Ich starre sie an. Die etwas zerzauste Frisur, in der ein paar Erdkklümpchen hängen. Die Falten im Gesicht. Die wachen Augen. Das T-Shirt mit dem EAT THE RICH Aufdruck.
"Ich habe dich vermisst", sage ich.
"Ich dich auch", antwortet sie.
Ich habe Fragen, so viele Fragen. Wo warst du? Was ist mit Mr Doorman passiert? Wie geht's dem Zappadong-Gebäude? Gibt's den Kinosaal noch? Stattdessen mache ich uns beiden einen Kaffee, stelle die Tassen auf den Tisch und setze mich zu ihr hin.
"Mr Doorman ist leider verhindert", sagt sie. "Er wäre gerne mitgekommen, aber in den Kinosaal tropft Wasser und wir wissen nicht, woher das kommt.
"Geht es ihm gut?", frage ich.
"Wenn er nicht gerade in der Ukraine ist und kämpft, ja."
CUT. EINSCHUB. Ich schulde euch ein paar Erkärungen. Frau Zappadong war mein bloggendes Alter Ego. Vor vielen Jahren. Mit ihr bin ich die ersten Schritte in den Social Media gegangen. Sie war die Frau, die offen, direkt und unverblümt aussprach, was ich vom Zustand der Welt und der Schweiz hielt. Ihr zur Seite stand Mr Doorman, der stoisch-pragmatische russische Türsteher mit einer ziemlicher verrückten Verwandtschaft und der Gabe, den Cappuccino zur Kunstform zu erheben. Die beiden lebten in einem Hochhaus ohne Lift, das ich am Ende versenkte und mit ihm auch meinen ersten Blog, den ich nach der Frau am Küchentisch benannt hatte: Zappadong. EINSCHUB ENDE.
"Er hat also die Seiten gewechselt", stelle ich fest.
"Und wie!" Sie grinst. Ziemlich schief. Ich sehe die Sorge in ihren Augen. Frau Zappadong ohne Mr Doorman. Unvorstellbar.
"Ich denke in letzter Zeit oft an dich", sage ich.
"Hab's gemerkt", antwortet sie.
Natürlich, denke ich und sage: "Cooles T-Shirt."
Sie seufzt. "Wir hätten es nicht beim Slogan belassen sollen. Jetzt ist es zu spät. Jetzt essen die uns. Willst du reden?"
Ja, das will ich. Über so vieles. Weil es neben meinem kleinen Leben dieses grosse da draussen gibt, das völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Aber ich weiss nicht einmal, wo ich anfangen soll.
"Können wir heute einfach nur plaudern und Kaffee trinken?", frage ich. "Ohne uns über irgendwas aufzuregen?"
"Natürlich", antwortet sie. "Glaubst du, du schaffst das?"
Mein Blick gleitet zu ihrem T-Shirt. "Weiss nicht", sage ich. "Einen Versuch wär's wert."
"Ich habe noch andere", sagt sie. "Mit ähnlich guten Sprüchen."
Daran zweifle ich keine Sekunde.
"Du hast damals uns und das Gebäude versenkt, weil es dir zu viel wurde, nicht wahr?"
"Ja", antworte ich. "Immer nur hinsehen und kämpfen und grandios verlieren, das macht was mit einem. Weisst du, ich wollte nie zynisch oder bitter oder gar beides werden."
"Das verstehe ich", sagt sie.
"Sorry, dass ich euch versenkt habe."
"Kein Problem", meint sie. "Ist noch ganz witzig im Untergrund. Und wir können ja jederzeit raus. Aber ganz ehrlich. So prickelnd ist es hier oben nicht. Die Landschaft ist ja wunderschön, aber ich bin immer wieder froh, wenn ich mich aus diesem Irrsinn in unseren unterirdischen Turm zurückziehen kann."
"Das verstehe ich", sage ich und jetzt lachen wir beide.
Dann reden wir doch noch. Über die Familie. Das Schreiben und das kleine und das grosse Leben. Darüber, dass wir beide nie zynisch oder bitter oder beides geworden sind.
Am Ende steht sie auf. "Vielleicht besuchst du uns ja mal im Zappdong-Gebäude. Dann trinken wir Cappuccino mit Mr Doorman." Sie zwinkert mir zu. "Und dabei planen wir die Weltrevolution."
"Mache ich", sage ich und merke in dem Moment, in dem ich es ausspreche, dass ich es ernst meine. Also, das mit dem Besuch im Zappadong-Gebäude. Na ja, und vielleicht denken wir die Weltrevolution einfach mal durch. So ganz theoretisch. "Kennst du das Graswurzelsystem?", frage ich.
"Was denkst du denn?"
Sie ist schon unter der Tür, als sie sich noch einmal umdreht. "Grüsse bitte Hausfrau Hanna von mir. Sage ihr, dass ich ihren Blog sehr gerne lese."
Und dann ist sie weg. Zurück bleibt ein Hauch von Wehmut, ein leichter Geruch nach Erde. Und so was wie ein Versprechen. Ich mache mir eine weitere Tasse Kaffee und setze mich nach draussen. Es hat geregnet in der Nacht. Die Welt sieht aus wie frisch gewaschen.
PS: Liebe Hausfrau Hanna, Frau Zappadong lässt dich herzlich grüssen.

8 Kommentare:
Oh .. jetzt ist sie schon wieder weg. Dabe hätte ich ihr so gerne auch zugerufen, wie sehr ich sie vermisst habe. Bitte richte Frau Zappadong Grüße aus, wenn ihr euch wieder mal auf einen Kaffee trefft. Graswurzelrebellinnen, die nicht verbittern wollen, sind mir die liebsten. Ich freue mich schon sehr darauf, wieder mehr von ihr aus dem Untergrund zu hören. Und eurer Revolution schließe ich mich mit wehenden Fahnen an.
Herzliche Grüße vom Küchentisch! Jutta
Den Gruss werde ich ausrichten. Und jede Revolutionärin ist herzlich willkommen. Tschakka. Auf die Graswurzelrevolution.
Schabernitwohr,
liebe Alice,
Frau Zappadong war zu Besuch bei dir und hat sich sogar noch an mich erinnert. Ich bin gerührt!
Wie gerne wäre ich mit euch bei einem Cappuccino am Tisch gesessen, hätte mich mit euch über so vieles, das auch mich beschäftigt, ausgetauscht. Und dabei immer wieder zustimmend genickt über Frau Zappadongs fadengerade, direkte, offene Art.
Wer weiss, und sie ist wieder einmal zu Besuch bei dir?
Lass es mich wissen!
Lieben Gruss an euch beide
Hausfrau Hanna
Vielleicht könnte man ja mal wieder ein Treffen in Basel arrangieren. Mit Dir, liebe Hausfrau Hanna und mit Frau Zappadong.
Liebe Hausfrau Hanna. Und wie sie sich an dich erinnert :-) Ich werde wohl schon bald bei ihr vorbeischauen und auch immer wieder. Das ist zumindest der Plan. Ich werde sie von dir grüssen.
Herzlich
Alice
Au ja, das wäre total cool!!!
Was für eine gute Idee,
liebe Jutta und liebe Alice/Frau Zappadong,
ein Treffen in Basel im Herbst, der schönsten Jahreszeit:
Ich bin dabei! :)
Liebe Grüsse an euch beide
Hausfrau Hanna
Ich würde sagen: Machen wir :-) Im Herbst. Passt wunderbar.
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