Sonntag, 25. April 2021

Si hei der Wilhälm Täll ufgfüert

In Chur (bewilligt), in Liestal (bewilligt), in Schaffhausen (unbewilligt, von der Polizei freundlich behandelt und mit netten Grüssen nach Hause geschickt) und nun in Rapperswil (unbewilligt, mehr dazu weiter unten). Der Tourneeplan führt noch weitere Stationen auf, zum Beispiel Appenzell und Solothurn. Und es macht keinen Unterschied, ob die Aufführungen, resp. die Demos, bewilligt sind oder nicht. Stattfinden werden sie allemal und die Polizei wird zusehen.

Es ist ein buntes Häufchen, das da Wochenende um Wochenende gegen die Coronamassnahmen demonstriert. Einige treten in Schutzanzügen und Masken auf und machen damit eher auf progressives Theater, andere kommen mit Armbrust oder Gesslerhut und betonen das Historisch-Patriotische. Witzigerweise ruft dann der als Tell verkleidete Bärtige "Liberté" und huldigt damit eher der Französischen Revolution als unserem Nationalheiligen, während die Treichler mit ihren Doppelglocken schon ein wenig unterjocht wirken. Aber dagegen hilft das Singen der Nationalhymne oder wahlweise auch das Umarmen eines Polizisten.

Fazit: Coole Show. Findet auch die Polizei in Rapperswil, die nicht eingreift, obwohl sie im Vorfeld sehr alarmistisch mitgeteilt hat, dass jeder, der an dieser Demo teilnimmt, sich strafbar macht. Aber gell, die sind ja sooo friedlich mit ihren kleinen Kindern, ihren Hündelis und ihren netten Kostümen. Oder, um es mit den Worten des Polizeisprechers der Kantonspolizei SG zu formulieren: 

Wenn uns niemand mit Gewalt droht, greifen wir nicht zum Schlagstock.
(Quelle: St. Galler Tagblatt).

Ich weiss jetzt grad nicht, ob das gut zu wissen ist. Könnte ja sein, dass sich wieder mal ein paar Hundert Neonazis ganz friedlich im Toggenburg treffen wollen. Auf ein Konzert und ein Bierchen. Ohne mit Gewalt zu drohen. Und dann ... tja.

Auf jeden Fall freue ich mich auf die nächsten Demonstrationen der Klimajugend. Ich hoffe, auch in diesem Fall gilt gleiches (Un)Recht für alle.

PS: Damals, als ein paar Jugendliche in Rapperswil gegen das Neonazitreffen demonstrieren wollten, wurden sie von der Polizei schon am Bahnhof eingekesselt und über allem röhrte ein Polizeihubschrauber.

Donnerstag, 22. April 2021

Zu Fuss von Werdenberg nach Azmoos - Lieblingsorte

Was ich mir jahrelang nur vorgenommen hatte, aber fast nie getan habe, ist seit einiger Zeit Bestandteil meines Lebens: Wenn ich meine Mutter besuche, gehe ich zu Fuss von mir nach Azmoos, wo sie lebt (und wo ich aufgewachsen bin). Es ist eine Strecke von 13 Kilometern, die über dem Rheintal verläuft, oft so, dass man nicht in die überbaute, zersiedelte Talebene hinuntersieht. So hat man zuweilen das Gefühl, weit weg von allem zu sein. Der Weg ist Teil des unteren Rheintaler Höhenwegs. Ich kann diesen unteren Verlauf vor allem für Familien oder Wanderer, die es etwas gemütlicher angehen wollen, sehr empfehlen. Wer bis nach Sargans weiterlaufen will, wo der Höhenwanderweg offiziell zu Ende geht, muss einfach noch ca. fünf Kilometer anhängen.

Die ganze Wegstrecke ist sehr schön, die Bilder zeigen ein paar meiner absoluten Lieblingsorte.

Ich laufe an meinem Wohnort los und und erreiche runde 5 Minuten später schon den ersten Höhepunkt: Der Werdenbergersee mit dem Städtli und dem Schloss.

Vom See gehe folge ich den Rändern des Ortes Buchs durchs Altendorf via Kreuzgasse und Wäseliweg zum Buchser Rietli. Dort biege ich beim neu angelegten Feuchtbiotop ab und folge dem Weg durch den Wald in die Höhe. Für mich ist das der Punkt der Wanderung, an der sie so richtig losgeht - weil sie ab hier abseits des überbauten Tals verläuft.

