Montag, 18. Mai 2026

ZAPPADONG


Plötzlich steht sie da, in meiner Küche. Guckt auf meine Kaffeemaschine und meint: "Mit Cappuccino ist das bei dir wohl nicht. Also dann halt ein normaler Kaffee." Und dann setzt sie sich ungefragt an meinen Küchentisch.
Ich starre sie an. Die etwas zerzauste Frisur, in der ein paar Erdkklümpchen hängen. Die Falten im Gesicht. Die wachen Augen. Das T-Shirt mit dem EAT THE RICH Aufdruck.
"Ich habe dich vermisst", sage ich.
"Ich dich auch", antwortet sie.

Ich habe Fragen, so viele Fragen. Wo warst du? Was ist mit Mr Doorman passiert? Wie geht's dem Zappadong-Gebäude? Gibt's den Kinosaal noch? Stattdessen mache ich uns beiden einen Kaffee, stelle die Tassen auf den Tisch und setze mich zu ihr hin.

"Mr Doorman ist leider verhindert", sagt sie. "Er wäre gerne mitgekommen, aber in den Kinosaal tropft Wasser und wir wissen nicht, woher das kommt. 
"Geht es ihm gut?", frage ich.
"Wenn er nicht gerade in der Ukraine ist und kämpft, ja."

CUT. EINSCHUB. Ich schulde euch ein paar Erkärungen. Frau Zappadong war mein bloggendes Alter Ego. Vor vielen Jahren. Mit ihr bin ich die ersten Schritte in den Social Media gegangen. Sie war die Frau, die offen, direkt und unverblümt aussprach, was ich vom Zustand der Welt und der Schweiz hielt. Ihr zur Seite stand Mr Doorman, der stoisch-pragmatische russische Türsteher mit einer ziemlicher verrückten Verwandtschaft und der Gabe, den Cappuccino zur Kunstform zu erheben. Die beiden lebten in einem Hochhaus ohne Lift, das ich am Ende versenkte und mit ihm auch meinen ersten Blog, den ich nach der Frau am Küchentisch benannt hatte: Zappadong. EINSCHUB ENDE.

"Er hat also die Seiten gewechselt", stelle ich fest.
"Und wie!" Sie grinst. Ziemlich schief. Ich sehe die Sorge in ihren Augen. Frau Zappadong ohne Mr Doorman. Unvorstellbar.
"Ich denke in letzter Zeit oft an dich", sage ich.
"Hab's gemerkt", antwortet sie.
Natürlich, denke ich und sage: "Cooles T-Shirt."
Sie seufzt. "Wir hätten es nicht beim Slogan belassen sollen. Jetzt ist es zu spät. Jetzt essen die uns. Willst du reden?"

Ja, das will ich. Über so vieles. Weil es neben meinem kleinen Leben dieses grosse da draussen gibt, das völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Aber ich weiss nicht einmal, wo ich anfangen soll.

"Können wir heute einfach nur plaudern und Kaffee trinken?", frage ich. "Ohne uns über irgendwas aufzuregen?"
"Natürlich", antwortet sie. "Glaubst du, du schaffst das?"
Mein Blick gleitet zu ihrem T-Shirt. "Weiss nicht", sage ich. "Einen Versuch wär's wert."
"Ich habe noch andere", sagt sie. "Mit ähnlich guten Sprüchen."
Daran zweifle ich keine Sekunde.
"Du hast damals uns und das Gebäude versenkt, weil es dir zu viel wurde, nicht wahr?"
"Ja", antworte ich. "Immer nur hinsehen und kämpfen und grandios verlieren, das macht was mit einem. Weisst du, ich wollte nie zynisch oder bitter oder gar beides werden."
"Das verstehe ich", sagt sie.
"Sorry, dass ich euch versenkt habe."
"Kein Problem", meint sie. "Ist noch ganz witzig im Untergrund. Und wir können ja jederzeit raus. Aber ganz ehrlich. So prickelnd ist es hier oben nicht. Die Landschaft ist ja wunderschön, aber ich bin immer wieder froh, wenn ich mich aus diesem Irrsinn in unseren unterirdischen Turm zurückziehen kann."
"Das verstehe ich", sage ich und jetzt lachen wir beide.

Dann reden wir doch noch. Über die Familie. Das Schreiben und das kleine und das grosse Leben. Darüber, dass wir beide nie zynisch oder bitter oder beides geworden sind.

