Donnerstag, 8. August 2024

Wenn Engel zweimal landen


Ich stand am Anfang meines Autorinnenlebens, als im Verlag, für den ich damals schrieb, ein Buch erschien: Landeplatz der Engel von einem Frank Maria Reifenberg. Bei mir schlug ein Blitz ein. Ich verliebte mich von jetzt auf sofort in den Buchtitel und das Cover und kaufte mir das Buch. Auch der Inhalt war Liebe auf den ersten Blick. Restlose Begeisterung für einen grandiosen Einstieg, für eine atemberaubende Erzählsprache, für etwas, das ich in dieser Form noch nicht gelesen hatte, etwas, das unter meine Haut drang und mich mitriss. Als ich die Geschichte zu Ende gelesen hatte, wusste ich: Diesen Autor willst und musst du kennenlernen, du musst wissen, wer solche Sätze schreibt, wer solche Ideen hat, wer eine solche Geschichte erfinden kann.

Der glückliche Zufall wollte es, dass dieser Frank Maria Reifenberg bei der Zürcher Autoren-Schullesetour dabei war. Ich war es damals noch nicht; ich war noch zu neu, zu unbekannt, also schrieb ich ihm eine Mail. Den genauen Inhalt weiss ich nicht mehr, aber wir verabredeten uns in Zürich, das damals für ein Landei wie mich noch ziemlich weit von meiner Ostschweizer Pampa entfernt schien.

Mit dem Autor ging es mir wie mit dem Buch. Ich mochte ihn auf Anhieb. Sehr. Wir sassen da und redeten und redeten und redeten. So begann unsere Freundschaft. Später, als ich auch ein Teil der Lesetouren war, habe ich Frank immer wieder getroffen und mich jedesmal prächtig mit ihm unterhalten. Aber zurück zum Buch.

Ich war damals felsenfest überzeugt, dass Landeplatz der Engel für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert werden würde. Wenn nicht dieses Buch, welches denn sonst? Meine Enttäuschung war riesig, als das nicht passierte. Warum sahen andere nicht, was so offensichtlich war: dass da jemand eine Wahnsinnsgeschichte mit einem ureigenen Klang geschrieben hatte? Mutig. Anders. Sprachgewaltig.  

Das Buch ging den Weg der meisten Bücher. Irgendwann war es vergriffen. Auf meinem Bücherregal hatte es stets einen Ehrenplatz und jedes Mal, wenn ich die Regale etwas umräume, um neuen Platz zu schaffen, halte ich es eine Weile einfach in den Händen. Und dann, vor ein paar Monaten, schrieb mir Frank, dass es eine Neuauflage gibt. Ich habe mich sehr für das Buch und ihn gefreut. 

Gestern bekam ich Post. Ich sah den Absender und ahnte, was im Paket war. Es zu öffnen, stellte sich als eine mittelprächtige Kunst heraus, es war zugeklebt wie ein Tresor in Fort Knox (schiefes Bild, ich weiss, aber ich finde grad kein anderes) und so hatte ich ganz viel Zeit, mich auf den Inhalt zu freuen. Nur, als ich dann sah, was Frank mir geschickt hatte, begriff ich erst gar nichts mehr. Das war nicht der Landeplatz der Engel, das war ein Buch mit zwei Affen und einem ziemlich heftigen Titel. Aber Moment ... der Titel ... der erinnerte mich doch an etwas ...

»Scheiß was drauf. Ich hatte nicht mitbekommen, wer den Satz gesagt hatte. Irgendwer, der den weiten Weg hierher gemacht hatte, weil das Depot zum angesagtesten Club der Stadt erklärt worden war. Irgendwer, der es nicht hinter die graue Stahltür geschafft hatte oder dem die letzte Zigarette in den Dreck gefallen war. Irgendwer, der keine Ahnung davon hatte, dass er kurz vor Mitternacht noch die gute Tat des Tages tun würde, einfach, indem er mir einen Satz schenkte, einen guten Satz. Scheiß was drauf. Das ist ein Von-oben-nach-unten-Satz. Er fängt oben an, Scheiß, und rutscht dann nach unten weg, was drauf. Das was hat keine Bedeutung. Es interessiert keinen, was du draufscheißt. Drauf steht an letzter Stelle. Ist eine Falle. Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben (übrigens kein Von-oben-nach-unten-Satz). Du sollst auch den Satz nicht vor dem Ende eintüten, weil du sonst feststellen könntest, ziemlich oft sogar, dass er etwas ganz anderes ist, als du dachtest, dass er nachtritt, aus dem Hinterhalt schießt.«

So fängt Landeplatz der Engel an. Mit Scheiß was drauf. Ich lachte. Presste das Buch an mich. Strich über das ungewohnte Cover. Begriff: Die Engel sind zum zweiten Mal gelandet, diesmal halt als Affen, und der erste Satz des Buches ist zum Titel geworden. Ich lese es gerade wieder. Und bin so begeistert wie beim ersten Mal. Das spricht für das Buch. Es ist zeitlos, immer noch gültig. Mittlerweile schreiben viele Autor:innen in einer Erzählsprache, wie sie Frank damals zu Papier gebracht resp. in seinen Rechner getippt hat, aber immer noch sticht sie heraus. Nicht zuletzt wegen der Einfälle. Wer sonst käme darauf, dass ein Satz ein Von-oben-nach-unten-Satz ist (was übrigens stimmt, lest ihn mal laut).