Der Weg auf der rechten Seite führt durch ein wunderschönes Waldstück bis zu dem Haus, das man zwischen den Bäumen erkennen kann. Er geht weiter in den Wald hinein und verläuft dann ein ziemliches Stück zwischen dem Hügel auf der linken Seite und dem Berghang. Kurz vor St. Ulrich, der Häusersiedlung oberhalb von Sevelen, kommt man aus dem Wald.


Ich glaube, hier habe ich noch jedes Mal einen Fotostop eingelegt, weil der Anblick einfach überwältigend schön ist. Nach St. Ulrich mit seinen alten Häusern geht's aufwärts zur Untergass. Auch hier brauche ich jeweils eine "Guck"-Pause (und eine kleine Verschnaufpause).

 
Von hier geht es weiter aufwärts bis zum zweithöchsten Punkt der Wanderung, dem Hof, wo ich jeweils eine Atem- und Trinkpause einlege und mich dann auf eines der schönsten Wegstücke begebe, die Valschnära.


Nach der Valschnära betrete ich dead.end.com Land :-). Das heisst, ich wandle durch den Schauplatz eines meiner Bücher. Ich habe dort gestern ziemlich viele Fotos geschossen, die ich euch in einem separaten Blogpost zeigen werde. Nachfolgend ohne weiteren Kommentar zwei davon.


 
Kurz nach der Anlage Magletsch erreiche ich das kleine Dorf Gretschins, einen weiteren Lieblingsort. Auch ihn habe ich wahrscheinlich schon eine Zillion mal fotografiert.

 
Nur wenige Meter nach dieser Stelle macht der Weg eine Kurve und vor mir liegt das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. 
 

Gestern stand ich hier und dachte mir, was für ein Landei ich doch bin. Und dass ich sehr gerne Landei bin. Dass ich "Fussgängerin" bin, weiss ich schon lange. Mein Fahrrad habe ich immer nur für Kurzstrecken und vor allem zum Einkaufen gebraucht. Mittlerweile steht es schon seit Jahren im Raum über der Garage, und ich ahne, dass es dort höchstens noch zum Entsorgen runterkommen wird. Mir gefällt das Gehen, weil man nur sehr langsam vorankommt und so alles sehr bewusst sieht und wahrnimmt. Im Augenblick träume ich vom Weitwandern.

Erst einmal bin ich jedoch die letzten 2 1/2 Kilomenter nach Azmoos gegangen. Das Foto könnte besser sein, ich weiss. Ich hätte gerne das Rathaus (links) mit aufs Bild genommen, aber da standen Menschen davor, und da ich es selber nicht mag, einfach auf Bilder gepackt zu werden, habe ich nach rechts geschwenkt und dieses Bild geknipst (mit fehlender Baumkrone ... )

Montag, 19. April 2021

Ein Monat "Walking my way"

Heute vor einem Monat habe ich mit "Walking my Way" begonnen, diesen zügigen Spaziergängen kreuz und quer durch die Landschaft um mich herum. Knapp 200 Kilometer habe ich dabei bisher zurückgelegt, meine Rücken- und Hüftschmerzen sind beinahe weg, nur das Knie zwickt noch ein wenig. Kopf und Seele tut das tägliche Lüften ausgesprochen gut. 

Am liebsten wähle ich Routen durch die Natur, was zum Glück nicht schwierig ist. Hier unten im Werdenberg bin ich in fünf Minuten raus aus den Häuseransammlungen, in Cumbel oben beginnt die Natur direkt vor dem Haus. Heute gings bergaufwärts, durch den Wald und dann runter zu den freien Wiesen am Hang, an wunderschönen Häusern vorbei. 

Im Mai habe ich Lesungen. Neu in meine Planung eingezogen sind Wandertouren, die ich über den Mittag machen kann. Für die ersten zwei Lesungstage habe ich schon mal zwei wunderschöne Routen gefunden, beide dauern genau eine Mittagspause lang, Picknickzeit mit eingerechnet.

Zurzeit gehe ich davon aus, dass die Lesungen stattfinden werden, wobei man das ja in verrückten Zeiten wie diesen nie so genau weiss.