Am Ende steht sie auf. "Vielleicht besuchst du uns ja mal im Zappdong-Gebäude. Dann trinken wir Cappuccino mit Mr Doorman." Sie zwinkert mir zu. "Und dabei planen wir die Weltrevolution."
"Mache ich", sage ich und merke in dem Moment, in dem ich es ausspreche, dass ich es ernst meine. Also, das mit dem Besuch im Zappadong-Gebäude. Na ja, und vielleicht denken wir die Weltrevolution einfach mal durch. So ganz theoretisch. "Kennst du das Graswurzelsystem?", frage ich.
"Was denkst du denn?"
Sie ist schon unter der Tür, als sie sich noch einmal umdreht. "Grüsse bitte Hausfrau Hanna von mir. Sage ihr, dass ich ihren Blog sehr gerne lese."

Und dann ist sie weg. Zurück bleibt ein Hauch von Wehmut, ein leichter Geruch nach Erde. Und so was wie ein Versprechen. Ich mache mir eine weitere Tasse Kaffee und setze mich nach draussen. Es hat geregnet in der Nacht. Die Welt sieht aus wie frisch gewaschen. 

PS: Liebe Hausfrau Hanna, Frau Zappadong lässt dich herzlich grüssen.

Donnerstag, 14. Mai 2026

KREATIVZEIT

 

Letztes Wochenende war ich am Kreativmarkt Toggenburg in Wattwil und deshalb sollte das Wort dieser Woche Kreativmarkt sein. Das Problem: Dem Wochenende mit zwei Tagen am Kreativmarkt folgten zwei Lesungstage, den Lesungstagen folgte ein Tag beim kleinen Menschen in Winterthur. Es waren fünf lange, intensive Tage mit viel Unterwegssein am Stück, an deren Ende ich jeweils zu müde zum Schreiben war. Sogar meine Morgenmails wurden zu sehr kurzen Abendmails, falls überhaupt. Ein Blogpost? Uffa ... der musste auf heute warten.

Heute ist der erste Tag, an dem ich durchatmen kann. Begonnen habe ich ihn mit der Morgenmail an Jutta, danach habe ich eine Wäscheladung nach der anderen in die Waschmaschine gesteckt und dazwischen weg- und aufgeräumt und den Besuch unseres Sohnes genossen. 

Am späteren Vormittag trudelte Juttas Morgenmail an mich in meinen virtuellen Briefkasten. In der Mail steckte zwischen den Zeilen auch mein Wort der Woche:

"Was mir nämlich fehlt, sind nicht nur mehr freie Tage, sondern tatsächlich auch mehr Zeit für kreatives Arbeiten. Kling bescheuert, weil ich ja schließlich einen kreativen Beruf habe, aber ich ahne, dass du weißt, was ich meine. Einfach mal wieder im Bujo gestalten - nicht, um Termine einzutragen, sondern um schöne Seiten zu gestalten."

Oh ja, ich weiss, was sie meint! Kreativzeit. Natürlich ist das Schreiben von Büchern zu einem Teil Kreativarbeit, aber es ist vor allem unser Beruf, zu dem auch viel Handwerk und sehr viel pragmatisches und logistisches Drumherum samt Terminplan gehört. Kreativzeit bedeutet für mich Zeit für: Zeichnen, Handwerken, Gärtnern, Bujo, Collagen, Stricken usw. Nicht immer habe ich diese Kreativzeit. In den letzten fünf Tagen fehlte sie mir. Also habe ich heute nicht nur weg- und aufgeräumt, sondern gleich auch meine Kreativecke unterm Dach vergrössert. Noch ist sie nicht fertig, aber sie kommt gut. 

Der Kreativmarkt liegt nun schon einige Tage zurück, aber er wirkt nach. Theres und ich hatten einen Stand, an dem wir ihre Arbeiten und einen Teil meiner Bücher ausgestellt haben. Wir haben andere Kreative kennengelernt, uns mit Standbesuchern unterhalten und uns von anderen Kreativarbeiten inspirieren lassen. Zurückgekommen sind wir mit einigen Sachen weniger, dafür mit Ideen für Neues - und ich mit wunderschönen Kreativarbeiten von anderen. An einem der nächsten Ateliertage wollen wir auf dem Tisch ganz viel Material ausbreiten und schauen, was aus unseren mitgebrachten Ideen entstehen wird. Dazu brauchen wir ... ganz viel Kreativzeit.  

