Montag, 13. April 2026

SCHNECKENPOST

 

Irgendwann Anfang Jahr sass ich zwischen Morgen- und Nachmittaglesungen in einem Café. Vor mir lag Briefpapier, das ich beim Ausmisten gefunden hatte. Rosa Blumen auf wunderschönen Papier. Das einzige Briefpapier, das ich noch hatte. Rosa Blumen! Ich! Mir war es ein Rätsel, wieso ich mich für dieses Papier entschieden hatte, vor Ewigkeiten, in einem Leben, in dem analog weder Trend noch Flucht aus dem Digitalen sondern einfach Realität gewesen war. Auf eine ganz besondere Art gefiel mir das Briefpapier, das so gar nicht zu mir passte - und vielleicht eben doch?

Ich fuhr mit der Hand über das Papier, nahm meinen Stift und begann zu schreiben. Meinen ersten handgeschriebenen Brief seit langem. Die Zeit verging im Flug, meine Mittagspause lief aus, ich musste etwas überstürzt zu einem Ende kommen. Hastig steckte ich den Brief in ein Couvert, auch dieses mit rosa Blumen und einer schönen Marke, die ich schon am Vortag sorgfältig gewählt und ausgedruckt hatte. Auf dem Weg zurück zum Schulhaus, in dem meine Lesungen stattfanden, warf ich den Umschlag in einen öffentlichen Briefkasten. Dann stand ich eine Weile einfach da und freute mich. Stellte mir vor, wie am Tag danach oder auch zwei Tage danach die Empfängerin den Brief in den Händen hielt, die Blumen anschaute, vielleicht kurz lachte (weil sie mich kennt und wahrscheinlich nicht mit rosa Blumen in Verbindung bringt) und sich vielleicht auch genauso freute wie ich.

Seit einer Weile schicke ich dem kleinen Menschen in Winterthur Postkarten. Er hebt sie in seiner Schatzkiste auf und manchmal schauen wir sie gemeinsam an. Den Säntis mit dem hohen Mast, die zwei glücklichen Lamas, den kleine Drachen ...

Schneckenpost nennt man diese Art Post, die im realen Briefkasten landet, die man anfassen, aufbewahren und immer mal wieder anschauen kann. Genau solche Post hatte ich am Samstag im Briefkasten. Schneckenpost von Theres. Ich durfte im Atelier miterleben, wie sie das Konzept dazu entworfen hat, wie der Brief entstanden ist, von der ersten Idee bis zum Absenden. Ich sah, mit wie viel Liebe zum Detail Theres den Brief plante, wie sie sich überlegte, was sie dem Brief beilegen möchte, was das Logo dieser Schneckenpost sein sollte. Sie schrieb den Brief, schliff und feilte daran. Am Freitag hatte sie alles parat (für die Menschen in Deutschland: das ist ein wunderbares Schweizer Wort für etwas, das nach viel Vorarbeit bereit ist) und konnte die Briefe einwerfen.

Es war eine Freude, den Umschlag mit der besonderen Briefmarke zu öffnen, das Papier in den Händen zu halten, den Brief zu lesen, der mich an einen Bach mitnahm, wo Theres sich den Platz, an dem sie zeichnete, mit Schnecken teilte. Ich sah, hörte und roch den Ort, war mit Theres dort - und als Goodie lag dem Brief das Bild, das an diesem Tag entstanden ist, als Karte bei. Auch die anderen kleinen Beilagen sind wunderschön. Und wer genau hinschaut, findet sogar eine kleine Aufgabe, etwas versteckt, von Hand geschrieben, die man mit durch die Tage nehmen, sich dazu Gedanken machen und / oder sogar selber kreativ werden kann.

Die Schneckenpost von Theres kann man abonnieren. Entweder jeden Monat neu oder im Jahresabo. Infos dazu findet ihr hier. Für mich ist das handschriftliche Schreiben von Briefen und Postkarten Teil meines analogen Jahres. Wobei ich fest vorhabe, aus dem Jahr ein immer zu machen. Und ich bin jetzt schon gespannt auf die nächste Schneckenpost von Theres.