Sonntag, 18. April 2021

Und plötzlich ging es schnell

Es passierte immer öfter: Ich klickte mich auf Twitter zur Funktion "deaktivieren". Dass ich es nicht tat, liegt daran, dass ich ein News-Junkie bin, immer gewesen bin, und für jemanden wie mich ist Twitter der Link-Hub schlechthin zu den Nachrichten der Welt.

Nur blieb es nicht bei den Online-Artikeln. Wenn mich etwas beschäftigt, will ich mehr wissen. Aus dem Link-Hub wurde auch ein Hashtag-Hub. Und irgendwann wurde es ungesund. 

Also setzte ich am Freitag mit der Arbeit aus und ging auf einen langen Spaziergang um meine Gedanken zu sortieren. Dabei merkte ich, dass es da eigentlich gar nicht viel zu sortieren gab, weil eigentlich schon alles klar war; ich musste es nur noch umsetzen.

Der Entscheid, meinen Twitter-Account zu löschen, war nur einer von vielen. Ich habe auch auf Facebook den Schlussstrich gezogen, nicht ganz so heftig wie auf Twitter. Das hat zwei Gründe: Zum einen hat mich Facebook sowieso nie interessiert; ich kann also locker-flockig meine Accounts einfach stehen lassen ohne dort was zu posten. Zweitens ist unser Verlag da bux auf FB, da muss und will ich mindestens aus verlegerischen Gründen noch mit einem kleinen Zeh auf der Plattform bleiben.

Was ich nicht lösche: den Blog und Insta. Den Blog, weil er mir von allen Social Media Kanälen immer der liebste war. Insta, weil ich als Autorin wenigstens auf einer Plattform noch zu finden sein sollte, und Insta ist so herrlich pflegeleicht.

Die wirklich weitreichenden Entscheide habe ich schon vor einer Weile getroffen, sie aber auf diesem Spaziergang für mich noch einmal besiegelt: Ich werde weiterhin voll und mit ganzem Herzen Verlegerin bleiben. Als Autorin fahre ich massiv runter. Das bedeutet in erster Linie sehr viel weniger Lesungen, vor allem keine Teilnahme an offiziellen Schullesetouren mehr, sondern nur noch Einzellesungen auf direkte Anfragen von Veranstaltern. Und auch das Schreiben werde ich sehr ruhig und entspannt angehen. 

Ich habe für mich den Augenblick dieser für mich wichtigen und richtigen Entscheide fotografisch festgehalten. Es ist der passende Ort dafür. Wunderschön und ruhig. 

 
Danach ging ich nach Hause, löschte den Twitter-Account und stellte bei FB eine Art Pausenzeichen ein.

Montag, 12. April 2021

Walking my Way

Draussen giesst es wie aus Kübeln, die Wolken hängen fast bis zu mir ins Tal runter. Und dennoch sitze ich zufrieden und motiviert an meinem Schreibtisch. Die geplanten Arbeiten für diese Woche habe ich schon in mein Bullet Journal eingetragen, die Tages To-Do-Liste steht auch. 

Am 19. März ist auf meinen Tageslisten ein neuer Punkt aufgetaucht, der auch auf der Monats- und auf der Jahresliste zum fixen Bestandteil geworden ist. Das Laufen. Nicht im Sinne von Rennen oder Joggen, sondern von einem zügigen Spazieren. Also eigentlich so was Ähnliches wie Walken, aber in der englischen Bedeutung, ohne den verbissenen Unterton, den es in der deutschen Sprache bekommt. Ich weiss gar nicht, ob wir in unserer Sprache ein Wort dafür haben. Wer eins kennt: Bitte bei mir melden. Danke.

Wie es dazu gekommen ist, könnt ihr in meinem Post vom 21. März nachlesen. Im März sind es 88.3 km geworden, im April möchte ich 180 km zurücklegen. So viele Felder haben auf meiner Bullet Journal Monatsseite unter dem Titel WALKING MY WAY Platz. Ein Feld, ein Kilometer. Eigentlich laufe ich jeweils gleich am Morgen früh los, noch bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Aber heute warte ich noch ein Weilchen ab, weil es grad allzu garstig aussieht (ich sehe gerade, dass der Schnee fast bis zu mir runter fällt).

