Mein Hirn ist leer, meine Eingebung verweigert ihren Dienst, meine Fantasie meint, ich solle mal ohne sie klarkommen. Es ist Montag, ich suche seit gestern ein Wort der Woche, wobei ich das ja nie suchen gehen wollte, sondern mich darauf verlassen habe, dass es mich schon findet, aber diese Woche spielt es Verstecken mit mir. Sitzt gut verborgen in irgendeinem Gebüsch, streckt mir die Zunge raus und sagt (um aus Tom Zais neuem Buch Mord am Alpenfjord zu zitieren) "ätschi-bätsch." Ich würde ihm (also dem versteckten Wort, nicht Tom Zai) den Mittelfinger zeigen, wenn ich denn wüsste, in welchem Gebüsch es sitzt.
Aufgeben und kein Wort der Woche suchen ist keine Option. Mein Projekt heisst: 52 Wochen - 52 Wörter und beinhaltet auch 52 Collagen und 52 Blogposts. Da kann ich nicht auf halbem Weg vor einem leeren Hirn kapitulieren. Nach umpfzig mühsam herangezogenen Wörtern, die ich alle nicht wirklich mochte, greife ich jetzt zur Notlösung. Ich hole die Schachtel mit den Würfeln, die ich heute an den Schreibworkshop in Unterägeri mitgenommen habe und ziehe das Schicksal oder (um wieder auf Tom Zai zurückzukommen) den Zufall zur rettenden Hilfe herbei.
Vorsatz: Ich greife blind in die Würfelschachtel, ziehe einen Würfel heraus und würfle mir das Wort. Einen Versuch will ich mir geben.
Nun, das erste Bild ist ein Mund. Labern, reden, sprechen, schweigen, singen, küssen ... blablabla. Nein, keine Lust. Liebes Schicksal, lieber Zufall, ihr könnt mich mal. Also ein zweites Mal würfeln. Ein Ventilator. Ach nöööö. Über die Maihitze ist genug geschrieben worden und wer meinen Blog schon etwas länger liest, weiss, dass ich Hitze nicht ausstehen kann. Und ich will nicht einfach herumnölen und herumjammern, wie grässlich ich es finde, wenn es zu heiss ist ... Ausserdem ist es heute merklich kühler, nicht wegen des Ventilators, sondern weil die Natur es von sich aus so entschieden hat.
ABER, so denke ich mir: Würfel ist doch ein wunderschönes Wort. Und die Bildwürfel, mit denen sich so wunderbar irre Geschichten erfinden lassen, die finde ich toll. Deshalb greife ich jetzt in die Schachtel, ziehe fünf Würfel raus und erzähle euch eine Würfelgeschichte.
Meine gewürfelten Wörter: Palme, Lippenstift, Brille, Kompass, Socken.
Den Titel der Geschichte ermittle ich mit meinem Zeigefinger. Vor mir liegt die Lokalzeitung. Ich werde kurz die Augen schliessen, meinen Finger auf die Zeitung legen und .... da-da-da-daaaa. Der Titel lautet "Auftraggeberin" Also dann.
Auftraggeberin
Ich räkelte mich gemütlich auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine flauschige Lieblingsdecke, an meinen Füssen die Socken, die mir Grosstante Emilia letzte Weihnachten geschenkt hat. Der verregnete Frühsommerabend war genau der richtige Zeitpunkt für einen Krimi, bei dem es einem die Nackenhaare aufstellt und man die Nägel schon auf Seite 50 bis zum Anschlag abgekaut hat. Ich war genau auf Seite 51, die Nägel also blutig abgekaut, die Brille beschlagen, weil es mir von der Decke und dem Angstschwitzen zu heiss geworden war - da klingelte das Telefon. Mein Herz setzte kurz aus, das Buch fiel mir aus den Händen, ich japste nach Luft und suchte den Weg aus dem schottischen Hochmoor, wo der Serienkiller meiner Heldin dicht auf den Fersen war, zurück ins Hier und Jetzt. In diesem Hier und Jetzt klingelte es weiter. Weil ich sowieso in der Realität angekommen war, nahm ich den Anruf entgegen.
"Sie ist tot", sagte eine unheimliche Stimme.
"Wer?", fragte ich etwas ungehalten.
"Morgan Hennaway."
Ich brauchte einen Moment, bis ich den Namen zuordnen konnte. Morgan ... Die schottische Heldin.
Ich brauchte einen zweiten Moment, bis ich begriff, dass mich wahrscheinlich jemand beobachtete. Wie sonst konnte der Mann wissen, was ich gerade las. Nicht gut, dachte ich, gar nicht gut.
"Und du wirst die Nächste sein." Den Worten folgte ein fieses Kichern.
Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich fiese Kicherer nicht ausstehen kann, schon gar nicht, wenn sie mich ungefragt duzen. Das Kichern triggerte mich also gewaltig, weshalb ich ich etwas zu angriffig reagierte. "Ich wette, Sie tragen Lippenstift und bewahren Ihre tote Mutter in einem Schaukelstuhl im Keller auf", sagte ich.
"Das ist in der Tat richtig", antwortete der Anrufer leicht angesäuert. "Und du scheinst ein paar Thriller und Krimis zu viel gelesen zu haben."
"Möglich", sagte ich, und weil mich der Typ schon zum zweiten Mal geduzt hatte, duzte ich zurück. "Vor allem geht mir dein Kichern auf den Geist."
"Der Joker kichert auch", erklärte er gekränkt.
"Aber du bist nur halb so gut darin", gab ich zurück. "Also: Was verschafft mir das Ärgernis, mich telefonisch mit dir herumschlagen zu müssen?"
"Meine Mutter."
Hätte ich mir denken können.
"Sie hat mir einen Auftrag gegeben."
"Lass mich raten", sagte ich. "Deine Mutter aka deine Auftraggeberin hat dir befohlen, mich umzubringen, vorzugsweise unter der Dusche, mit einem Messer."
"ähhmm ..." Nun klang er enttäuscht. "Gab's wohl schon mal ..."
"Yap."
Er sagte nichts mehr, aber ich konnte ihn atmen hören. "Willst du schnell in den Keller und einen neuen Auftrag entgegennehmen?"
Der weiteren Stille, die folgte, entnahm ich, dass er ernsthaft über diesen Vorschlag nachdachte. Ich nutzte die Zeit und schaute mich in meiner Wohnung um. Dann stand ich auf und ging auf das Regal zu. Dort stand der Kompass meines Grossvaters, faszinierend schön wie eh und je, aber nicht am selben Ort wie eh und je. Mir fiel der Elektriker ein, der vor ein paar Tagen hier gewesen war. Ein etwas seltsamer Vogel, gross und dünn, mit schütterem Haar und ungesunder Hautfarbe. Ich schlich mich von der Seite an, beugte mich in einer schnellen Bewegung vor und sagte: "Buh".
Er stiess einen erschrockenen Schrei aus.
"Vorschlag", sagte ich. "Du kaufst dir eine schöne Zimmerpflanze, am besten eine Palme, stellst sie zu deiner Mutter in den Keller und dann lest ihr einen guten Krimi oder Thriller. Und mich lasst ihr in Zukunft in Ruhe. Schönen Gruss auch noch an deine Auftraggeberin."
Ich brach die Verbindung ab.
Er hat nie mehr angerufen.







