Montag, 9. März 2026

BUNT

Stell dir vor, du gehst an ein Fest. Einer redet den ganzen Abend über Reisen, die er gemacht hat. Eine verrät ein Geheimrezept nach dem anderen. Einer ist die ganze Zeit über wahnsinnig witzig. Eine erklärt allen den aktuellen Stand in Sachen Klimawandel. Einer kann alle Formel 1 Rennfahrer bis zu den Anfangszeiten zurück aufzählen. Einer preist begeistert die Kosmetikmarke owieschön. Eine schwingt ihr Haar und formt dabei ihre aufgespritzten Lippen zum Schmollmund. Einer weiss haargenau fünf Punkte, mit denen du garantiert erfolgreich wirst, eine andere wiederum kennt genau drei Tipps, wie du zehn Kilos in einer Woche verlierst. Jeder und jede hat genau ein Thema, alle reden, keiner hört zu, alle klingen irgendwann wie kaputte Schallplatten. Du versuchst, irgendwie mitzuhalten, doch keiner hört dir richtig zu. Also hörst und schaust du halt den anderen zu. Beginnst dich zu langweilen, irgendwann hast du genug, alles ist so grell bunt, während jeder und jede einzelne an Farbe verliert, nach und nach verblasst. Immer mehr Menschen kommen durch die Tür, niemanden von ihnen kennst du, auch sie scheinen niemanden zu kennen, aber alle haben ein Thema, über das sie unbedingt reden wollen. Alle scheinen ein Spiel zu spielen, die meisten scheinen es zu kennen. Einige besser als andere. Und du? Fragst dich, wann wir so geworden sind. 

Dieses Fest läuft nonstop, 24 Stunden am Tag, und wir können jederzeit hin. Ohne Einladung. Es findet online statt, auf Insta, auf TikTok, auf Snap und wie sie alle heissen und noch heissen werden. Das war nicht immer so, und um das wehmütig zu bedauern, muss man für einmal kein Boomer sein, denn selbst wesentlich jüngere Menschen können sich erinnern, wie es früher gewesen ist. 

Kürzlich habe ich irgendwo gelesen, dass der Wandlungsprozess in den Social Media ungefähr 2012 begonnen hat. Was als grosses Experiment zur Verbindung von Menschen weltweit begonnen hat, an dem alle teilnehmen konnten, sich über Grenzen verbanden und miteinander austauschten, wurde nach und nach zu Plattformen, auf denen man sich zeigen konnte, Werbung machen konnte, Geld verdienen konnte, Influencer werden konnte. Algorithmen bestimmten immer mehr, wer Aufmerksamkeit bekommt und wer nicht, welche Art von Posts und Werbung wir sehen wollen/sollen/müssen. Menschen, mit denen man sich bisher ausgetauscht hatte, verschwanden aus unserem virtuellen Blickfeld, wurden abgelöst von Unbekannten, von denen eine gesichtslose Maschinerie fand, wir könnten uns für sie interessieren. 

Die Jahreszahl 2012 könnte hinhauen. Ich erinnere mich, wie Buchverlage ungefähr zwei oder drei Jahre nachdem die meisten anderen Firmen schon längst kapiert hatten, dass man auf Social Media Werbung machen kann, auch auf den Zug aufsprangen. "Du musst auf Social Media", hiess es. "Dich präsentieren. Deine Bücher vorstellen. Dich verkaufen." Yap. Dich verkaufen. Als Autorin. Heute geht das so weit, dass Influencer mit vielen Followern Buchverträge bekommen - und bei Autor:innen, die sich bewerben, wird schon mal geschaut, wie gross denn ihre Reichweite auf Social Media ist.

Ich gehöre zu jenen, die über das Bloggen zu den Social Media gefunden haben. Mein erster Blog hiess Zappadong und es ging um so ziemlich alles und jeden, die/der/das mich interessierte. Ich erstellte eine Blogroll und folgte Blogger:innen, die mich beeindruckten. Unter den einzelnen Blogposts gab es nicht selten endlos lange Kommentarlisten. Später kam Twitter dazu, Texthäppchen, versehen jedoch oft mit Links zu spannenden Artikeln. Schnell zeichnete sich ab: Negatives sorgt für Klicks, Kommentare und Likes. Aufmerksamkeit bekam, wer sich empörte oder wer gnadenlos provozierte. Es wurde leiser in den Blogs, andere Plattformen setzten sich durch. Trotzdem mochte ich das Bloggen immer noch am besten, weil es Platz für das Bunte und vor allem auch das Lange liess, für Gedankengänge statt Gedankenhäppchen. Nur: Das Lange war nicht mehr wirklich attraktiv. Attraktiv waren Bilder, später Filmclips. Immer häufiger ging es darum, im Netz nicht unterzugehen, gefunden zu werden. Und gefunden wurde man, wenn einen der Algorithmus liebte. Der wiederum liebte, wenn man ein klares Profil hatte. Mit Menschen, die über dieses, jenes und anderes berichteten, konnte der Algorithmus nicht verstehen, also liess er sie links liegen. 

