Montag, 20. Juli 2026

BINFACE

 

Heute Morgen bin ich einmal mehr über das Wort Binface gestolpert und wollte es endlich genau wissen, denn ich wusste bisher nur, dass dieser/dieses Binface irgendwas mit der Wahl von Nigel Farage in England zu tun hat. Bevor ihr euch hier ausklinkt, weil ihr euch weder mit Wahlen noch mit einem Windhundpolitiker erster Güte auseinandersetzen wollt: Tut es nicht! Binface ist ein Entdecken wert. 

Um genau zu sein: Das Wesen, das aussieht wie ein Astronaut, einfach mit einem sehr stylischen und zum Outfit passenden Mülleimer (bin) auf dem Kopf, hat einen Titel, es nennt sich Count Binface. Unter dem Mülleimer und dem coolen Outfit steckt der britische Schriftsteller und Komödiant Jonathan David Harvey. Der selbsternannte unabhängige Weltraumkrieger nimmt immer wieder mit einem verrückt-abstrusen Wahlprogramm an Wahlen teil, bisher mit sehr bescheidenem Erfolg.

Diesmal ist es anders. Und jetzt komme ich zu Nigel Farage, dem rechtspopulistischen Politiker, der wie kaum ein anderer für den Brexit kämpfte, sich danach ziemlich unvornehm vor sämtlicher Verantwortung drückte, um 2024 zu erklären, der Brexit sei gescheitert. Natürlich wusste er auch genau warum - schuld waren alle anderen, er sicher nicht, aber er komme jetzt aus seinem Ruhestand in die Politik zurück und werde das richten. Blöderweise für ihn ist er über einen epischen Spendenskandal gestolpert; worauf er zurückgetreten ist, mit der Ankündigung, er werde sich dem Volk sogleich in Wahlen stellen, um danach, grandios gewählt, politisch bis an die Spitze durchmarschieren. Das alles im Bewusstsein, dass sich in seinem Wahlkreis so kurzfristig keine Kandidat:innen finden werden, die gegen ihn antreten wollen oder können.

Und dann kam Count Binface und warf ihm den Fehdehandschuh, respektive den Eimer vor die Füsse. Eine Comicfigur mit einem Nonsens-Wahlprogramm. Man stelle sich das vor: Da will einer, den ganz viele nicht mögen, unbedingt an die Spitze, legt dafür einen Wahlstunt hin, der ein kleiner aber ziemlich teurer Witz ist, und dann kommt so ein Weltraum-Mülleimermann und fordert ihn heraus. Die Chancen, dass Count Binface gewinnt, sind klein. Aber jedes Prozent Wählerstimmen, das an ihn geht, lässt den grossspurigen Farage ziemlich alt aussehen, denn jede Stimme, die an Binface geht, bedeutet: lieber ein Mülleimer als ein Rechtspopulist ohne Rückgrat. Also, ich wüsste, wen ich auf meinen Wahlzettel schreiben würde. Alles Gute, Binface. Mögest du viele Stimmen für dich gewinnen. Ein Vorbild für skurril-kreativen Widerstand bist du jetzt schon.

Montag, 13. Juli 2026

PLOTLÖCHER


Wer schreibt, kennt sie: die Plotlöcher, also die Stellen in der Geschichte, in denen die Logik auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Vor ein paar Monaten habe ich in meiner Lost Souls Geschichte ein Plotloch epischen Ausmasses entdeckt und beim Auffüllen habe ich mich erst mal darin verirrt. Unzählige verworfene Szenarien weiter hatte ich immerhin eine Idee, wie ich da rauskommen konnte. Das Rauskommen war dann noch einmal eine ganz andere Sache. Irgendwann, so dachte ich, ich hätte es im Griff, aber beim Umschreiben habe ich neue Plotlöcher geschaffen, kein so riesiges mehr, aber doch gross genug, um beinahe daran zu verweifeln. Mittlerweile ackere ich mich zum umpften Mal durch den Text und finde immer neue Löcher. So viele, dass ich mich kurzfristig zur Queen of Plotlöcher gekürt habe. 

