Mittwoch, 29. Februar 2012

Der Zeigefinger des Schicksals

Ich war die letzten beiden Tage auf Lesetour. Irgendwie muss das der Gott aller öffentlichen Verkehrsmittel mitbekommen haben, denn heute - nach den Lesungen - stand ich in Aarau am Bahnhof und der Zeigefinger des Schicksals (also sozusagen die verlängerte Hand des Gottes aller öffentlichen Verkehrsmittel) zeigte bestimmt und unerbittlich auf mich. Mein Zug fiel aus. Von all den Zügen genau meiner. Nun mag so ein Zugsausfall im Schweizer Mittelland eine Bagatelle sein (kommt ja ziemlich bald der nächste), doch für Leute, die in der Pampa leben, hat das Folgen: Die Rückfahrt von Küttigen nach Buchs SG (160 km) dauerte somit genau 3 Stunden und 20 Minuten.

Meine Gelassenheit machte sich aus dem Staub. Ich entschied an Ort und Stelle, wieder auf das Auto umzusteigen. Nur, dazu musste ich erst nach Hause kommen. Ohne Auto. Mit der Bahn. Also griff ich auf meinen Galgenhumor zurück, ging in den Bahnhofbuchladen und kaufte mir den Pampa Blues von Rolf Lappert, krallte mir ein "20 Minuten " (wegen der Sudokus) und stellte mich auf eine langwierige Fahrt mit grottenschlechten Anschlüssen ein. Für die positive Sichtweise (Bahnhofsbesichtigungen und rumhängen auf Plattformen) fehlte mir für einmal der richtige Blickwinkel.

Nun, es wurde dann erstens lustig und zweitens genial schön.
Lustig, weil kurz nach der Abfahrt von Aarau via Lautsprecheranlage verkündet wurde, dass wir leider umgeleitet werden ... und deshalb verspätet in Zürich eintreffen würden. Im Zugswaggon brach allgemeine Heiterkeit aus, die sich mit der auf französisch gestammelten Ansage verstärkte und bei der englischen Version hätte man dann schon Tränen lachen können.
Genial schön, weil Rolf Lappert einfach sensationell schreibt.
Ach ja, und der Cappuccino im Bahnhofsladen von Sargans ist nicht nur saumässig gut, sondern wahrscheinlich auch der billigste Cappuccino entlang der vereinigten Bahnstrecken der Schweiz.

Als Sahnehäubchen der ganzen Geschichte hielt der Railjet gefühlte 10'000 Meter vom Bahnhof weg an. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis ich endlich durch die grottendüstere Bahnhofsunterführung schreiten konnte, um dann im ganz normalen Wahnsinns-Verkehrschaos des Buchser Bahnhofs aufzutauchen.

PS: Habe ich schon erwähnt, dass die Bahnticket-Preise im Dezember massiv aufschlagen werden?

Sonntag, 26. Februar 2012

Vom Schreiben leben - gibt es ein Recht darauf?

Ich beginne diesen Eintrag mit einem Kommentar von bugsierer : "ich würde mal schätzen, dass 99% aller künstler nebenbei noch einen brotjob machen müssen und das hat mit der buchpriesbindung rein gar nix zu tun. das ist seit ewig so und wird so bleiben und ist auch richtig so"

Im Text, auf den sich dieser Kommentar bezieht, ging es um Autoren und um die Feststellung, dass die meisten vom Schreiben nicht leben können und deshalb "nebenbei" einem Brotberuf nachgehen, also einem Beruf, der ihnen das Einkommen sichert oder zumindest sichern sollte. Ich bin am richtig so hängen geblieben und fand, darüber könnte man diskutieren. Seither trümmeln mir mehr Fragen als Antworten durch den Kopf. Ich stelle diese Fragen einfach einmal in den Raum. Wer möchte, kann weitere Fragen anhängen oder sich an einer (oder mehreren) Antworten versuchen.

Zuerst die Frage, die sich - für mich - am einfachsten beantworten lässt: Ja, ich möchte von meiner Arbeit als Autorin leben könnnen.

Und jetzt kommen die Fragen:

... Ist es wirklich richtig so?
... Ist es einfach, wie es ist?
... Gibt es ein Recht darauf, als Autorin seinen Lebensunterhalt verdienen zu können?
... Wenn ja, woher soll das Geld kommen?
... Soll es der Markt richten?
... Wer gewinnt im freien Markt? Der Mutige? Die Tapfere? Der Ausdauernde? Die hart Arbeitende? Der Bessere? Die Gewandtere?
... Braucht es Förderung?Wenn ja, wer wird gefördert und wie?
... Gilt das Recht des Tüchtigen?
... Kann ein Brotberuf unter Umständen sogar ein anregender Faktor fürs Schreiben sein?
... Bremst ein Brotberuf?
... Wäre ein Grundeinkommen für alle (nicht nur Künstler) die Antwort? Oder die passende Ausrede?
(Diese Frageliste ist weit weg von vollständig; es sind die ersten Fragen, die bei mir aufkamen.)

Wie ich es sehe:

Wer das Schreiben im Bewusstsein beginnt, sich auf eine brotlose Tätigkeit einzulassen, hat schon viel gewonnen. Er (Sie) geht die Sache realistisch an. Für Menschen mit rosa Brillen ist Schreiben nicht unbedingt der geeignete Beruf. Es kann einer werden, es kann aber auch für immer ein Hobby oder ein Nebenerwerb sein.

Schreiben (oder jede andere Kunst) ist Arbeit, viel Arbeit. Leider garantiert diese viele Arbeit kein Einkommen, mit dem man das Leben bestreiten könnte, auch wenn man hart arbeitet. Als Schreibende gehört man zur Gruppe der selbständig Erwerbenden. Ich kenne keinen selbständig Erwerbenden, der eine Garantie darauf hat, genügend Einnahmen für seinen Lebensunterhalt zu generieren.

