Dienstag, 3. März 2026

GRUNDEINKOMMEN

 

64 Jahre und 3 Monate. Das ist das Alter, das Frauen meines Jahrgangs in der Schweiz erreichen müssen, um ihre AHV zu bekommen. Und fast auf den Tag genau habe ich Post erhalten, in welcher ich den Betrag erfahre, der mir zusteht. Es ist mehr oder weniger das, was Herr Ehemann und ich aufgrund von Abklärungen ausgerechnet haben. Auf das Maximum komme ich nicht, obwohl ich ein Leben lang lückenlos gearbeitet und daneben auch Kinder grossgezogen habe. Grund: Ich habe zwar tolle Berufe ausgeübt, aber halt solche, in denen man nicht viel verdient, auf jeden Fall zu wenig, um auf die Maximalrente zu kommen. Darüber könnte ich jetzt einen laaaaangen Blogpost schreiben, vor allem, was das für alleinerziehende Frauen bedeutet, oder für Frauen (und Männer), die Kinder betreuen und deshalb zumindest einen Teil ihrer Berufsjahre Teilzeit arbeiten, oder generell für Menschen, die im Tieflohnbereich arbeiten und dann am Ende eines harten Arbeitslebens nicht einmal eine Maximalrente erhalten, aber darum soll es heute nicht gehen. Man könnte hier auch eine Diskussion um die zweite und dritte Säule unserer Altersvorsorge starten, doch auch darum soll es in diesem Post nicht gehen. Fakt ist: Kein Mensch in der Schweiz kann von der AHV alleine leben (deshalb das Dreisäulenprinzip). 

Fakt ist auch, dass ich ab dieser Woche offiziell Rentnerin bin. Weil ich nicht die leiseste Absicht habe, mit dem Arbeiten aufzuhören, erhalte ich mit der AHV eine Art bedingungsloses Grundeinkommen. Ich freue mich seit Monaten darauf. Weil mir dieses Grundeinkommen die Freiheit gibt, meine Arbeit anderes einzuteilen, denn dass ich weiterhin im Berufsleben bleiben möchte, steht für mich schon lange fest. Ich mag zwar die allermeiste Zeit nur Berufe ausgeübt haben, mit denen man zu wenig verdient, um auf eine volle AHV-Rente zu kommen, aber dafür hatte ich auch fast immer Berufe, die ich leidenschaftlich gerne ausgeübt habe und immer noch ausübe. Ich möchte weiterhin mit dem da bux Verlag tolle Bücher veröffentlichen, ich möchte weiterhin schreiben, ich möchte weiterhin Workhops geben, ich möchte weiterhin Lesungen machen. Beim da bux Verlag kann ich nicht reduzieren, will ich auch gar nicht, auf jeden Fall noch nicht jetzt. Aber mein Leben als Autorin kann ich gemächlicher angehen. Kein Mensch erwartet, dass ich jedes Jahr eins oder gar mehrere Bücher veröffentliche, Workshops kann ich nach Lust und Laune und Bedarf geben und bei den Lesungen habe ich schon die letzten paar Jahre reduziert, zudem ahne ich, dass sie mit nachlassender Veröffentlichungsrate sowieso langsam versanden werden. Wichtig ist: Weil ich jetzt sozusagen ein Grundeinkommen habe, kann ich es mir leisten, weniger zu arbeiten. 

Ein Grundeinkommen. Ich wünschte mir, ich hätte das früher gehabt. Damals, als ich - und auch wir als Familie - es dringend benötigt hätten. Ich schaue mir die Familie meiner Tochter an und denke mir, wie viel einfacher es für ihr Lebensmodell (um das ich sie beneide und das ich mir damals so sehr gewünscht hätte) wäre, wenn sie dieses Grundeinkommen heute schon hätte. Und ja: Das kostet. Aber es würde so viel Druck von den Menschen nehmen. Es gäbe vielen von ihnen die Möglichkeit und Chance, über sich hinauszuwachsen, Projekte anzugehen, die ihnen ohne Grundeinkommen nicht möglich wären. Sie könnten Dinge wagen, die sie ohne Grundeinkommen nicht wagen können. Vielleicht stünden wir als Gesellschaft an einem ganz anderen Punkt, wenn wir ein Grundeinkommen hätten und damit die Zeit, die Ruhe und den Raum, etwas Gutes zu schaffen. 