Credit: Die wunderschöne Postkarte ist von Sandra Gasser, die Kunst und Gebäck perfekt vereint und im Internet als Zuckerleinwand unterwegs ist. Entdeckt habe ich sie, ihr Gebäck und ihre Karten am Kreativmarkt.

Montag, 4. Mai 2026

GARTEN


Ich geniesse das grosse Privileg, zwei Gärten zu haben, einen im Tal unten und einen in den Bergen, wobei der Garten in den Bergen eher ein schier unzähmbarer Dschungel in einem mörderischen Steilhang ist, und der im Tal unten nicht wirklich als Garten durchgeht. 

Früher, als wir den Garten in den Bergen noch nicht hatten, habe ich jeweils im Frühjahr tonnenweise Pflanzen gekauft, ein- und mehrjährige. Lange ausgehalten haben es die wenigsten mit mir. Trotzdem habe ich unverdrossen jedes Jahr neue Pflanzen gekauft, habe Unkraut gezupft, bin mit der Giesskante herumgewuselt und mir meinen Garten so schön wie in den Magazinen gewünscht. Vergeblich.

Dann kam das Haus in den Bergen, und ich habe schnell gelernt, dass ich mit der Gartenmethode aus dem Tal total auflaufe. Als mein Vater das erste Mal gnadenlos alles in der Nähe des frisch angelegten Gehwegs niedermähte, ist mein Herz vor Entsetzen beinahe stehengeblieben. Was ich mühselig gepflegt und gehätschelt hatte, war ... weg! "Wie kannst du nur?", habe ich ihn gefragt und er hat gemeint: "Das wächst schneller nach als du gucken kannst." Er war es auch, der nach dem Roden das Gehölz nicht entsorgt hat, sondern mitten im Gelände einfach zu einem Haufen zusammengetragen und liegen gelassen hat. "Da werden sich eine Menge Kleintiere drin wohlfühlen." Ich habe das anfangs nicht verstanden. Mein schönes Grün war plattgemacht und im Gelände stapelten sich unansehliche Haufen. 

Es dauerte nicht lange, bis ich merkte, wie recht er in Sachen Nachwachsen hatte, und dann noch eine Weile, bis sich das mit den Stapeln herumgesprochen hatte und immer öfter so gemacht wurde. Über die Jahre habe ich gelernt, dass die Natur vieles von selbst regelt - wenn man sie lässt. Ich habe gelernt, loszulassen. Habe wachsen lassen, was wachsen wollte. Vieles davon oft im nächsten Jahr an einem anderen Ort. Ich habe aber auch gelernt, ziemlich radikal zu mähen und Bäumen unzimperlich mit der Säge zu Leibe zu rücken, Brombeerausläufer zu Dutzenden jedes Jahr aufs Neue aus dem Boden zu reissen - manchmal auch einfach abzuschneiden, weil die sowieso wieder nachwachsen. Ich habe dem Bärenklau den Kampf angesagt und reihenweise invasive Pflanzen ausgerissen oder abgeschnitten. Ich habe aus Natursteinen eine Feuerstelle errichtet, Terrassierungen und Trockenmauern gebaut, den Steilhang mit Naturtreppen aus Stein und Holz begehbar gemacht. Was wir roden (hier die wir-Form, weil die ganz grossen Arbeiten Herr Ehemann erledigt), werfen wir heute sehr selbstverständlich auf Haufen und geben damit jensten Kleintieren ein Zuhause.    

       

Ganz gezähmt ist der Bergdschungel nicht. Im Winter rutschen manchmal Teile der Terrassierung weg, im Frühling wächst er uns regelmässig über den Kopf. Aber er ist schön, unfassbar schön in seiner Wildheit. Wenn ich "schnell" eine Runde durchs Gelände drehen will, bin ich oft erst nach einer Stunde wieder zurück. Weil es so vieles anzuschauen und zu bestaunen gibt. Und ich immer neue Ideen habe, was ich noch machen könnte. Ohne den Garten in den Bergen würde mir etwas fehlen. Sehr sogar. 

