Montag, 17. August 2026

TRAMPELPFADE

 

Gewohnheiten sind Trampelpfade im Gehirn. Dieser Satz, über den ich Anfang 2022 gestolpert bin, ist seither einer meiner treuen Begleiter. Als begeisterte Wanderin hatte ich sofort Bilder von Pfaden im Kopf, von gut begehbaren bis hin zu stark verwachsenen, die man kaum mehr sieht. Mir gefiel der Gedanke, dass man ausgelatschte Trampelpfade verlassen kann, ich mochte die Idee, auf schönen Pfaden zu wandern, und vor allem gefiel mir die Vorstellung, dass man auch eigene Trampelpfade in unbekanntes Gelände bahnen kann. Ich überlegte mir damals, auf welchen Pfaden ich gerne wandere, welche Pfade ich nicht mehr gehen möchte, und ich träumte von neuen Pfaden, die ich beherzt für mich erkunden wollte. Seither bin ich auf vielen Pfaden gewandert und eine richtig schöne Strecke weitergekommen im Leben.

Heute Morgen sind zwei Dinge passiert.

Ich bin bei der Lektüre von Ein Raum zum Schreiben von Kristin Valla auf folgendes Zitat gestossen (verkürzt wiedergegeben):

Wie wird man Schriftstellerin, hatte mich Manuela gefragt. Nach fünf Jahren sah ich ein, dass die Frage, nicht die war, die Manuela mir gestellt hatte. Sondern eher: Wie bleibt man Schriftstellerin?

Ich habe laut gelacht. Denn mehr als einmal habe ich mit dem Schreiben aufgehört - und hätte ich nicht neue Pfade gefunden, mit dieser Frage umzugehen, wäre ich keine Autorin mehr. Ich bin Autorin geblieben, weil ich auf diesen neuen Pfaden zu mir als Autorin (wieder)gefunden habe. Ich fühle mich heute mehr als Autorin denn je, und das, obwohl ich sehr viel weniger veröffentliche und die Lesungen weniger werden. Das liegt auch daran, dass ich mir einen Raum geschaffen habe für all das, was zu wehgetan hat in Bezug auf meinen Beruf. Bis vor wenigen Tagen hatte ich diesen kalten, feuchten Raum in einer der hintersten Ecken in mir drin abgeschlossen und den Schlüssel neben der Tür in eine tiefe Ritze gelegt. Es lebte und schrieb sich so viel leichter als mit diesem ganzen Ballast, der mich jahrelang immer wieder überwältigt und gelähmt hatte.

Zu meiner Lektüre und dem Zitat passend kam heute Morgen eine Mail von Jutta, in der es nicht zuletzt um das ging, was in diesem kalten, feuchten Raum lag. Ganz kurz packte mich der Schmerz und drohte mich zu überwältigen. Als ob all das, was sich in diesem Raum befindet, ganz laut gegen die Tür poltere und sich von Neuem an mich krallen wolle.

Mir wurde klar, dass ich einen neuen Pfad brauchte, keinen in ein helles Licht, sondern einen in die Dunkelheit, in die Tiefe, hinunter zu diesem Raum in der hintersten Ecke. Das Buch von Kristin Valla und die Mail von Jutta haben mir den Mut geschenkt, diesen Pfad, der völlig überwuchert und nicht mehr sichtbar da war, noch einmal zu gehen. Es war ganz einfach. Ich habe den Schlüssel aus der Ritze gezogen, den Raum geöffnet und dem Schmerz erlaubt, über mich zu rollen. Ich habe mir zugestanden, die Trauer zuzulassen und zu weinen, aber ich habe es nicht zugelassen, dass mich die Krallen packen und sich an mir festhaken. Jetzt liegen die Schmerzen, die Wunden und die Narben in einem hellen freundlichen Raum ohne Schlüssel. Ich lasse die Tür zu, aber ich sperre all das nicht mehr ein und weg. Es gehört zu mir. Es hat mich zu der Frau gemacht, die Autorin geblieben ist. 

Mein Autorinnenpfad liegt jetzt noch klarer vor mir. Die Aussicht ist wunderschön. Ich sehe nicht das ganze Wegstück vor mir, denn es ist wie mit all den Pfaden, auf denen ich gewandert bin: Sie gehen nicht geradeaus, sondern winden sich dem Gelände angepasst durch die Landschaft. Genau das macht das Gehen auf Pfaden so spannend.

PS: Einen Teil meiner Trampelpfadposts findest du, wenn du unten im Blog auf den Tag Trampelpfade klickst; sie öffnen sich dann. Weil ich nicht gerade Weltmeisterin im richtigen Taggen bin, sind es wohl längst nicht alle Posts zu diesem Thema, aber vielleicht ermutigt der eine oder andere Post zu einem persönlichen Trampelpfadspaziergang. 

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