Ich habe fest vor, mir mit meinem Grundeinkommen genau diese Zeit, diese Ruhe und diesen Raum zu schaffen. Für die Arbeit, für meine Freizeit, für den kleinen Menschen in Winterthur. Und ich möchte meine Begeisterung für das kreative Schaffen ausleben und weitergeben. Nicht zuletzt im Atelier in der alten Schufabrik (ja, kein "h" im Schu ... sie schreibt sich so). 

Während ich diesen Post geschrieben habe und immer noch schreibe, sind mir so viele Dinge eingefallen, die ich unbedingt auch noch erwähnen sollte, aber das würde den Rahmen hier total sprengen. Ich freue mich im Augenblick einfach daran, dass ich diese Woche zum ersten Mal eine AHV erhalte. Ihr dürft mir aber gerne in den Kommentaren die Fragen stellen, die euch nach dem Lesen auf der Zunge brennen - oder mir von euren eigenen Erfahrungen berichten. 

Montag, 23. Februar 2026

KÜCHE


Ja, ich weiss. Küche ist ein seltsames Wort der Woche. Aber es ist so: Die Küche ist einer meiner Lieblingsorte im Haus, und ich finde, es ist Zeit für eine kleine Liebeserklärung. 

Seit wir vor ungefähr zwei Jahren ein kleines Sofa zum Küchentisch gekauft haben, ist meine Beziehung zu unserer Küche noch intensiver geworden. Ich sitze ich jeden Morgen auf diesem Sofa, schreibe meine Morgenmail, lese mich durch Mails und Online-Zeitungen, trinke Kaffee, plane, lasse Gedanken schweifen, gucke einfach. Immer wieder kehre ich an diesen Tisch zurück, mehrmals pro Tag. Am Abend und am Wochenende kocht einer von uns beiden und der andere sitzt häufig auf dem Küchensofa. Unsere Küche ist eine Wohnküche, ein Wohfühlort, ein Begegnungsort. 

So war das immer. Ich bin als Kind in einem Haus mit einer Wohnküche aufgewachsen, in der wir viel Zeit verbrachten. Vom Elternhaus meines Vaters - eine Familie mit fünfzehn Kindern - kann ich mich vor allem an die riesige Küche erinnern, in der ein riesiger Tisch stand, an dem immer viele Menschen sassen und sich angeregt unterhielten. Als wir damals unser Haus kauften, ab Plan, war mein einziger Änderungswunsch, die Wand zum Wohnzimmer zu verschieben, damit Platz für eine Wohnküche war, in der man gemeinsam sitzen und essen konnte. Irgendwann werden wir aus diesem Haus ausziehen und dann brauche ich vor allem eins: eine Wohnung mit Wohnküche.  

Wenn ich über unsere Küche schreibe, muss ich auch übers Kochen schreiben. Ich würde gerne sagen, dass ich gerne koche, aber das wäre nicht wirklich die Wahrheit. Über viele Jahre war das Kochen für mich ein Muss. Ich war diejenige, die von zuhause aus gearbeitet hat, und deshalb war ich auch diejenige, die - nebst vielem anderen, das im Haushalt so anfiel - jeden Mittag dafür zuständig war, dass das Essen auf dem Tisch stand. Für die Kinder, die von der Schule kamen, für den Mann, der von der Arbeit kam. Ich musste mir tagein-tagaus überlegen, was ich kochen sollte. Lustlos, unter Stress. Meine Familie könnte ein Lied davon singen, wie oft es sehr seltsame Mittagessen gab, weil ich das Kochen schlicht verlauert habe. Es ist nicht so, dass sich Herr Ehemann vor dem Kochen gedrückt hat: Er hat manchmal das Abendessen gekocht und war meistens am Wochenende für das Kochen zuständig. Er kocht phantastisch, besser als ich, und er hat sich, im Gegensatz zu mir, immer die Zeit für aufwändige Rezepte genommen. 

Seit die Kinder erwachsen sind und ich auch beruflich nicht mehr mit der Geschwindigkeit eines Hochgeschwindigkeitzugs unterwegs bin, hätte ich ganz viel Zeit zum Kochen. Völlig stressfrei. Das, so fand und finde ich, wäre die Gelegenheit, so richtig ins Kochen einzutauchen, vor allem, weil ich ja auch sehr gerne sehr gut esse. Ich versuche mich immer wieder daran. Habe mittlerweile auch Phasen, in denen ich nicht nur gerne auf dem Küchensofa sitze, sondern auch gerne koche. Mein Sohn hat mir fantastische Kochbücher empfohlen, aus denen ich Rezepte ausprobiere. Sogar das ganz normale Alltagskochen macht zwischendurch immer mal wieder Spass. 

