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Dienstag, 7. Juli 2026

SCHREIBSURFEN

Ein Morgen ohne Morgenmail ist ein seltsam verschobener Morgen. So sehr habe ich mich daran gewöhnt, mich an den Tisch zu setzen (wo immer der gerade steht, zur Not tut es auch ein Tischchen im Zug) und eine Morgenmail an Jutta zu schreiben. Ich weiss gar nicht mehr, wann wir mit diesem Ritual begonnen haben; es ist auf jeden Fall Jahre her. Mittlerweile ist dieses Morgenmailschreiben so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir einander kurz informieren, wenn unsere Zeit nicht für eine Morgenmail reicht, aber bestimmt noch eine kommen werde, entweder am Nachmittag oder am Abend.

In diesen Mails hat alles Platz. Alltag, Beruf, Wünsche, Träume, immer ungeschminkt und offen. Oft schreiben wir über das Schreiben. Früher über das Schreiben nebst Kindern, Haushalt und Beruf. Darüber, was wir uns für unsere Bücher wünschen, auch darüber, was aus unseren Büchern geworden oder eben nicht geworden ist. Frust, Schmerz, Leid haben wir genauso geteilt wie Hoffnung, Freude und absolute Hochgefühle. Wir haben uns darüber ausgetauscht, warum wir gerade nicht schreiben, warum wir trotzdem gerne schreiben (würden), was uns davon abhält und ausbremst, was uns motiviert und antreibt, wie wir zurück ins Schreiben finden. Wir sind gemeinsam auf Glückswellen gesurft und haben die jeweils andere getröstet, wenn mal wieder eine von uns gnadenlos an einen Strand geschleudert wurde und sandspuckend am Ufer sass. Schreiben ist Surfen auf Wellen, samt grässlichen Tauchern, war es und wird es immer sein.

Mit dem Alter sind wir gelassener geworden, wir wissen um die stürmische Schreibsee. Manchmal, wenn es mit dem Schreiben so gar nicht klappen will, sagen wir uns, dass wir wohl einmal zu oft zu heftig an den Strand geschleudert wurden. Andere haben aufgegeben. Wir sind jedes Mal wieder auf dieses Surfboard gestiegen. Nicht immer gleich mutig, nicht immer gleich zuversichtlich. Wir wissen beide, was wir wollen. Es sind nicht dieselben Wellen, die wir reiten, aber es sind definitiv Schreibwellen.

Begonnen habe ich diesen Post mit den Morgenmails. Und eigentlich wollte ich damit nur eine Einleitung zum geplanten Thema schreiben. Nur, mich hat eine Schreibwelle anderswohin getragen. «Jo nu so dänn halt«, wie wir bei uns sagen. Ich mache eine Kehre und komme zum Punkt.

Ich arbeite an meinem ersten Newsletter. Weil ich ihn datenschutzkonform verschicken will (also niemandem ungefragt einfach ins Postfach schleudern), habe ich die letzten drei (!!!) Jahre Anmeldungen gesammelt. Eine harzige Sache in einer Zeit, in der wir alle sowieso zu viele Mails erhalten. Mein Ziel war es, mindestens fünfzehn Anmeldungen zu haben, bevor ich mich ins Abenteuer Newsletter stürze. Kürzlich bin ich bei 20 angekommen. Es gilt also ernst jetzt.

Meinen Newsletter möchte ich gestalten wie die Morgenmails. Persönlich. Mit Einblicken ins Schreiben, ohne dass es eine Nabelschau wird, in der ich auch noch grinsend Bücher in die Kamera halte. Geplant sind Schreibtipps, Empfehlungen, Hinweise auf Anlässe usw. Vier Mal im Jahr.

Schön wäre es, wenn ich den ersten Newsletter an mindestens 25 Personen schicken könnte. Also: Wenn du bis hierhin gelesen hast und denkst: «Momoll, das könnte was sein», würde mich eine Anmeldung freuen.

Jetzt, wo der Blogpost steht (wenn auch etwas chaotisch), packe ich mein Schreibsurfboard und gleite auf den Wellen der Lost Souls durch den Nachmittag.