Als zäher Brocken, sturer Grind und unerschütterliche Optimistin habe ich es trotz allem verinnerlicht, dass man es auch als Schreibende schaffen kann. Ich weiss um das Scheitern, aber ich will es schaffen. Daran arbeite ich. Ohne Garantie, dass das auch ein Leben lang funktioniert (seit ca. zwei Jahren funktioniert es für mich als Einzelperson; (m)eine Familie ernähren könnte ich jedoch nicht).

Ein Brotberuf ist für mich nicht eine bittere Pille, die es zu schlucken gilt, sondern eine mögliche Alternative. Ich gestehe jedoch, dass ich das Leben als Freiberufliche vorziehe. Samt all den Risiken.

Vielleicht ist die Frage, ob es richtig oder fair ist, die falsche Frage. Vielleicht müssen wir uns eher fragen, wie wir damit umgehen.

Das wären erste Gedanken und ein erstes Fazit von mir. Die meisten Fragen bleiben offen. Ich lasse sie mal so stehen und hoffe auf Kommentare.

Freitag, 24. Februar 2012

Gestern Abend, unterwegs

Mit dem Auto, weil die Bahnverberbindungen nach St. Gallen einfach (sagen wir es nett) etwas subobtimal sind. "Schiff im Sand" von Züri West auf der Repeattaste. Hin und zurück. Und weil ich alleine unterwegs war, sehr laut. Sehr, sehr laut. Das Leben war gut.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Produktiv

Heute habe ich

... eine Weihnachtsgeschichte abgegeben.
... die Texte meines ersten Texterauftrags eingereicht.
... die Druckfahnen für das neue Buch erhalten.
... mit meiner Agentin wegen eines neuen Projekts telefoniert.
... einen Vorschlag für einen Lesungstermin erhalten und bestätigt (6. April).
... den Eintrag des Lesungstermins in Vaduz im Blog und auf der Webseite präszisiert (Landesbibliothek, 4. April)

In einer halben Stunde mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Ich fahre nach St. Gallen, wo ich am ersten Treffen einer Arbeitsgruppe teilnehme, deren Ziel es ist, die Autoren der Ostschweiz besser zu vernetzen und einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Kurz: Im Moment läuft einfach alles rund. Ist ein gutes Gefühl. Von guten Gefühlen war hier im Blog schon öfters die Rede. Auch davon, dass man die Welle reiten soll, wenn sie da ist. Dann mach ich das doch mal :-)

Autoreninterviews

Ich lese nicht nur gerne Blogs von Autoren (siehe Blogroll), sondern auch Interviews mit Autoren. In den letzten paar Tagen haben mir zwei besonders gut gefallen:

... das Interview mit Christiane Lind
... das Interview mit Frank Maria Reifenberg

Bevor ihr auf die Links klickt: Es sind keine dieser kurzen Ex-und-Hopp-Interviews mit Fragen, die auf der Oberfläche surfen. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, sich eine Tasse Kaffee / Tee zu machen oder sich ein Glas mit seinem Lieblingsgetränk zu füllen, um dann in aller Ruhe einzutauchen in die Welt dieser beiden Autoren.

Mittwoch, 22. Februar 2012

Buchpreisbindung und Online-Handel

Meine Blogeinträge zur Buchpreisbindung sind nicht ungehört und ungelesen verhallt. Ich habe Post erhalten. Angehängt war jeweils ein Schreiben, das zeigen sollte, dass Online-Anbieter im Ausland in die Schweizer Buchpreisbindung eingebunden sind. Ich habe beide Schreiben gelesen - und beide schaffen es nicht, meine Zweifel auszuräumen.

Schreiben Nummer 1 ist eine rechtliche Beurteilung
 "Währenddem der Begriff der gewerbsmässigen Einfuhr noch als Spielball für eine Umgehung des parlamentarischen Willens noch missbraucht werden könnte (die Befürworter der Preisbindung stellen sich auf den sachlich richtigen Standpunkt, dass der Import von Büchern durch einen Online-Buchhändler eine gewerbsmässige Aktion ist), ist die Sachlage bei Punkt c unbestritten: Der Akt des Kaufes findet auch bei einem Onlinegeschäft in der Schweiz statt, weshalb auch der Kauf eines
Privaten aus der Schweiz der Schweizerischen Gesetzgebung über die Preisbindung unterstellt wäre.
"

Fakt ist:
Punkt b) ist in dem Gesetzestext enthalten, über den wir abstimmen. Und dieser Punkt ist glasklar - er erlaubt den privaten Buchkauf beim ausländischen Online-Händler (privat ist nicht gleich gewerbsmässig)
Punkt c) der Gesetzestext spricht nicht von "Kauf", sondern von Handel. Der Händler sitzt jedoch im Ausland und nicht in der Schweiz. (Gesetzestext: c) in der Schweiz gehandelt werden)

Schreiben Nummer zwei ist eine Richtigstellung des SBVV zu den oben aufgeführten Schlüssen der rechtlichen Beurteilung:
"Falls es jedoch trotz dieser klaren Gesetzeslage zu einem Auslegungsstreit bezüglich des Internetbuchhandels kommen sollte, gilt die juristische Regel, dass bei einem jungen Gesetz der Wille des Gesetzgebers (juristisch gesprochen die «historische Auslegung») massgebend
ist. Mit der ausdrücklichen Streichung von Abs. 2 über den grenzüberschreitenden Internethandel (siehe oben) wäre die Sache dann endgültig klar. Dies bestätigen sämtliche Experten,
u.a. der Berner Staatsrechtsprofessor Andreas Lienhard
."

Fakt ist:
Gemäss Befürwortern stimmen wir nicht über den Gesetzestext ab, der uns offiziell vorliegt, sondern über dessen Bereinigung nach einer allfälligen Annahme. Nun, wenn es wirklich so ablaufen würde, wie die Richtigstellung des SBVV es vorsieht, dann muss ich gar nicht erst abstimmen gehen, weil das, worüber ich abstimme, nicht das sein wird, worüber ich eigentlich abstimme. Alles klar? So was nennt man die totale Irreführung von Stimmbürgern (und leider passiert das nicht zum ersten Mal in einer wichtigen Abstimmung). Verlierer wären alle.