Dienstag, 7. April 2026

FRÜHLING


Diesen Blogpost schreibe ich auf dem Sitzplatz vor dem Haus. Die Vögel singen, Bäume und Sträucher knospen und blühen, bunte Frühlingsblumen leuchten mit dem Himmel und dem Schnee auf den Bergen um die Wette. Gestern und vorgestern wuselte der kleine Mensch mit einem kleinen Rasenmäher über den Rasen, füllte mit mir die Spritzkante, goss mit mir die Blumen, gemeinsam besuchten wir die Hühner in der Wiese hinter unserem Haus. Nette Nachbarn überliessen uns Fortbewegungsmittel für kleine Menschen, und so konnte unser kleiner Mensch mit den anderen kleinen Menschen die Quartierstrasse erobern (samt ausgeliehenem Helm auf dem Kopf). Was für ein Geschenk, was für ein Wunder.

Im Frühling hüpft mich der Übermut an, meine Energie funkt, die Kreativität tanzt Ringelreihen. Ich habe das Gefühl, dass (fast) alles möglich ist. Wenn ich nicht durch die Landschaft wandere, staunend im Garten herumwusele oder mit dem kleinen Menschen unterwegs bin, schmiede ich Pläne, fülle Notizbücher, zeiche mein Bullet Journal in allen Farben. Natürlich weiss ich, dass ich höchstens die Hälfte von dem umsetzen kann, was ich mir aufschreibe, aber das geht in Ordnung. Ende Herbst werde ich zurückschauen und gucke, was ich alles geschafft habe, und was ich nicht geschafft habe, werde ich im nächsten Frühling angehen.

Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich werde jetzt den Laptop zuklappen und den Frühling geniessen. Wir lesen uns nächste Woche wieder. 

Montag, 30. März 2026

HOFFNUNG

 

Die Welt spinnt. Alte weisse Männer zetteln Kriege an, in die sie nicht selber ziehen. Multimilliardäre leben nach eigenen Regeln, mit denen sie andere ausbeuten und sich selbst noch viel reicher machen.

Und wir? Flüchten uns in unsere kleinen Welten, weil wir in der grossen Welt gar nichts mehr zu sagen haben. Klinken uns aus, weil wir den Wahnsinn, gegen den wir keine Chance haben, nicht mehr ertragen.

Früher, als ich jung war, da habe ich geglaubt, dass wir Menschen etwas bewirken können, wenn wir zusammenstehen. Ja, ich habe sogar geglaubt, dass Musik die Welt verändern kann. Oder Bücher. Naiv? Mag sein. Aber wer naiv ist und bleibt, dem stirbt die Hoffnung nicht. Und Hoffnung ist das, was wir brauchen. 

Deshalb pflege ich die Hoffnung wie eine vom Aussterben bedrohte Pflanze. Was bei meinem Talent, so ziemlich alle Topfpflanzen im Haus ungewollt zu töten, vielleicht nicht der beste Vergleich ist. Und vielleicht ja doch. Denn ziemlich alle sind eben nicht alle. Noch lebt meine Pflanze namens Hoffnung, obwohl sie mehrere Male kurz vor ihrem Ableben stand.

Was mir Hoffung gibt? Zuckerberg hat gerade zwei wichtige Gerichtsfälle verloren - zudem ist sein Metaverse grausam abgeschmiert. In den USA regt sich der Widerstand gegen die gigantischen Energiefarmen (was für ein verniedlichender Name für diese Monster), die man für die extrem strom- und wasserfressende KI benötigt. Ebenfalls in den USA sind über 8 Millionen Menschen an den dritten "No Kings" Protesten marschiert und haben damit den US-Rekord gebrochen. Sehr reiche Menschen kaufen Naturland auf allen Kontinenten, nicht um es auszubeuten, sondern um es in seinem Naturzustand zu belassen. Wo habgierige Tech-Bros alles dem Profit unterordnen, spenden zum Teil ihre Ex-Frauen tonnenweise Geld an Projekte, die vom Staat gestrichen wurden, damit ein verschwindend kleiner Prozentsatz pervers reicher Unsympathen weniger Steuern bezahlen muss. In Schweden drucken sie wieder Schulbücher, weil digital allein eben nicht alles ist. Kreative in der ganzen Welt wehren sich dagegen, dass die KI von ihnen absaugt, was sie nur kann, um es dann in verarbeiteter Form wieder auszuspucken. Online-Trends, die seit Jahren nerven, werden immer mehr ignoriert. Ich könnte hier unzählige weitere Beispiele aufführen.

Fakt ist, dass man uns in den Medien vorwiegend schlechte Nachrichten um die Ohren haut. Ich plädiere nicht dafür, dass man uns die Wahrheit erspart, aber ich hätte sie gerne sachlich präsentiert und diskutiert, ohne Hyperventilieren und Schlagzeilen, die mehrheitlich nur noch Klickbaits sind. Ich bin dafür, dass in jede Nachrichtensendung auch gute Nachrichten des Tages gehören. Damit all jene nicht aufgeben, die die Hoffnung sorgsam pflegen, sich motiviert und mutig um ihre Liebsten, ihre Mitmenschen und die Natur kümmern.

