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Montag, 17. August 2026

TRAMPELPFADE

 

Gewohnheiten sind Trampelpfade im Gehirn. Dieser Satz, über den ich Anfang 2022 gestolpert bin, ist seither einer meiner treuen Begleiter. Als begeisterte Wanderin hatte ich sofort Bilder von Pfaden im Kopf, von gut begehbaren bis hin zu stark verwachsenen, die man kaum mehr sieht. Mir gefiel der Gedanke, dass man ausgelatschte Trampelpfade verlassen kann, ich mochte die Idee, auf schönen Pfaden zu wandern, und vor allem gefiel mir die Vorstellung, dass man auch eigene Trampelpfade in unbekanntes Gelände bahnen kann. Ich überlegte mir damals, auf welchen Pfaden ich gerne wandere, welche Pfade ich nicht mehr gehen möchte, und ich träumte von neuen Pfaden, die ich beherzt für mich erkunden wollte. Seither bin ich auf vielen Pfaden gewandert und eine richtig schöne Strecke weitergekommen im Leben.

Heute Morgen sind zwei Dinge passiert.

Ich bin bei der Lektüre von Ein Raum zum Schreiben von Kristin Valla auf folgendes Zitat gestossen (verkürzt wiedergegeben):

Wie wird man Schriftstellerin, hatte mich Manuela gefragt. Nach fünf Jahren sah ich ein, dass die Frage, nicht die war, die Manuela mir gestellt hatte. Sondern eher: Wie bleibt man Schriftstellerin?

Ich habe laut gelacht. Denn mehr als einmal habe ich mit dem Schreiben aufgehört - und hätte ich nicht neue Pfade gefunden, mit dieser Frage umzugehen, wäre ich keine Autorin mehr. Ich bin Autorin geblieben, weil ich auf diesen neuen Pfaden zu mir als Autorin (wieder)gefunden habe. Ich fühle mich heute mehr als Autorin denn je, und das, obwohl ich sehr viel weniger veröffentliche und die Lesungen weniger werden. Das liegt auch daran, dass ich mir einen Raum geschaffen habe für all das, was zu wehgetan hat in Bezug auf meinen Beruf. Bis vor wenigen Tagen hatte ich diesen kalten, feuchten Raum in einer der hintersten Ecken in mir drin abgeschlossen und den Schlüssel neben der Tür in eine tiefe Ritze gelegt. Es lebte und schrieb sich so viel leichter als mit diesem ganzen Ballast, der mich jahrelang immer wieder überwältigt und gelähmt hatte.

Zu meiner Lektüre und dem Zitat passend kam heute Morgen eine Mail von Jutta, in der es nicht zuletzt um das ging, was in diesem kalten, feuchten Raum lag. Ganz kurz packte mich der Schmerz und drohte mich zu überwältigen. Als ob all das, was sich in diesem Raum befindet, ganz laut gegen die Tür poltere und sich von Neuem an mich krallen wolle.

Mir wurde klar, dass ich einen neuen Pfad brauchte, keinen in ein helles Licht, sondern einen in die Dunkelheit, in die Tiefe, hinunter zu diesem Raum in der hintersten Ecke. Das Buch von Kristin Valla und die Mail von Jutta haben mir den Mut geschenkt, diesen Pfad, der völlig überwuchert und nicht mehr sichtbar da war, noch einmal zu gehen. Es war ganz einfach. Ich habe den Schlüssel aus der Ritze gezogen, den Raum geöffnet und dem Schmerz erlaubt, über mich zu rollen. Ich habe mir zugestanden, die Trauer zuzulassen und zu weinen, aber ich habe es nicht zugelassen, dass mich die Krallen packen und sich an mir festhaken. Jetzt liegen die Schmerzen, die Wunden und die Narben in einem hellen freundlichen Raum ohne Schlüssel. Ich lasse die Tür zu, aber ich sperre all das nicht mehr ein und weg. Es gehört zu mir. Es hat mich zu der Frau gemacht, die Autorin geblieben ist. 

Mein Autorinnenpfad liegt jetzt noch klarer vor mir. Die Aussicht ist wunderschön. Ich sehe nicht das ganze Wegstück vor mir, denn es ist wie mit all den Pfaden, auf denen ich gewandert bin: Sie gehen nicht geradeaus, sondern winden sich dem Gelände angepasst durch die Landschaft. Genau das macht das Gehen auf Pfaden so spannend.