Wo immer du hinsurfst, alles Gute.   

Montag, 12. Januar 2026

LESUNGEN


Heute bin ich offiziell ins Lesungsjahr 2026 eingetaucht, an einer Schule ganz in der Nähe, von der ich seit vielen Jahren regelmässig eingeladen werde. Drei Lesungen, jede genial schön, mit Jugendlichen, die gut vorbereitet und voller neugieriger Fragen waren, und mit herrlich unkomplizierten Organisatorinnen, die die Leselogistik wunderbar einfach machten. Besser hätte mein Lesungsstart nicht ausfallen können.

Generell bereiten mir Lesungen immer noch riesigen Spass und grosse Freude. Bei jeder bin ganz im Augenblick, nehme nie eine Abkürzung, auch nicht bei Fragen, die ich schon unzählige Male gehört habe. Beim Vorlesen wird mir sowieso nicht langweilig, denn aus welchem meiner Bücher ich vorlese, entscheiden die Jugendlichen, stets in urdemokratischen Abstimmungen (halt so richtig auf die Schweizer Art). So durfte ich zum Beispiel heute aus drei verschiedenen Büchern vorlesen (#no_way_out / Dunkelwind / Krawallnacht). 

Früher konnte ich schon mal sieben Wochen am Stück auf Tour gehen, heute hätte ich keine Chance mehr. Meine inneren Batterien brauchen länger, bis sie wieder geladen sind. Das ist eine Realität, die ich akzeptieren muss und auch problemlos kann, nicht zuletzt, weil ich nicht als alte, ausgebrannte Autorin enden will, die ihr Programm seelenlos ohne Kraft und Energie durchzieht. Das hätten die Jugendlichen nicht verdient, und vor allem würde ich mich selbst nicht mehr mögen, wenn ich das täte. 

Ich versuche deshalb schon längerem, meine Kräfte realistisch einzuteilen: da bux Verlagsarbeiten, Enkelhütedienst, schreiben, Lesungen ... und dann gibt es ja auch noch das Privatleben, in dem ich mich gerne in verschiedensten kreativen Bereichen austobe. Dabei gelingt es mir jedes Jahr etwas besser, eine gute Balance zwischen alledem zu finden. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich 2026 den perfekten Mix erreiche.

Montag, 5. Januar 2026

SCHREIBRUNDE

Es gab Zeiten, in denen mir meine Schreiblust abhanden gekommen war. Zeiten, in denen ich aufgeben und meinen Beruf als Autorin an einen verdammten Nagel möglichst weit weg von mir hängen wollte und mir wünschte, ich wäre Landschaftsgärtnerin geworden. Oder sonst irgendwas, aber einfach nicht Autorin. Das Schreiben wurde zum Krampf und Kampf, die Freude am Beruf machte Ferien auf einem anderen Planeten. Stets war es die Familie, die mich aufgefangen hat, dieser sichere Hafen, in dem ich alles sein konnte und durfte, auch eine verzweifelte, traurige, wütende, hadernde Autorin. Ich erinnere mich an meine erste Krise, in der ich mich verlor und am Ende das Selbstbewusstsein eines kleinen Regenwurms hatte (vielleicht tue ich den Regenwürmern dieser Welt mit diesem Vergleich Unrecht). Sie führte dazu, dass ich sämtliche Verbindungen kappte, die mir nicht guttaten, und in einem langen Prozess wieder zu einer Autorin mit Selbstachtung wurde. 

Meine Arbeit für den da bux Verlag hat mir die Freude an meinem Beruf zurückgebracht. Ich bin dort nicht nur Verlegerin, sondern auch Autorin, bestens aufgehoben in einem wunderbaren Team, das mir ideale Arbeitsbedingungen ermöglicht. Der Verlag ist mein zweiter sicherer Hafen geworden.