Wir Menschen wollen doch im Grunde genommen vor allem eins: geliebt werden. Aber es war schon immer sehr viel einfacher, Hass zu verbreiten. Lasst uns dagegen ankämpfen. Mit Hoffnung und ganzen Badewannen voller Liebe. Wir können nicht die ganze Welt im Alleingang verändern, aber wenn jeder und jede von uns damit anfängt, schaffen wir es vielleicht gemeinsam. Wenn ihr eine Hymne dazu braucht - so von wegen Musik und Hoffnung - hört Bruce Springsteen. Der Mann singt seit Jahrzehnten gegen alte weisse Männer, die Kriege anzetteln, und reiche Egoisten ohne Moral an. Mein Favorit ist immer noch Ghost of Tom Joad. Pflegt eure Hoffnung, macht Musik, lest gute Bücher, seid mutig und kreativ und versucht, Vorbild zu sein. Vor allem aber: Lasst nie den Hass über die Liebe siegen.

Montag, 23. März 2026

KONSTANZ

 
Ich bin ein Schusel, ein Dusel, ein vergessliches Huhn, ein Hüpf-durch-die-Welt-Mensch, eine Chaotin. Damit bin ich wunderbar durchs Leben gekommen, stets im Wissen darum, dass diese Eigenschaften mich auch in Teufels Küche reiten können. Deadlines, die "plötzlich" ganz nah vor mir auftauchen, aufgeschobene Arbeiten, die ich in Nachtschichten abgearbeitet habe usw. Gehört dazu, habe ich mir gesagt. Und mir jedes Mal recht gegeben, nachdem ich in einem Anfall von Vernunft so richtig aufgeräumt hatte ... und dann in dieser perfekten Ordnung nichts mehr finden konnte.

Als ich jung war, war es extrem. Später habe ich nach und nach gelernt, ordentlicher und organisierter zu werden, und ich bin jedes Jahr ein wenig besser geworden darin. Doch ganz ehrlich. Das Motto Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen diente mir bei mancher Gelegenheit als perfekte Ausrede. Zudem heisst es ja nicht umsonst creative chaos. Da kam mir mein Beruf als Autorin entgegen. Kreativer geht gar nicht. Na ja ... das mit den Abgabeterminen, den Deadlines, das hatte es jedes Mal in sich, aber ich habe es bis auf zwei Ausnahmen immer hinbekommen (ihr dürft einfach nicht fragen, wie). 

Witzigerweise war ich im Berufsleben dann doch meistens ziemlich gut organisiert. Mit dem da bux Verlag habe ich das Organisieren für mich schon fast zur Perfektion gebracht (Danke an meinen Verlagskollegen Tom Zai, der die besten Produktionspläne ever schreibt!). 

Wo es nie geklappt hat: Bei meiner eigenen Gesundheit. Ich arbeitete oft zu viel, zu lange, in falscher Körperhaltung und verschlang dabei tonnenweise ungesundes Essen. Tiefpunkte in meinem Autorinnenleben und Momente der Schreiblustlosigkeit füllte ich gnadenlos mit Futter aller Art. Bei einer Lesung hat mich einmal jemand gefragt, was eine Autorin sei. Ich antwortete spontan: "Das ist eine mit Schokolade gefüllt Frau, die schreibt."

Seit ein paar Jahren versuche ich mich ernsthaft im gesunden Leben. Mit Höhen und Tiefen. Generell zeichnet sich so langsam ein Muster in die richtige Richtung ab. Und dieses Muster hat sehr viel mit dem Wort der Woche zu tun. Plus sämtlichen Mottos, die ich mir im Laufe dieser Versuchsjahre verinnerlicht habe.

Angefangen habe ich mit Slow and steady wins the race. Gar nicht so einfach, für einen Ungeduldspinsel wie mich. Danach kam: I want to see what happens if I don't give up. Nun, ich habe vor allem gesehen, was passiert, wenn ich aufgebe, also halte ich mich mittlerweile lieber ans Nichtaufgeben. An dieser Stelle kommen jetzt die Fanfarenklänge für ein Wort, das so ziemlich alles veränderte - TATA-TA-TAAAAA: Konstanz. 