Die Art, wie ich in den Bergen im Garten arbeite, habe ich mit ins Tal hinunter genommen. Es wächst, was wachsen will. Ausser ein paar einjährigen Frühlingsblumen kaufe ich nichts mehr. Im kleinen Garten gedeiht und blüht es auch so. Bunt, wild, kaum gezähmt. Und wenn es von etwas zu viel wird, arbeite ich nicht "mit der Nagelschere" wie mir früher scherzhaft gesagt wurde, sondern nehme das grosse Besteck raus und schneide zurück. Unfachmännisch resp. unfachfraulich, ohne Angst, etwas kaputtzumachen. Weil mein Vater recht hatte: "Das wächst schneller nach als du gucken kannst." Und wenn es mal nicht so ist, nun, dann wächst dort eben etwas anderes.

Gärtnern, so habe ich gelernt, ist etwas für Furchtlose. Gärtnern ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenmarsch. Gärten wachsen über Jahre, Jahrzehnte, oft Jahrhunderte. Gärtnern lehrt einen Gelassenheit. Ich nehme dankbar an, was die Natur für mich einrichtet. Sie ist sowieso die viel bessere Gärtnerin als ich. 

Das Einzige, das ich bedaure: Ich träume immer mal wieder den Traum der Selbstversorgerin. Aber ich kenne meine Grenzen. Und meine (Nicht)Fähigkeiten als Gärtnerin. Weshalb ich das mit dem Gemüsegarten bleiben lasse. Das eine Hochbeet, das ich mir eingerichtet habe, hat - um es nett auszurücken - sehr viel Luft nach oben. Ich beschränke mich also auf das, was abgesehen vom Giessen auch ohne mich wächst.

Nie ist der Garten so schön wie jetzt im Frühling. Ich komme gerade aus den Bergen zurück, wo ich mich stundenlang im Steilhang verloren habe, beim Arbeiten, beim Schauen, beim Staunen, beim Ideen jonglieren. Jetzt tippe ich diesen Blogpost mit Sicht auf das blühende Kleingartenleben um mich herum. Perfekte Gärten sehen anders aus als meine. Und noch immer überkommt mich beim Anblick schöner Gärten in Magazinen eine leise Wehmut. Aber seit ich herausgefunden habe, dass meine Gärten ein bisschen so aussehen wie ich, bin ich mit mir und der Gartenwelt versöhnt. 

Montag, 27. April 2026

FARBE


Wir befanden uns auf dem alten Saumpfad von Forno nach Campello Monti, in einem Seitental in der Nähe des Ortasees. Gerade hatten wir etwas abenteuerlich einen kleinen Fluss überquert, folgten nun dem Pfad zwischen den Bäumen und erreichten eine Lichtung. Hellgrünes Gras leuchtete, vor uns lagen Häuser, die zumindest teilweise noch bewohnt waren. Weiter oben befand sich eine Siedlung mit Steinhäusern, alt, zum Teil zerfallen. Meine ganze Aufmerksamkeit galt dem Kirchenturm, den ich für den kleinen Menschen in Winterthur fotografieren wollte (er findet Kirchtürme gerade total spannend,
vor allem, wenn die Glocken läuten). Ich drückte ab, einmal, zweimal. Eine Kirche, ein Turm, dahinter waldbewachsene Bergkämme. Rockmusik aus den Achtzigern klang zu uns rüber. Wir gingen weiter, zwischen zerfallenden Steinhäusern hindurch, entdeckten den Garten, aus dem die Musik kam ... und dann standen wir unverhofft vor einem quietschbunten Spielplatz vor einem roten Turm, im Hintergrund Berge mit letzten weissen Schneeflecken. Es war surreal, es war lustig, es war ein einziges Fest der Farben. Eine Weile lang staunten wir, dann wanderten wir weiter.

Erst auf dem Rückweg (dieselbe Strecke), fiel mir beim Anblick des Spielplatzes ein, was ich vor lauter Staunen und Lachen vergessen hatte: Ich bin ja in der Gelb-Woche!!! Und was könnte ich gelberes finden als dieses gelbe Ufo-Tierchen direkt vor mir? Ich fotografierte. So, wie ich vieles fotografiert habe in diesen Tagen in Norditalien. Grund dafür ist die Aufgabe, die der Schneckenpost von Theres beilag: "Halte Ausschau nach gelben Dingen. Betrachte sie, zeichne sie, fotografiere sie." (Der genaue Wortlaut ist mir entfallen). Ich habe mir diese Aufgabe für meine Ferien aufgehoben. Erkenntnis: Wie sehr sich die Wahrnehmung doch ändert, wenn man den Fokus auf etwas Bestimmtes richtet. Plötzlich sehe ich überall Gelb. Dabei mag ich Gelb nicht einmal. Dachte ich. Jetzt merke ich: Gelb kann schön sein. Und überall. Ich habe entschieden, mich von der Farbe Gelb bis Ende Monat begleiten zu lassen.