PS: Einen Teil meiner Trampelpfadposts findest du, wenn du unten im Blog auf den Tag Trampelpfade klickst; sie öffnen sich dann. Weil ich nicht gerade Weltmeisterin im richtigen Taggen bin, sind es wohl längst nicht alle Posts zu diesem Thema, aber vielleicht ermutigt der eine oder andere Post zu einem persönlichen Trampelpfadspaziergang. 

Montag, 13. Juli 2026

PLOTLÖCHER


Wer schreibt, kennt sie: die Plotlöcher, also die Stellen in der Geschichte, in denen die Logik auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Vor ein paar Monaten habe ich in meiner Lost Souls Geschichte ein Plotloch epischen Ausmasses entdeckt und beim Auffüllen habe ich mich erst mal darin verirrt. Unzählige verworfene Szenarien weiter hatte ich immerhin eine Idee, wie ich da rauskommen konnte. Das Rauskommen war dann noch einmal eine ganz andere Sache. Irgendwann, so dachte ich, ich hätte es im Griff, aber beim Umschreiben habe ich neue Plotlöcher geschaffen, kein so riesiges mehr, aber doch gross genug, um beinahe daran zu verweifeln. Mittlerweile ackere ich mich zum umpften Mal durch den Text und finde immer neue Löcher. So viele, dass ich mich kurzfristig zur Queen of Plotlöcher gekürt habe. 

Nun könnte man einwenden, dass eine geschicktere und gründlichere Planung die Gefahr solcher Löcher verringern würde. Der Einwand wäre berechtigt. Nur, so funktioniere ich als Autorin nicht. Ich schreibe mich spiralenartig durch meine Geschichten, von denen es mir reicht, die Figuren, das Setting und die Grundidee zu kennen.

Ich will mich auch nicht beschweren. Oder gar mit mir hadern. Ich liebe es, das Notizbuch hervorzunehmen, wenn ich feststecke und unzählige "was wäre wenn" Szenarien zu entwerfen. Das ist meine Art, die Geschichte in den Griff zu bekommen, und wenn ich gefühlte 832 Mal wieder an den Start muss, dann ist das halt so. 

Vielleicht arbeite ich so, weil ich viel lieber überarbeite als schreibe. Vielleicht ist das meine einzige Chance, Queen von irgendwas zu werden. Wahrscheinlich ist, dass ich schreibe, wie ich lebe. 

PS: Ja, das ist ein bisschen ein fiebrig-löchiger Blogpost geworden. Das könnte daran liegen, dass es mich gerade ziemlich heftig erwischt hat, das volle Programm von dem, was man sich an Husten, Erkältung, Wattekopf und Waschlappenfeeling einfangen kann. 

PPS: Die Collage besteht aus Einträgen aus diversen Notizbüchern. Wer mag, darf beim fröhlichen Bücherraten mitpielen (Hinweis: Es sind drei Bücher.)

Dienstag, 7. Juli 2026

SCHREIBSURFEN

Ein Morgen ohne Morgenmail ist ein seltsam verschobener Morgen. So sehr habe ich mich daran gewöhnt, mich an den Tisch zu setzen (wo immer der gerade steht, zur Not tut es auch ein Tischchen im Zug) und eine Morgenmail an Jutta zu schreiben. Ich weiss gar nicht mehr, wann wir mit diesem Ritual begonnen haben; es ist auf jeden Fall Jahre her. Mittlerweile ist dieses Morgenmailschreiben so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir einander kurz informieren, wenn unsere Zeit nicht für eine Morgenmail reicht, aber bestimmt noch eine kommen werde, entweder am Nachmittag oder am Abend.

In diesen Mails hat alles Platz. Alltag, Beruf, Wünsche, Träume, immer ungeschminkt und offen. Oft schreiben wir über das Schreiben. Früher über das Schreiben nebst Kindern, Haushalt und Beruf. Darüber, was wir uns für unsere Bücher wünschen, auch darüber, was aus unseren Büchern geworden oder eben nicht geworden ist. Frust, Schmerz, Leid haben wir genauso geteilt wie Hoffnung, Freude und absolute Hochgefühle. Wir haben uns darüber ausgetauscht, warum wir gerade nicht schreiben, warum wir trotzdem gerne schreiben (würden), was uns davon abhält und ausbremst, was uns motiviert und antreibt, wie wir zurück ins Schreiben finden. Wir sind gemeinsam auf Glückswellen gesurft und haben die jeweils andere getröstet, wenn mal wieder eine von uns gnadenlos an einen Strand geschleudert wurde und sandspuckend am Ufer sass. Schreiben ist Surfen auf Wellen, samt grässlichen Tauchern, war es und wird es immer sein.

Mit dem Alter sind wir gelassener geworden, wir wissen um die stürmische Schreibsee. Manchmal, wenn es mit dem Schreiben so gar nicht klappen will, sagen wir uns, dass wir wohl einmal zu oft zu heftig an den Strand geschleudert wurden. Andere haben aufgegeben. Wir sind jedes Mal wieder auf dieses Surfboard gestiegen. Nicht immer gleich mutig, nicht immer gleich zuversichtlich. Wir wissen beide, was wir wollen. Es sind nicht dieselben Wellen, die wir reiten, aber es sind definitiv Schreibwellen.

Begonnen habe ich diesen Post mit den Morgenmails. Und eigentlich wollte ich damit nur eine Einleitung zum geplanten Thema schreiben. Nur, mich hat eine Schreibwelle anderswohin getragen. «Jo nu so dänn halt«, wie wir bei uns sagen. Ich mache eine Kehre und komme zum Punkt.

Ich arbeite an meinem ersten Newsletter. Weil ich ihn datenschutzkonform verschicken will (also niemandem ungefragt einfach ins Postfach schleudern), habe ich die letzten drei (!!!) Jahre Anmeldungen gesammelt. Eine harzige Sache in einer Zeit, in der wir alle sowieso zu viele Mails erhalten. Mein Ziel war es, mindestens fünfzehn Anmeldungen zu haben, bevor ich mich ins Abenteuer Newsletter stürze. Kürzlich bin ich bei 20 angekommen. Es gilt also ernst jetzt.

Meinen Newsletter möchte ich gestalten wie die Morgenmails. Persönlich. Mit Einblicken ins Schreiben, ohne dass es eine Nabelschau wird, in der ich auch noch grinsend Bücher in die Kamera halte. Geplant sind Schreibtipps, Empfehlungen, Hinweise auf Anlässe usw. Vier Mal im Jahr.

Schön wäre es, wenn ich den ersten Newsletter an mindestens 25 Personen schicken könnte. Also: Wenn du bis hierhin gelesen hast und denkst: «Momoll, das könnte was sein», würde mich eine Anmeldung freuen.

Jetzt, wo der Blogpost steht (wenn auch etwas chaotisch), packe ich mein Schreibsurfboard und gleite auf den Wellen der Lost Souls durch den Nachmittag.

Wo immer du hinsurfst, alles Gute.   

Montag, 12. Januar 2026

LESUNGEN


Heute bin ich offiziell ins Lesungsjahr 2026 eingetaucht, an einer Schule ganz in der Nähe, von der ich seit vielen Jahren regelmässig eingeladen werde. Drei Lesungen, jede genial schön, mit Jugendlichen, die gut vorbereitet und voller neugieriger Fragen waren, und mit herrlich unkomplizierten Organisatorinnen, die die Leselogistik wunderbar einfach machten. Besser hätte mein Lesungsstart nicht ausfallen können.

Generell bereiten mir Lesungen immer noch riesigen Spass und grosse Freude. Bei jeder bin ganz im Augenblick, nehme nie eine Abkürzung, auch nicht bei Fragen, die ich schon unzählige Male gehört habe. Beim Vorlesen wird mir sowieso nicht langweilig, denn aus welchem meiner Bücher ich vorlese, entscheiden die Jugendlichen, stets in urdemokratischen Abstimmungen (halt so richtig auf die Schweizer Art). So durfte ich zum Beispiel heute aus drei verschiedenen Büchern vorlesen (#no_way_out / Dunkelwind / Krawallnacht). 

Früher konnte ich schon mal sieben Wochen am Stück auf Tour gehen, heute hätte ich keine Chance mehr. Meine inneren Batterien brauchen länger, bis sie wieder geladen sind. Das ist eine Realität, die ich akzeptieren muss und auch problemlos kann, nicht zuletzt, weil ich nicht als alte, ausgebrannte Autorin enden will, die ihr Programm seelenlos ohne Kraft und Energie durchzieht. Das hätten die Jugendlichen nicht verdient, und vor allem würde ich mich selbst nicht mehr mögen, wenn ich das täte. 