Konstanz heisst dranbleiben, weitermachen, nicht aufgeben, jeden Tag aufs Neue, und wenn es nicht klappt, dann steht man auf, macht weiter, bleibt dran, gibt nicht auf ... 

Auf Insta hüpften zunehmend Posts mit einem SHOW UP in meinen Thread. Also: Zeig dich, tauche auf, sei jeden Tag aufs Neue da. Egal in welcher Stimmung, egal, ob du denkst du packst es oder nicht. Wichtig ist, dass du auftauchst, dich zeigst und sagst: "Ich bin hier." Show up. Für dich und niemanden sonst. 

Und dann, wie das so ist im Leben ... eins führt zum anderen und dann kam noch so eine Urgewalt von YouTuberin, die mir die Welt des Essens und des Essverhaltens auf absolut witzige Weise erklärt. Ihre Worte: Konstanz - show up. Und sie hat mir auch gleich ein neues Motto mit auf den Weg gegeben: Don't try to make your good days perfect, try to make your bad days less bad. Wo sie recht hat, hat sie recht. Und so gehe ich es slow and steady an ... und bin in Sachen Gesundheit und Essen super unterwegs.

Drei Anmerkungen dazu: 

Konstanz ein bescheidenes, unscheinbares Wort, etwas langweilig und bieder. Es zu leben ist gar nicht so einfach. Aber der Versuch lohnt sich. Versprochen. 

Jetzt bleibt nur noch eine Baustelle: Mein Schreiben. Das ist nämlich so chaotisch und unbeständig wie selten zuvor. Aber ich kenne jetzt ja die Tricks und vor allem das passende Wort und die passenden Mottos. Es kann also nur besser werden.  

Als angenehmen Nebeneffekt dieser Lebensreise habe ich jetzt so ziemlich die beste Mottosammlung der Welt.

Montag, 16. März 2026

ATELIER

Die Schnecke Yolanda ist von Theres Willi

Vor etwas mehr als einem halben Jahr haben wir unseren Ateliervertrag unterschrieben. Voller Vorfreude, glücklich und aufgeregt, aber auch mit dem Gefühl, angekommen zu sein. Am letzten Freitag unternahmen wir drei Atelierfrauen unseren ersten gemeinsamen Atelierausflug. Es ging hoch hinaus, auf den Säntis, auf 2501,9 Meter über Meer, genau der richtige Ort für unsere hochfliegenden Pläne und Träume. Der Himmel war strahlend blau, auf dem Gipfel blies ein eisiger Wind, die Aussicht war fantastisch.

Wir genossen das Panorama und das Essen, legten auf dem Rückweg auf der Schwägalp eine Kaffee- und Zeichnungsrunde ein und feierten unser Atelier. 

Ins Atelier eintreten ist ein Eintreten in eine Welt der Kreativität, des Austausches, der Ideen, der gegenseitigen Unterstützung. Stilles, konzentriertes Arbeiten und Gespräche wechseln sich ab. Wir entwickeln gemeinsam Ideen, öffnen unsere Türen mit verschiedenen Kreativrunden (Schreiben, Zeichnen, Weltenbasteln, Nature Journalig) und einem offenen Ateliernachmittag auch anderen Kreativen. Nichts ist Müssen, alles ist Dürfen. Vor allem das neugierige Ausprobieren von Neuem. 

Was in den letzten Monaten alles entstanden ist? Wir haben einen Namen für das Atelier gesucht und gefunden, Theres hat ein Logo entworfen und eine eigene Atelier Webseite und Social Media Accounts erstellt. Was noch? Witzige Texte in unseren Writing-Promt-Übungen in den Schreibrunden, überraschende und wunderbare Zeichnungen im offenen Atelier und in den Zeichnungsrunden, Konzepte für Bücher und Kolumnen, Workshopangebote, unzählige Malereien in Experimenten mit Farben und Techniken. Wir haben Plotknoten gelöst und Blockaden überwunden und Theres hat mit ihren Bildern und Gemälden Markterfahrungen gesammelt. Wir haben endlos viel gelacht und viel gelernt. Wahrscheinlich habe ich jetzt nur die Hälfte aufgezählt - und trotzdem ist es nie hektisch im Atelier. Es ist ein ruhiger Hafen, in den man einfährt. Ein Safe Space inmitten einer ziemlich verrückten Welt. Ein Ort auch, an dem so vieles Möglich geworden ist. Ein positiver Ort, ein Ort, an den ich sehr gerne hingehe.

Ein gutes halbes Jahr Atelier - und es fühlt sich ein wenig an, als wäre es immer da gewesen.