Wir befanden uns auf dem alten Saumpfad von Forno nach Campello Monti, in einem Seitental in der Nähe des Ortasees. Gerade hatten wir etwas abenteuerlich einen kleinen Fluss überquert, folgten nun dem Pfad zwischen den Bäumen und erreichten eine Lichtung. Hellgrünes Gras leuchtete, vor uns lagen Häuser, die zumindest teilweise noch bewohnt waren. Weiter oben befand sich eine Siedlung mit Steinhäusern, alt, zum Teil zerfallen. Meine ganze Aufmerksamkeit galt dem Kirchenturm, den ich für den kleinen Menschen in Winterthur fotografieren wollte (er findet Kirchtürme gerade total spannend,
vor allem, wenn die Glocken läuten). Ich drückte ab, einmal, zweimal. Eine Kirche, ein Turm, dahinter waldbewachsene Bergkämme. Rockmusik aus den Achtzigern klang zu uns rüber. Wir gingen weiter, zwischen zerfallenden Steinhäusern hindurch, entdeckten den Garten, aus dem die Musik kam ... und dann standen wir unverhofft vor einem quietschbunten Spielplatz vor einem roten Turm, im Hintergrund Berge mit letzten weissen Schneeflecken. Es war surreal, es war lustig, es war ein einziges Fest der Farben. Eine Weile lang staunten wir, dann wanderten wir weiter.
Erst auf dem Rückweg (dieselbe Strecke), fiel mir beim Anblick des Spielplatzes ein, was ich vor lauter Staunen und Lachen vergessen hatte: Ich bin ja in der Gelb-Woche!!! Und was könnte ich gelberes finden als dieses gelbe Ufo-Tierchen direkt vor mir? Ich fotografierte. So, wie ich vieles fotografiert habe in diesen Tagen in Norditalien. Grund dafür ist die Aufgabe, die der Schneckenpost von Theres beilag: "Halte Ausschau nach gelben Dingen. Betrachte sie, zeichne sie, fotografiere sie." (Der genaue Wortlaut ist mir entfallen). Ich habe mir diese Aufgabe für meine Ferien aufgehoben. Erkenntnis: Wie sehr sich die Wahrnehmung doch ändert, wenn man den Fokus auf etwas Bestimmtes richtet. Plötzlich sehe ich überall Gelb. Dabei mag ich Gelb nicht einmal. Dachte ich. Jetzt merke ich: Gelb kann schön sein. Und überall. Ich habe entschieden, mich von der Farbe Gelb bis Ende Monat begleiten zu lassen.
Während also Gelb sozusagen meine kreative Mission im April ist, begleitet mich das Thema Farbe schon eine ganze Weile. Jeder Lost Souls Titel ist von einer Farbe geprägt. Als ich mich an Band 5 machte, begann damit auch meine berufliche Farb-Mission. Am Anfang sah es einfach und klar aus: Band 5 wird grün. Von dieser Klarheit kam ich ziemlich schnell weg, denn überall war es grau. In den Augen, in den Herzen, in den Handlungen der Guten und der Bösen - und weil der Wolf aus den ersten vier Bänden eine wichtige Rolle spielt. Also Grau. Dachte ich. Bis ich zu zweifeln begann. Grau??? Echt jetzt? Nein. Silber vielleicht, stahlgraues Silber. Das blieb lange so, bis ich auf Purple kam. Eigentlich gedacht für Band 6, aber der wird aller Voraussicht nach grün (falls ich mich nicht auf derselben Achterbahn wiederfinde wie bei Band 5). Im Moment bin ich zurück bei Grau. Weil es am besten passt - und blöderweise auch am schwierigsten ist, dazu einen guten Titel zu finden. Der purple Titel wäre übrigens echt stark gewesen. Aber er will einfach nicht so richtig passen.
Zwei Farb-Missionen. Beide sind spannend und fordern mich. Während ich bei Mission Gelb immer wieder staune und lache, ist Mission Farbe für Lost Souls ein zuweilen total mühsames Abenteuer. Aber Abenteuer sind nun mal zuweilen mühsam.
Diese Zeilen schreibe ich direkt am See, im kleinen Garten der Ferienwohnung. Das Wasser ist nicht einfach blau, es ändert seine Farbe immer wieder. Die Grüntöne im Garten und auf den Bergen reihum decken ebenfalls eine ganze Palette ab. Das graue Steinhaus ist von vollendeter Schönheit. Am Rosenstrauch an der Mauer leuchten die ersten beiden roten Rosen, auf dem See gleitet ein weisses Segelboot vorbei. Über allem liegt ein blassblauer Himmel, durch den träge Wolken ziehen.
Man muss nicht direkt an einem See sitzen, um die Schönheit der Landschaft oder Gegend um sich herum zu entdecken. Man muss nur die Augen offen halten und schauen. Blaue Fensterläden, Gärten voller Blumen, das helle Grün der Frühlingsblatter, eine knallrote Sitzbank, ein blau-gelbes Verkehrszeichen, ein vorwitzig pinker Hut auf dem Kopf einer Spaziergängerin ... Wenn ihr die Welt einmal durch eine ganz andere Brille sehen möchtet, konzentriert euch die nächsten Tage auf die Farbe Gelb. Ihr werdet staunen!
Und mich würde es freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren schreiben würdet, welches eure Lieblingsfarbe ist. Oder welche Farben euch auf euren Wegen besonders aufgefallen sind. Oder ob und wie sich euer Blick auf die Welt geändert hat, nachdem ihr euch eine Weile auf die Farbe Gelb konzentriert habt. Hier noch meine Gelb-Collage:

