Fast zwei Jahre lang hat sie informiert, hat erklärt, hat von ihren Aktivitäten erzählt. Heute sagte sie: "Mittlerweile wissen alle, wie Trump und seine Konsorten sind, was sie tun, und was sie kaputtmachen. Mit Reden und Videos schauen ändern wir das nicht. Wir müssen aktiv etwas tun." In ihrem Fall ist das ein Zurück zum Kleinen, zu echten Begegnungen im realen Leben; mit Menschen, die ein gemeinsames Ziel haben, die an guten, positiven, realen Projekten arbeiten. 

Mit den Workshops ist es ähnlich. Wir können uns an der KI und an der Buchbranche abarbeiten und daran verzweifeln, wir können die Zustände verfluchen und umpfzig wütende Posts und Videos darüber und dazu machen, so, wie es in den Social Media zurzeit gefühlt passiert, aber damit ändern wir überhaupt nichts. 

Oder wir treffen uns zum gemeinsamen Schreiben und Kreativsein, wachsen über uns hinaus, stecken andere damit an und zeigen, dass es Alternativen gibt. Wer nun sagt, das sei naiv, mag vielleicht sogar recht haben. Aber wer jemals in einem Schreibworkshop oder einer Schreibrunde über sich hinausgewachsen ist, so sehr, dass sie (oder er) das Gefühl hatte, fliegen zu können, weiss, was ich meine. 

Montag, 18. Mai 2026

ZAPPADONG


Plötzlich steht sie da, in meiner Küche. Guckt auf meine Kaffeemaschine und meint: "Mit Cappuccino ist das bei dir wohl nicht. Also dann halt ein normaler Kaffee." Und dann setzt sie sich ungefragt an meinen Küchentisch.
Ich starre sie an. Die etwas zerzauste Frisur, in der ein paar Erdkklümpchen hängen. Die Falten im Gesicht. Die wachen Augen. Das T-Shirt mit dem EAT THE RICH Aufdruck.
"Ich habe dich vermisst", sage ich.
"Ich dich auch", antwortet sie.

Ich habe Fragen, so viele Fragen. Wo warst du? Was ist mit Mr Doorman passiert? Wie geht's dem Zappadong-Gebäude? Gibt's den Kinosaal noch? Stattdessen mache ich uns beiden einen Kaffee, stelle die Tassen auf den Tisch und setze mich zu ihr hin.

"Mr Doorman ist leider verhindert", sagt sie. "Er wäre gerne mitgekommen, aber in den Kinosaal tropft Wasser und wir wissen nicht, woher das kommt. 
"Geht es ihm gut?", frage ich.
"Wenn er nicht gerade in der Ukraine ist und kämpft, ja."

CUT. EINSCHUB. Ich schulde euch ein paar Erkärungen. Frau Zappadong war mein bloggendes Alter Ego. Vor vielen Jahren. Mit ihr bin ich die ersten Schritte in den Social Media gegangen. Sie war die Frau, die offen, direkt und unverblümt aussprach, was ich vom Zustand der Welt und der Schweiz hielt. Ihr zur Seite stand Mr Doorman, der stoisch-pragmatische russische Türsteher mit einer ziemlicher verrückten Verwandtschaft und der Gabe, den Cappuccino zur Kunstform zu erheben. Die beiden lebten in einem Hochhaus ohne Lift, das ich am Ende versenkte und mit ihm auch meinen ersten Blog, den ich nach der Frau am Küchentisch benannt hatte: Zappadong. EINSCHUB ENDE.

"Er hat also die Seiten gewechselt", stelle ich fest.
"Und wie!" Sie grinst. Ziemlich schief. Ich sehe die Sorge in ihren Augen. Frau Zappadong ohne Mr Doorman. Unvorstellbar.
"Ich denke in letzter Zeit oft an dich", sage ich.
"Hab's gemerkt", antwortet sie.
Natürlich, denke ich und sage: "Cooles T-Shirt."
Sie seufzt. "Wir hätten es nicht beim Slogan belassen sollen. Jetzt ist es zu spät. Jetzt essen die uns. Willst du reden?"