Nun könnte man einwenden, dass eine geschicktere und gründlichere Planung die Gefahr solcher Löcher verringern würde. Der Einwand wäre berechtigt. Nur, so funktioniere ich als Autorin nicht. Ich schreibe mich spiralenartig durch meine Geschichten, von denen es mir reicht, die Figuren, das Setting und die Grundidee zu kennen.

Ich will mich auch nicht beschweren. Oder gar mit mir hadern. Ich liebe es, das Notizbuch hervorzunehmen, wenn ich feststecke und unzählige "was wäre wenn" Szenarien zu entwerfen. Das ist meine Art, die Geschichte in den Griff zu bekommen, und wenn ich gefühlte 832 Mal wieder an den Start muss, dann ist das halt so. 

Vielleicht arbeite ich so, weil ich viel lieber überarbeite als schreibe. Vielleicht ist das meine einzige Chance, Queen von irgendwas zu werden. Wahrscheinlich ist, dass ich schreibe, wie ich lebe. 

PS: Ja, das ist ein bisschen ein fiebrig-löchiger Blogpost geworden. Das könnte daran liegen, dass es mich gerade ziemlich heftig erwischt hat, das volle Programm von dem, was man sich an Husten, Erkältung, Wattekopf und Waschlappenfeeling einfangen kann. 

PPS: Die Collage besteht aus Einträgen aus diversen Notizbüchern. Wer mag, darf beim fröhlichen Bücherraten mitpielen (Hinweis: Es sind drei Bücher.)

Dienstag, 7. Juli 2026

SCHREIBSURFEN

Ein Morgen ohne Morgenmail ist ein seltsam verschobener Morgen. So sehr habe ich mich daran gewöhnt, mich an den Tisch zu setzen (wo immer der gerade steht, zur Not tut es auch ein Tischchen im Zug) und eine Morgenmail an Jutta zu schreiben. Ich weiss gar nicht mehr, wann wir mit diesem Ritual begonnen haben; es ist auf jeden Fall Jahre her. Mittlerweile ist dieses Morgenmailschreiben so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir einander kurz informieren, wenn unsere Zeit nicht für eine Morgenmail reicht, aber bestimmt noch eine kommen werde, entweder am Nachmittag oder am Abend.

In diesen Mails hat alles Platz. Alltag, Beruf, Wünsche, Träume, immer ungeschminkt und offen. Oft schreiben wir über das Schreiben. Früher über das Schreiben nebst Kindern, Haushalt und Beruf. Darüber, was wir uns für unsere Bücher wünschen, auch darüber, was aus unseren Büchern geworden oder eben nicht geworden ist. Frust, Schmerz, Leid haben wir genauso geteilt wie Hoffnung, Freude und absolute Hochgefühle. Wir haben uns darüber ausgetauscht, warum wir gerade nicht schreiben, warum wir trotzdem gerne schreiben (würden), was uns davon abhält und ausbremst, was uns motiviert und antreibt, wie wir zurück ins Schreiben finden. Wir sind gemeinsam auf Glückswellen gesurft und haben die jeweils andere getröstet, wenn mal wieder eine von uns gnadenlos an einen Strand geschleudert wurde und sandspuckend am Ufer sass. Schreiben ist Surfen auf Wellen, samt grässlichen Tauchern, war es und wird es immer sein.

Mit dem Alter sind wir gelassener geworden, wir wissen um die stürmische Schreibsee. Manchmal, wenn es mit dem Schreiben so gar nicht klappen will, sagen wir uns, dass wir wohl einmal zu oft zu heftig an den Strand geschleudert wurden. Andere haben aufgegeben. Wir sind jedes Mal wieder auf dieses Surfboard gestiegen. Nicht immer gleich mutig, nicht immer gleich zuversichtlich. Wir wissen beide, was wir wollen. Es sind nicht dieselben Wellen, die wir reiten, aber es sind definitiv Schreibwellen.