Und dann kam die Schreibrunde. Geboren aus reinem Trotz. Ein Lesungsveranstalter sagte zu mir: "Für mich lesen die Leute auch gratis." Und ich dachte mir: "Was ich gratis mache, entscheide ganz alleine ich." Also habe ich entschieden - und die Bibliothek Buchs gefragt, ob ich bei ihnen eine Schreibrunde starten kann. Dass jemand auftauchen würde, hatte ich gehofft, aber nicht damit gerechnet. Es spielte keine Rolle. Notfalls würde ich allein am Tisch in der Bibliothek sitzen und einfach für mich schreiben.

Es kam anders. Eingetrudelt ist schon am ersten Abend eine wild gemischte Gruppe von Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und trotzdem hat alles gepasst. Ich ging mit einer ungeheuren Leichtigkeit nach Hause, motiviert, mit einer Schreiblust wie ganz am Anfang meines Autorinnenlebens. Alles war möglich. Nichts war Müssen, alles war Dürfen. Und Wollen. Ich wollte schreiben. Schreiben, schreiben, schreiben. Neue Ideen ausprobieren. Experimentieren. Mit Buchstaben und Wörtern jonglieren und tanzen. Die Schreibrunde wurde zur Spielwiese, zum Begegnungsort, zur Motivations- und Inspirationsquelle. 

Diese Woche findet die erste Schreibrunde 2026 statt. Wir sind jetzt im vierten Jahr, immer noch der gleiche wunderbar kreative, schreibfreudige, esslustige, wild experimentierende, Ideen und Erfahrungen austauschende Haufen. Wir unterstützen uns gegenseitig, feuern uns an, freuen uns füreinander und stecken auch mal Negatives gemeinsam weg - was meistens in Lachen endet, weil ärgern nichts bringt, und weil wir wissen, dass es weitergehen wird, dass Scheitern dazugehört und neue Türen öffnet. Teil dieser Gruppe zu sein ist ein grosses Geschenk. 

Im Laufe der drei Jahre, in denen wir uns jeden ersten Donnerstag im Monat treffen, habe ich meinen Platz als Autorin gefunden, weiss ich ganz genau, dass ich schreiben will und werde. Mehr noch: Aus dieser Gruppe ist ein Atelier erwachsen, der Ort, wo ich zum Schreiben hingehe. 

Irgendwo da draussen steckt in irgendeiner Wand der Nagel, an den ich meinen Beruf hängen wollte. Wer ihn findet, hänge bitte irgendwas Schönes dran, ich brauche ihn nicht mehr. 

Sonntag, 16. November 2025

Das Projekt und die Zeit


"Ich werde berichten." So hören meine Blogpost manchmal auf. Heute ist so ein "Ich werde berichten"- Tag. Und zwar von meinem Schulbesuch in der Klasse, die mein längst vergriffenes Buch Das Projekt gemeinsam liest.

2008. Das ist das Erscheinungjahr von Das Projekt. Im Vorfeld hatte ich der Lehrerin geschrieben, dass das Buch aus der Zeit gefallen ist; sie liess sich davon nicht abschrecken und bestellte Nachschub aus meinem kleinen verbliebenen Vorrat, um genügend Exemplare für alle zu haben. Ich bat sie, der Klasse zu sagen, dass ich mich auf die Lesung freue und gespannt bin, wie sie die Geschichte (emp)finden.

Ich hatte Glück: Die Lesung war nach der grossen Pause, und so hatte ich in der Pause Gelegenheit, mit der Lehrerin über ihre Wahl der Klassenlektüre zu reden. Sie erklärte mir, weshalb sie das Buch gewählt hat.

Sie hat es als Jugendliche selber auf der Oberstufe als Klassenlektüre gelesen und es hat ihr sehr gut gefallen. Dass das Buch in die Jahre gekommen ist und einige wichtige Dinge im Setting so nicht mehr stimmen oder passen, stört sie nicht, im Gegenteil. Die Geschichte sei in einer Sprache geschrieben, die auch heute noch funktioniere. Und: Die Jugendlichen lesen das Buch im Bewusstsein, dass die Geschichte schon vor einiger Zeit geschrieben wurde.