Ja, das will ich. Über so vieles. Weil es neben meinem kleinen Leben dieses grosse da draussen gibt, das völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Aber ich weiss nicht einmal, wo ich anfangen soll.

"Können wir heute einfach nur plaudern und Kaffee trinken?", frage ich. "Ohne uns über irgendwas aufzuregen?"
"Natürlich", antwortet sie. "Glaubst du, du schaffst das?"
Mein Blick gleitet zu ihrem T-Shirt. "Weiss nicht", sage ich. "Einen Versuch wär's wert."
"Ich habe noch andere", sagt sie. "Mit ähnlich guten Sprüchen."
Daran zweifle ich keine Sekunde.
"Du hast damals uns und das Gebäude versenkt, weil es dir zu viel wurde, nicht wahr?"
"Ja", antworte ich. "Immer nur hinsehen und kämpfen und grandios verlieren, das macht was mit einem. Weisst du, ich wollte nie zynisch oder bitter oder gar beides werden."
"Das verstehe ich", sagt sie.
"Sorry, dass ich euch versenkt habe."
"Kein Problem", meint sie. "Ist noch ganz witzig im Untergrund. Und wir können ja jederzeit raus. Aber ganz ehrlich. So prickelnd ist es hier oben nicht. Die Landschaft ist ja wunderschön, aber ich bin immer wieder froh, wenn ich mich aus diesem Irrsinn in unseren unterirdischen Turm zurückziehen kann."
"Das verstehe ich", sage ich und jetzt lachen wir beide.

Dann reden wir doch noch. Über die Familie. Das Schreiben und das kleine und das grosse Leben. Darüber, dass wir beide nie zynisch oder bitter oder beides geworden sind.

Am Ende steht sie auf. "Vielleicht besuchst du uns ja mal im Zappdong-Gebäude. Dann trinken wir Cappuccino mit Mr Doorman." Sie zwinkert mir zu. "Und dabei planen wir die Weltrevolution."
"Mache ich", sage ich und merke in dem Moment, in dem ich es ausspreche, dass ich es ernst meine. Also, das mit dem Besuch im Zappadong-Gebäude. Na ja, und vielleicht denken wir die Weltrevolution einfach mal durch. So ganz theoretisch. "Kennst du das Graswurzelsystem?", frage ich.
"Was denkst du denn?"
Sie ist schon unter der Tür, als sie sich noch einmal umdreht. "Grüsse bitte Hausfrau Hanna von mir. Sage ihr, dass ich ihren Blog sehr gerne lese."

Und dann ist sie weg. Zurück bleibt ein Hauch von Wehmut, ein leichter Geruch nach Erde. Und so was wie ein Versprechen. Ich mache mir eine weitere Tasse Kaffee und setze mich nach draussen. Es hat geregnet in der Nacht. Die Welt sieht aus wie frisch gewaschen. 

PS: Liebe Hausfrau Hanna, Frau Zappadong lässt dich herzlich grüssen.

Donnerstag, 14. Mai 2026

KREATIVZEIT

 

Letztes Wochenende war ich am Kreativmarkt Toggenburg in Wattwil und deshalb sollte das Wort dieser Woche Kreativmarkt sein. Das Problem: Dem Wochenende mit zwei Tagen am Kreativmarkt folgten zwei Lesungstage, den Lesungstagen folgte ein Tag beim kleinen Menschen in Winterthur. Es waren fünf lange, intensive Tage mit viel Unterwegssein am Stück, an deren Ende ich jeweils zu müde zum Schreiben war. Sogar meine Morgenmails wurden zu sehr kurzen Abendmails, falls überhaupt. Ein Blogpost? Uffa ... der musste auf heute warten.

Heute ist der erste Tag, an dem ich durchatmen kann. Begonnen habe ich ihn mit der Morgenmail an Jutta, danach habe ich eine Wäscheladung nach der anderen in die Waschmaschine gesteckt und dazwischen weg- und aufgeräumt und den Besuch unseres Sohnes genossen. 