Zum Inhalt selbst möchte ich nicht viel schreiben, eigentlich gar nichts. Das Buch ist eine Entdeckungsreise, ein unvorhersehbarer Trip in und durch eine Freundschaft. Eine Reise, die man ohne Vorwissen starten sollte, weil es in diesem Fall stimmt: Die tollste Reise ist die, hinter der man nicht weiss, was nach der nächsten Ecke kommt. Eine, in der man von Satz zu Satz lesen sollte, von Absatz zu Absatz, von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel. Immer weiter, immer schneller. Und doch bremsen muss, weil man das Unterwegs ja geniessen will. Bis hin zum Ende.

»Ruhe in Frieden. Wenn du tot bist, gönnen sie dir Frieden. Das war ein Scheissdreck, ein grosser Mist. Tot braucht niemand Frieden, vorher, da machte es Sinn. Ein beschissener Satz, für nichts zu gebrauchen.«

Scheiß was drauf, Frank Maria Reifenberg, Karibu-Verlag, 2024,
sechs von fünf Sternen und ein Landeplatz fürs Herz
(und Frank, das ist genau so viel Wert wie der DJP - oder zumindest fast ;-))

Donnerstag, 1. August 2024

Zurück an den Start


With each book you write you have to learn how to write that book - so every time, you have to start all over again.

Dani Shapiro


Von und über Austin Kleon habe ich in diesem Blog schon öfter geschrieben. Kürzlich entdeckte ich in einer Instagram-Fotostrecke einen Buchtipp von ihm: Still writing von Dani Shapiro. Der Titel machte mich neugierig, denn diesem Ich schreibe immer noch hängte mein Kopf sofort ein trotz allem an. Ich fühlte mich mitten ins Herz getroffen, denn ja ich schreibe. Immer noch. Trotz allem. Also googelte ich erst das Buch, las die Leseprobe und googelte dann die Autorin. Im Rahmen dieser Suche bin ich auf das obige Zitat gestossen: "Mit jedem Buch, das du schreibst, musst du lernen, wie du das Buch schreibst - du startest jedes Mal von vorne."

In diesem Zitat habe ich den Grund oder zumindest einen Grund gefunden, warum ich immer noch schreibe. Ich liebe diese Neuanfänge. Je länger ich schreibe, desto mehr suche ich sehr bewusst das Startfeld, das mich in eine neue Richtung führt. So, wie ich mir im Leben neue Trampelpfade suche, suche ich im Schreiben das Neue. Thema, Setting, Erzählform, Erzählperspektive. Alles braucht seine Zeit, manchmal muss ich auch damit experimentieren, bis ich wirklich eine Form oder die Perspektive gefunden habe, die zu den Figuren und der Geschichte passt. Beim Mittelstreifenblues hat es besonders lange gedauert. Dass ich zwei Erzählperspektiven wollte, wusste ich schnell, daran, wie sie klingen sollten, habe ich lange nachgehorcht und alles Mögliche ausprobiert, bis ich bei der Gedichtform für Jelscha landete und wusste: Das ist es.

Aber selbst wenn eigentlich alles vorgegeben ist, wie bei Band fünf der Lost Souls, benötige ich viel Zeit und auch mehrere Versuche und Anläufe, bis es für mich ganz klar ist, welche Perspektiven ich wähle und wie ich die Geschiche erzählen möchte. 

Ich habe längst aufgehört, mir zu überlegen, ob ich mich ins Abseits schreibe, wenn ich immer wieder in neue Schreibgefilde aufbreche. STOPP. Hier muss ich den Rewind-Button drücken und etwas ausholen. Früher war mir nicht bewusst, dass man sich überhaupt ins Abseits schreiben kann. Diese Erkenntnis tauchte erst auf meinem Radar auf, als meine Lost Souls sich nicht so gut verkauften wie erhofft. Auf Nachfrage beim Verlag bekam ich die Antwort: "Die Buchhandlungen wollen einen richtigen Gabathuler." Will heissen, Jugendbücher, wie ich sie bis anhin geschrieben hatte. Ich habe dem Verlag gesagt, er solle den Buchhandlungen ausrichten, die Lost Souls seien richtige Gabathuler, denn immerhin hatte ich die Bücher geschrieben. Nach den Lost Souls folgte ein Kinderbuch. Wieder das "Falsche", weil wieder so anders. Aber da war es mir dann schon egal; da hatte ich nichts mehr zu verlieren. Heute bin ich sozusagen narrenfrei. Ich folge beim Schreiben immer noch und immer wieder meinem Gefühl und meiner Experimentierlust, ohne Scheren im Kopf. Einen Bestseller wird mir das wohl nicht mehr einbringen. Aber immerhin ein zufriedenes, erfülltes Autorinnenleben. Und das ist auch schon ganz schön viel.

Mittwoch, 17. Juli 2024

Jugendliche schreiben ein Buch

Seit einigen Jahren darf ich Teil eines absolut coolen Projekts sein: Jugendliche der Oberstufe lesen meine beiden Krawallnacht-Bücher und schreiben danach ihr eigenes Buch über ein Ereignis aus zwei Perspektiven. Ich komme ins Spiel, wenn sie die Bücher gelesen und analysiert haben. Wir reden darüber, wie man ein solches Projekt angeht und umsetzen könnte. Ich gebe Einblicke in mein Schreiben und Tipps, wie man packend schreibt.

Die Jugendlichen in Alpnach schreiben jeweils zu zweit. Jeder/jede aus seiner/ihrer Perspektive. Die Bücher, die entstehen, kann man von beiden Seiten her lesen. Und hier angucken:

Kürzlich habe ich Post bekommen. Im Paket steckten die Bücher, die aus diesem Projekt entstanden sind. Ich war tief beeindruckt, habe mich schon an den Covern nicht sattsehen können und habe mich auf die Geschichten gestürzt. Grosses Kompliment an die schreibenden Jugendlichen!

PS: Im November darf ich die nächsten beiden Klassen in Alpnach besuchen. Das Projekt geht also weiter.

