Sonntag, 22. September 2019

#systemchange

Ich weiss, dass es nicht wenige Menschen gibt, die bei diesem Wort sofort in Abwehrstellung gehen. Für die ist schon die Forderung nach #climatechange eine Zumutung. Aber gleich das System!!! Man kann doch nicht ändern, was man hat. Könnte ja schaden. Sogar gefährlich werden. Denkt nur an die Wirtschaft, die Arbeitsplätze. Und sowieso: Immer diese linken Gutmenschen mit ihren Ideen. Als ob es uns in diesem neoliberalen Turbokapitalismus allen gut ginge.

Ich habe es aufgegeben, an eine von der Politik und Wirtschaft eingeleitete Änderung zu hoffen. Wir müssen unten anfangen. Mit uns. Sozusagen mit einem #humanchange. Bewusster Leben. Rücksicht nehmen auf andere und die Natur. Nicht alles haben wollen, dafür mehr bei uns selber sein. Einstehen für das, woran wir glauben, wovon wir träumen.

Als die Menschen letzten Freitag weltweit für das Klima auf die Strasse gingen, war ich im Haus in den Bergen. Aber in Gedanken war ich den ganzen Tag bei den Menschen, die die Strassen der Städte und Dörfer dieser Welt füllten. Und ich füllte für mich meine ganz persönliche Charta aus: Eine Liste voller Möglichkeiten, mehr für die Umwelt und ein besseres Klima zu tun.

Dass wir etwas tun müssen, steht für mich ausser Frage. Uns fallen die Berge auf den Kopf, weil der Permafrost schmilzt und das Gestein nicht mehr zusammenhält. Ganz konkret ist diesen Sommer eine SAC-Hütte ganz in der Nähe unseres Hauses in den Bergen nicht zugänglich, weil ein Steinschlag sie zerstört hat. Meine beiden Brüder, beides begeisterte Alpinisten, erzählen mir von weggerutschten Bergflanken, unterbrochenen und nicht mehr begehbaren Routen; auf den höheren Bergen bilden sich Gletscherseen, wo es noch nie welche gab. Bergbäche werden zu reissenden Flüssen, Schlammlawinen wälzen sich talabwärts. Flüsse treten über die Ufer.

Wir könnten auch über die vielen Vogel- und Insektenarten reden, die still und leise verschwinden. Über schrumpfende Lebensräume von Tieren. Über die neue Art von Naturabenteurern, denen es nicht wirklich um die Natur geht, sondern nur darum, der Erste oder die Erste zu sein, die Spuren in den Schnee ziehen. Egal, ob das in Lawinenhängen ist oder in Schutzräumen für Tiere. Oder jene neue Art von Berggängern, die sackteuer ausgerüstet ins Gebirge zieht und dann den Abfall dort oben liegen lässt.

Bevor ich mich hier in Rage schreibe, zurück zum #sytemchange. Er muss kommen. Wir dürfen nicht darauf warten, bis ihn uns jemand befiehlt oder das Klima ihn uns in aller Härte aufdrückt. Also fangen wir an. Bei uns. Im Privaten. Ein #humanchange eben. Und weil ich doch immer noch auf die Politik hoffen will, werde ich nächsten Monat zum ersten Mal nicht die SP wählen (sorry), sondern die Grünen.

Kommentare:

quercus hat gesagt…

Recht hast Du, wir haben zunächst nur die Macht über uns und unseren Haushalt. Wir verbrauchen inzwischen nur noch ein Drittel des Stromes, den wir vor 20 Jahren verbrauchten, kaufen Lebensmittel meist auf dem Markt(unverpackt, Stoffbeutel und Gläser), bei allem, was notwendig ist, achten wir auf Qualität für Langlebigkeit(Möbel, Kleidung, ...). Und wir "brauchen" von allem viel weniger!
Die Demo am Freitag macht mir Hoffnung, weil ich denke, viele konsequente Menschen bleiben am Ball. Niemand von der Politik wird das Notwendige tun, wenn er/sie noch gewählt werden will.

Alice Gabathuler hat gesagt…

Mir machen die Demos auch Mut. Und dich und deine Familie bewundere ich. So weit wie ihr bin ich noch lange nicht, bei mir ist noch viel Luft nach oben. Aber ich arbeite daran.

Herzlich
Alice

Hausfrau Hanna hat gesagt…

JA,
liebe Alice,
aus tiefem Herzen 'JA' zu deinem Beitrag, zu deinen Gedanken!

Und dann diese offenen Fragen und Zweifel...
Wie ernst ist es uns...
Können und wollen wir verzichten... Und tun wir es auch...
Lassen wir das Auto stehen... verkaufen wir es...
Lassen wir den Flughafen links liegen... machen dafür Ferien in der Nähe...
Wir westlichen, privilegierten Menschen...


Ä liebe Gruess und ä feschte Drugger
Hausfrau Hanna




Alice Gabathuler hat gesagt…

Liebe Hanna

Ja, diese Fragen treiben uns um oder sollten uns zumindest umtreiben. Der Umgang damit ist gar nicht so einfach.

Was mich nervt: Sobald man #climatchange sagt, zeigen die Umweltschleudern auf uns und sagen: Dann fliegst du aber nie mehr.

Doch, ich werde weiterhin fliegen. Einmal im Jahr oder vielleicht einmal alle zwei Jahre. Ich werde weiterhin Auto fahren - so wenig wie möglich. Es gibt nicht alles oder gar nichts. Das volle Verpulvern oder den Totalverzicht. Wenn wir ALLE so weit wie möglich reduzieren, ist schon extrem viel getan. Ob es reicht, weiss ich nicht. Aber es würde zumindest einen grossen Unterschied machen.

Herzlich
Alice


quercus hat gesagt…

Liebe Alice, wir haben es einfacher weil wir noch nie geflogen sind, hatten keine Zeit, und oft auch kein Geld. Und das effektive Haushalten bringt mir Freude ohne Verzicht auf etwas, was ich mir wünschen würde. Wir verzichten z.B. nicht auf Bücher oder Kunst, da geben wir gerne mal Geld aus( z.B. auch ein Nachbarschaftsfest mit engagiertem Musiker), da freue ich mich über die Gemeinschaft und Freude, die alle erfuhren. Ein Auto brauchen wir, da wir auf den Land darauf angewiesen sind. Aber den Alltag können wir in der Kleinstadt zu Fuß erledigen, deshalb zogen wir vom Dorf hierher. Das Problem liegt in der Aufgabe, grundsätzlich die gesellschaftlichen Werte ändern zu müssen, die Wirtschaft muss sich ändern. Warum muss der Bäcker abends gleiche Angebote haben wie morgens, warum wird zuviel Nahrung produziert und weggeworfen... Unsere Ansprüche müssen sich ändern. Danke fürs Mitmachen!