Ich versuche deshalb schon längerem, meine Kräfte realistisch einzuteilen: da bux Verlagsarbeiten, Enkelhütedienst, schreiben, Lesungen ... und dann gibt es ja auch noch das Privatleben, in dem ich mich gerne in verschiedensten kreativen Bereichen austobe. Dabei gelingt es mir jedes Jahr etwas besser, eine gute Balance zwischen alledem zu finden. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich 2026 den perfekten Mix erreiche.

Montag, 5. Januar 2026

SCHREIBRUNDE

Es gab Zeiten, in denen mir meine Schreiblust abhanden gekommen war. Zeiten, in denen ich aufgeben und meinen Beruf als Autorin an einen verdammten Nagel möglichst weit weg von mir hängen wollte und mir wünschte, ich wäre Landschaftsgärtnerin geworden. Oder sonst irgendwas, aber einfach nicht Autorin. Das Schreiben wurde zum Krampf und Kampf, die Freude am Beruf machte Ferien auf einem anderen Planeten. Stets war es die Familie, die mich aufgefangen hat, dieser sichere Hafen, in dem ich alles sein konnte und durfte, auch eine verzweifelte, traurige, wütende, hadernde Autorin. Ich erinnere mich an meine erste Krise, in der ich mich verlor und am Ende das Selbstbewusstsein eines kleinen Regenwurms hatte (vielleicht tue ich den Regenwürmern dieser Welt mit diesem Vergleich Unrecht). Sie führte dazu, dass ich sämtliche Verbindungen kappte, die mir nicht guttaten, und in einem langen Prozess wieder zu einer Autorin mit Selbstachtung wurde. 

Meine Arbeit für den da bux Verlag hat mir die Freude an meinem Beruf zurückgebracht. Ich bin dort nicht nur Verlegerin, sondern auch Autorin, bestens aufgehoben in einem wunderbaren Team, das mir ideale Arbeitsbedingungen ermöglicht. Der Verlag ist mein zweiter sicherer Hafen geworden.

Und dann kam die Schreibrunde. Geboren aus reinem Trotz. Ein Lesungsveranstalter sagte zu mir: "Für mich lesen die Leute auch gratis." Und ich dachte mir: "Was ich gratis mache, entscheide ganz alleine ich." Also habe ich entschieden - und die Bibliothek Buchs gefragt, ob ich bei ihnen eine Schreibrunde starten kann. Dass jemand auftauchen würde, hatte ich gehofft, aber nicht damit gerechnet. Es spielte keine Rolle. Notfalls würde ich allein am Tisch in der Bibliothek sitzen und einfach für mich schreiben.

Es kam anders. Eingetrudelt ist schon am ersten Abend eine wild gemischte Gruppe von Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und trotzdem hat alles gepasst. Ich ging mit einer ungeheuren Leichtigkeit nach Hause, motiviert, mit einer Schreiblust wie ganz am Anfang meines Autorinnenlebens. Alles war möglich. Nichts war Müssen, alles war Dürfen. Und Wollen. Ich wollte schreiben. Schreiben, schreiben, schreiben. Neue Ideen ausprobieren. Experimentieren. Mit Buchstaben und Wörtern jonglieren und tanzen. Die Schreibrunde wurde zur Spielwiese, zum Begegnungsort, zur Motivations- und Inspirationsquelle. 

Diese Woche findet die erste Schreibrunde 2026 statt. Wir sind jetzt im vierten Jahr, immer noch der gleiche wunderbar kreative, schreibfreudige, esslustige, wild experimentierende, Ideen und Erfahrungen austauschende Haufen. Wir unterstützen uns gegenseitig, feuern uns an, freuen uns füreinander und stecken auch mal Negatives gemeinsam weg - was meistens in Lachen endet, weil ärgern nichts bringt, und weil wir wissen, dass es weitergehen wird, dass Scheitern dazugehört und neue Türen öffnet. Teil dieser Gruppe zu sein ist ein grosses Geschenk. 

Im Laufe der drei Jahre, in denen wir uns jeden ersten Donnerstag im Monat treffen, habe ich meinen Platz als Autorin gefunden, weiss ich ganz genau, dass ich schreiben will und werde. Mehr noch: Aus dieser Gruppe ist ein Atelier erwachsen, der Ort, wo ich zum Schreiben hingehe. 

Irgendwo da draussen steckt in irgendeiner Wand der Nagel, an den ich meinen Beruf hängen wollte. Wer ihn findet, hänge bitte irgendwas Schönes dran, ich brauche ihn nicht mehr. 