PPS: Am Ende des Videos ist ein Link eingeblendet. Wenn ihr ihm folgt, erfahrt ihr mehr über dieses Projekt und wie es funktioniert.

Montag, 8. Juli 2024

Vom Leben und Schreiben


Seit Tagen versuche ich mich an einem Post. Ich öffne Blogger und fange entweder gar nicht erst an oder ich fange an und bremse mich dann selber aus. Vorgestern habe ich mir eine Ladung Frust von der Seele geschrieben. Entstanden ist ein fixfertiger Post. Ich habe ihn nicht hochgeladen. (Nein, ihr habt nichts verpasst - es ging um Joe Biden.)

Gestern hat mich Jutta Wilke mit ihrer Morgenmail gefordert. Ich habe ihr zwei Antworten geschrieben, eine spontane und auch etwas verletzte gestern und eine überlegte heute. Das Fazit geht so: Ja, im Mittelstreifenblues hat es weniger Wut und weniger Zorn auf Menschen und vor allem die Welt als in anderen Büchern von mir. Dafür viel Hoffnung und viel Liebe. Weil es an beidem zu fehlen scheint. Brüllaffen und Wutbürger mögen laut sein und schreien, aber es gibt so viele Menschen, die ein hassfreies, friedliches Leben führen möchten. Wir müssen deswegen keine rosa Brille anziehen beim Bücherschreiben. Aber ich wünsche mir Buchfiguren, die uns Vorbilder sein können. In all ihren Zweifeln, Ängsten, verlorenen Hoffnungen und auf der Suche nach Liebe.

Heute, auf unserer Wanderung im Appenzell, kamen wir an einer Sitzbank vorbei. "Wie geht's?" wollte sie wissen. Fand ich cool. Und ich stellte mir vor, wie sich jemand darauf setzt (so wie Elia im Mittelstreifenblues) und Antworten auf diese und noch viele andere Fragen sucht. Wie sich jemand zu ihm/ihr setzt und fragt: "Wie geht's dir?" Und wie die Menschen auf der Sitzbank sich einander öffnen.

"Gut", würde ich sagen, wenn ich auf der Bank sässe und mich jemand fragen würde. Und vielleicht davon erzählen, dass das in diesen Zeiten nicht immer so ist (siehe gelöschten Biden-Post), aber heute schon. Und dann würde ich von der Liebe erzählen. Vom Lieben und Geliebtwerden. Davon, dass nicht 90 Prozent der Welt Idioten sind, sondern dass es sich nur so anfühlt. Davon, dass ich, wie die Protas aus Tschick, aus dem Jutta heute in ihrer Morgenmail zitiert hat, meistens das grosse Glück habe, auf die 10 Prozent zu treffen, die eben keine Idioten sind. Dass es infolgedessen viel mehr als 10 Prozent sein müssen. Und mir das unendlich viel Kraft und Zuversicht gibt. Und dass ich Bücher schreiben möchte, mit denen ich diese Kraft und Zuversicht weitergeben kann. Das bedeutet nicht, dass meine Protas nie mehr wütend oder zornig oder verletzt oder traurig oder am Ende ihrer Kraft sind. Es bedeutet auch nicht, dass ich als Autorin den Finger nicht mehr auf die wunden Punkte lege. Es bedeutet, dass ich meinen Buchfiguren und meinen Leser*innen Wege aus diesen Gefühlen heraus aufzeigen möchte, Wege, die sie gehen können. Damit das Licht der Hoffung und Zuversicht nie ganz ausgeht.

Vielleicht ist es mit diesem Post so, wie mit vielem im Leben. Vielleicht konnte ich ihn erst heute schreiben, weil ich erst heute dafür bereit bin.

Und wie geht es dir? Möchtest du uns davon erzählen? Dann schreibe doch einen Kommentar. Würde mich sehr freuen.

Donnerstag, 30. Mai 2024

Erfolgreich werden auf die einfache Tour


"Nutzt du schon ChatGPT für deinen Blog?", rief es mir auf Insta entgegen. Ich könne damit mein Blogging aufs nächste Level bringen. Vor diesem Post haben mir gefühlt ein Dutzend Anzeigen DIE PERFEKTE MARKETINGSTRATEGIE für Social Media angepriesen. "Funneling!" schrie es da, "so wirst du erfolgreich", aber bevor ich dazu kam, das Wort Funneling zu googeln, weil ich Ahnungslose keine Ahnung habe, was das ist, knallte mir schon der nächste Coach ein "Vergiss Funneling, mach es so wie ich, DAS ist dein Weg zum Erfolg" aufs Auge. Das war dann endlich mal ein Rat den ich beherzigen konnte, also, zumindest den ersten Teil, den mit dem "Vergiss Funneling", den zweiten Rat ignoriere ich.

Kürzlich habe ich den YouTube Kanal einer "Autorin" gefunden. Ziemlich viele Follower, ziemlich knackige Titel unter den Videos, klang alles sehr ... ähm ... (zu) vielversprechend. Neugierig, aber auch mit einer düsteren Vorahnung, klicke ich auf das Video mit dem Titel (sinngemäss wiedergegeben, kann mich nicht genau erinnern): "Wie du als Self Publisherin dein Buch selbst lektorierst und korrekturliest". Ich schicke mal vorsichtshalber voraus: KEINE seriöse Autorin tut so was. Keine. Weil es unmöglich ist. Weil man als Autorin gegenüber eigenen Fehlern blind wird. Aber die gute YouTube-Frau wollte, dass wir alle ganz viel Geld sparen können, und gab fröhlich Ratschläge wie: "Nutze das Word-Korrektur-Programm, lies den Text noch einmal durch, kümmere dich nicht zu sehr darum, ob Wörter getrennt oder auseinander geschrieben werden, interessiert heutzutage sowieso niemanden mehr, veröffentliche den Text, macht nichts, wenn noch Fehler drin sind, kannst ja Rückmeldungen nutzen und dann das Buch neu herausgeben ..." 