Begonnen habe ich diesen Post mit den Morgenmails. Und eigentlich wollte ich damit nur eine Einleitung zum geplanten Thema schreiben. Nur, mich hat eine Schreibwelle anderswohin getragen. «Jo nu so dänn halt«, wie wir bei uns sagen. Ich mache eine Kehre und komme zum Punkt.

Ich arbeite an meinem ersten Newsletter. Weil ich ihn datenschutzkonform verschicken will (also niemandem ungefragt einfach ins Postfach schleudern), habe ich die letzten drei (!!!) Jahre Anmeldungen gesammelt. Eine harzige Sache in einer Zeit, in der wir alle sowieso zu viele Mails erhalten. Mein Ziel war es, mindestens fünfzehn Anmeldungen zu haben, bevor ich mich ins Abenteuer Newsletter stürze. Kürzlich bin ich bei 20 angekommen. Es gilt also ernst jetzt.

Meinen Newsletter möchte ich gestalten wie die Morgenmails. Persönlich. Mit Einblicken ins Schreiben, ohne dass es eine Nabelschau wird, in der ich auch noch grinsend Bücher in die Kamera halte. Geplant sind Schreibtipps, Empfehlungen, Hinweise auf Anlässe usw. Vier Mal im Jahr.

Schön wäre es, wenn ich den ersten Newsletter an mindestens 25 Personen schicken könnte. Also: Wenn du bis hierhin gelesen hast und denkst: «Momoll, das könnte was sein», würde mich eine Anmeldung freuen.

Jetzt, wo der Blogpost steht (wenn auch etwas chaotisch), packe ich mein Schreibsurfboard und gleite auf den Wellen der Lost Souls durch den Nachmittag.

Wo immer du hinsurfst, alles Gute.   

Dienstag, 30. Juni 2026

ANDERSWO

Ich war zwei Wochen anderswo. Das Zurückkommen fiel mir leicht, das Ankommen schwer. Das leuchtend frische Frühlingsgrün der letzten Wochen ist mattem, müdem Sommergrün gewichen. Der Alltag hat mich wieder: garstiger Bürokram, ein Haushalt, der geputzt werden will, eine Agenda, die schon wieder zu voll ist, eine To-Do-Liste, die abgearbeitet werden will. Statt beschwingt und motiviert die Dinge anzugehen, quäle ich mich durch sie hindurch, natürlich nicht sofort, sondern mit Verzögerung und nach viel Auf- und Hinausschieben. Traurigkeit schleicht sich ein, genauso matt wie das Sommergrün. 

Ich wäre gerne anderswo.
Ich wäre gerne anderswer.

Sommerblues halt. Ganz klassisch. 

Dabei wollte ich über Mut bloggen, aber das geht schlecht in diesem mutlosen Zustand.

Ich wollte über all das viele Grüne bloggen, das ich im Juni gesehen habe (Monatsaufgabe in der Juni-Schneckenpost), aber das geht schlecht in diesem mattgrünen Zustand.

Ich wollte über meine Pläne für die zweite Jahreshälfte bloggen, aber die sind in meinem Sommerblues ertrunken und auf Grund gesunken.

Dabei weiss ich doch: Bürokram lässt sich locker erledigen. Hausputz war nie lustig und wird nie lustig sein, aber schwierig ist das nicht. Die Termine in der Agenda sind ja alles total coole Termine und in (fast) jeder vollen Agenda finden sich Löcher. To-Do-Listen kann man zusammenstreichen. 

Vor allem: Ich bin mir extrem bewusst, was für ein Fliegenschiss respektive First World Boomer Luxusproblem mein Sommerblues ist. Beinahe hätte ich deswegen den ganzen Post gelöscht. Nur, dieses jämmerliche Wesen hier bin eben auch ich, und glaubt mir, ich wäre es lieber nicht. Bei Gelegenheit werde ich mich mit Frau Zappadong darüber unterhalten. Sie wird mir (zurecht) ordentlich die Kappe waschen und mich dann - hoffentlich - trotzdem in die Arme schliessen.

PS: Die kleinen Bilder in der Collage sind in der Zeichnungsrunde im Atelier entstanden.