Aber ganz ehrlich: Am liebsten sitze ich auf dem Küchensofa. Allein oder in guter Gesellschaft. Trinke Kaffee oder ein Glas Wein, tausche mich aus. Fülle meine Notizbücher. Schreibe jetzt gerade diesen Blogpost. Oder träume einfach vor mich hin.

Was ist euer Lieblingsraum? Und warum?  

Montag, 16. Februar 2026

FUNDSTÜCK


Ich sass im Zug, unterwegs zu einer Lesung, in der Hand ein Buch, und mir rollten die Tränen über die Wangen. Nicht, weil der Text so traurig war, sondern weil er wunderschön war. Inhaltlich und sprachlich. Ich musste das Buch zuklappen, weil ich nicht mit verweinten Augen im Schulhaus ankommen wollte. An mir zog die Landschaft vorbei, ein Fluss, eingebettet zwischen sanften Hügeln, und ich dachte, wie viel Glück ich doch hatte, dieses Buch gefunden zu haben. Schon das zweite in Reihe, das mich tief berührte, beide wahre Fundstücke. Und dann wurde mir klar, dass nicht ich diese Bücher gefunden hatte, sondern sie mich. Denn: Ich hatte beide Bücher weder auf einer Wunschliste gehabt, noch nach ihnen gesucht. Sie waren einfach da, als ob sie darauf gewartet hätten, dass ich vorbeikomme. Die Fundstücke waren nicht sie, das Fundstück war ich.  

Beide Bücher passen perfekt zu mir, so, wie massgeschneiderte Kleidung oder all die kargen Landschaften, in die ich so gerne eintauche. Massgeschneidert, weil die Geschichten so herrlich unkonventionell sind, die Charaktere so grandios einzigartig. Eine Erzählsprache wie eine Wahnsinnslandschaft, die mir den Atem nimmt und in der ich endlos verweilen möchte. 

Das erste Buch - Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen) von John Greene - hatte im Eingangsbereich des Schulhauses Türggenau gelegen, mitten zwischen anderen ausgemusterten Bibliotheksbüchern. Zum Mitnehmen stand daneben. Meine Hand streckte sich nach dem Buch aus, wie von selbst. Ich fragte die Bibliothekarin, ob dieses Zum Mitnehmen auch für mich gelte, und sie bejahte. Das Buch und ich gingen gemeinsam nach Hause, ich begann noch am gleichen Tag, es zu lesen. Es war Liebe auf den ersten Blick - und Kapitel 14 hat mich dann schlicht umgehauen. Wow, dachte ich, wow, wow, wow, so sollten Bücher immer sein. 

Das zweite Buch fand mich im Bücherschrank in der Winterthurer Altstadt. Ich war mit dem kleinen Menschen und meiner Tochter dort und hatte nicht viel Zeit zum Schmökern. Mein Blick glitt über die Bücher, fahrig strich ich mit den Fingern über ein paar. Und dann war es da. Klick - zehn Autoren erzählen einen Roman (leider vergriffen). Ein Erzählexperiment um ein Mädchen, das seinen Opa, den Fotografen Gee, verliert und um ihn trauert. Die Autorin Linda Sue Park hat das erste Kapitel geschrieben und an ihren Autorenkollegen David Almond weitergeschickt. Der hat ein zweites Kapitel geschrieben und es weitergeschickt. Zehn Autor:innen, zehn Kapitel, zehn kleine Geschichten, die sich alle um Opa Gee drehen. Das Kapitel, das mich auf dem Weg zur Lesung zum Weinen gebracht hat, war Kapitel 2. Ja, dachte ich, ja, so sollten Texte zu Herzen gehen. Mitten rein.

Seit diese beiden Bücher mich gefunden haben, überlege ich mir immer wieder, wann und wo und wie ich ein Fundstück war. Die bisherigen Antworten sind schön (ein etwas banales Wort, aber hier passt es genau): Mich haben Menschen gefunden, Berufe, Landschaften, Musik, Bücher, Geschichten ...  und ich ahne, dass ich noch ganz viele weitere Antworten finde.

Habt ihr euch schon einmal überlegt, wann ihr ein Fundstück wart? Wann und wo und wie? Und was das mit euch gemacht hat? 