Zappadong stellte ich irgendwann ein und begann mit diesem Blog. Kreuz und Quer nannte ich ihn, weil ich kreuz und quer durch die Themen bloggen wollte. Nicht mehr als Frau Zappadong, sondern als Ich. Ich wollte über mein Leben als Autorin erzählen, aber auch über das, was mich generell umtrieb und beschäftigte. Bis ...  ja ... bis wann eigentlich? Ich weiss es gar nicht so richtig. Wahrscheinlich bis ich mir sagte, dass die Verlage vielleicht recht haben, vielleicht müsste es ein reiner Autorinnenblog mit Schwerpunkt Bücher schreiben sein. Ich habe es versucht, bin jedes Mal gescheitert, denn Schein und Sein in einem Autorinnenleben liegen weit auseinander, und über das Sein zu schreiben hat zwar (neugierige) Berufskolleg:innen gefreut, aber nicht wirklich geholfen. Und vor allem: Es ist langweilig, immer nur über das Eine zu berichten. Ich vernachlässigte den Blog und zog zu den Häppchenplattformen. Insta, so fand ich, war die ehrlichste Social Media Plattform, weil man gar nicht mehr so tat, als ob der Text wichtig wäre. Es zählte nur das Bild, das Image.

Und so landete ich auf diesem Fest, das ich am Anfang des Posts beschrieben habe. Spielte das Spiel mit wie alle anderen. Versuchte, mich für den Algorithmus entschlüsselbarer zu machen. Mich sichtbar zu machen. Zum Brand zu werden. Im Wissen darum, dass ich dieses Spiel nur verlieren kann. Ich bin zu alt, schreibe die falschen Bücher (Jugendbücher), bin zu wenig bekannt, habe keine Lust auf Empörungsposts, mag nichts Urprivates posten, und noch weniger Lust hatte und habe ich auf all die: Du musst nur das und das tun und dann explodieren deine Followerzahlen.

Immer öfter frag(t)e ich mich, was ich auf Insta und Co. noch soll. Aber da ist diese leise Angst: Angst, überhaupt nicht mehr gesehen zu werden. Das wäre ja völlig in Ordnung, wenn ich nicht vorhätte, meine Bücher in Zukunft im Self Publishing herauszugeben. Und dazu muss ich meine eigene Marketingfrau sein. Im Internet schreien. Nach Regeln, die mir nicht gefallen. Noch bin ich dort. Weniger oft als auch schon, ich poste zu 80 Prozent nur noch nach Lust und Laune, aber immer noch zu etwa 20 Prozent, weil etwas in mir sagt: Aber du muss doch, wenn du deine Bücher selber herausgeben willst. Während ich im Grunde genommen genau weiss, dass das nicht funktionieren wird. 

Anfang Jahr bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Auf meinen Blog. Zu Raum, Zeit und Vielfalt. Hier, wo ich kein Brand oder eine Einthemenfrau sein muss, wo ich nicht laut klappern muss, sondern über das schreiben kann, was mich beschäftigt. Wo es mir egal sein darf, ob mich irgendein Algorithmus nach oben in die Suchleisten hievt oder mich in den tiefen des Netzes ablegt. Wo der Text wichtiger ist als das Foto. Wo Likes und Reichweite keine Rolle spielen. Hier bin ich. Hier wird es persönlich. Hier darf es bunt und wild und frei und lang und kreuz und quer sein.

Und ich suche nach anderen Blogs. Keine Einthemenblogs, sondern Blogs, in denen es um das Leben in all seinen Facetten geht. Zum Glück habe ich immer noch meine Blogroll aus den Anfangszeiten. Viele Blogs sind daraus verschwunden, einige sind geblieben. Zum Beispiel Hausfrau Hanna, die seit Jahren wunderbar poetisch und genau auf den Punkt aus dem Leben berichtet. Oder Jutta Wilke, die oft lange aus denselben Gründen wie ich Blogpausen gemacht hat, deren neuster Post mich aber zu diesem inspiriert hat.