Die Lesung war extrem spannend, aber mit 45 Minuten viel zu kurz. Zudem nahmen zwei Klassen an der Lesung teil, die einen hatten gerade Krawallnacht gelesen, die anderen steckten am Anfang der Lektüre von Das Projekt. Damit blieb nach dem Erzählen über die Entstehungsgeschichten der Bücher zwar noch Zeit für Fragen, aber halt längst nicht alle. 

Für mich spannend: Die Jugendlichen mögen die Geschichten. Dass beide etwas älter sind, die eine 17 Jahre, die andere 6 Jahre. Für mich ist das eines der grössten Komplimente, die ich bekommen kann, denn diese Rückmeldungen bedeuten, dass ich zeitlos schreibe. Das zweite Riesenkompliment erreichte mich nach der Lesung per Mail:

"Nach der Vorlesung kamen wir noch schnell nach vorne, um uns zu bedanken. Mit dieser Mail wollten wir uns noch ausführlicher bedanken. Sie haben mit Ihrer Rede aus unseren Seelen gesprochen, da wir in der Freizeit, selber gerne schreiben. Sie haben uns sehr inspiriert und motiviert. Das Buch das wir momentan lesen, Das Projekt, gefällt uns sehr, und wir wollen unseren Schreibstil an diesem Buch orientieren. Danke, dass Sie gekommen sind und uns motiviert haben mehr zu schreiben." 

Danke! 

Freitag, 7. November 2025

Erkenntnisse


Erkenntnisse der letzten drei Wochen, wild durcheinandergewürfelt: 

1. Zwei Wochen Lesetour mit 28 Lesungen sind machbar, aber extrem anstrengend, zu anstrengend für mich, auch wenn schlicht alles stimmt. Die Tour durch den Kanton Uri war bestens organisiert, die einzelnen Lesungen haben Spass gemacht, die Jugendlichen und ihre Lehrkräfte waren sehr gut vorbereitet. Es war einen Versuch wert, vor allem, weil die Bedingungen einfach von A bis Z stimmten. In Zukunft werde ich, falls überhaupt, höchstens eine Woche auf Tour gehen und das auch höchstens ein Mal pro Jahr. Und ich setze meinen Vorsatz um, pro Woche nur einen Lesungstag einzuplanen. Zudem wird es Monate geben, an denen ich gar keine Lesungen machen werde.

2. Man muss einsehen, wenn etwas keinen Sinn macht, auch wenn es weh tut. In meinem Fall: Unterrichtsmaterial zum Mittelstreifenblues zu erstellen, zumindest so lange das Buch ein Cover hat, das Jugendliche schlicht und einfach weder anspricht noch interessiert. Vielleicht auch später nicht, selbst wenn ich irgendwann die Buchrechte zurückbekomme und das Buch mit einem anderen Cover herausgebe. Noch vor kurzem war ich entschlossen, gegen alle Vernunft Unterrichtsmaterial zum Buch zu kreieren. Aber das bringt nichts. 

3. Arbeiten in einem Atelier, gemeinsam mit anderen Kreativen, ist beflügelnd. Dabei kann man durchaus schweigend gemeinsam am Tisch sitzen und still für sich arbeiten. Aber auch aufstehen, sich eine Tasse Kaffee machen und eine kurze Schwatzpause einlegen.

4. Zeichnen ist eine wunderbare Möglichkeit, Langsamkeit in sein Leben zu bringen. Ich fange meine Atelierzeit mit einer Zeichnung an, etwas, das ich mir noch vor ein paar Monaten schlicht nicht hätte vorstellen können. 

5. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu versuchen. 

6. Dafür ist manchmal der Zeitpunkt für das schmerzhafte Einsehen, dass Altes nicht mehr so rund läuft: Meine Beinmuskulatur trägt mich nicht mehr so weit die Berge hoch, wie ich es gerne hätte. Schweren Herzens habe ich den Traum von einer Wanderung in den Heinzerbergen und zu den Suretta Seen aufgegeben. Zumindest für dieses Jahr. Ich, respektive meine Beine schaffen das im Moment nicht. Älter werden kann total unwitzig sein. 