Ich sass mit offenem Mund da und hörte weiter zu, so, wie man bei einem schlechten Film dran bleibt, weil man sehen möchte, wie bescheuert das Ende ausfällt: sehr bescheuert oder total bescheuert. Und so wartete ich gespannt auf die Auflösung auf die Frage, wie man sein Buch selbst lektoriert - und siehe da, die fröhliche Frau wusste tatsächlich Rat. Was sie empfahl, waren nichts anderes als Tipps zum Überarbeiten des Textes, etwas, das ich von jeder seriösen Autorin und jedem seriösen Autor erwartete und voraussetze, bevor der Text ins Lektorat geht. Aber die fröhliche Frau war jetzt schon glücklich. "So kannst du viel Geld sparen!", meinte sie und strahlte in die Kamera. 

In den Kommentaren bedankten sich schreibende Menschen bei ihr. Ich gestehe, ich hing geplättet in den Seilen. Und ich verstehe nun sehr gut, warum Self Publishing einen derart schlechten Ruf hat. Ich glaube auch zu verstehen, warum Menschen auf YouTube lieber dieser Frau folgen als solchen, die ihnen knallharte Wahrheiten erzählen (ja, die gibt es tatsächlich auch!): Dass Schreiben Arbeit ist, dass man professionell vorgehen muss, dass man im Self Publishing Geld in die Finger nehmen und damit Menschen bezahlen muss, die den Text lektorieren und am Ende auch korrekturlesen. Aber wer will so was schon hören, wenn man den Erfolg auch sehr viel billiger und sehr viel einfacher haben kann?

Mitunter sogar gratis. Da kann man sich ganze Ratgeber kostenlos aus dem Netz laden. Aber so richtig alles steht dann da nicht drin, weil der schreibende Ratgebermensch die Tipps und Tricks voll drauf hat: "Wenn du mehr wissen willst, buche meinen Online-Kurs für sensationell billige 999 Euro" oder so.

Ich fürchte, ich bin abgeschweift. Eigentlich ging es ja um das "Nutzt du schon ChatGPT für deinen Blog?" Die Antwort ist: "Nein." Wieso sollte ich bloggen, wenn die Texte von einer Maschine stammen? Wieso sollte man einen Blogpost lesen, der von einer Maschine generiert wurde? Ja, sogar wenn man mit der Maschine nur Ideen für mögliche Posts sucht: Warum soll ich bloggen, wenn ich selber keine Ideen habe?

Ungefähr eine Zillion Coaches könnten diese Fragen sofort und ohne mit der Wimper zu zucken beantworten. Und ungefähr eine Zillion Mal ginge es um Optimieren, Kunden generieren, Einkommen generieren, Geld verdienen, noch mehr Geld verdienen, erfolgreich werden, noch erfolgreicher werden ... Anders gesagt, um die Kasse zu füllen. Die Kasse des Coaches.

Fazit: Wenn ihr auf einfache Tour erfolgreich werden wollt, versucht es als Coach in den Social Media. Oder als Self Publisher ohne Ahnung von irgendwas. Viel Glück.

Donnerstag, 23. Mai 2024

Verrückte Geburtstags-Zufälle

Das sind Onkel Mike (links) und Leon (rechts). Zusammen mit Susi und der Höllenlärm Paula spielen sie die erste Geige ... ähm ... die erste E-Gitarre und das erste Schlagzeug im Buch Ich, Onkel Mike und Plan A.

Die Geschichte erschien 2016 im ars Edition Verlag und fiel dort nach gut zwei Jahren - leider - wieder aus dem Programm. Ich habe das Buch dann im Self Publishing noch einmal neu aufgelegt und bei Books on Demand veröffentlicht. Kürzlich bekam ich Post von BoD:

WAS?, dachte ich, SCHON FÜNF JAHRE? Ich habe mich gefreut und ein kleines, privates "Happy Birthday" gesungen.

Einen Tag später habe ich wegen etwas ganz anderem mit Josia Jourdan telefoniert, der mir erzählt hat, seine Schwester habe das Buch schon viermal gelesen. Und übrigens, im Buch stehe eine lustige Widmung von mir für ihn drin. Allzu viel will ich nicht verraten, nur so viel: Es geht um einen roten High Heel, den Josia und ich gemeinsam beerdigen müssen, wenn ... (ähm, ich erzähle euch davon, sobald das "Wenn" erfüllt ist).

Und so als Sahnehäubchen oben drauf hat vorgestern jemand einen Klassensatz von 25 Büchern mit den Abenteuern von Leon, Onkel Mike, Susi, der Höllenlärm Paula und allen anderen wunderbaren Buchfiguren bestellt.

Möglich ist diese Bestellung nur, weil dank BoD meine Bücher weiterhin erhältlich sind.

Wer mehr über Backlisten wissen möchte (was eine Backlist ist, welche Vorteile sie für Autor:innen und Verlage hat usw.) - Hier erkläre ich das:


Donnerstag, 16. Mai 2024

Solothurner Literaturtage - ein Rückblick


Das setzte ich als einzigen Punkt auf die To-Do-Liste im Bullet Journal. GENIESSEN. Gemeint waren die Solothurner Literaturtage, zu denen ich mit meinem Buch Mittelstreifenblues - völlig unerwartet - zum dritten Mal eingeladen war. Da es wohl meine letzte Einladung an die Literaturtage war, hatte ich mir vorgenommen, tief einzutauchen und die Zeit dort zu geniessen. Kleiner Vorausspoiler: Es ist mir zu 100 Prozent gelungen. 