Sonntag, 16. November 2025

Das Projekt und die Zeit


"Ich werde berichten." So hören meine Blogpost manchmal auf. Heute ist so ein "Ich werde berichten"- Tag. Und zwar von meinem Schulbesuch in der Klasse, die mein längst vergriffenes Buch Das Projekt gemeinsam liest.

2008. Das ist das Erscheinungjahr von Das Projekt. Im Vorfeld hatte ich der Lehrerin geschrieben, dass das Buch aus der Zeit gefallen ist; sie liess sich davon nicht abschrecken und bestellte Nachschub aus meinem kleinen verbliebenen Vorrat, um genügend Exemplare für alle zu haben. Ich bat sie, der Klasse zu sagen, dass ich mich auf die Lesung freue und gespannt bin, wie sie die Geschichte (emp)finden.

Ich hatte Glück: Die Lesung war nach der grossen Pause, und so hatte ich in der Pause Gelegenheit, mit der Lehrerin über ihre Wahl der Klassenlektüre zu reden. Sie erklärte mir, weshalb sie das Buch gewählt hat.

Sie hat es als Jugendliche selber auf der Oberstufe als Klassenlektüre gelesen und es hat ihr sehr gut gefallen. Dass das Buch in die Jahre gekommen ist und einige wichtige Dinge im Setting so nicht mehr stimmen oder passen, stört sie nicht, im Gegenteil. Die Geschichte sei in einer Sprache geschrieben, die auch heute noch funktioniere. Und: Die Jugendlichen lesen das Buch im Bewusstsein, dass die Geschichte schon vor einiger Zeit geschrieben wurde.

Die Lesung war extrem spannend, aber mit 45 Minuten viel zu kurz. Zudem nahmen zwei Klassen an der Lesung teil, die einen hatten gerade Krawallnacht gelesen, die anderen steckten am Anfang der Lektüre von Das Projekt. Damit blieb nach dem Erzählen über die Entstehungsgeschichten der Bücher zwar noch Zeit für Fragen, aber halt längst nicht alle. 

Für mich spannend: Die Jugendlichen mögen die Geschichten. Dass beide etwas älter sind, die eine 17 Jahre, die andere 6 Jahre. Für mich ist das eines der grössten Komplimente, die ich bekommen kann, denn diese Rückmeldungen bedeuten, dass ich zeitlos schreibe. Das zweite Riesenkompliment erreichte mich nach der Lesung per Mail:

"Nach der Vorlesung kamen wir noch schnell nach vorne, um uns zu bedanken. Mit dieser Mail wollten wir uns noch ausführlicher bedanken. Sie haben mit Ihrer Rede aus unseren Seelen gesprochen, da wir in der Freizeit, selber gerne schreiben. Sie haben uns sehr inspiriert und motiviert. Das Buch das wir momentan lesen, Das Projekt, gefällt uns sehr, und wir wollen unseren Schreibstil an diesem Buch orientieren. Danke, dass Sie gekommen sind und uns motiviert haben mehr zu schreiben." 

Danke! 

Freitag, 7. November 2025

Erkenntnisse


Erkenntnisse der letzten drei Wochen, wild durcheinandergewürfelt: 

1. Zwei Wochen Lesetour mit 28 Lesungen sind machbar, aber extrem anstrengend, zu anstrengend für mich, auch wenn schlicht alles stimmt. Die Tour durch den Kanton Uri war bestens organisiert, die einzelnen Lesungen haben Spass gemacht, die Jugendlichen und ihre Lehrkräfte waren sehr gut vorbereitet. Es war einen Versuch wert, vor allem, weil die Bedingungen einfach von A bis Z stimmten. In Zukunft werde ich, falls überhaupt, höchstens eine Woche auf Tour gehen und das auch höchstens ein Mal pro Jahr. Und ich setze meinen Vorsatz um, pro Woche nur einen Lesungstag einzuplanen. Zudem wird es Monate geben, an denen ich gar keine Lesungen machen werde.

2. Man muss einsehen, wenn etwas keinen Sinn macht, auch wenn es weh tut. In meinem Fall: Unterrichtsmaterial zum Mittelstreifenblues zu erstellen, zumindest so lange das Buch ein Cover hat, das Jugendliche schlicht und einfach weder anspricht noch interessiert. Vielleicht auch später nicht, selbst wenn ich irgendwann die Buchrechte zurückbekomme und das Buch mit einem anderen Cover herausgebe. Noch vor kurzem war ich entschlossen, gegen alle Vernunft Unterrichtsmaterial zum Buch zu kreieren. Aber das bringt nichts. 