7. Analog leben schärft die Sinne und bringt sehr viel Ruhe in den Alltag. 

9. Schreibrunden, also das Schreiben in der Gruppe, aktiviert die Lachmuskeln, schenkt Energie, Mut und Zuversicht und füllt den Energiespeicher in einem Abend wieder auf 100 Prozent.

10. Ich bin und bleibe eine Bullet Journal Frau. Kurz habe ich darüber nachgedacht, 2026 auf eine normale Jahresagenda zu wechseln, doch als ich mir überlegt habe, was ich alles für meine Planung brauche, blieb nur das Bullet Journal.

PS: 11. Die alte Aula von Bürglen ist eine der schönsten Aulen, die ich je gesehen habe. Sie wird ganz bestimmt einmal in einem Buch von mir vorkommen. 

Freitag, 25. Juli 2025

Achtzehn Meter und no way out


Achtzehn Meter (oder so) von der Haustür bis zum Briefkasten. Ein Paket, leicht ramponiert. Der Puls bei mindestens 180 Schlägen pro Minute. Zwei Menschen in einer Küche in Werdenberg. 20 Sekunden lang angehaltener Atem. Fünf wunderschöne Bücher. Eine Hand, die über das Cover fährt. Zwei Menschen, die sich umarmen und gemeinsam freuen.

Ortswechsel.

Zwei Menschen auf einer Brücke. Achtzehn Meter hoch. Smiley, der mit dem Herzen denkt und fühlt, und Mick, für den das Herz ein Muskel ist, der Blut durch den Körper pumpt, mehr nicht, denn sonst täte das Leben viel zu weh. Smiley, der achtzehn Meter weiter unten am Fluss wohnt, sein Leben lang schon. Mick, der nie lange an einem Ort bleibt. Auch bei Smiley nicht, obwohl der ziemlich okay ist. Um genau zu sein: so sehr okay, dass Mick ihn mag. Geht gar nicht. Von wegen Herzmuskel und nicht fühlen wollen und so. Also zieht Mick weiter. Und dann, auf einer einsamen Landstrasse, passiert es. 

Ein Wagen nähert sich, und Sekunden später liegt Mick blutend im Strassengraben. Was wie ein Unfall aussieht, ist Teil eines skurpellosen Plans. Viel zu spät erkennt Mick, in was er da hineingeraten ist - und dass für ihn kein Entkommen vorgesehen ist.

Zum Glück ist da noch Smiley ...  

Ich liebe dieses Buch. Sehr. Immer noch. Es war damals aktuell, heute ist es aktueller denn je. Zwei gute Gründe, es neu aufzulegen.

#no_way_out ist ab sofort wieder erhältlich. Online und in der Buchhandlung deiner Wahl. Einfach hingehen und bestellen. Und wenn es dir gefällt, würde es mich freuen, wenn du es weiterempfiehlst. Oder eine Rezension schreibst. Oder es kurz in einer Story auf Social Media empfiehlst. Oder grad alles zusammen. 

Herzlichen Dank!

Verlag: BoD
Label: CARGO44
Lektorat: Carolin Böttler
Korrektorat: Inge Lütt
Das Original erschien im Thienemann Verlag, Stuttgart 

Freitag, 18. Juli 2025

Dieser eine Moment


853 Mal gecheckt. Mindestens. 49 Mal leer geschluckt. Mindestens. Die Hand verkrampft auf der Maus, der Puls ungesund hoch. Muffensausen. Nervenflattern. Leichte Übelkeit. Der Gedanke: Komm, trink noch einen Kaffee ... oder etwas Stärkeres ... bevor ... ach, oder doch lieber erst morgen ... 

Hilft alles nichts. Augen zu und durch und ... KLICK.

Die Textdatei ist weg. Freigegeben.

Dasselbe Elend bei der Coverdatei.

Danach keine Erleichterung, sondern das nagende Gefühl, einen Fehler (oder zwei oder drei) übersehen zu haben. 

Verdrängung, nicht daran denken. 