Montag, 9. Februar 2026

UNTERWEGS


Es ist Sonntagnachmittag, ich sitze am Wohnzimmertisch in Werdenberg, schaue in den Garten hinaus, in dem es heute schon ein bisschen nach Frühling aussieht, und hänge meinen Gedanken nach. Sie mäandern in verschiedenste Richtungen, ich lasse sie gewähren, folge ihnen, wechsle mit ihnen die Richtung und vertraue darauf, dass sie irgendwann an irgendeinem Ufer das Wort der Woche finden. Und tatsächlich, da liegt es, auf einer Sandbank wie ein Stück Schwemmholz. Ich erkenne die Sandbank, sie liegt in der Rheinschlucht, durch die ich ins Haus in die Berge fahre. Und weil sie so schön ist, fotografiere ich sie jedes Mal, und manchmal stelle ich sie online in eine Insta-Story und schreibe dazu: unterwegs. Und genau das ist das Wort, das jetzt neben dem Schwemmholz liegt, mein Wort der Woche. Ich hebe es auf, meine Gedanken breiten ihre Flügel aus und tragen mich in einen weissen Märchenwald, eingehüllt in Nebel, dann weiter zur Nebelwand von letzter Woche, so dicht, dass ich aus dem Zugfenster nur Weiss gesehen habe, von dort nach Winterthur, wo der kleine Mensch wohnt, von dort weiter durch unberührte Natur, bis ich sanft lande, mein Wort vor mir ausbreite und überlege, was unterwegs sein für mich bedeutet.

Ich war fast immer gerne unterwegs. Als Kind in den Bergen, im Wald, am Wasser, draussen, "verjuss", wie wir sagen. Als junge Frau oft auf Reisen, kurzen, langen und sehr langen. In verschiedenen Berufen, oft auch zwischen Berufen. In einem Leben ohne Kinder, dann mit Kindern, neu mit einem Enkelkind. Zu Fuss, mit dem Auto, mit der Bahn, im Bus, immer seltener mit dem Flugzeug, kaum je mit dem Fahrrad, einmal sogar auf einem Flussschiff und immer wieder auch einfach in Gedanken. 

Ich denke, das Unterwegssein ist auch ein Grund, weshalb ich schreibe: Ich kann mich jederzeit nach Schottland schreiben, nach Wales oder in die Yorkshire Dales, in den Frühling, wenn es Winter ist, in den Winter, wenn die Sommersonne zu heiss brennt. Wenn es mir hier auf diesem Planeten zu heftig wird, kann ich mich in eine Fantasiewelt schreiben oder mich in ein anderes Sonnensystem beamen. Dasselbe gilt fürs Lesen. Und so, wie man beim Schreiben und Lesen unterwegs sein kann, ohne irgendwohin zu reisen, kann man als Mensch unterwegs sein, zu sich selbst, von sich selbst weg, zu einem anderen selbst hin. Das kann sich wie eine Flucht anfühlen, wie ein Nachhausekommen, zuweilen wie Fliegen. Oder es kann ein Schweben zwischen Entscheidungen sein, bis man sicher ist, die richtige zu treffen. Kaum etwas ist so spannend, wie unterwegs zu sein. 

Diese Woche pendle ich zwischen Werdenberg (meinem Zuhause), Turbenthal (Lesungsort), Winterthur (zum kleinen Menschen und seiner Familie), zurück nach Werdenberg und am Ende der Woche hoffentlich wieder nach Cumbel (meinem zweiten Zuhause) - und natürlich dürfen auch die Gedankenreisen nicht fehlen. Diese Woche sind das unter anderem Ausflüge in die Gefilde der Titelsuche für da bux Bücher, nach Strassburg zu den Lost Souls und in die wundersame Ideensammelkiste im Atelier, wo wir Träume für die Zukunft weben.

Wo und wie immer ihr diese Woche unterwegs seid: Ich wünsche euch wunderbare Ausflüge und Reisen.

PS: Das Bild hat Theres Willi gemalt. Man kann solche kleinen Bildkärtchen - geometrisch oder so toll ausgerissen wie auf der Karte - übrigens bei ihr kaufen (verschiedenste Sujets) und damit wunderschöne, persönliche (Post)karten gestalten.

Montag, 2. Februar 2026

ANALOG


Sonntagmorgen, erster Februar. Gerade habe ich in meinem "Analog" Notizbuch mein Januar-Fazit gezogen. Und ich warte voller Vorfreude und Neugier auf Post vom Little Truths Studio - Ideen für einen analogen Februar. 

CUT. REWIND.

Ich muss zuerst zurückblicken. So voll im Stile einer nostalgischen Boomerin (wobei ich auf das Wort Boomerin ja allergisch bin, aber in diesem Fall trifft es wohl zu). 

