Mittwoch, 16. September 2026

AUSZEIT


Ich wollte 2026 sehr viel mehr analog leben. Das geht nie besser als in Generationenferien. Das Wort der Woche ist deshalb Auszeit.

Der kleine Mann bestimmt den Tagesrhythmus. Das blaue Ding auf dem Foto ist die Badiii. Und im Sand kann man super mit dem Baggaaa spielen. Die riesige Terrasse ist der perfekte Ort zum Dreiradfahren. Bauklötze sind cool und Bücher angucken auf dem Sofa grad auch. Schon lange habe ich nicht mehr so sehr den Augenblick gelebt wie jetzt.

Mittwoch, 9. September 2026

UMBRUCH

 
Nach acht Monaten mit Knieschmerzen musste ich diesen Montag nach einem Arztbesuch einsehen, was ich nicht einsehen wollte: Das mit dem Wandern ist zumindest auf längere Zeit eher mehr als weniger vorbei. Die Schmerzen sind zu gross, es geht nicht, vor allem abwärts, aber auch geradeaus - und es gibt kein Gelände, in dem es immer nur aufwärts geht. Operieren bringt (jetzt noch) nichts, die Cortisonspritze wirkt zu höchstens 30 Prozent, und ich kann und will nicht jeden Tag hammerharte Schmerzmedikamente zu mir nehmen. 

Den Wochenbeginn habe ich mit Trauerarbeit verbracht, zum Glück unterstützt von meinem verständnisvollen Ehemann, mithilfe eines kleinen Menschen, der mir so unendlich viel gibt. Ich trauerte um all die schönen Wanderungen, die ich nicht machen kann, um die einsame Natur, in der ich mich auf diesen Wanderungen bewege, die Energie und die Kraft, die mir diese Wanderungen geben, um Landschaften, in die ich eingetaucht bin und nie wieder daraus auftauchen wollte, um Erlebnisse, die sich so nicht wiederholen werden. Ich trauerte um das, was mich ausmacht, was mich zutiefst erfüllt. Und ich trauerte um das, was ich mit Herrn Ehemann all diese Jahrzehnte geteilt habe, denn mit dem Wandern verlieren wir auch eine unserer grossen Gemeinsamkeiten und geteilten Glücksmomente. 

Trauerarbeit braucht es, finde ich. Was ich nicht will: In der Trauer ersaufen. Es ist, wie es ist. Die Natur ist immer noch da, es gibt andere Wege zu ihr hin. Nicht mehr an all diese einsamen Orte, weitab von Strassen und Bergbahnen, aber immer noch wunderschön. Ich habe mir überlegt, was ich alles noch kann, und daran halte ich mich fest. Als der Optimistin, die ich bin, sage ich: Es ist, wie es ist - aber es muss ja nicht so bleiben. Also kein Ende, sondern ein Umbruch! Es liegt an mir zu ändern, was ich ändern kann. Und genau daran werde ich arbeiten.

In diese Gedanken und das Suchen nach Lösungen hat sich ein weiterer Gedanke gemischt: Was ist eine walkig writer ohne walking? Es war für mich immer klar, dass ich ohne das Writing leben kann aber nicht ohne das Walking. Will ich überhaupt noch schreiben, wenn ich nicht mehr wandern kann? Oder jetzt erst recht? Und wenn ja, wozu? Will ich wirklich Romane fürs Self Publishing schreiben, wo ich doch genau weiss, dass ich mit jedem Buch hohe Verluste einfahren werde, weil ich als Self Publisherin professionell arbeiten will, mit allen anfallenden Kosten? Will ich mir das Social Media Gedöns antun, das zum Self Publishing gehört und dennoch fast nichts bringt? Will ich mich wirklich noch einmal bei Verlagen bewerben, wo ich mich dort so oft verbrannt und verloren habe? Auf diese Fragen habe ich keine abschliessende Antwort gefunden. Was ich weiss: Ich werde weiterschreiben. Etwas anderes ist das Veröffentlichen. Da bin ich mir nicht sicher. Ich lasse das für mich mal offen. 

Das Schöne und Positive ist, dass ich so viele andere kreative Arbeiten noch ausführen kann: Wohnräume gestalten, im Garten herumwuseln und verweilen, zeichnen, stricken, Musik machen ... Und so mischt sich in meine Trauer immer mehr Buntes, Fröhliches. Umbrüche sind immer auch Anfänge. Ist das nicht schön und ermutigend? Und hey, ich habe einen harten Grind! Ich werde wieder wandern. Den Traum lasse ich mir nicht nehmen.