Aber gehen wir einen Schritt zurück und nehmen wir an, es ist so, wie die Befürworter schreiben und Punkt b) würde nach der Annahme der Initiative gestrichen und c) grosszügig ausgelegt. Dann hätte ich ein paar Fragen:

1. Wieso ist der begleitende Informationstext im Abstimmungsbüchlein so unklar wie ein nebelverhangener Tag? (Er erwähnt keinen der oben genannten Schlüsse.)
2. Warum hat der Bundesrat die Aussage seines Vertreters Johann Schneider-Ammann (Bundesrat), wonach der ausländische Online-Handel von der Buchpreisbindung ausgeschlossen sein wird, nicht sofort und heftig richtiggestellt und korrigiert?
3. Wo bleibt eine glasklare Aussage des ausländischen Online-Handels? Ich habe von keinem Anbieter eine Zusicherung gelesen, dass er sich an die Buchpreisbindung halten wird.

Fazit: Wir stimmen über etwas ab, das absolut unklar ist und über das bis jetzt auch niemand wirklich Klarheit geschaffen hat - am allerwenigsten unsere Landesregierung. Alleine das sollte Grund genug sein, ein Nein in die Urne zu legen.

PS: Eine Erklärung für ausländische Leser dieses Blogeintrags: Schweizer Preise liegen generell (zum Teil massiv) höher als im Ausland. Deshalb ist die Frage, ob der ausländische Online-Handel unter die Buchpreisbindung fällt, so wichtig. Denn: Fällt er nicht darunter, werden viele Schweizer auf einen - allenfalls wesentlich billigeren - Online-Kauf bei einem ausländischen Anbieter ausweichen (deshalb werden wir auch vergeblich auf eine klare Stellungnahme der ausländischen Anbieter warten - die können bei einem Ja zur Buchpreisbindung allenfalls viele neue Schweizer Kunden begrüssen).

Montag, 20. Februar 2012

Image

Die meisten von uns rechnen nicht wirklich damit, einmal berühmt zu werden (das mit dem Hoffen darauf ist ein ganz anderes Thema). Wir freuen uns, wenn es mit einer Veröffentlichung klappt, wenn man zur einen oder anderen Lesung eingeladen wird und die Lokalpresse einen Artikel schreibt. Deshalb überlegen sich die wenigsten von uns, wie wir das denn machen wollen mit der Presse und dem Internet, falls der Erfolgspfeil eines Tages auf uns zeigen sollte.

Sollten wir aber. Zumindest sollten wir uns die Frage stellen, wie viel wir bereit sind, von uns preiszugeben, und wo unsere Grenzen sind. Bei einer Homestory? Bei persönlichen Urlaubsfotos? Bei den Fotos von Ehemann und Kindern? Bei Familiengeschichten? Denn: Was was man einmal angefangen hat, kann man nicht mehr stoppen. Wer sein Privatleben in der Presse oder den Social Media ausbreitet, kann nicht irgendwann plötzlich das Recht auf Privatsphäre einfordern.

Die meisten Autoren, die ich kenne, geben sich öffentlich so, wie sie auch privat sind. Dann gibt es jene, die ihre Privatsphäre (zum Teil oder ganz) hinter einem Image verstecken. Ich kann verstehen, warum jemand das tut, aber mir wäre das viel zu umständlich. Bei Lesungen bin ich sehr offen (und auch persönlich). In Sachen Internet war ich früher viel offener, bin aber vorsichtiger und zurückhaltender geworden und bei der Lokalpresse habe ich das grosse Glück, dass ich sehr offen sein kann und darauf bauen kann, dass mich niemand damit in die Pfanne haut. Viel weiter bin ich noch nicht gekommen. Ausser zu einem Interview in einer Elternzeitschrift, bei dem ich zu viel verraten habe (Lernfaktor: GROSS) und einer Anfrage eines lokalen TV-Senders, ob ich in einer Muttertagssendung mitmachen würde (Ich mag Muttertage nicht, ich mag Muttertagssendungen nicht - und habe abgesagt). Aber ich denke mal, dass ich gerüstet wäre, würde es je dazu kommen.

Warum ich das schreibe, wo ich doch nun wirklich keine Erfahrung mit dem grossen Medienansturm habe? Ich kenne Menschen, die gerade in diesem Prozess sind und sich diese Fragen stellen. Zudem habe ich kürzlich ein Portrait über Kate Moss gesehen, in dem gesagt wurde, dass sie noch NIE ein Interview gegeben hat. Ich war total beeindruckt. So was nennt man Strategie! (Sie muss das von Anfang an so geplant haben.) Und ich habe Milena Mosers Blogeintrag gelesen, in dem sie darüber schreibt, wie es ist, wenn man sein Privatleben öffentlich lebt.

Die Entscheidung, wie man es angehen will, liegt bei jedem Einzelnen. Darüber nachzudenken, wäre keine schlechte Idee.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Mein Schreiben

Ich hatte Glück. Gleich mein erstes Buch Blackout verkaufte sich an einen guten deutschen Kinder- und Jugendbuchverlag. Danach lief alles wie von selbst; das Buch wurde zur Schullektüre verkauft sich auch heute noch gut, der Verlag fragte nach mehr. Bis vor zwei Jahren. Da geriet dieser vermeintliche Selbstläufer ins Stocken und ich ins Grübeln - mit zeitweiligen Stürzen in den emotionalen Abgrund. Dass ich schreiben wollte, stand ausser Zweifel, aber ob ich weiterhin veröffentlichen konnte oder gar wollte, war mehr als fraglich.

Was ich im letzten Satz kurz und knapp zusammengefasst habe, war in Wirklichkeit ein monatelanges Hadern mit der Branche, ein Ringen mit mir und sehr, sehr viel Unsicherheit in Bezug auf meine berufliche Zukunft, aber auch auf mich selbst. Es gab Zeiten in dieser Phase, in denen ich mich kleiner und unbedeutender fühlte als ein kleines Würstchen. Nun bin ich so gestrickt, dass ich zwar grässlich fallen kann, aber irgendwann kommt bei mir immer der Punkt, an dem ich mir sage: "Spinnst du eigentlich? Warum tust du dir das an?" Wenn ich diesen Punkt erreiche, kommt die Energie zurück. Und wie. Dann reinige ich meine verklebten Flügel, breite sie aus und fliege.