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Mit allem, was dazu gehört: Rumtoben und Abenteuer in der Natur erleben, Wandern, Lesen ... Wenn uns langweilig war und wir wir unsere Mutter fragten, was wir tun könnten, war ihre Antwort immer dieselbe: "Hochsprung". Hochsprung ist für mich ein Synonym geworden für "Langeweile aushalten". Denn wer die Langeweile aushält, dem wird irgendwann so langweilig, dass er von selbst auf Ideen kommt, was er unternehmen resp. anstellen könnte.

Die grosse Welt war weit weg. Das war oft gut, manchmal mühsam und frustrierend, denn vor allem mit dem Älterwerden wurde die Welt auf dem Land halt schon mal zu klein. Ich ging auf Reisen. Immer und immer wieder. Erlebte tolle und nicht so tolle Dinge. Ich übte mehrere absolut tolle und ein paar nicht so tolle Jobs aus. Unter dem Strich waren es grossartige Erfahrungen. Verschiedene Arbeitsumfelder, andere Landschaften, andere Menschen, andere Städte und Dörfer, andere Kulturen.

Und dann kam das Internet und brachte uns die Welt ins Haus. Für mich war das ein einziger, weltweiter Abenteuerspielplatz. Eine Offenbarung. Eine wahnsinnige Chance. Aber halt auch ein Ort, an dem man sich verlieren konnte, weil es immer noch etwas gab, das man entdecken konnte, und dann noch etwas, und noch etwas ... Social Media war ein Ort, sich auszutauschen, andere Menschen kennenzulernen, sich inspirieren zu lassen. Die ideale Ergänzung zum realen Leben. Es ging noch nicht um Follower, um Likes, um Reichweite, um Monetarisierung, um Algorithmen. Es war ein fröhliches Jekami, nicht frei von Hatern, aber doch frei genug, dass jeder und jede es wagen konnte, sich, sein Leben, sein Hobby, seine Arbeit zu zeigen. Ich fand Schreibforen, in denen ich das Schreibhandwerk und alles über die Branche lernte, vom richtigen Bewerben bis hin zu den Stolperfallen und Bauchlandungen - und wie man so was überlebt und trotz allem weitermacht.

Heute scrollen wir viel zu oft dumpf durch umpfzig Beiträge, verdödeln unsere Stunden mit sinnloser Unterhaltung, die oft nicht einmal unterhält. Wäre Social Media ein Gericht, bestünde es aus sehr vielen leeren Kalorien. Doch im Gegensatz zum Essen, wo wir versuchen, uns gesund und ausgewogen zu ernähren, schlucken wir die Social Media Brocken ungekaut hinunter und leiden dann unter Verdauungsbeschwerden.

Heute Morgen habe ich mich gefragt, ob ich ich überhaupt auf Social Media wäre, wenn ich nicht Autorin und Verlegerin wäre und die Sichtbarkeit brauche, sei die Reichweite auch noch so klein. Was wäre, so fragte ich mich, wenn ich als Angestellte arbeiten würde und es mir leisten könnte, total unter dem Radar der Öffentlichkeit zu fliegen, ja, wenn ich das sogar ausdrücklich wollte. Einen Moment lang gab ich mich der Illusion hin, ich würde das problemlos schaffen. Doch dann fragte ich mich: Was, wenn ich in meiner Freizeit kreativ wäre oder ein tolles Hobby hätte? Würde ich da nicht Gleichgesinnte suchen, schauen, wie sie es machen? Von ihnen lernen wollen? Würde ich nicht meine Arbeiten, meine Fotos teilen wollen? Doch, würde ich. Ich wäre trotzdem auf Social Media. Und ich würde mir dieselben Fragen stellen, die ich mir jetzt auch stelle: 

Was macht das mit mir? Wie viel Zeit lasse ich mir vom Netz wegfressen? Wie gehe ich damit um, dass reiche Tech-Bros mich längst im Würgegriff ihrer Algorithmen haben? Dass ich manipuliert werde und mich in einer riesigen Datensammelkrake bewege? Dass in dieser grenzenlosen Freiheit nichts mehr frei ist, sondern wir alle gesteuert werden und nicht genehmen Meinungen vom Algorithmus einfach geschluckt und in einem dunklen Loch ausgespuckt werden, wo eilfertige Opportunisten alles auswerten und gegen uns verwenden? Wie soll ich mich verhalten, wenn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gerade im Sinne der Macht begrenzt wird? Aussteigen? Und ganz konkret im Fall von mir als Autorin und Verlegerin: Was bedeutet das für meine Arbeit? Ich überschätze die Wirkung von Social Media in meinem Fall nicht, habe aber trotzdem Angst, dass ich unsichtbar werde? Ganz generell: Schaffe ich den Ausstieg überhaupt? Oder hat mich das Netz am Wickel?  