Wenn ihr selber bunt über das Leben bloggt, lasst es mich bitte in den Kommentaren wissen. Wenn ihr tolle Blogs kennt, bitte ebenfalls. Danke. 

PS: Danke, Jutta Wilke. Von ihr habe ich das Bild des bunten Bloggens. Ich habe es aufgegriffen, weil ich finde, das passt so richtig gut. 

Dank an: Theres Willi für die Zeichnung auf der Collage.

Dienstag, 3. März 2026

GRUNDEINKOMMEN

 

64 Jahre und 3 Monate. Das ist das Alter, das Frauen meines Jahrgangs in der Schweiz erreichen müssen, um ihre AHV zu bekommen. Und fast auf den Tag genau habe ich Post erhalten, in welcher ich den Betrag erfahre, der mir zusteht. Es ist mehr oder weniger das, was Herr Ehemann und ich aufgrund von Abklärungen ausgerechnet haben. Auf das Maximum komme ich nicht, obwohl ich ein Leben lang lückenlos gearbeitet und daneben auch Kinder grossgezogen habe. Grund: Ich habe zwar tolle Berufe ausgeübt, aber halt solche, in denen man nicht viel verdient, auf jeden Fall zu wenig, um auf die Maximalrente zu kommen. Darüber könnte ich jetzt einen laaaaangen Blogpost schreiben, vor allem, was das für alleinerziehende Frauen bedeutet, oder für Frauen (und Männer), die Kinder betreuen und deshalb zumindest einen Teil ihrer Berufsjahre Teilzeit arbeiten, oder generell für Menschen, die im Tieflohnbereich arbeiten und dann am Ende eines harten Arbeitslebens nicht einmal eine Maximalrente erhalten, aber darum soll es heute nicht gehen. Man könnte hier auch eine Diskussion um die zweite und dritte Säule unserer Altersvorsorge starten, doch auch darum soll es in diesem Post nicht gehen. Fakt ist: Kein Mensch in der Schweiz kann von der AHV alleine leben (deshalb das Dreisäulenprinzip). 

Fakt ist auch, dass ich ab dieser Woche offiziell Rentnerin bin. Weil ich nicht die leiseste Absicht habe, mit dem Arbeiten aufzuhören, erhalte ich mit der AHV eine Art bedingungsloses Grundeinkommen. Ich freue mich seit Monaten darauf. Weil mir dieses Grundeinkommen die Freiheit gibt, meine Arbeit anderes einzuteilen, denn dass ich weiterhin im Berufsleben bleiben möchte, steht für mich schon lange fest. Ich mag zwar die allermeiste Zeit nur Berufe ausgeübt haben, mit denen man zu wenig verdient, um auf eine volle AHV-Rente zu kommen, aber dafür hatte ich auch fast immer Berufe, die ich leidenschaftlich gerne ausgeübt habe und immer noch ausübe. Ich möchte weiterhin mit dem da bux Verlag tolle Bücher veröffentlichen, ich möchte weiterhin schreiben, ich möchte weiterhin Workhops geben, ich möchte weiterhin Lesungen machen. Beim da bux Verlag kann ich nicht reduzieren, will ich auch gar nicht, auf jeden Fall noch nicht jetzt. Aber mein Leben als Autorin kann ich gemächlicher angehen. Kein Mensch erwartet, dass ich jedes Jahr eins oder gar mehrere Bücher veröffentliche, Workshops kann ich nach Lust und Laune und Bedarf geben und bei den Lesungen habe ich schon die letzten paar Jahre reduziert, zudem ahne ich, dass sie mit nachlassender Veröffentlichungsrate sowieso langsam versanden werden. Wichtig ist: Weil ich jetzt sozusagen ein Grundeinkommen habe, kann ich es mir leisten, weniger zu arbeiten. 

Ein Grundeinkommen. Ich wünschte mir, ich hätte das früher gehabt. Damals, als ich - und auch wir als Familie - es dringend benötigt hätten. Ich schaue mir die Familie meiner Tochter an und denke mir, wie viel einfacher es für ihr Lebensmodell (um das ich sie beneide und das ich mir damals so sehr gewünscht hätte) wäre, wenn sie dieses Grundeinkommen heute schon hätte. Und ja: Das kostet. Aber es würde so viel Druck von den Menschen nehmen. Es gäbe vielen von ihnen die Möglichkeit und Chance, über sich hinauszuwachsen, Projekte anzugehen, die ihnen ohne Grundeinkommen nicht möglich wären. Sie könnten Dinge wagen, die sie ohne Grundeinkommen nicht wagen können. Vielleicht stünden wir als Gesellschaft an einem ganz anderen Punkt, wenn wir ein Grundeinkommen hätten und damit die Zeit, die Ruhe und den Raum, etwas Gutes zu schaffen. 