Konkret hiess das für mich: Ich entschied mich - nach einem agenturlosen Jahr -  erneut eine Agentur zu suchen, denn damit konnte ich mich aufs Schreiben konzentrieren und den ganzen geschäftlichen Rest jemandem abgeben. Zu meiner grossen Freude kam ich bei meiner Wunschagentur unter. Meine Agentin, Frau Hanauer, war begeistert von meiner Serienidee und zog damit los. Ich schreib mein Buch, das diesen Sommer erscheinen wird, und da ich mir nicht die Illusion machte, für meine Serie sofort einen  Verlag zu finden, plottete ich und fabrizierte Leseproben.

Eigentlich könnte damit alles gut sein. Aber irgendwo klemmte es immer noch. Ende 2011 gestand ich mir ein, was ich eigentlich immer gewusst hatte: Ich bin keine Plotterin. Ich bin keine Leseprobeschreiberin. Ich will meine Geschichten während des Schreibens entwickeln. An den ersten paar Kapiteln eines Buches schreibe ich endlos lange, bis sie für mich stimmen. Und weil eine Leseprobe meistens die ersten paar Kapitel eines Buches sind, dauert das entsprechend lange - ich kann sie nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln. Als der erste Verlag fragte, ob ich nicht noch 25 Seiten Leseprobe mehr schreiben könne, schrieb ich die zwar, schickte die auch an die Agentin, war aber überhaupt nicht zufrieden damit. Das Glück wollte es, dass diese Seiten nie den Weg zum nachfragenden Verlag fanden.

Es war Zeit für einen weiteren Entscheid. Diesmal dauerte meine Nachdenk- und Entscheidungsphase viel weniger lange. Ich stürzte auch nicht ab. Ich betrachtete die ganze Sache sehr nüchtern und entschied mich für mich. Für meine Art zu schreiben. Das bedeutet: Ich bat meine Agentin, die Verlagssuche einzustellen, mich einfach schreiben zu lassen, und zwar so lange, bis ich einen Text habe, zu dem ich wirklich stehen kann - oder mir ein Verlag ganz alleine auf der Basis einer Grundidee eine Geschichte abkauft (was ein ziemliches Risiko für den Verlag ist). Sie wies mich darauf hin, dass ich unter Umständen sehr viel Zeit in etwas investiere, das dann kein Verlag veröffentlichen will. Das war mir bewusst. "Dann machen wir es so", meinte meine Agentin und ich wusste einmal mehr, bei der genau richtigen Agentur gelandet zu sein.

Damit sind wir beim Februar 2012. Ich schreibe. An zwei Projekten, für die ich keinen Verlag habe. Für mich. Genau das, was ich schreiben will. Ob es gefragt ist oder nicht. Und ich fühle mich so frei und unbeschwert dabei wie damals, als ich mein erstes Buch geschrieben habe, ohne zu wissen, ob ich es je schaffen würde, bis ans Ende der Geschichte zu kommen, ganz zu schweigen davon, ob ich einen Verlag dafür finden würde (damals dachte ich lange nicht einmal an einen Verlag; ich wollte einfach die Geschichte schreiben).

Das Wunderbare an der Sache: Nachdem ich mich dafür entschieden hatte, als Autorin genau so zu arbeiten, wie es zu mir passt, bot mir der Thienemann Verlag an, einen Thriller zu schreiben. Ohne eine Leseprobe zu sehen. Ich sagte zu und wenn alles klappt, gefällt dem Verlag die Grundidee zu meiner Geschichte. Das weiss ich noch nicht. Genauso wenig wie ich weiss, was konkret aus dieser Grundidee werden wird. Das entwickelt sich dann beim Schreiben :-)

Aber nicht nur das: Ich bekomme Leseanfragen und Anfragen für Workshops. Seit vorgestern Abend bin ich zudem Teil eines irren Wahnsinnsprojekts, an dem ich zwar nichts verdienen werde, das aber genau das ist, was ich machen möchte.

Ich habe das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Wieder einmal die SBB

Mein verspäteter Zug gestern war noch gar nichts im Vergleich zu der Geschichte, mit der Frau Tochter nach Hause kam. Eine Geschichte, die leider real ist:

Unsere Tochter fährt jeden Morgen mit dem Bus zum Bahnhof. Diesen Winter sind Busse aus verständlichen Gründen häufig etwas zu spät unterwegs. Die SBB lässt die Züge an unserem C-Bahnhof genau drei (oder vier, bin nicht ganz sicher) Minuten warten und fährt dann ab - egal unter welchen Umständen. Bevor ich konkret zu den Umständen komme: Als C-Bahnhof bietet Buchs genau einmal pro Stunde eine Verbindung in unsere Kantonshauptstadt. Wer die verpasst, kommt eine Stunde zu spät zur Arbeit. Wenn der Bus also fünf Minuten zu spät am Bahnhof einfährt, wartet man eine geschlagene Stunde auf die nächste Verbindung. In Richtung Chur sieht es etwas besser aus, da fährt ein paar Minuten später noch die S-Bahn.

Jetzt aber zu den Umständen. Mehr als einmal ist es passiert, dass der Zug in Richtung Chur genau dann abgefahren ist, als die Leute die Treppe heraufrannten und zum Teil für den Lokführer gut sichtbar auf der Plattform zu den Türen spurteten. Trotzdem fuhr der Zug ab. Gestern fuhr er mit offenen Türen ab. Die zwei jungen Frauen vor meiner Tochter hechteten also (bei Schnee und Eiswetter) in einen fahrenden Zug. Das hätte furchtbar, furchtbar schief gehen können.

Nun könnte man die ganze Schuld auf diese zwei jungen Frauen schieben. Aber: Wahrscheinlich waren sie derart im Stress, dass sie nicht klar nachdachten. Das Aufspringen war ein Reflex. Ein Reflex, der tödlich sein könnte.