PS: Die wunderschöne Karte ist von Theres Willi

Mittwoch, 2. September 2026

HERZBLUT


Hinter mir liegt ein wunderbarer Workshop-Sonntag. Wir waren eine kleine Runde, aber einmal mehr eine Herzblutrunde. Unser Atelier Farb&Stift scheint genau solche Menschen anzuziehen; Menschen, die aus ihrem tiefsten Inneren heraus kreativ sind. 

Das Thema dieses ganztägigen Inputworkshops: Von der Idee zum Buch. Bei einer ersten Standortbestimmung wurde schnell klar: Die Teilnehmerinnen kamen mit konkreten Idee und ersten Textproben, sie wissen, was sie schreiben möchten, sie waren sich auch einig, dass der Weg das Ziel ist. Eine Veröffentlichung hat nicht erste Priorität, aber es wäre schön, den Text (und auch die dazugehörigen Illustrationen) in Buchform in den Händen halten zu können. Zum Glück ist das heute problemlos - aber nicht ohne ernsthafte Arbeit - möglich.

Was mich beeindruckt und gefreut hat: Es ging weder um Ruhm noch Ehre noch Verdienstmöglichkeiten, sondern um die Lust am Schreiben, das Bedürfnis nach Schreiben, das Brennen für das Schreiben. Das Ziel ist zwar klar gesetzt, aber der Prozess und das Wachsen sind den Schreibenden viel wichtiger. So erstaunt es auch nicht, dass keine Zeitrahmen gesetzt wurden. 

Für den Workshop hatte ich ein Arbeitsbuch zusammengestellt, aber noch nicht drucken lassen. Zusammen mit den Kursteilnehmerinnen wollte ich herausfinden, was funktionert, was ich noch verbessern kann und was noch fehlt. Zu meiner Freude (und Erleichterung) funktioniert so ziemlich alles; gefehlt hat auch nicht mehr viel. Wichtig ist mir, keine fixen Anleitungen zu geben, denn es gibt fast so viele Wege zum fertigen Buch wie es Schreibende gibt. Wir haben geschaut, wie wir arbeiten, ob wir eher die Planungstypen oder die spontan Schreibenden sind, ob wir lieber digital oder analog arbeiten oder beides und wenn beides, was wir wo gerne einsetzen. Ganz wichtig auch: Ob wir von den Figuren ausgehen oder ob wir die Handlung genau planen und uns dann die Figuren dazu erfinden. 

Natürlich ging es auch ums Handwerk. Nachdem wir uns Tricks und Kniffe angeschaut hatten, tauchten die Teilnehmerinnen in ein Writing Prompt ein und ich nutzte die Zeit, ihre mitgebrachten Texte anzuschauen. Welch wunderbaren Texte, passend zu den Menschen. Sie haben jetzt schon eine eigene Erzählsprache. Herzmenschen halt, habe ich gedacht. Menschen, die so schreiben, wie sie sind. Texte, die sie spiegeln. 

Beim Schreiben ist so vieles möglich, gibt es so viele Wege zum fertigen Text. Meine Kursteilnehmerinnen haben sich für ihren Herzweg entschieden, auf dem sie ihr Schreibhandwerk verbessern und verfeinern, nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen. 

Naiv? Idealisierend? In einer Zeit, in der es online um Wordcounts und Content geht, in der Schreiben ein Klapperhandwerk ist, in dem sich alles um Klicks, Views und Likes dreht, wo man auch oft das Gefühl hat, in einem Schönheitswettbewerb gelandet zu sein, bei dem man nicht nur schreiben können muss, sondern auch super oder zumindest ausgefallen aussehen sollte. In einer Zeit, in der einem empfohlen wird, sich eine Nische suchen, in der man noch Kohle machen kann (oder glaubt, sie machen zu können). In einer Zeit, in der Menschen mit hingerotzten KI-Büchern mehr Exemplare verkaufen als viele andere, die viel Zeit und Arbeit in ihre Geschichte gesteckt haben. 