Montag, 22. Juni 2026

ORTE


Vor ein paar Tagen erkundeten wir einen uns noch nicht bekannten Teil von Schottland. Wir fuhren quer durch eine Halbinsel, einem kleinen Hafenort am Meer entgegen. Ich hatte ihn vorher weder online angeschaut noch etwas über ihn gelesen. Schon die Sicht von oben nahm mir den Atem, und als wir am Hafen parkten, wusste ich - noch bevor ich auch nur aus dem Auto ausgestiegen war - dass hier eine meiner Geschichten spielen würde. 

 
Ich habe meine Gefühle zu diesem Ort in den Social Media geschildert und einen Kommentar dazu erhalten, der in mir nicht nur ein Licht sondern gleich eine ganze Lichterkette anzündete. 

"Spannend, dass es oft Orte sind, die dich inspirieren."

Was Mirjam Wicki (mehr zu ihr am Ende des Posts - unter dem letzten Foto) mir da in den Kommentar schrieb, war so logisch, so offensichtlich, so klar - nur hatte es dieses Wissen nie aus meinem Unterbewusstsein an die Oberfläche geschafft. Wann immer ich gefragt werde, was mich beim Schreiben inspiriert, antworte ich: "Musik, aktuelle Themen, die mich beschäftigen, meine Buchfiguren." Nie, noch gar nie habe ich geantwortet: "Orte".  Und das, obwohl Mittelstreifenblues eine Liebeserklärung an die Berge (und die Menschen) ist. Obwohl in den Lost Souls Büchern ganz viele meiner Sehnsuchtsorte vorkommen. Obwohl ich in mindestens vier Büchern Kieswerke als Handlungsorte habe ...

Diese Blog-Zeilen schreibe ich in einem Hotelzimmer in den Yorkshire Dales. Dort, wo Ayden Morgan am Anfang von Band 5 der Lost Souls zum Fotografieren unterwegs ist. Ich habe ihm meine Liebe zu den Dales geschenkt und freue mich, dass ich nach dieser langen Zeit, in der ich schon am Band 5 schreibe, endlich wieder einmal eine Weile an diesem Sehnsuchtsort verbringen darf.  

Wenn ich das nächste Mal gefragt werde, was mich inspiriert, werde ich Orte als erstes nennen. Von den Orten und den Stimmungen, die über ihnen liegen, komme ich auf Figuren, die dort leben und von diesen Orten geprägt wurden/werden, oder Figuren, die dort hinziehen und die dafür ihre Gründe haben. Und wenn ich das einmal habe, ist es zur Geschichte nicht mehr weit. 

Und hier - aus aktuellem Anlass - noch ein kurzer Textauszug aus Band 5 der Lost Souls:

Der Wind wurde stärker, dunkle Wolken schoben sich ineinander und löschten das letzte Blau des Himmels, erste Regentropfen peitschten in Aydens Gesicht. Die einzigartige Landschaft der Dales wurde zum Drama mit unzähligen Möglichkeiten für spektakuläre Fotos, doch sein sonst so gutes Auge für das perfekte Bild war heute blind. Sein Blick richtete sich gegen innen; er sah nur Kata, die Frau, die er über alles liebte. Sie war stark, mutig, entschlossen, aber das, was dieser Mann ihr aufbürdete, könnte sie in eine Welt schleudern, die sie hinter sich gelassen hatten. 

 

Und nun - wie versprochen - zurück zu Mirjam Wicki. Mirjam Wicki ist Autorin. Seit ein paar Tagen schreibt sie in Schweden, an einem wunderbaren Ort, in einem total schönen Astrid-Lindgren-Haus. Was sie dabei erlebt, was ihr durch den Kopf geht, was ihr Herz berührt, erzählt sie ungeschminkt und ungeschönt ihn ihrem Blog. Mein Lesetipp für euch! Hier geht's lang: Schwedentagebuch von Mirjam Wicki. 

PS: Was mir beim Schreiben des Blogtitels aufgefallen ist: Um den Buchstaben W ergänzt, ergeben sich aus ORTE ... WORTE. Wie passend!