Ich habe mehrere Fragen in diesem Zusammenhang: Wird zwischen Busfahrern und SBB nicht kommuniziert? Wird nicht abgesprochen, ob es noch reicht für die Buspassagiere oder nicht? Warum wird nicht schon bei der Ankunft des Busses den Passagieren per Lautsprecherdurchsage gesagt, ob sie ihre Anschlüsse noch erwischen? Wie kann ein Lokführer abfahren, wenn Leute auf der Plattform hinter dem Zug herhecheln? Wie kann ein Zug in einer solchen Situation mit offenen Türen abfahren?

Dienstag, 14. Februar 2012

Austausch unter Autoren

Die (fast) monatlichen Treffen mit Stephan Sigg sind spannende, interessante und bereichernde Fixpunkte in meinem Autorinnenleben, die ich nicht missen möchte. Heute Morgen ging es um:

... den Autorenalltag - diese ewige Achterbahnfahrt.
... das Marketing und die Selbstvermarktung - immer und immer und immer wieder ein Thema; auch das eine Achterbahnfahrt (bei der man öfters das Gefühl hat, mit dem Kopf voll gegen die Wand zu prallen).
... unsere Buchtrailer, die uns Andreas Fritz so toll macht.
... Weiterbildung - Stephan besucht im Moment eine, ich liebäugle mit einer auf Ende Jahr; gemeinsam ist uns der Horror vor und die Ungeduld mit schlechten Kursleitern (weshalb ich erst liebäugle).
... unser gemeinsamer Social Media Workshop für Autillus (bei der dann hoffentlich niemand den Horror vor einer schlechten Kursleitung hat).
... unsere gemeinsamen Lesungen - und Lesungen generell.

Ich gehe aus unseren Teffen immer gestärkt, gutgelaunt und motiviert nach Hause. Auch heute. Wobei ich sowieso gerade in einer dieser herrlichen Gelassenheitsphasen stecke. Eine, in denen ich genau weiss, was ich will. Und was ich nicht will.

Ach ja, die SBB fuhr 10 Minuten zu spät los. Ohne Erklärung, ohne Ankündigung. Ich war versucht, dem Schaffner mein Ticket nicht zu zeigen, nach dem Motto: Keine Info von euch, keine von mir. Aber das war mir dann irgendwie zu blöd. Natürlich fehlte in Buchs die Durchsage, ob der Bus den Anschluss abwartet. Das durfte ich selber herausfinden. Die Antwort ist: Ja, aber nur sehr knapp.

Montag, 13. Februar 2012

Kostbare Köstlichkeiten aus dem Schreiballtag der Milena Moser

Für einmal war ich froh, die Migros-Zeitung noch im Briefkasten zu haben (die Coop-Zeitung habe ich schon längst nicht mehr), denn auf dem Titelbild lachte mich Milena Moser an. Mit Milena Moser ist das so: Ich mag diese Frau total, ohne jemals ein persönliches Wort mit ihr gewechselt zu haben. Ich mag, was sie über das Schreiben sagt, ich mag ihre wunderbar positive Art, das (Schreib)leben zu sehen, ich mag, wie sie Leute zum Schreiben ermutigt, ohne auch nur annährend erzieherisch zu wirken. Ich mag ihre Lachfalten. Ach, eigentlich mag ich alles an ihr, was ich so von ihr kenne oder sie von sich preisgibt.

So war auch das Interview in der Migros-Zeitung erfrischend wie ein Sommerregen nach einem heissen Tag. Und vor allem erfuhr ich in diesem Interview, das sie bloggt. Ich habe ihr Blog sofort in meine Blogroll aufgenommen (rechte Bildschirmseite, etwas runterscrollen). Aber das reicht nicht. Weshalb ich mir gedacht habe, ich weise in einem Blogeintrag darauf hin. Also: Milena Moser hat einen Blog. Und darin finden sich wunder- und kostbare Köstlichkeiten aus ihrem Schreiballtag. Sehr, sehr lesens- und unterhaltenswert.

Sonntag, 12. Februar 2012

Apfel-Lobbying in der Schule

Die Computerfirma mit dem Apfel drängt schon länger an die Schweizer Schulen. Abgesehen davon, dass ich eine ausgewachsene Apfel-Aversion habe, nervt es mich, dass so etwas an unseren Schweizer Schulen erlaubt ist:
«Apple Distinguished Educators» heisst der kleine, feine Zirkel der Werbeträger. 28 Schweizer Lehrer dürfen den Titel bereits tragen. «Sie unterstützen den Einsatz von Apple-Produkten als Lernhilfen», heisst es auf der Homepage des Konzerns.
(Quelle: Der Sonntag)
70 Prozent Marktanteil hat Apple mittlerweile an unseren Schulen. In Pilotprojekten wird das iPad in den Unterricht integriert. Die Lehrer (Apple Distinguished Educators?) überschlagen sich vor Begeisterung.

Ich bin froh, sind meine Kinder aus dem Schulalter raus. Ich müsste sie in eine Privatschule schicken oder selber unterrichten, wenn ich diesen ganzen Hurra-Hype nicht mitmachen möchte - und nein, ich möchte NICHT! Denn, das Lebensgefühl, das die Apfel-Firma vermittelt, kann und wird mir gestohlen bleiben.

Mir ist egal, wer privat auf den elektronischen Schiefertafeln spielt, wer sich jedes neue Apfel-Produkt ehrfürchtig zu einem überteuerten Preis im Laden kauft, wer findet, es lebe nur richtig, wer einen Apfel mit sich rumschleppt. Jeder so, wie er will. Aber bitte kein Gruppenzwang. Und schon gar kein Lobbying an unseren Schulen.

Freitag, 10. Februar 2012

Erzählsprache

Die Figuren für ein neues Buch habe ich, die erste Szene ist als Film im Kopf, eine ungefähre Geschichte ist vorhanden.* Ich habe mich definitiv entschieden, aus welcher Perspektive (diesmal nur aus einer) und in welcher Form ich das Buch schreiben möchte (wieder eine Ich-Erzählung). All das ist für mich wichtig, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Dann fehlt mir nur noch eins: Die richtige Erzählsprache. Die habe ich nicht sofort. An die taste ich mich heran, weshalb ich ENDLOS lange am ersten Kapitel schreibe.