Ich habe auf viele Fragen Antworten gefunden, aber noch nicht die Konsequenz, sie umzusetzen. Auf einige Fragen gibt es keine Antworten, da muss ich den Widerspruch leben. Zum Beispiel diesen: Ich will vermehrt zurück ins analoge, reale Leben und weiss doch, dass es ohne Netz nicht geht. Auch das Analog-Projekt 2026, das ich dieses Jahr umsetze, fusst auf eine Aktion im Netz. Ein Widerspruch? Ja. 

(Wichtige Anmerkung in Klammer: Josia Jourdan hat zu diesen Widersprüchen ein tolles Buch geschrieben: Fehlfunktion. Er beschreibt darin in Essays unsere Wünsche, unsere Träume, unsere Ideale und unser ganz reales Verhalten - und er stellt uns Fragen, denen wir nachhängen können.)

Zurück zu meinem Analogen Projekt: Ich bin per Zufall über einen Post vom Little Truths Studio aufmerksam geworden und fand: Yap, das hänge ich mich ran und rein. Ich habe mich angemeldet, das kostenlose Januar-Workbook heruntergeladen, in viele Einzelteile zerschnitten und jene Punkte, die ich umsetzen wollte in ein neues Notizbuch eingetragen. Dazu nehme ich Pläne und Ziele, die ich sowieso hatte und habe; vieles davon habe ich schon vorher umgesetzt; es gab Aktivitäten, die von meinem Radar verschwunden waren, die habe ich wieder aufgenommen.

Was ich mach(t)e und machen werde dieses Jahr:

Noch mehr Natur, noch mehr rausgehen, noch mehr verweilen, beobachten, wandern, gärtnern oder einfach ziellos durch die Gegend streunen.

Zeit im Atelier verbringen, zeichnen und gestalten und an unseren offenen Ateliertagen und verschiedendsten Kreativrunden ganz real Menschen kennenlernen und mich mit ihnen austauschen.

Einen Tag pro Woche mit meinem Enkel verbringen. Dieser kleine Mensch lebt im Hier und Jetzt, und weil kleine Menschen von Vorbildern lernen - Gutes und Schlechtes - bleibt das Handy möglichst aussen vor, wenn ich bei ihm bin.

Mein Bullet Journal hegen und pflegen, weil keine elektronische Agenda der Welt mir so viel geben könnte wie mein handgestaltetes Bujo.

Dasselbe gilt für Notizbücher, von denen ich mittlerweile ganze Stapel habe. Ich liebe es, von Hand zu schreiben, die Gedanken kreisen zu lassen, mit Buntstiften wichtige Wörter/Ideen hervorzuheben, einzelne Ideen zu verbinden und dabei witzige, spannende und köstliche AHA-Erlebnisse zu haben.

Mehr lesen. Natürlich lese ich enorm viel, aber es sind vor allem News, Analysen des Zeitgeschehens usw. Ich will aber wieder mehr Bücher lesen und stelle fest, dass ich allein im Januar 26 ungeheuer viel mehr gelesen habe als in den Monaten zuvor.

So oft wie möglich analog leben, mit realen Tätigkeiten im realen Leben. Mir Zeit lassen für Dinge. 

Mich weiterhin im Netz inspirieren lassen, denn wenn man die richtigen Accounts und die richtigen Menschen findet, ist das Netz eine tolle Inspirationsquelle. 

Weil ich das Netz aber nicht nur beruflich und als Inspirationsquelle nutze, sondern auch wie ein Dödel viel zu lange an Posts und Reels und Shorts und YouTube Videos hängen bleibe, will ich das Analog-Projekt nutzen, um zu lernen, wie ich den sinnlosen Konsum eindämmen kann ohne gleich ganz aus den Social Media aussteigen zu müssen.

Ich will, dass mir wieder langweilig wird. Und in diesen Langweile-Momenten, will ich nicht zum Handy greifen, sondern auf den Rat meiner Mutter hören und "Hochsprung" machen. 

Montagmorgen, 2. Februar: Ich bin so was von parat für den nächsten analogen Monat. 

Credits to:
The little Truths Studio
Josia Jourdan