Am späteren Vormittag trudelte Juttas Morgenmail an mich in meinen virtuellen Briefkasten. In der Mail steckte zwischen den Zeilen auch mein Wort der Woche:

"Was mir nämlich fehlt, sind nicht nur mehr freie Tage, sondern tatsächlich auch mehr Zeit für kreatives Arbeiten. Kling bescheuert, weil ich ja schließlich einen kreativen Beruf habe, aber ich ahne, dass du weißt, was ich meine. Einfach mal wieder im Bujo gestalten - nicht, um Termine einzutragen, sondern um schöne Seiten zu gestalten."

Oh ja, ich weiss, was sie meint! Kreativzeit. Natürlich ist das Schreiben von Büchern zu einem Teil Kreativarbeit, aber es ist vor allem unser Beruf, zu dem auch viel Handwerk und sehr viel pragmatisches und logistisches Drumherum samt Terminplan gehört. Kreativzeit bedeutet für mich Zeit für: Zeichnen, Handwerken, Gärtnern, Bujo, Collagen, Stricken usw. Nicht immer habe ich diese Kreativzeit. In den letzten fünf Tagen fehlte sie mir. Also habe ich heute nicht nur weg- und aufgeräumt, sondern gleich auch meine Kreativecke unterm Dach vergrössert. Noch ist sie nicht fertig, aber sie kommt gut. 

Der Kreativmarkt liegt nun schon einige Tage zurück, aber er wirkt nach. Theres und ich hatten einen Stand, an dem wir ihre Arbeiten und einen Teil meiner Bücher ausgestellt haben. Wir haben andere Kreative kennengelernt, uns mit Standbesuchern unterhalten und uns von anderen Kreativarbeiten inspirieren lassen. Zurückgekommen sind wir mit einigen Sachen weniger, dafür mit Ideen für Neues - und ich mit wunderschönen Kreativarbeiten von anderen. An einem der nächsten Ateliertage wollen wir auf dem Tisch ganz viel Material ausbreiten und schauen, was aus unseren mitgebrachten Ideen entstehen wird. Dazu brauchen wir ... ganz viel Kreativzeit.  

Credit: Die wunderschöne Postkarte ist von Sandra Gasser, die Kunst und Gebäck perfekt vereint und im Internet als Zuckerleinwand unterwegs ist. Entdeckt habe ich sie, ihr Gebäck und ihre Karten am Kreativmarkt.

Montag, 4. Mai 2026

GARTEN


Ich geniesse das grosse Privileg, zwei Gärten zu haben, einen im Tal unten und einen in den Bergen, wobei der Garten in den Bergen eher ein schier unzähmbarer Dschungel in einem mörderischen Steilhang ist, und der im Tal unten nicht wirklich als Garten durchgeht. 

Früher, als wir den Garten in den Bergen noch nicht hatten, habe ich jeweils im Frühjahr tonnenweise Pflanzen gekauft, ein- und mehrjährige. Lange ausgehalten haben es die wenigsten mit mir. Trotzdem habe ich unverdrossen jedes Jahr neue Pflanzen gekauft, habe Unkraut gezupft, bin mit der Giesskante herumgewuselt und mir meinen Garten so schön wie in den Magazinen gewünscht. Vergeblich.

Dann kam das Haus in den Bergen, und ich habe schnell gelernt, dass ich mit der Gartenmethode aus dem Tal total auflaufe. Als mein Vater das erste Mal gnadenlos alles in der Nähe des frisch angelegten Gehwegs niedermähte, ist mein Herz vor Entsetzen beinahe stehengeblieben. Was ich mühselig gepflegt und gehätschelt hatte, war ... weg! "Wie kannst du nur?", habe ich ihn gefragt und er hat gemeint: "Das wächst schneller nach als du gucken kannst." Er war es auch, der nach dem Roden das Gehölz nicht entsorgt hat, sondern mitten im Gelände einfach zu einem Haufen zusammengetragen und liegen gelassen hat. "Da werden sich eine Menge Kleintiere drin wohlfühlen." Ich habe das anfangs nicht verstanden. Mein schönes Grün war plattgemacht und im Gelände stapelten sich unansehliche Haufen. 