Ich tippe Sätze, lasse sie wirken, lösche sie, versuche es erneut. Immer und immer wieder. Bis ich das Gefühl habe, dass die Sprache stimmt und zu meiner Figur passt. Heute Nachmittag habe ich die Sprache für meine neue Figur gefunden. In den nächsten Tagen teste ich sie aus, gehe an ihre Grenzen, schaue, was stimmig ist und was nicht. Die Geschichte an sich ist noch nicht wichtig. Es geht nur um die erste Szene. Sie muss so geschrieben sein, dass sie passt. Wenn sie passt, geht nachher alles leichter. Wenn sie nicht rund ist, wird das nichts.

* Ich weiss immer ganz genau, wie mein Buch anfängt. Die Geschichte dazu will ich gar nicht so genau kennen. Ich folge meinen Figuren und schaue, wie sie auf die erste Szene reagieren. Natürlich brauche ich einen ungefähren roten Faden. Aber wirklich nur den. Das hat Auswirkungen auf mein Autorinnenleben. Eigentlich wollte ich dazu Anfang Jahr einen Blogeintrag schreiben. Hmmm ... ich mache das nächste Woche. Versprochen.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Momentaufnahme

Heute habe ich:
... den Ofen eingeheizt und jetzt ist es unterm Dach nicht mehr zu kalt, sondern viel zu warm.
... das Anmeldeformular für die Zentralschweizer Lesewochen ausgefüllt.
... endlich die letzten Unterlagen für das MUS-E Dossier fertiggestellt (was die alles wissen wollen!)
... die letzten beiden Veranstalter der Aargauer Lesewoche kontaktiert und bin nun bereit für die Lesungen Ende Februar / Anfang März.
... eine Neuerscheinung und eine Veranstaltungsmeldung auf die Autillus Webseite geladen.
... ziemlich viel Haushaltarbeit erledigt.
... zwei Exposés an meine Agentin geschickt (okay, das ist leicht gemogelt, ich habe sie gestern Abend weggeschickt und heute die Antwort meiner Agentin erhalten).

Zudem war ich auf einem ausgedehnten Winterspaziergang mit Boxenstopp im Musikladen (wo ich mir das Leonard Cohen Songbook, das ich irgendwann verloren habe, neu gekauft habe) und im Brockenhaus (wo ich für 30 Franken einen sensationellen Spiegel erstanden habe). Und dann waren noch meine Eltern zu Besuch und haben mir die Skis meiner Nichte gebracht, weil ich nach 27 Jahren Skifahrabstinenz zurück auf die Pisten möchte.

Jetzt dann gleich werde ich die E-Gitarre einstecken und ein bisschen Lärm machen und danach schaue ich in die neue Krimireihe der "Killing"-Macher rein.

Ist eigentlich schon ein Wahnsinn, was so alles in einen Tag reinpasst :-)

PS: Nein, geschrieben habe ich heute nichts. Das mache ich morgen.

PPS: Und nein, das war kein typischer Tag im Leben von Alice Gabathuler. Weil es keine typischen Tage gibt in meinem Leben. Jeder ist anders. Das ist das einzige Typische an meinen Tagen ... dass keiner gleich ist wie der andere. Genau deshalb bin ich gerne Autorin.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Vorfreude

Freitag, 10. Februar, Altes Kino Mels, 20.15 Uhr.

Dienstag, 7. Februar 2012

Die 7 Todsünden

Anschnallen! Hier kommt der Trailer zum neuen Buch von Autorenkollege Stephan Sigg. Das Buch dazu gibt's im Buchladen deiner Wahl.

Montag, 6. Februar 2012

Nein zur Buchpreisbindung

Sie sind verlockend, die Wunschvorstellungen, die mit einer erneuten Einführung der Buchpreisbindung einher gehen: Ein Nährboden für Schweizer AutorInnen soll die Buchpreisbindung werden, das Kulturgut Buch soll gefördert werden, den kleinen, unabhängigen Buchhandlungen soll die Buchpreisbindung eine Existenz ermöglichen. Eigentlich kann man da nur Ja dazu sagen. Oder?

Der erste grosse Hammer liegt im neuen Gesetzestext für die Buchpreisbindung:

Dieses Gesetz regelt die Preise von ungebrauchten und mängelfreien Büchern in den
Schweizer Landessprachen, die:
a. in der Schweiz verlegt werden;
b. gewerbsmässig in die Schweiz eingeführt werden; oder
c. in der Schweiz gehandelt werden.


Wer immer diesen Text zu verantworten hat, hat nicht aufgepasst. Wenn ich bei Amazon oder sonst einem Onlinebuchhändler aus Deutschland ein Buch bestelle, bestelle ich das nicht zum gewerbsmässigen Gebrauch, sondern zu meinem Privatgebrauch. Kurz: Die Buchpreisbindung gilt im Online-Handel für Privatpersonen nicht. Somit kann ich als Privatperson Bücher über den deutschen Online-Handel sehr viel billiger kaufen. Mehrere grosse Schweizer Buchhandelsketten sind darauf vorbereitet - sie haben ihre Online-Plattformen in Deutschland. Kleine Buchläden nicht. Sollte das Buchpreisbindungsgesetz für den Online-Handel mit dem Ausland nicht gelten, sind es die kleinen, unabhängigen Buchhandlungen, die als erste massiv unter Druck geraten.

Schweizer Autoren haben in den meisten grossen und kleinen Buchhandlungen ihren Nischenplatz. Mehr nicht. Weil Buchhandlungen Geld verdienen wollen und vor allem müssen. Der Lyriker aus Hintertupfenhausen und die Jugendbuchschriftstellerin aus der Ostschweizer Pampa sind nun einmal zu wenig gefragt, um ins Sortiment aufgenommen zu werden - von Buchstapeln reden wir schon gar nicht. Was die kleine Buchhandlung kann: Mehr Sachwissen anbieten und die vom Kunden gewünschten Bücher von Schweizer Autoren auf Wunsch bestellen (das geht auch heute: sehr schnell und sehr effizient). Das war in der Vergangenheit so und wird auch in Zukunft so sein. Ausser eine Buchhandlung spezialisiert sich auf Schweizer AutorInnen, was sie heute schon kann. Denn: Dem Schweizer ist seine Kultur trotz allem etwas wert. Er weiss, dass Schweizer Verlage nicht zu denselben Konditionen produzieren und verkaufen können wie Grossverlage aus dem Ausland. Um ein "Nährboden für Schweizer Autoren" zu sein, brauchen die Buchhandlungen keine Buchpreisbindung. Abgesehen davon: Dieses Bild vom alternativen Kleinbuchhandel, der Raritäten und Preziosen führt, ist zwar schön, aber seien wir ehrlich: Nicht jede Kleinbuchhandlung ist automatisch solch ein Wunschgeschäft. So, wie nicht jeder Schweizer Autor Kulturgüter für die Unendlichkeit schreibt, sondern schlicht und einfach mal gute und mal weniger gute Unterhaltung produziert, wie sie seine ausländischen Kollegen und Kolleginnen auch produzieren. Wenn man das tut, muss man sich mit der grossen Masse vergleichen lassen. Das gehört zum Beruf Autor dazu. Wenn ich dann auch noch lese, dass der Schweizer Autor so etwas wie Artenschutz braucht, komme ich mir vor wie im Zoo. Ich will keinen Artenschutz. Genauso, wie ich keine Frauenquoten will. Ich will bessere Rahmenbedingungen - und zwar solche, die mir eine Buchpreisbindung nicht bietet.

Zur versprochenen generellen Preissenkung nach der Wiedereinführung der Buchpreisbindung: Ich höre die Worte und glaube sie nicht mehr. Wir Deutschschweizer hatten lange eine Buchpreisbindung. Wer damals die Franken-Preisschilder vom Buch zog und darunter die Euro-Preise sah, der erlebte seine Furstmomente. Dieser Frust über überhöhte Preise führte unter anderem zur Abschaffung der Buchpreisbindung. Doch, ja, Schweizer sind bereit, etwas mehr für ein Produkt zu bezahlen, aber dort, wo es ausartet und man sich nur noch übervorteilt vorkommt, beginnt die Wut. Und der Blick in den Online-Buchladen.

Aber, so verspricht uns die Pro-Kampagne: Der Preisüberwacher kontrolliert die Preisentwicklung! ("Sollte ein Verlag einen unverhältnismässigen Preis festsetzen, ist der Preisüberwacher zur Stelle"). Da bin ich dann mal gespannt. Seit Monaten werden uns in der Schweiz ausländische Magazine zu massiv überhöhten Preisen verkauft (Bsp: In Deutschland kosten sie 4.95 Euro und in der Schweiz dann 10.00 Franken). Der Preisüberwacher hat reklamiert. Worauf ihn die deutschen Verlage herzhaft belächelt haben. Und bei den Büchern soll das dann plötzlich anders sein? Mir fehlt der Glaube und die Hoffung.

Kommt dazu: Die Buchpreisbindung kämpft um eine Buchwelt, die es so nicht mehr gibt. Die Buchbranche steht in einem riesigen Umbruch. War es schon früher hart, sich in dieser Branche zu behaupten, so ist es heute noch viel härter. Die Konzentration auf Bestseller hat auch in Ländern begonnen, in denen es eine Buchpreisbindung gibt. Das E-Book stellt uns vor neue Herausforderungen. Ganz zu schweigen vom Internet, das Möglichkeiten bietet, die wir nie zuvor hatten.

Und damit komme ich zu den Rahmenbedingungen: In einer Welt, in der das Buch nichts wert ist, nützt der Artenschutz nichts. Es ist sinnlos, vom Kulturgut Buch zu reden und gleichzeitig zu erwarten, dass ein Buch nicht mehr kosten darf als ein Drink an der Bar / zwei Cappuccinos im Café / eine grosse heisse Schokolade bei Starbucks uws. Es ist sinnlos, von Schweizer Kulturgut zu reden, wenn Tageszeitungen nur noch Bestseller oder die ewig gleichen paar Schweizer Autoren besprechen und interviewen (löbliche Ausnahmen: Die Lokalzeitungen). Es ist sinnlos, uns vorzugaukeln, kleine, unabhängige Buchläden können dank der Buchpreisbindung überleben. Zum Überleben brauchen sie Kunden, überzeugte Kunden, interessierte Kunden. Es wird immer Kunden geben, die man nur über den Preis anspricht. Und dann gibt es die Kunden, die man durch seinen Auftritt überzeugt. Durch kreative Ideen, durch gute Beratung, durch ein spannendes Sortiment. Es ist sinnlos, uns Schweizer Autoren vorgaukeln zu wollen, alles würde mit der Buchpreisbindung besser, solange kein Mensch erfährt, was wir Schweizer Autoren so (er)schaffen. Was man nicht kennt, kann man auch nicht kaufen wollen.

Nein, einfach ist das nicht. Aber es wird mit der Wiedereinführung der Buchpreisbindung nicht einfacher. Wer sich Länder mit Buchpreisbindung anschaut, wird sehen, dass der kleine, unabhängige Buchhandel auch dort zu kämpfen hat, genauso wie grössere Läden, ja, sogar Buchhandelsketten. Die Misere ist zum Teil hausgemacht, zum Teil ist sie schlicht und einfach eine Zeiterscheinung. Es liegt an uns Kunden, das zu ändern. Es liegt an uns, zu überlegen, was uns ein gutes Buch wert ist.

Mein Fazit: Die Buchpreisbindung ist der falsche Weg. Nehmen wir sie an, entsorgen wir wichtige Fragen in einer Scheinlösung. Wir stellen uns damit nicht wirklich den Problemen und Realitäten.

PS: Ich bekomme für jedes verkaufte Buch gleich viel. Egal, ob es bei Amazon oder beim lokalen Buchhändler gekauft wird.

PPS: Ich kaufe Bücher grundsätzlich im Buchladen, meistens im gleichen kleinen, unabhängigen Buchladen hier im Ort. Weil es für mich nichts Schöneres gibt als einen kleinen, unabhängigen Buchladen.