Auf diesen Spaziergängen lasse ich die Gedanken fliessen. Ich verarbeite Dinge, die mich belasten, ich gehe Ideen für Geschichten nach und wenn ich irgendwo ganz allein unterwegs bin, führe ich schon mal Selbstgespräche, in denen ich meistens ziemlich hart mit mir ins Gericht gehe, weil ich mich zu sehr ins Tagesgeschehen verbeisse und mich davon runterziehen lasse. Oft aber denke ich auch einfach gar nichts und versinke einfach nur im Anblick der Natur. Ich bin froh um die Gabe, das Schöne im Kleinen und ganz Kleinen sehen, riechen und hören zu können, weil ich dadurch viele Glücksmomente erlebe, die mir guttun. Wenn ich unterwegs bin, habe ich immer das Gefühl, auf dem Weg zu mir zu sein. 

Früher habe ich meine langen Spaziergänge Walking&writing it off genannt - und damit die schlechten Gedanken und das Gewicht gemeint. Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich tatsächlich ziemlich viele Kilos "weggewandert" und dabei ein ausführliches Tagebuch dazu geschrieben habe. Meinem Körper Gutes zu tun, ist auch jetzt das Ziel, aber das Gewicht ist nur ein Grund von mehreren, warum ich zum regelmässigen Walking zurückkehre. In erster Line will ich mir Sorge tragen: meiner körperlichen und geistigen Gesundheit. Auf meine Art. Und deshalb ist es diesmal ein Walking my Way.

Ein längerfristiges Ziel ist es, fit für eine lange Küstenwanderung zu sein. Am liebsten der Küste Cornwalls entlang. Es darf auch die bretonische Küste sein. Einfach eine wilde Küste mit überwältigenden Ausblicken. Und ganz tief drin sitzt der Traum vom Hochwandern von Land's End in England bis nach Durness ganz oben im schottischen Norden. Ich denke, dieser Traum wird ein Traum bleiben. Aber es ist ein schönes Gefühl, Träume zu haben.

Wenn ihr das Glück habt, in der Nähe von Hanau/Frankfurt zu leben, guckt euch den neusten Blogpost von Jutta Wilke an. Sie hat sich ein wunderbares Schreibworkshopkonzept ausgedacht, bei dem man das Spazieren und das Schreiben auf perfekte Art verbinden kann.

Bei mir fällt der Schnee nun direkt vor meinem Fenster. Ich stelle deshalb ein Bild aus sonnigeren Tagen ein. Einer meiner Lieblingsspaziergänge ist der (untere) Rheintaler Höhenweg zwischen Werdenberg, wo ich wohne, und Azmoos, wo meine Mutter wohnt. Ziemlich genau 13 km ist die Strecke lang. Und einfach jedes Mal unglaublich schön. 

Mittwoch, 7. April 2021

Mittwoch, 24. März 2021

Das Backlisten Massaker

In meiner neusten YA-Kolumne geht es um vergriffene Bücher, was das für uns Autor*innen bedeutet und was wir uns von den Verlagen wünschen würden. HIER geht's zum Text.

Sonntag, 21. März 2021

Mein Social Media Leben

 ... muss und wird sich ändern.

Nach der Demo in Liestal von gestern ist mir mehr als nur klar, dass ich (sozial)politisch absolut und total durch bin. Ich kann und will nicht mehr. Wenn die Polizei bei gut 6000 Regelbrechern, die masken- und abstandslos demonstrieren, nicht eingreift, Applaus von ihnen bekommt und sie am Ende mit einem freundlichen "Kommen Sie gut und gesund nach Hause" verabschiedet, bevor sie diese rücksichtslosen Vollhonks ohne Maske in den ÖV strömen läst, dann weisst du, woran du in diesem Land bist.

Ändern kann ich das nicht. Dieses Land funktioniert, wie es nun mal funktioniert. Aber als Konsequenz davon habe ich gestern meiner geistigen Gesundheit und meinem Seelenfrieden zuliebe entschieden, auf Twitter nur noch beruflich zu tweeten, Facebook zu meiden und auf Insta schöne Bilder online zu stellen. So sporadisch mal. Weil ganz ohne geht in meinem Beruf nur schlecht. Dazu habe ich mir Hashtags einfallen lassen, die ich mir vorsichtshalber an meine Pinnwand gehängt habe, damit ich mich daran erinnere, wenn es mich in den Fingern juckt einen Kommentar zum aktuellen Geschehen abzugeben.