Ich habe fest vor, mir mit meinem Grundeinkommen genau diese Zeit, diese Ruhe und diesen Raum zu schaffen. Für die Arbeit, für meine Freizeit, für den kleinen Menschen in Winterthur. Und ich möchte meine Begeisterung für das kreative Schaffen ausleben und weitergeben. Nicht zuletzt im Atelier in der alten Schufabrik (ja, kein "h" im Schu ... sie schreibt sich so). 

Während ich diesen Post geschrieben habe und immer noch schreibe, sind mir so viele Dinge eingefallen, die ich unbedingt auch noch erwähnen sollte, aber das würde den Rahmen hier total sprengen. Ich freue mich im Augenblick einfach daran, dass ich diese Woche zum ersten Mal eine AHV erhalte. Ihr dürft mir aber gerne in den Kommentaren die Fragen stellen, die euch nach dem Lesen auf der Zunge brennen - oder mir von euren eigenen Erfahrungen berichten. 

Montag, 23. Februar 2026

KÜCHE


Ja, ich weiss. Küche ist ein seltsames Wort der Woche. Aber es ist so: Die Küche ist einer meiner Lieblingsorte im Haus, und ich finde, es ist Zeit für eine kleine Liebeserklärung. 

Seit wir vor ungefähr zwei Jahren ein kleines Sofa zum Küchentisch gekauft haben, ist meine Beziehung zu unserer Küche noch intensiver geworden. Ich sitze ich jeden Morgen auf diesem Sofa, schreibe meine Morgenmail, lese mich durch Mails und Online-Zeitungen, trinke Kaffee, plane, lasse Gedanken schweifen, gucke einfach. Immer wieder kehre ich an diesen Tisch zurück, mehrmals pro Tag. Am Abend und am Wochenende kocht einer von uns beiden und der andere sitzt häufig auf dem Küchensofa. Unsere Küche ist eine Wohnküche, ein Wohfühlort, ein Begegnungsort. 

So war das immer. Ich bin als Kind in einem Haus mit einer Wohnküche aufgewachsen, in der wir viel Zeit verbrachten. Vom Elternhaus meines Vaters - eine Familie mit fünfzehn Kindern - kann ich mich vor allem an die riesige Küche erinnern, in der ein riesiger Tisch stand, an dem immer viele Menschen sassen und sich angeregt unterhielten. Als wir damals unser Haus kauften, ab Plan, war mein einziger Änderungswunsch, die Wand zum Wohnzimmer zu verschieben, damit Platz für eine Wohnküche war, in der man gemeinsam sitzen und essen konnte. Irgendwann werden wir aus diesem Haus ausziehen und dann brauche ich vor allem eins: eine Wohnung mit Wohnküche.  

Wenn ich über unsere Küche schreibe, muss ich auch übers Kochen schreiben. Ich würde gerne sagen, dass ich gerne koche, aber das wäre nicht wirklich die Wahrheit. Über viele Jahre war das Kochen für mich ein Muss. Ich war diejenige, die von zuhause aus gearbeitet hat, und deshalb war ich auch diejenige, die - nebst vielem anderen, das im Haushalt so anfiel - jeden Mittag dafür zuständig war, dass das Essen auf dem Tisch stand. Für die Kinder, die von der Schule kamen, für den Mann, der von der Arbeit kam. Ich musste mir tagein-tagaus überlegen, was ich kochen sollte. Lustlos, unter Stress. Meine Familie könnte ein Lied davon singen, wie oft es sehr seltsame Mittagessen gab, weil ich das Kochen schlicht verlauert habe. Es ist nicht so, dass sich Herr Ehemann vor dem Kochen gedrückt hat: Er hat manchmal das Abendessen gekocht und war meistens am Wochenende für das Kochen zuständig. Er kocht phantastisch, besser als ich, und er hat sich, im Gegensatz zu mir, immer die Zeit für aufwändige Rezepte genommen. 