UPDATE: Ich habe diesen Eintrag jetzt ein paar Mal gelesen - und ich fürchte, er klingt für mich jedes Mal ein bisschen wirrer. Im Substanz-Blog ist es mir besser gelungen, meine Argumente auf den Punkt zu bringen. Der Link dazu findet sich in der Blogroll auf der rechten Seite - zusammen mit anderen lesenswerten Kommentaren zur Buchpreisbindung.

Donnerstag, 2. Februar 2012

The Age of Less und das Überleben

Konsumwut. Die Konzentration auf immer weniger Weltkonzerne. Der Glaube an ein besseres Leben nur dank Wirtschaftswachstum. Eine Welt, die auf Geld, Geld, Geld und nochmals Geld baut. Das Einfordern von Leistungsbereitschaft und Flexibilität bis zum letzten gehechelten Atemzug. Der Schein, der das Sein schon längst verdrängt hat. Eine Welt, in der der stromlinienförmig Angepasste überlebt und jener, der von der Norm abweicht verdrängt wird. All dem möchte ich den Rücken kehren. Und ich weiss, dass ich damit nicht alleine bin. Es gibt Dinge, die jeder von uns tun kann, getreu dem Motto, dass man im Kleinen beginnen kann. Die Welt muss nicht so sein, wie sie ist. Wir können sie ändern. Nicht von heute auf morgen, nicht in einem grossen Knall, aber wir können Gegenpunkte setzen. Und viele Gegenpunkte erzeugen einen gesunden Gegenwind. Daran glaube ich.

Es gibt Bücher, die sich mit genau dieser Thematik auseinandersetzen und nachdem ich in einer Fernsehsendung auf den Autor von The Age of Less, David Bosshard, aufmerksam geworden war, ging ich hin und bestellte mir das Buch. Im Blindflug, ohne hineingelesen zu haben. Schon auf der zweiten Seite hatte ich genug. Nachfolgend ein Originalzitat mit Originalklammern, Originalkursivtext usw.

"Das mag für eine Welt noch durchgehen, in der es klare (Befehls-)Hierarchien und einige happy few - die wenigen Glücklichen - gibt. Aber nicht für eine Welt des (demokratischen oder autorität herbeibefohlenen) Massenwohlstandes, in der die Erwartungen der grossen Masse nach immer mehr Premiumisierung geweckt werden. "Even if you're not rich, you can fake it" war vielleicht das wichtigste Motto der letzten Jahrzehnte, wunderbar und repräsentativ dargestellt in den Untersuchungen von Michael Silverstein und Neil Fiske: Trading up: "The new American Luxury (2003). Denn das "Trading up" war auch - in der zeitgemässen Sprache der Finanzmärkte - ein sogenanntes "Leveraging" (wörtlich "aushebeln") von Erwartungen, und wer nun endlich einen BMW fuhr, Starbucks-Kaffee trank oder ein Boss T-Shirt trug, war fake rich - gefälscht reich.

Ich habe dann ziemlich lustlos noch eine Weile weitergelesen, mich gefragt, warum der gute Mann das Buch nicht gleich in Englisch geschrieben hat, viele Seiten überhüpft und dann bei den "Sieben Typen, die das Age of Less prägen" nur noch müde gelächelt. Kurz: Much less (better nothing) wäre "mehr" gewesen. Gelernt habe ich: Nie wieder kaufe ich ein Buch, ohne eine Leseprobe gelesen zu haben!

In die gleiche Thematik passt das Jugendbuch Überleben, in dem ein Mulitmillardär seine Famile vor dem Atombombenangriff in den endlos grossen, endlos luxuriösen Bunker verfrachtet, den er über Jahre gebaut hat, in der Gewissheit, dass der Atomkrieg eines Tages Realität werden würde. Dabei bleiben ein Zwillingsbruder und die Grossmutter schon am Anfang auf der Strecke. Das Buch setzt im Jahr sechs ein. So lange lebt die Familie schon im Bunker. Es zeichnet sich ab, dass die Vorräte nicht die ganzen fünfzehn Jahre halten werden. Der Vater arbeitet auf Hochtouren an Ersatzlösungen, die der Ich-Erzähler nach und nach enthüllt und damit ziemlich viel Grauen freilegt. Immer deutlicher und grösser werden die Risse, die durch die Familie gehen und schlussendlich geht es ums nackte Überleben.

Ich habe das Buch verschlungen, obwohl es ein paar kleine (nicht sehr störende) Haken hat und mir das Finale fast zu viel ist. Was für ein Kontrast zu The Age of Less, das an seinen Ansprüchen scheitert. Wenn es darum geht, welches Buch in Bezug auf Klarheit und Aussagekraft weit vorne liegt und dem Leser mehr bietet, ist die Antwort für einmal glasklar.

Mittwoch, 1. Februar 2012

Es gibt Momente ...

... da schickt einem das Leben genau die richtigen Leute über den Weg. Gestern zum Beispiel. Zwei Menschen am Bahnhof. Beide mit einem Rucksack, der auf eine längere Expedition schliessen liess. Meine war klar: Ich war auf Lesetour. Was die andere Person, die ich flüchtig kannte, mit ihrem Gepäck vorhatte, vergass ich zu fragen, weil unser Gespräch so interessant wurde, dass es schlicht völlig unwichtig war. Es ging um Greenpeace, um Freiwilligenarbeit, um Bezahlung bei solchen Organisationen, um die Frage, wo das Geschäftliche, konkret das Geld, zu sehr in die Philosophie der Organisation eingreift. Und um die Frage, ob es jemals eine gerechte Lösung für diese Probleme geben kann.

In Rorschach stieg die andere Person aus. Ich fuhr mit einer ungeheuren Zufriedenheit und Gelassenheit weiter. Dabei hatte ich mich am Vorabend ziemlich geärgert. Genau über so eine Gerechtigkeitsfrage im Freiwilligenbereich. Das Gespräch führte dazu, dass ich alles aus einer anderen Perspektive sehen konnte. Allein das reichte, um einen ganzen Knoten zu lösen.