Ich reiste am Montag an, checkte in meinem (wunderschönen) Zimmer in einem Altbau direkt am Fluss ein, stellte erst einmal den Schreibtisch von der Wand ans Fenster mit Blick auf die Altstadt und richtete mich dann gemütlich ein. Bis zum Nachtessen setzte ich mich an den Schreibtisch, führte mein Bullet Journal nach, guckte nach draussen und fühlte mich so richtig als Autorin. Nach all den Monaten, in denen ich hauptsächlich als Verlegerin gearbeitet hatte, war es genau der passende Zeitpunkt für diesen bewussten Rollenwechsel.

Am Abend waren die Autor:innen vom JuKiLi (Jugend- und Kinderliteratur) Solothurn zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen. Für mich war kein vertrautes Gesicht dabei, was eine neue aber auch sehr gute Erfahrung war. Auf all den Lesetouren, an denen ich bis vor ein paar Jahren teilnahm, traf ich immer wieder auf liebe und bekannte Gesichter. Diesmal war es anders. Ich lernte neue Berufskolleg:innen kennen, alle spannend und mit tollen Projekten. Es entwickelte sich ein unterhaltsamer, interessanter Austausch mit Menschen, die für ihre Arbeit brennen. Wie ansteckend das war! Wie gut das getan hat. 

Am Dienstagmorgen traf ich mich mit Autorin Karin Bachmann zu einem sehr langen Brunch, am Nachmittag hatte ich dann meine erste Lesung aus dem Buch Mittelstreifenblues. Bestens betreut von meiner Ansprech- und Kontaktperson Rico und dem Techniker Ramon. Weil Mittelstreifenblues ein stilles, ruhiges Buch ist, das zwar viel Handlung aber nicht wirklich viel Action hat, war ich mir nicht ganz sicher, wie die Lesung funktionieren würde. Es wurde dann auch etwas stiller und ruhiger als sonst, aber es war wunderschön.


Der Mittwochmorgen stand ganz im Zeichen von Lesungen. Zwei waren es, eine vor einer sehr grossen Gruppe, eine mit einer sehr kleinen. Zu meiner Freude fand ich heraus, dass auch Lesungen aus Mittelstreifenblues fröhlich, witzig und lebhaft sein können. Die stillen Passagen aus dem Buch passten trotzdem bestens in diese Lesung hinein. Für mich war diese Lesung ein Highlight. Bei der kleinen Gruppe wurde der Austausch persönlich; weil es sich um sehr leseschwache Jugendliche handelte, wünschte ich mir jedoch, ich hätte mein da bux Buch Voll Risiko dabeigehabt; es hätte besser gepasst. Ich habe gar nicht so viel vorgelesen, sondern viel mehr erzählt und vor allem den Austausch gesucht, der die Lebenswelt der Jugendlichen berücksichtigte. Fazit der drei Lesungen: Jede war anders als die andere, jede war einzigartig und schön.

Am Nachmittag traf ich mich mit Autor Franco Supino zu einem Kaffee. Für einmal ging es gar nicht so sehr ums Schreiben, sondern um viel Persönliches und Privates. Und am Abend holte ich Herrn Ehemann vom Bahnhof ab, der das lange Wochenende mit mir in Solothurn verbrachte.

Am Donnerstag gingen wir beide wandern und entdeckten dabei für uns die ehemalige Cellulose-Fabrik Attisholz, die heute ein derart cooles Kulturareal ist, dass wir beinahe nicht aus dem Staunen rauskamen. Wir streiften endlos lange über das Gelände, blieben immer wieder stehen, ich fotografierte wie wild und konnte gar nicht fassen, dass es so einen Ort wirklich gibt. Mein Tipp: hingehen und ansehen. Unbedingt.


Am Abend fand die Eröffnungsfeier statt. Viersprachig. Mit rätoromanischer Begrüssung. Die Feier wurde zu einer Würdigung der Solothurner Autorin Gertrud Wilker, die dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Leider ist ihr Werk in Vergessenheit geraten, aber dank einer engagierten Historikerin, die die Literaturtage an diesen Geburtstag erinnerte, durften wir diese spannende Autorin entdecken. Einerseits durch ihre Originaltexte, andererseits durch Interpretationen von Autor:innen, Übersetzerinnen und einer Illustratorin, die live Collagen schneidet. Ich sass wie gebannt auf meinem Stuhl und habe mich keine Sekunde gelangweilt oder das Gefühl gehabt, hier werde ein Pflichtprogramm heruntergespult. Dass das Catering danach der absolute Wahnsinn war, hat den Abend schlicht perfekt gemacht.

Am Freitag durfte ich Teil einer Podiumsdiskussion über Serien im Kinder- und Jugendbuchbereich sein. Der Saal war voll, das Publikum sehr interessiert, der Moderator hat perfekt durch den Anlass geführt. Mit mir auf dem Podium sassen Barbara Russlow und Katja Alves.


Zu keiner Zeit war ich vor einem der Anlässe nervös oder aufgeregt. Ich habe mich einfach nur gefreut darauf. Es war ein Miteinander, ein Aufeinander-Eingehen, ein Austausch mit und unter Begeisterten. Ich weiss, dass das viel zu schön klingt, um wahr zu sein, aber genau so habe ich es empfunden. Ich habe unendlich viel aus diesen Begegnungen mitgenommen.