Seit die Kinder erwachsen sind und ich auch beruflich nicht mehr mit der Geschwindigkeit eines Hochgeschwindigkeitzugs unterwegs bin, hätte ich ganz viel Zeit zum Kochen. Völlig stressfrei. Das, so fand und finde ich, wäre die Gelegenheit, so richtig ins Kochen einzutauchen, vor allem, weil ich ja auch sehr gerne sehr gut esse. Ich versuche mich immer wieder daran. Habe mittlerweile auch Phasen, in denen ich nicht nur gerne auf dem Küchensofa sitze, sondern auch gerne koche. Mein Sohn hat mir fantastische Kochbücher empfohlen, aus denen ich Rezepte ausprobiere. Sogar das ganz normale Alltagskochen macht zwischendurch immer mal wieder Spass. 

Aber ganz ehrlich: Am liebsten sitze ich auf dem Küchensofa. Allein oder in guter Gesellschaft. Trinke Kaffee oder ein Glas Wein, tausche mich aus. Fülle meine Notizbücher. Schreibe jetzt gerade diesen Blogpost. Oder träume einfach vor mich hin.

Was ist euer Lieblingsraum? Und warum?  

Montag, 16. Februar 2026

FUNDSTÜCK


Ich sass im Zug, unterwegs zu einer Lesung, in der Hand ein Buch, und mir rollten die Tränen über die Wangen. Nicht, weil der Text so traurig war, sondern weil er wunderschön war. Inhaltlich und sprachlich. Ich musste das Buch zuklappen, weil ich nicht mit verweinten Augen im Schulhaus ankommen wollte. An mir zog die Landschaft vorbei, ein Fluss, eingebettet zwischen sanften Hügeln, und ich dachte, wie viel Glück ich doch hatte, dieses Buch gefunden zu haben. Schon das zweite in Reihe, das mich tief berührte, beide wahre Fundstücke. Und dann wurde mir klar, dass nicht ich diese Bücher gefunden hatte, sondern sie mich. Denn: Ich hatte beide Bücher weder auf einer Wunschliste gehabt, noch nach ihnen gesucht. Sie waren einfach da, als ob sie darauf gewartet hätten, dass ich vorbeikomme. Die Fundstücke waren nicht sie, das Fundstück war ich.  

Beide Bücher passen perfekt zu mir, so, wie massgeschneiderte Kleidung oder all die kargen Landschaften, in die ich so gerne eintauche. Massgeschneidert, weil die Geschichten so herrlich unkonventionell sind, die Charaktere so grandios einzigartig. Eine Erzählsprache wie eine Wahnsinnslandschaft, die mir den Atem nimmt und in der ich endlos verweilen möchte. 

Das erste Buch - Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen) von John Greene - hatte im Eingangsbereich des Schulhauses Türggenau gelegen, mitten zwischen anderen ausgemusterten Bibliotheksbüchern. Zum Mitnehmen stand daneben. Meine Hand streckte sich nach dem Buch aus, wie von selbst. Ich fragte die Bibliothekarin, ob dieses Zum Mitnehmen auch für mich gelte, und sie bejahte. Das Buch und ich gingen gemeinsam nach Hause, ich begann noch am gleichen Tag, es zu lesen. Es war Liebe auf den ersten Blick - und Kapitel 14 hat mich dann schlicht umgehauen. Wow, dachte ich, wow, wow, wow, so sollten Bücher immer sein. 

Das zweite Buch fand mich im Bücherschrank in der Winterthurer Altstadt. Ich war mit dem kleinen Menschen und meiner Tochter dort und hatte nicht viel Zeit zum Schmökern. Mein Blick glitt über die Bücher, fahrig strich ich mit den Fingern über ein paar. Und dann war es da. Klick - zehn Autoren erzählen einen Roman (leider vergriffen). Ein Erzählexperiment um ein Mädchen, das seinen Opa, den Fotografen Gee, verliert und um ihn trauert. Die Autorin Linda Sue Park hat das erste Kapitel geschrieben und an ihren Autorenkollegen David Almond weitergeschickt. Der hat ein zweites Kapitel geschrieben und es weitergeschickt. Zehn Autor:innen, zehn Kapitel, zehn kleine Geschichten, die sich alle um Opa Gee drehen. Das Kapitel, das mich auf dem Weg zur Lesung zum Weinen gebracht hat, war Kapitel 2. Ja, dachte ich, ja, so sollten Texte zu Herzen gehen. Mitten rein.

Seit diese beiden Bücher mich gefunden haben, überlege ich mir immer wieder, wann und wo und wie ich ein Fundstück war. Die bisherigen Antworten sind schön (ein etwas banales Wort, aber hier passt es genau): Mich haben Menschen gefunden, Berufe, Landschaften, Musik, Bücher, Geschichten ...  und ich ahne, dass ich noch ganz viele weitere Antworten finde.