Kaffee.

Stunden später fühle ich sie doch noch, die Erleichterung darüber, es geschafft zu haben. Freude. Auch ein bisschen Stolz. Eines meiner vergriffenen Herzblutbücher wird bald wieder erhältlich sein. Vor ein paar Jahren ist es aus der Verlags-Backlist gefallen, bald reiht es sich wieder bei jenen Büchern ein, die ein zweites Leben bekommen. Mit meinen beiden Klicks habe ich #no_way_out an BoD geschickt, den Anbieter, bei dem ich meine ausgemusterten Bücher neu herausgebe. 

Nun dauert es irgendwas zwischen einer und drei Wochen, bevor das Buch in den Online-Shops angekommen ist und man es auch im Buchhandel bestellen kann. Ein bisschen Nervosität und Anspannung bleibt. Das ist gut so. Es zeigt mir, dass ich immer noch für meine Geschichten brenne.

Mehr zu Buch dann, wenn es lieferbar ist und ich sein neues Leben offiziell feiern kann. 

Wer Lust auf einen Einblick in die Welt der vergriffenen Bücher und die Bedeutung von Backlists (lieferbare Titel) hat, dem empfehle ich dazu mein YouTube-Video zu diesem Thema:


Freitag, 28. März 2025

Walking Writer

Der März war ein anstrengender Monat. Viel Arbeit für den da bux Verlag, 11 Lesungen, ein Workshop, Enkelhütetage und anderes mehr. Vor allem musste ich diesen Monat oft um 4.45 Uhr aufstehen. Die Erschöpfung hat sich am Dienstag schon angekündigt, am Mittwoch begann der Husten, am Donnerstag fuhr ich zu den letzten zwei Lesungen des Monats, und auf dem Heimweg habe ich dann nur noch versucht, nicht schon im Zug auseinanderzufallen. Das habe ich zu Hause getan :-).

Heute geht es mir noch nicht gut, aber schon viel besser. Ich bin in diesem Zustand, wo man dünnhäutiger ist, wo die Gefühle intensiv sind und wo man so wahnsinnig gelassen und vor allem sehr klar erkennt, was man will und was nicht. 

Ich will in Zukunft wieder mehr Walking Writer sein - das ist meine Bezeichnung, die ich mir in den Social Media gegeben habe. Wandern, der Natur nahe sein, schreiben, an kreativen Projekten werkeln. Das alles soll wieder mehr Raum haben in meinem Leben.

Was im März dazukam: Der Wahnsinn in den USA. Es ist schwer, die richtigen Worte dafür zu finden, aber ich versuche es mal. Dieser Wahnsinn erdet mich. Und gleichzeitig schält er Unwichtiges weg, schärft mein Empfinden für das, was wirklich zählt, noch mehr. Kondensiert auf ein Wort ist das: Liebe. Dabei will ich bis in meinen innersten Kern ich sein und bleiben, mit all den Werten, die mir wichtig sind. Und ich weiss, dass ich damit nicht allein bin. Darauf gründet meine Hoffnung.

Wieder einmal fühlt sich alles nach Auf- oder vielleicht besser Umbruch an. Heute noch inteniver als sonst. Ich werde auf mich hören. Und berichten.

Freitag, 31. Januar 2025

Zwei Franken zwanzig


In den Bergen war Schnee gefallen. Die Webcam zeigte eine Traumlandschaft in Weiss. Ich entschied spontan, in den Winter zu fahren. Eine Tasche voller Lebensmittel, eine Tasche mit meinem Büro. Laptop und Handy dabei, sämtliche wichtigen Kabel eingepackt. Alles parat. Es konnte losgehen. Ich fuhr Richtung Berge. Mit jedem zurückgelegten Kilometer ging es mir besser. Bis mir kurz vor Flims einfiel, dass ich meinen Geldbeutel vergessen hatte. Keine Bankkarte, kein Twint, der Notgroschen in der Handyhülle weg (weil auch kürzlich schon ohne Geld unterwegs). Na gut, dachte ich. Du hast Futter dabei und im Haus in den Bergen hat es immer Schokolade und Kekse. 