Am Freitagnachmittag und Abend trafen wir noch einmal gute und liebe Berufskolleg:innen. Es war ein Heimkommen, ein Ankommen, ein Ernten von all dem, was in den letzten Jahren an Gutem gewachsen ist. Das hat all das Negative, das Schwierige, das Frustrierende, das Harte, das es in diesen Jahren als Autorin auch gegeben hat, relativiert, kleiner und weniger wichtig gemacht, hat mich spüren lassen, dass das, was ich tue, richtig und gut ist, dass man seinen Weg auch in einem sehr schwierigen Umfeld gehen kann. Aber auch, dass man die Wahl hat, wie man seinen Weg gehen will. 

 
Den letzten Tag in Solothurn haben wir mit Wandern verbracht. Zwanzig Kilometer der Aare entlang. Ein Traum. Die Verleihung des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises habe ich sehr bewusst ausgelassen, weil sie mich an all das Negative der vergangenen Jahre erinnert hätte. Und so wurde der Tag zum perfekten Abschlusstag in Solothurn.

Mit nach Hause genommen habe ich das Brennen für meinen Beruf. Ein Brennen, wie ich es seit Jahren nicht mehr gekannt habe. Und einen ganz klaren Blick darauf, wie ich als Autorin weitermachen möchte. Dazu dann mehr in einem anderen Blogpost. 

Ich wünsche euch Leidenschaft und viel Feuer für das, was ihr tut. Versucht zu brennen. Und wenn das nicht geht, sucht nach dem Funken, der euch daran erinnert, weshalb ihr mal mit dem angefangen habt, für das ihr vielleicht nicht mehr so brennen könnt. Denn wenn ihr den Funken findet, könnt ihr das Feuer wieder entzünden. Alles Gute. Tragt euch Sorge.

Donnerstag, 25. April 2024

Handfeste Tipps für kreative Menschen

Autorenratgeber gibt es wie Sand am Meer. Ganz viele davon übrigens von Menschen, die ausser einem Ratgeber übers Schreiben noch nie ein Buch geschrieben haben. Ich habe vor langer Zeit aufgehört, mir welche zu kaufen. Aus den paar wirklich guten, die bei mir auf dem Regal stehen, habe ich mir die Tipps herausgenommen, die für mich und zu mir passen. Selber würde ich keinen Schreibratgeber schreiben, weil der nur aus einer Seite bestehen würde, auf der stehen würde: Finde für dich heraus, was für dich und zu dir passt. Na ja, ich könnte dann ja auch noch erzählen, wie andere es so machen ... und dass das, was für andere passt, für einen selbst oft halt nicht passt. Womit ich dann schon wieder beim Finde für dich heraus, was für dich und zu dir passt wäre.

Zurück zu den Ratgebern, die aus mehr als einer Seite bestehen. Und dort zu jenen, die ich als wirklich brauchbar und handfest empfinde: Die Bücher von Austin Kleon, Ratgeber generell für kreative Menschen, nicht nur für Autor:innen. Sie sind eine wahre Fundgrube. Fadengerade, ungeschönt realistisch, gnadenlos ehrlich. Gleichzeitig inspirierend und motivierend. Vor allem sehr brauchbar und praxisnah. Sie liegen neben meinem Bett, kommen mit mir ins Haus in Cumbel, manchmal sogar mit in die Ferien. Ich liebe es, in diesen Büchern zu blättern oder sie einfach auf einer beliebigen Seite aufzuschlagen, denn ich kann mich darauf verlassen, dass mich ganz bestimmt ein gutes Zitat, eine herrliche Textpassage oder eine tolle Illustration anspringt.

Austin Kleon ist auch eine grosse Hilfe, wenn es darum geht, seine Social Media Seiten spannend zu gestalten. Zeig deine Arbeit, ist sein Motto und sein Leitfaden. Nun ist das einfacher, wenn man fotografiert, malt, tanzt, singt usw. als wenn man schreibt. Kinder- und Jugendbuchautor:innen dürfen bei den Schullesungen keine Kinder/Jugendliche fotografieren, weshalb man auf Instagram und Co jede Menge leerer Stuhlreihen sieht. Oder einen Tisch mit Büchern vor leeren Stuhlreihen. Oder Herr Autor oder Frau Autorin in einem Selfie vor leeren Stuhlreihen. Wir dürfen nichts über den Inhalt des Buches verraten, das wir gerade schreiben. Also zeigen wir unsere publizierten Bücher. Entweder schön drapiert oder im Buchladen, bestenfalls einen ganzen Stapel davon, schlechtestenfalls halten wir verlegen grinsend unser Buch in die Linse. Manchmal zeigen wir uns bei der Hin- oder Rückfahrt zu und von Lesungen. Und wenn uns gar nichts mehr einfällt, stellen wir schon mal das Foto einer schönen Kaffeetasse mit einem Notizblock daneben online. Das ist alles schön und gut ... und irgendwann völlig langweilig und beliebig.

Ich habe mir lange gesagt: Der Austin hat gut reden. Was soll ich denn zeigen? Leere Stuhlreihen (okay, habe ich gemacht, mache ich immer noch, einfach anders als früher). Aber je öfter ich in seinen Büchern schmökere, desto klarer wird mir: Es gibt sooo vieles zu zeigen und vor allem zu erzählen:  Hintergrundinformationen zum Buch, über die Figuren, über die Recherchen, darüber, was mich inspiriert und motiviert, auch wer mich inspiriert und motiviert. Was das Schreiben in mir auslöst, was mich am Schreiben hindert. Welche Passagen in meinen Büchern zu meinen Lieblingspassagen gehören ... 

Kürzlich habe ich laut gelacht, als ich Jutta Wilkes Instagram-Post über die Hürden beim Schreiben von Jugendbüchern gelesen habe:

Ich denke, das ist ziemlich genau das, was Austin Kleon mit Show your Work meint. Er sagt auch: Teile die Arbeit von anderen, nicht nur deine eigene. Zeige, wer dich inspiriert. Erzähle, warum. Denn damit lernt man gleich über zwei Menschen mehr: den Menschen, der dich insipriert und dich.