Habt ihr euch schon einmal überlegt, wann ihr ein Fundstück wart? Wann und wo und wie? Und was das mit euch gemacht hat? 

Montag, 9. Februar 2026

UNTERWEGS


Es ist Sonntagnachmittag, ich sitze am Wohnzimmertisch in Werdenberg, schaue in den Garten hinaus, in dem es heute schon ein bisschen nach Frühling aussieht, und hänge meinen Gedanken nach. Sie mäandern in verschiedenste Richtungen, ich lasse sie gewähren, folge ihnen, wechsle mit ihnen die Richtung und vertraue darauf, dass sie irgendwann an irgendeinem Ufer das Wort der Woche finden. Und tatsächlich, da liegt es, auf einer Sandbank wie ein Stück Schwemmholz. Ich erkenne die Sandbank, sie liegt in der Rheinschlucht, durch die ich ins Haus in die Berge fahre. Und weil sie so schön ist, fotografiere ich sie jedes Mal, und manchmal stelle ich sie online in eine Insta-Story und schreibe dazu: unterwegs. Und genau das ist das Wort, das jetzt neben dem Schwemmholz liegt, mein Wort der Woche. Ich hebe es auf, meine Gedanken breiten ihre Flügel aus und tragen mich in einen weissen Märchenwald, eingehüllt in Nebel, dann weiter zur Nebelwand von letzter Woche, so dicht, dass ich aus dem Zugfenster nur Weiss gesehen habe, von dort nach Winterthur, wo der kleine Mensch wohnt, von dort weiter durch unberührte Natur, bis ich sanft lande, mein Wort vor mir ausbreite und überlege, was unterwegs sein für mich bedeutet.

Ich war fast immer gerne unterwegs. Als Kind in den Bergen, im Wald, am Wasser, draussen, "verjuss", wie wir sagen. Als junge Frau oft auf Reisen, kurzen, langen und sehr langen. In verschiedenen Berufen, oft auch zwischen Berufen. In einem Leben ohne Kinder, dann mit Kindern, neu mit einem Enkelkind. Zu Fuss, mit dem Auto, mit der Bahn, im Bus, immer seltener mit dem Flugzeug, kaum je mit dem Fahrrad, einmal sogar auf einem Flussschiff und immer wieder auch einfach in Gedanken. 

Ich denke, das Unterwegssein ist auch ein Grund, weshalb ich schreibe: Ich kann mich jederzeit nach Schottland schreiben, nach Wales oder in die Yorkshire Dales, in den Frühling, wenn es Winter ist, in den Winter, wenn die Sommersonne zu heiss brennt. Wenn es mir hier auf diesem Planeten zu heftig wird, kann ich mich in eine Fantasiewelt schreiben oder mich in ein anderes Sonnensystem beamen. Dasselbe gilt fürs Lesen. Und so, wie man beim Schreiben und Lesen unterwegs sein kann, ohne irgendwohin zu reisen, kann man als Mensch unterwegs sein, zu sich selbst, von sich selbst weg, zu einem anderen selbst hin. Das kann sich wie eine Flucht anfühlen, wie ein Nachhausekommen, zuweilen wie Fliegen. Oder es kann ein Schweben zwischen Entscheidungen sein, bis man sicher ist, die richtige zu treffen. Kaum etwas ist so spannend, wie unterwegs zu sein. 

Diese Woche pendle ich zwischen Werdenberg (meinem Zuhause), Turbenthal (Lesungsort), Winterthur (zum kleinen Menschen und seiner Familie), zurück nach Werdenberg und am Ende der Woche hoffentlich wieder nach Cumbel (meinem zweiten Zuhause) - und natürlich dürfen auch die Gedankenreisen nicht fehlen. Diese Woche sind das unter anderem Ausflüge in die Gefilde der Titelsuche für da bux Bücher, nach Strassburg zu den Lost Souls und in die wundersame Ideensammelkiste im Atelier, wo wir Träume für die Zukunft weben.

Wo und wie immer ihr diese Woche unterwegs seid: Ich wünsche euch wunderbare Ausflüge und Reisen.

PS: Das Bild hat Theres Willi gemalt. Man kann solche kleinen Bildkärtchen - geometrisch oder so toll ausgerissen wie auf der Karte - übrigens bei ihr kaufen (verschiedenste Sujets) und damit wunderschöne, persönliche (Post)karten gestalten.