Also: Naiv? Idealisierend? Mag sein. Aber ich bin immer noch der tiefen Überzeugung, dass man das schreiben sollte, was in einem steckt, das, wofür man brennt. Es gibt sie noch, diese Herzblutmenschen, und es sind gar nicht so wenige. Im Workshop vom Sonntag durfte ich einmal mehr solche Menschen kennenlernen. Das sind Begegnungen, die bleibende Erinnerungen hinterlassen, die den inneren Speicher auffüllen, Ruhe einkehren lassen und ungemein motivieren. 

Was immer du diese Woche tust, finde Beschäftigungen, die du mit Herzblut ausführen kannst. Ich wünsche dir schöne Stunden dabei.

Donnerstag, 27. August 2026

FAMILIE


Wir haben uns in den letzten sieben Tagen in den verschiedensten Konstellationen aus unterschiedlichen Gründen getroffen. Vier Generationen. Nicht alle auf einmal, das wäre zu viel gewesen. Nie wurde es langweilig, nie war es ein Müssen. Wir haben gelacht, angeregt diskutiert, Geschenke ausgepackt (der kleine Mann hatte Geburtstag), Kuchen und andere Leckereien gegessen. Nichts Spektakuläres. Einfach gemütliches, entspanntes Beisammensitzen bei gutem Essen mit guter Laune. Ich weiss, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Was für ein Glück, denke ich manchmal, was für ein riesiges Glück.

Ganz anders ist das, wenn ich Bücher schreibe. Meistens wird es kompliziert und (sehr) schmerzhaft. Da ist vieles zerrüttet und zerbrochen, die Familie liegt in Trümmern, aufgegeben, verloren, verraten. Das geht so weit, dass Mick aus #no_way_out sich wünscht, das Herz möge bitte einzig und allein als Blutpumpe dienen, ohne jedes Gefühl. In Hundert Lügen steht die Frage im Raum, wie viele (Familien)Lügen in zehn Jahren Platz haben. Die bittere Antwort lautet: zu viele.

In der ganz harten Realität, da draussen in der wirklichen Welt, nimmt die Gewalt gegenüber Menschen in der eigenen Familie zu. In der Schweiz wird jede zweite Woche eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Wir verzeichnen einen traurigen Rekord bei der Gewalt an Kindern; die meisten Gewalttaten gehen von Eltern oder Verwandten aus. Der laute Aufschrei bleibt meistens aus. Frauen und Kinder haben im Gegensatz zur Landwirtschaft keine grosse Lobby im Bundeshaus. Letztes Jahr lief das Fass über, als eine zusätzliche Million für den Schutz von Frauen abgelehnt wurde. Es erklang mehr als ein Aufschrei; da brüllte fast ein ganzes Land so lange und so laut, bis die Million bewilligt wurde. Und jetzt? Ist die zusätzlich gesprochene Million still und leise wieder aus dem Budget gestrichen worden. Dafür haben einige Parlamentarier die Idee, man könnte das ehemalige CS Gebäude in Bern in ein Besucherzentrum umwandeln. Kosten:  26.6 Millionen für den Umbau, 19.6 Millionen für die Miete in den ersten zwölf Jahren. Liebe Lobbyisten und Prestigebolzer im Parlament: Ich hätte da so eine Idee, was man mit diesem Geld machen könnte. Fangt bei den Kindern an. Und hört nicht bei den Frauen auf. Erzählt uns nicht dauernd, wie wichtig Familien sind, wie wichtig Kinder sind - nur um dann bei ihnen zu sparen.

Eine Familie sollte ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit sein. Nicht alle Menschen schaffen das. Statt mit dem Finger auf sie zu zeigen, sollten wir ihnen (Aus)Wege aus ihren Teufelskreisen zeigen. Und dazu braucht es Anlaufstellen, Beratungsstellen, Frauenhäuser usw. 

PS: Das Zitat im Foto stammt aus dem Mittelstreifenblues. 