Zurzeit stecke ich mal wieder in einer heftigen Austin-Kleon-Phase. Und ich habe das Gefühl, die Ideen wachsen aus meinem Kopf heraus wie ein Dschungel bei warmem Sommerregen. Ich lasse sie mal wachsen, mache mir Notizen und zeige euch in den nächsten Wochen und Monaten meine Arbeit. 

Wenn ihr Lust habt, mir zu erzählen, was euch inspiriert, schreibt mir doch einen Kommentar. Würde mich sehr freuen.

Donnerstag, 18. April 2024

Treibholz

Nach einer wunderschönen Wanderung durch den Maremma Nationalpark kamen wir am Strand an. Der Anblick raubte mir den Atem, obwohl ich wusste, was mich erwartete, denn wir waren vor zwei Jahren schon einmal hier gewesen. Damals hing ein schweres Gewitter in der Luft, ein starker Wind blies und wir konnten weder lange verweilen noch wagten wir es, den Strand entlang zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung zu gehen. Wir nahmen eine Route durchs Landesinnere, ein Vernunftsentscheid. Das Herz tat noch eine ganze Weile weh, weil es sich zurück an den Strand sehnte.

Auch dieses Mal wehte ein starker Wind; in den Hügeln, durch die wir eben noch gewandert waren, brauten sich dunkel die Wolken zusammen, aber über dem Meer hing blauer Himmel. Wir zogen die Wanderschuhe aus und machten uns dem Strand entlang auf den Weg. Die Wellen rollten auf dem Sand aus, bildeten kleine, weisse Schaumränder, leckten am Treibholz, löschten hinter uns die Spuren unserer Fussabdrücke.

Das Laufen im weichen Sand gegen den Wind forderte Kraft. Wie gut, dass ich immer wieder stehenbleiben musste um zu fotografieren und filmen! Ich konnte mich kaum sattsehen. Treibholz habe ich immer geliebt. Bei uns in den Bergbächen, auf den Sandbänken am Rhein, im Walensee, am Meer. Von einem einsamen Strand in Schottland habe ich ein kleines Stück eines zerschollenen Fischerbootes mit nach Hause genommen. Es steht nach all den Jahren immer noch auf einer kleinen Kommode in einem unserer Zimmer. Im Haus in den Bergen befindet sich eine mittlerweile beinahe vollständig überwachsene Skulptur aus Tongebilden und Treibholz, die Herr Ehemann und ich gebaut haben (die Tongebilde in einem Kurs, den wir gemeinsam besucht haben).

Bei uns im Rheintal gibt es die Rheinholzer, die bei Hochwasser das Treibholz aus dem Fluss fischen, eine jahrhundertealte, nicht ungefährliche Tradition. Auch ich habe schon als Kind besonders schöne Teile von den Sandbänken mit nach Hause genommen. 

Warum mich Treibholz so fasziniert, kann ich nicht genau sagen. Mir gefällt das vom Wasser ausgelaugte Holz, mir gefallen seine Farbe und seine Formen. Und nicht zuletzt könnte jedes dieser Stücke eine Geschichte erzählen. Vielleicht mögt ihr ja noch ein wenig dem Holz zusehen und zuhören. Dann klickt doch auf das Video:

Freitag, 12. April 2024

Einfach in die Landschaft gucken

Einfach in die Landschaft gucken. Mit diesen Worten endete mein letzter Blogbeitrag. Hausfau Hanna hat das Gucken in einem Kommentar aufgenommen, weil es ihr besonders gefallen hat. Nun, dann gucken wir doch in diesem Blogpost einfach ein wenig in die Landschaft und suchen das Schöne im Kleinen, Unscheinbaren. Das Überwältigende im Gewohnten. Das Einzigartige in dem, was direkt vor unserer Nase liegt oder steht oder sitzt. 

"Aber da ist nichts", sagst du.
Dann guck genauer hin. Oder guck bei Hausfrau Hanna vorbei. Die ist nämlich so was wie Weltmeisterin im Beobachten und Gucken.

Entdecke das Unkraut, das sich frech durch eine Ritze im Asphalt in die Höhe reckt. Schau dir Hauseingänge oder Gärten an, wenn du durch deinen Ort spazierst. Betrachte ganz bewusst etwas, das du schon eine Zillion Mal gesehen hast und finde das, was dir bis jetzt noch nicht aufgefallen ist. Du denkst, das Industrieviertel sei hässlich. Da irrst du gewaltig. Das Hässliche hat seine ganz eigene Schönheit.

Leute mit Hund haben es besonders einfach. Die können einfach stehen bleiben, wenn der Hund mal wieder an etwas schnuppert. Auch bei Spaziergängen mit Kindern sieht man die Welt mit anderen Augen. Mein Trick ist das Fotografieren. Ich kann überall stehen bleiben. Auch mal in die Knie gehen für einen tollen Kamerablickwinkel. In den Bergen lege ich mich zuweilen flach auf den Bauch für das perfekte Foto (etwas, das ich jetzt mitten in der Stadt nicht wirklich tun würde).

Aber eigentlich brauchst du gar keine Ausreden. Du kannst dich auch einfach irgendwo hin setzen und einfach schauen. Und staunen. Das, was du siehst, tief in dich aufnehmen. Ich merke, wie mich das immer wieder mit unendlich viel Energie und Kreativität füllt.

Das Foto oben im Post habe ich im Frühlingsdreck kniend aufgenommen. Danach bin ich ganz lange einfach dagestanden und habe geguckt. Diesen Post schreibe ich auf einem Liegestuhl in einer Landschaft von überwältigender Schönheit. Sogar die Vögel singen. Ich gucke jetzt noch eine Weile. Einfach so. Und geniesse die innere Ruhe, die sich in mir ausbreitet.