Wenn ich jeweils nach Flims aus dem Tunnel fahre liegt die Surselva vor mir, eine Landschaft, die mich an Kanadas Weite erinnert. Ich fühle mich bei diesem Anblick jedes Mal frei und habe das Gefühl, direkt in ein Abenteuer zu fahren. Diesmal noch mehr als sonst, denn ich war ohne Geld unterwegs. Ich drehte die Musik auf, sang laut mit und lenkte den Wagen tiefer in die Surselva hinein.

Irgendwann bog ich von der Hauptstrasse ab und mit jedem Höhenmeter nahm auch die Schneehöhe zu. Die Einfahrt zum Haus war zugeschneit. Ich parkte den Wagen beim Schreiner etwas weiter unten im Dorf und ging zu Fuss zum Haus. Check: keine Schokolade, keine Kekse. In der Schublade, wo manchmal ein Notgroschen liegt, lag eine ganze Menge, aber kein Notgroschen. Dafür fand ich in meiner Jackentasche einen Zweifränkler und ein Zwanzigerräppler. Ich war also nicht komplett blank.

Erst einmal schaufelte ich die Einfahrt frei, holte das Auto, trug Futter und Bürotasche ins Haus, verräumte die Sachen und machte es mir gemütlich. Auf dem Stubentisch lagen die beiden Geldstücke. Ich lachte. Weil ich mich wieder fühlte wie damals als Kind, als ich mit meinem bisschen Taschengeld im Laden stand und mir überlegte, was man mit zwanzig Rappen kaufen kann (ein Zweifränkler wäre damals für mich ein unermesslicher Reichtum gewesen).

Der Entscheid fiel am nächsten Morgen, es war ein strategischer Vernunftsentscheid: Milch. Keine Kekse, keine Schokolade. Nein - Milch. Die war nämlich knapp, weil ich nur wenig von zuhause mitgenommen hatte, denn ich wollte ja in den Bergen noch einkaufen gehen (öhmmm ...) Milch, weil ich mit Milch meine tägliche Portion Porridge zubereite; Milch kann ich auch ins Müesli geben, das fast so gut schmeckt wie Kekse. Und mit Milch und Kakaopulver kann man eine heisse Schokolade machen.

Also lief ich los. Richtung nächstes Dorf, zum Dorfladen. Mit meinem Geldschatz in der Jackentasche. Die zwei Franken zwanzig, die ich nach einem Einkauf vor ein paar Tagen locker als ein bisschen unnützes Restmünz in die Tasche gesteckt hatte, kamen wir vor wie ein kleines Vermögen. Ich fotografierte die Münzen im Schnee, drehte sie in den Händen, steckte sie in die Tasche und griff immer wieder danach.

Die Milch kostete CHF 1.95. Ich überlegte kurz, nur einen halben Liter zu kaufen und mit dem Rest ein Brötchen, aber der halbe Liter kostete CHF 1.20 und ein Brötchen im Minimum CHF 1.20. Sprich, beides zusammen überstieg meine finanziellen Möglichkeiten. Also kaufte ich den ganzen Liter. Mir blieben fünfundzwanzig Rappen. Das Bezahlen war Freude pur. Ich habe selten so gerne eingekauft und hatte selten so viel Spass dabei.

PS: Was für mich ein Spiel gewesen ist, ist für andere bitterer Ernst, Tag für Tag. Das Überlegen, was man mit seinem letzten bisschen Geld noch macht, wenn es nicht für alles reicht und man keine Vorräte hat, auf die man zurückgreifen kann. Wenn man verzweifelt überlegt, wie man über die Runden kommen soll. Und weiss, dass es theoretisch gar nicht möglich ist, praktisch aber doch irgendwie jeden Monat geht. Es sollte nicht einfach "irgendwie doch noch gehen". Und darum müssen wir unseren Sozialeinrichtungen Sorge tragen. Was passiert, wenn man sie wegsparen will, kann man grad in den USA beobachten.