Es dauerte nicht lange, bis ich merkte, wie recht er in Sachen Nachwachsen hatte, und dann noch eine Weile, bis sich das mit den Stapeln herumgesprochen hatte und immer öfter so gemacht wurde. Über die Jahre habe ich gelernt, dass die Natur vieles von selbst regelt - wenn man sie lässt. Ich habe gelernt, loszulassen. Habe wachsen lassen, was wachsen wollte. Vieles davon oft im nächsten Jahr an einem anderen Ort. Ich habe aber auch gelernt, ziemlich radikal zu mähen und Bäumen unzimperlich mit der Säge zu Leibe zu rücken, Brombeerausläufer zu Dutzenden jedes Jahr aufs Neue aus dem Boden zu reissen - manchmal auch einfach abzuschneiden, weil die sowieso wieder nachwachsen. Ich habe dem Bärenklau den Kampf angesagt und reihenweise invasive Pflanzen ausgerissen oder abgeschnitten. Ich habe aus Natursteinen eine Feuerstelle errichtet, Terrassierungen und Trockenmauern gebaut, den Steilhang mit Naturtreppen aus Stein und Holz begehbar gemacht. Was wir roden (hier die wir-Form, weil die ganz grossen Arbeiten Herr Ehemann erledigt), werfen wir heute sehr selbstverständlich auf Haufen und geben damit jensten Kleintieren ein Zuhause.    

       

Ganz gezähmt ist der Bergdschungel nicht. Im Winter rutschen manchmal Teile der Terrassierung weg, im Frühling wächst er uns regelmässig über den Kopf. Aber er ist schön, unfassbar schön in seiner Wildheit. Wenn ich "schnell" eine Runde durchs Gelände drehen will, bin ich oft erst nach einer Stunde wieder zurück. Weil es so vieles anzuschauen und zu bestaunen gibt. Und ich immer neue Ideen habe, was ich noch machen könnte. Ohne den Garten in den Bergen würde mir etwas fehlen. Sehr sogar. 

Die Art, wie ich in den Bergen im Garten arbeite, habe ich mit ins Tal hinunter genommen. Es wächst, was wachsen will. Ausser ein paar einjährigen Frühlingsblumen kaufe ich nichts mehr. Im kleinen Garten gedeiht und blüht es auch so. Bunt, wild, kaum gezähmt. Und wenn es von etwas zu viel wird, arbeite ich nicht "mit der Nagelschere" wie mir früher scherzhaft gesagt wurde, sondern nehme das grosse Besteck raus und schneide zurück. Unfachmännisch resp. unfachfraulich, ohne Angst, etwas kaputtzumachen. Weil mein Vater recht hatte: "Das wächst schneller nach als du gucken kannst." Und wenn es mal nicht so ist, nun, dann wächst dort eben etwas anderes.

Gärtnern, so habe ich gelernt, ist etwas für Furchtlose. Gärtnern ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenmarsch. Gärten wachsen über Jahre, Jahrzehnte, oft Jahrhunderte. Gärtnern lehrt einen Gelassenheit. Ich nehme dankbar an, was die Natur für mich einrichtet. Sie ist sowieso die viel bessere Gärtnerin als ich. 

Das Einzige, das ich bedaure: Ich träume immer mal wieder den Traum der Selbstversorgerin. Aber ich kenne meine Grenzen. Und meine (Nicht)Fähigkeiten als Gärtnerin. Weshalb ich das mit dem Gemüsegarten bleiben lasse. Das eine Hochbeet, das ich mir eingerichtet habe, hat - um es nett auszurücken - sehr viel Luft nach oben. Ich beschränke mich also auf das, was abgesehen vom Giessen auch ohne mich wächst.

Nie ist der Garten so schön wie jetzt im Frühling. Ich komme gerade aus den Bergen zurück, wo ich mich stundenlang im Steilhang verloren habe, beim Arbeiten, beim Schauen, beim Staunen, beim Ideen jonglieren. Jetzt tippe ich diesen Blogpost mit Sicht auf das blühende Kleingartenleben um mich herum. Perfekte Gärten sehen anders aus als meine. Und noch immer überkommt mich beim Anblick schöner Gärten in Magazinen eine leise Wehmut. Aber seit ich herausgefunden habe, dass meine Gärten ein bisschen so aussehen wie ich, bin ich mit mir und der Gartenwelt versöhnt.