PS: Wenn du gerade maximal genervt und gestresst bist und dich dieser Post nur noch mehr nervt und stresst, weil du grad gar nicht gucken willst, dreh die Musik auf, tanze wild und ungehemt und singe laut mit. Oder zieh die Laufschuhe an und renne los. Oder tu, was immer dir jetzt, gerade in diesem Moment so richtig gut tut.

Freitag, 5. April 2024

Das Schreiben und die Natur


Irgendwo unterwegs auf einem Spaziergang hatte ich so was wie eine Erleuchtung. Du schreibst doch über die Berge und die Natur, sagte aus (buchstäblich) heiterem Himmel eine Stimme in meinem Kopf. Ich war so verblüfft, dass ich kurz stehen blieb. Und dann lang und laut lachte. Was bin ich doch manchmal für eine Doofdödelin. Da hatte ich mich gefragt, wie ich die Natur-und Bergfrau in mir mit dem Schreiben in Einklang bringe - und dabei schreibe ich seit meinem ersten Buch Geschichten, in denen die Berge und die Natur eine wichtige Rolle spielen.

Zuhause habe ich mir diese Bücher rausgesucht und für euch und mich fotografiert. Auf dem Stapel links liegen Bücher, in denen die Berge eine wichtige Rolle spielen. Und rechts jene, in der die Natur fix zum Setting gehört. Das ist aber noch nicht alles: Viele dieser Geschichten habe ich in den Bergen oder in Schottland, Frankreich, Italien und vielen anderen Orten geschrieben, meistens irgendwo in der Pampa draussen, mit Blick auf eine schöne Landschaft.

Ich muss also gar nichts suchen. Es ist alles da. Ich kann einfach nur schreiben. Also, das heisst, wenn ich nicht gerade durch schöne (Berg)Landschaften wandere oder Natursteintreppen baue (heute zum Beispiel) oder Hänge terrassiere (mein neustes Projekt) oder Wäsche beim Stall oben aufhänge oder Pflanzen um- und eingrabe oder Brombeersträuche zurechtschneide oder einfach in die Landschaft gucke ...

Donnerstag, 28. März 2024

Verloren - Gefunden


Bestimmt kennt ihr diese Tage auch: Tage, an denen ihr euch verliert, euch abhanden kommt und irgendwie fremd neben euch steht. Ich nenne das meine Wackeltage. Wenn nichts mehr stabil ist, ich mich unsicher oder traurig oder rastlos oder halt eben "wacklig und zittrig" fühle. Meistens ist es gut, wenn man an diesen Tagen einfach funktionieren muss, weil man dann nicht wirklich die Zeit hat, darüber nachzudenken, warum man so weit weg von sich ist, und was mit einem nicht stimmt. Dieses Glück hatte ich gestern nicht. Ich hatte zwar Punkte auf meiner To-Do-Liste, aber ich konnte sie alle zuhause abarbeiten und mit Ausnahme eines fixen Zoom-Termins war nichts wirklich eilig. Ich hatte also alle Zeit der Erde, mich komplett zu verlieren.

Angefangen hat es mit einer kleinen Nebenbemerkung in der Morgenmail von Jutta. Eine, die sehr vieles wieder hochgespült hat, was ich in den letzten Wochen verarbeitet hatte. (Anmerkung in Klammer: Es hat nichts mit Jutta und meiner Beziehung zu ihr zu tun.) Die Bemerkung arbeitete in mir, ich schreib ein paar Mails und die Antworten haben nicht wirklich dazu beigetragen, mir wieder Boden unter den Füssen zu geben. 

Passend dazu hatte ich am Vortag eine Mail einer Frau erhalten, die mir anvertraut hat, wie verloren sie sich als neue Autorin in der Buchwelt fühlt - und die ein paar Fragen hatte. Ich habe ihr ehrlich geantwortet und während ich diese Antwort schrieb, bin ich meiner Wackligkeit Satz für Satz näher auf die Spur gekommen. Am Ende schrieb ich die Antworten genauso sehr für diese Frau wie für mich. Sie brachten mich zurück auf festen Boden. 

Als würde ich noch eine weitere Bestätigung brauchen für das, was ich geschrieben hatte, erreichte mich eine weitere Mail, die sich perfekt in meine Gedanken einreihte. Und zu guter Letzt kam Herr Ehemann nach Hause, dem ich eine Kurzfassung des Tages gab, und der mich mit einem einfachen Satz auffing. 

All das muss heftig in mir gearbeitet haben, denn nach dem Nachtessen hatte ich einen Kreativitätsschub wie selten. Ich setzte mich hin, kreierte einen Buchtrailer (ihr findet ihn am Ende des Posts) und füllte Seite um Seite eines Notizbuches zu einem meiner Schreibprojekte. Noch sehe ich längst nicht wirklich klar, wo meine Reise als Autorin als nächstes hingehen und sich gestalten wird, doch ich habe zwei Projekte, auf die ich mich wirklich freue. Und ich habe unzählige Fragen, denen ich nachhorchen will. Unter anderem: Wie bringe ich die Natur- und Bergfrau in mir mit dem Schreiben in Einklang, und wie bringe ich das Schreiben mit der Natur- und Bergfrau zum Klingen? 

Die Antworten suche ich in den nächsten Tagen und Wochen in den Bergen, auf Wanderungen, im Garten und im wilden Gelände im Haus in den Bergen. Um eine Stelle aus einem Song zu zitieren, die ich zu einer Schlüsselstelle im Mittelstreifenblues gemacht habe: Und plötzlich macht mir nichts mehr Angst. Das ist so was von befreiend und schön.