Während also Gelb sozusagen meine kreative Mission im April ist, begleitet mich das Thema Farbe schon eine ganze Weile. Jeder Lost Souls Titel ist von einer Farbe geprägt. Als ich mich an Band 5 machte, begann damit auch meine berufliche Farb-Mission. Am Anfang sah es einfach und klar aus: Band 5 wird grün. Von dieser Klarheit kam ich ziemlich schnell weg, denn überall war es grau. In den Augen, in den Herzen, in den Handlungen der Guten und der Bösen - und weil der Wolf aus den ersten vier Bänden eine wichtige Rolle spielt. Also Grau. Dachte ich. Bis ich zu zweifeln begann. Grau??? Echt jetzt? Nein. Silber vielleicht, stahlgraues Silber. Das blieb lange so, bis ich auf Purple kam. Eigentlich gedacht für Band 6, aber der wird aller Voraussicht nach grün (falls ich mich nicht auf derselben Achterbahn wiederfinde wie bei Band 5). Im Moment bin ich zurück bei Grau. Weil es am besten passt - und blöderweise auch am schwierigsten ist, dazu einen guten Titel zu finden. Der purple Titel wäre übrigens echt stark gewesen. Aber er will einfach nicht so richtig passen.

Zwei Farb-Missionen. Beide sind spannend und fordern mich. Während ich bei Mission Gelb immer wieder staune und lache, ist Mission Farbe für Lost Souls ein zuweilen total mühsames Abenteuer. Aber Abenteuer sind nun mal zuweilen mühsam.

Diese Zeilen schreibe ich direkt am See, im kleinen Garten der Ferienwohnung. Das Wasser ist nicht einfach blau, es ändert seine Farbe immer wieder. Die Grüntöne im Garten und auf den Bergen reihum decken ebenfalls eine ganze Palette ab. Das graue Steinhaus ist von vollendeter Schönheit. Am Rosenstrauch an der Mauer leuchten die ersten beiden roten Rosen, auf dem See gleitet ein weisses Segelboot vorbei. Über allem liegt ein blassblauer Himmel, durch den träge Wolken ziehen. 

Man muss nicht direkt an einem See sitzen, um die Schönheit der Landschaft oder Gegend um sich herum zu entdecken. Man muss nur die Augen offen halten und schauen. Blaue Fensterläden, Gärten voller Blumen, das helle Grün der Frühlingsblatter, eine knallrote Sitzbank, ein blau-gelbes Verkehrszeichen, ein vorwitzig pinker Hut auf dem Kopf einer Spaziergängerin ... Wenn ihr die Welt einmal durch eine ganz andere Brille sehen möchtet, konzentriert euch die nächsten Tage auf die Farbe Gelb. Ihr werdet staunen!

Und mich würde es freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren schreiben würdet, welches eure Lieblingsfarbe ist. Oder welche Farben euch auf euren Wegen besonders aufgefallen sind. Oder ob und wie sich euer Blick auf die Welt geändert hat, nachdem ihr euch eine Weile auf die Farbe Gelb konzentriert habt. Hier noch meine Gelb-Collage:

Montag, 20. April 2026

MUSE


Warum zur Hölle hatte ich kein Notizbuch und keinen Stift dabei? Buchtitel, Settings, Plotideen, Kurzdialoge - all das ploppte in meinem Kopf auf, tanzte darin herum, löste Kettenreaktionen aus und ich wusste genau, dass ich diese wunderbaren Geistesblitze nicht ansatzweise alle in meiner Erinnerung festhalten konnte. Also, warum zur Hölle hatte ich kein Notizbuch und keinen Stift dabei? Zu allem Elend hatte ich auch das Handy im Auto gelassen, weil ich mich voll und ganz auf das Konzert konzentrieren und jede Sekunde auskosten wollte.

Ort des Geschehens: Altes Kino Mels
Band auf der Bühne: The Beauty of Gemina

Die Band, zu deren Musik ich seit unzähligen Jahren meine Bücher schreibe, meine Inspiration, meine Muse. Längst hat sie auch Eingang in die Bücher gefunden: 

In #no_way_out hängt das Poster zum Album At the end of the sea über Edys Bett. 

Stattdessen richtete ich meinen Blick auf ein Poster über Edys Bett. Nicht auf Edy, denn das hätte mein Herz zerrissen. Die ganze Zeit, in der Jake weiterredete, schaute ich auf das Poster. Es war, als hätte Edy es genau für diesen einen Moment aufgehängt. ... Auf der Mole standen verschwommene graue Gestalten. Smiley, Edy und ich. Ich verstand nicht wieso, aber von dem Bild ging eine unendliche Ruhe aus. Sie gab mir die Kraft, Jakes Worte zu ertragen.

In der Lost Souls Reihe ist Nathan McArran eine junge und kaputte Version (reine Fiktion) von Michael Sele, dem Sänger von The Beauty of Gemina. Was gleich ist: Die Musik und die Stimme, in die man sich fallen lassen kann wie in eine endlose, warme Umarmung. In Band eins erzähle ich, wie Kata zum ersten Mal ein Konzert der Band Black Rain von Nathan besucht - es ist exakt das, was ich an meinem ersten Konzert von The Beauty of Gemina gefühlt habe. In Band zwei der Reihe steht Nathan mit seiner Band im Zentrum, und The Beauty of Gemina hat mir dazu einen Song zur Verfügung gestellt, den ich im Buch kostenlos zitieren und auch dem Buchtrailer unterlegen durfte (Link am Ende des Posts).

Hundert Lügen ist das Buch, zu dem mich der Song Dragon inspiriert hat, und in den dann das ganze dazugehörige Album Ghost Prayers eingeflossen ist.

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich schon an Konzerten der Band war. Es sind viele, sehr viele. Das Konzert im Alten Kino Mels war nur eine weitere Station auf einem langen, gemeinsamen Weg. Wenige Wochen zuvor hatte ich The Beauty of Gemina im Theater am Kirchplatz in Schaan gesehen, wo sie zusammen mit Katharina Thalbach aufgetreten sind. Damals hatte ich mir geschworen, nur noch mit einem Notizbuch und einem Stift zu den nächsten Konzerten zu gehen. Tja. Und dann sass ich am Samstagabend im Alten Kino und liess mich von der Musik, dieser unvergleichlichen Stimme und den wunderschönen Songtexten davontragen, während in meinem Kopf ein Ideengewitter tobte und ich mich fragte, warum zur Hölle ich kein Notizbuch und keinen Stift dabei hatte.

In der Pause habe ich den Lichttechniker gefragt, ob er ein Stück Papier und einen Stift hätte. Vier Wörter sind mir noch eingefallen. Vier! Die habe ich aufgeschrieben. Das ist ein Anfang. Bruchstücke meiner Erinnerung werden zurückkehren. Darauf hoffe ich. Am Ende bleibt nur eins: Beim nächsten Konzert ... ja genau ... Notizbuch und Stift mitzunehmen. Vielleicht schreibe ich bis dahin ein Diary of a Lost, auch das ein Albumtitel der Band. Würde hervorragend passen. 

Nächstes Jahr, so hat Michael Sele am Konzert erzählt, feiert die Band ihren 20. Geburtstag. Mein Herz hat einen kleinen Salto geschlagen, denn nächstes Jahr feiert auch mein erstes Buch Blackout seinen 20. Geburtstag. Es gibt Zufälle, die keine sind.

Musen, so sagt man, inspirieren Künstler und Künstlerinnen in ihrem Schaffen. Und so ist Muse kein zu grosses Wort für die Band, zu deren Musik ich seit Jahren meine Bücher schreibe. Muse, das war auch so ein Geistesblitz am letzten Samstagabend. Einer, der mir im Gedächtnis haften geblieben ist. Es gibt für mich kein anderes Wort der Woche als dieses. Ich habe Michael Sele mal gesagt, so lange er Musik mache, würde ich auch schreiben. Es ist eine Art Versprechen. An mich. 

Hier noch der Buchtrailer zum Buch Black Rain mit der Musik von The Beauty of Gemina


PS: Wenn The Beauty of Gemina bei euch in der Nähe auftreten, geht hin. Mir bleibt, Danke zu sagen. Danke an meine Muse. Danke für eure Musik.