3. Arbeiten in einem Atelier, gemeinsam mit anderen Kreativen, ist beflügelnd. Dabei kann man durchaus schweigend gemeinsam am Tisch sitzen und still für sich arbeiten. Aber auch aufstehen, sich eine Tasse Kaffee machen und eine kurze Schwatzpause einlegen.

4. Zeichnen ist eine wunderbare Möglichkeit, Langsamkeit in sein Leben zu bringen. Ich fange meine Atelierzeit mit einer Zeichnung an, etwas, das ich mir noch vor ein paar Monaten schlicht nicht hätte vorstellen können. 

5. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu versuchen. 

6. Dafür ist manchmal der Zeitpunkt für das schmerzhafte Einsehen, dass Altes nicht mehr so rund läuft: Meine Beinmuskulatur trägt mich nicht mehr so weit die Berge hoch, wie ich es gerne hätte. Schweren Herzens habe ich den Traum von einer Wanderung in den Heinzerbergen und zu den Suretta Seen aufgegeben. Zumindest für dieses Jahr. Ich, respektive meine Beine schaffen das im Moment nicht. Älter werden kann total unwitzig sein. 

7. Analog leben schärft die Sinne und bringt sehr viel Ruhe in den Alltag. 

9. Schreibrunden, also das Schreiben in der Gruppe, aktiviert die Lachmuskeln, schenkt Energie, Mut und Zuversicht und füllt den Energiespeicher in einem Abend wieder auf 100 Prozent.

10. Ich bin und bleibe eine Bullet Journal Frau. Kurz habe ich darüber nachgedacht, 2026 auf eine normale Jahresagenda zu wechseln, doch als ich mir überlegt habe, was ich alles für meine Planung brauche, blieb nur das Bullet Journal.

PS: 11. Die alte Aula von Bürglen ist eine der schönsten Aulen, die ich je gesehen habe. Sie wird ganz bestimmt einmal in einem Buch von mir vorkommen. 

Freitag, 25. Juli 2025

Achtzehn Meter und no way out


Achtzehn Meter (oder so) von der Haustür bis zum Briefkasten. Ein Paket, leicht ramponiert. Der Puls bei mindestens 180 Schlägen pro Minute. Zwei Menschen in einer Küche in Werdenberg. 20 Sekunden lang angehaltener Atem. Fünf wunderschöne Bücher. Eine Hand, die über das Cover fährt. Zwei Menschen, die sich umarmen und gemeinsam freuen.

Ortswechsel.

Zwei Menschen auf einer Brücke. Achtzehn Meter hoch. Smiley, der mit dem Herzen denkt und fühlt, und Mick, für den das Herz ein Muskel ist, der Blut durch den Körper pumpt, mehr nicht, denn sonst täte das Leben viel zu weh. Smiley, der achtzehn Meter weiter unten am Fluss wohnt, sein Leben lang schon. Mick, der nie lange an einem Ort bleibt. Auch bei Smiley nicht, obwohl der ziemlich okay ist. Um genau zu sein: so sehr okay, dass Mick ihn mag. Geht gar nicht. Von wegen Herzmuskel und nicht fühlen wollen und so. Also zieht Mick weiter. Und dann, auf einer einsamen Landstrasse, passiert es. 

Ein Wagen nähert sich, und Sekunden später liegt Mick blutend im Strassengraben. Was wie ein Unfall aussieht, ist Teil eines skurpellosen Plans. Viel zu spät erkennt Mick, in was er da hineingeraten ist - und dass für ihn kein Entkommen vorgesehen ist.

Zum Glück ist da noch Smiley ...  

Ich liebe dieses Buch. Sehr. Immer noch. Es war damals aktuell, heute ist es aktueller denn je. Zwei gute Gründe, es neu aufzulegen.

#no_way_out ist ab sofort wieder erhältlich. Online und in der Buchhandlung deiner Wahl. Einfach hingehen und bestellen. Und wenn es dir gefällt, würde es mich freuen, wenn du es weiterempfiehlst. Oder eine Rezension schreibst. Oder es kurz in einer Story auf Social Media empfiehlst. Oder grad alles zusammen. 

Herzlichen Dank!

Verlag: BoD
Label: CARGO44
Lektorat: Carolin Böttler
Korrektorat: Inge Lütt
Das Original erschien im Thienemann Verlag, Stuttgart