Montag, 17. August 2026

TRAMPELPFADE

 

Gewohnheiten sind Trampelpfade im Gehirn. Dieser Satz, über den ich Anfang 2022 gestolpert bin, ist seither einer meiner treuen Begleiter. Als begeisterte Wanderin hatte ich sofort Bilder von Pfaden im Kopf, von gut begehbaren bis hin zu stark verwachsenen, die man kaum mehr sieht. Mir gefiel der Gedanke, dass man ausgelatschte Trampelpfade verlassen kann, ich mochte die Idee, auf schönen Pfaden zu wandern, und vor allem gefiel mir die Vorstellung, dass man auch eigene Trampelpfade in unbekanntes Gelände bahnen kann. Ich überlegte mir damals, auf welchen Pfaden ich gerne wandere, welche Pfade ich nicht mehr gehen möchte, und ich träumte von neuen Pfaden, die ich beherzt für mich erkunden wollte. Seither bin ich auf vielen Pfaden gewandert und eine richtig schöne Strecke weitergekommen im Leben.

Heute Morgen sind zwei Dinge passiert.

Ich bin bei der Lektüre von Ein Raum zum Schreiben von Kristin Valla auf folgendes Zitat gestossen (verkürzt wiedergegeben):

Wie wird man Schriftstellerin, hatte mich Manuela gefragt. Nach fünf Jahren sah ich ein, dass die Frage, nicht die war, die Manuela mir gestellt hatte. Sondern eher: Wie bleibt man Schriftstellerin?

Ich habe laut gelacht. Denn mehr als einmal habe ich mit dem Schreiben aufgehört - und hätte ich nicht neue Pfade gefunden, mit dieser Frage umzugehen, wäre ich keine Autorin mehr. Ich bin Autorin geblieben, weil ich auf diesen neuen Pfaden zu mir als Autorin (wieder)gefunden habe. Ich fühle mich heute mehr als Autorin denn je, und das, obwohl ich sehr viel weniger veröffentliche und die Lesungen weniger werden. Das liegt auch daran, dass ich mir einen Raum geschaffen habe für all das, was zu wehgetan hat in Bezug auf meinen Beruf. Bis vor wenigen Tagen hatte ich diesen kalten, feuchten Raum in einer der hintersten Ecken in mir drin abgeschlossen und den Schlüssel neben der Tür in eine tiefe Ritze gelegt. Es lebte und schrieb sich so viel leichter als mit diesem ganzen Ballast, der mich jahrelang immer wieder überwältigt und gelähmt hatte.

Zu meiner Lektüre und dem Zitat passend kam heute Morgen eine Mail von Jutta, in der es nicht zuletzt um das ging, was in diesem kalten, feuchten Raum lag. Ganz kurz packte mich der Schmerz und drohte mich zu überwältigen. Als ob all das, was sich in diesem Raum befindet, ganz laut gegen die Tür poltere und sich von Neuem an mich krallen wolle.

Mir wurde klar, dass ich einen neuen Pfad brauchte, keinen in ein helles Licht, sondern einen in die Dunkelheit, in die Tiefe, hinunter zu diesem Raum in der hintersten Ecke. Das Buch von Kristin Valla und die Mail von Jutta haben mir den Mut geschenkt, diesen Pfad, der völlig überwuchert und nicht mehr sichtbar da war, noch einmal zu gehen. Es war ganz einfach. Ich habe den Schlüssel aus der Ritze gezogen, den Raum geöffnet und dem Schmerz erlaubt, über mich zu rollen. Ich habe mir zugestanden, die Trauer zuzulassen und zu weinen, aber ich habe es nicht zugelassen, dass mich die Krallen packen und sich an mir festhaken. Jetzt liegen die Schmerzen, die Wunden und die Narben in einem hellen freundlichen Raum ohne Schlüssel. Ich lasse die Tür zu, aber ich sperre all das nicht mehr ein und weg. Es gehört zu mir. Es hat mich zu der Frau gemacht, die Autorin geblieben ist. 

Mein Autorinnenpfad liegt jetzt noch klarer vor mir. Die Aussicht ist wunderschön. Ich sehe nicht das ganze Wegstück vor mir, denn es ist wie mit all den Pfaden, auf denen ich gewandert bin: Sie gehen nicht geradeaus, sondern winden sich dem Gelände angepasst durch die Landschaft. Genau das macht das Gehen auf Pfaden so spannend.

PS: Einen Teil meiner Trampelpfadposts findest du, wenn du unten im Blog auf den Tag Trampelpfade klickst; sie öffnen sich dann. Weil ich nicht gerade Weltmeisterin im richtigen Taggen bin, sind es wohl längst nicht alle Posts zu diesem Thema, aber vielleicht ermutigt der eine oder andere Post zu einem persönlichen Trampelpfadspaziergang.