Mein Blog ist die Ausnahme. Da werde ich weiterhin über alles schreiben, was mich beschäftigt. Vor allem aber über die postiven Seiten des Lebens. Denn privat und beruflich geht es mir bestens. Ich bin wunderbar aufgehoben und ausgelastet und stecke in wunderbaren Projekten, die ich mit viel Lust, zum Teil auch mit (sehr) viel Ehrgeiz angehe, aber auch glücklich-gelassen und voller Zuversicht.

Diese Woche sind Konzepte, Exposé und Leseprobe von zwei Kinderbuchprojekten an meine Lektorin gegangen. Ein Dossier zu einem Jugendbuchprojekt wird folgen. Nach einer langen Pause, in der ich von Verlagen (ausser dem eigenen) gar nichts mehr wissen wollte, hat es mich wieder gepackt. Wenn etwas dabei herauskommt: gut. Wenn nicht: auch gut. 

Lesungen mache ich zurzeit - immer noch coronabedingt - nur wenige, und die paar wenigen, die ich gemacht habe, haben mich mit vielen Fragen zurückgelassen. Gute Schutzkonzepte gab es nur an zwei Lesungsorten, an anderen habe ich zum Teil vor rund 50 Jugendlichen gelesen, die dicht an dicht in kaum bis gar nicht belüftbaren Räumen sassen. Vor meinen nächsten Lesungen werde ich mich deshalb nach dem Schutzkonzept erkundigen und dann entscheiden, ob ich die jeweiligen Lesungen für mich verantworten kann. Erst einmal ist jetzt aber wieder Schonzeit: Meine nächsten Lesungstermine sind erst Anfang Mai 2021. Ich habe also jede Menge Zeit und Raum für meine da bux Verlagsarbeit und mein Schreiben. 

Meine Kraft, Energie und Zuversicht schöpfe ich aus der Familie und guten Freund*innen. Mit Jutta Wilke maile ich immer noch jeden Tag. Wir beide haben grad etwas Neues entdeckt, das uns begeistert und setzen das auch gleich um. Sie wandert den Jakobsweg. Nicht dort, wo er ist, sondern bei ihr vor der Haustür. 800 km. In Etappen à 8 km. Ich bereite mich - auch vor der Haustür - schon mal auf meine nächsten Küstenwanderungen in Grossbritannien vor. Dazu habe ich mir keine Gesamtdistanz als Ziel gesetzt, sondern Monatsziele. Und die habe ich so richtig schön bunt in mein Bujo eingetragen.

Ich kann also privat extrem gut, was auf den Social Media, vor allem auf Twitter, schwierig ist: Abstand schaffen, mich fernhalten von Menschen und Geschehnissen, die mir nicht guttun. Das empfinde ich als riesiges Privileg und ich bin dafür extrem dankbar.

Sonntag, 7. März 2021

Corona-Demos: Ich bin wütend und ich habe Fragen

Kürzlich brauchte ich eine neue ID und einen neuen Pass. Die nette Dame am Schalter fragte, ob ich die gelochten Dokumente bei ihr lassen oder mitnehmen wolle. Nicht zum ersten Mal in diesen Tagen, aber heftiger als sonst, fiel mir meine Tochter ein.

Als sie 14 oder 15 war, brauchte sie eine neue ID. Ich ging mit ihr zur Gemeinde, die nette Dame dort stellte meiner Tochter genau die Frage, die mir kürzlich gestellt wurde. Die Augen meiner Tochter weiteten sich, sie holte Luft und sagte: "Ich muss sie mitnehmen, ich brauche die. Unbedingt."

Als wir aus dem Gemeindehaus raus waren, fragte ich nach dem Grund (den ich eigentlich hätte kennen müssen). Meine Tochter antwortete: "Ich brauch die für die Personenkontrollen."

Ja, genau Personenkontrollen. Mehrzahl. Und nein, meine Tochter hat nicht im Ausland gearbeitet und dafür jeden Tag Grenzen überschreiten müssen, sie wollte auch nicht in die Ferien. Meine Tochter war Punk. Sprich, sie sah anderes aus als andere. Ganz anders. Das reichte, um pro Woche ungefähr zwei Mal von der Polizei angesprochen und nach einem Ausweis gefragt zu werden, in den allermeisten Fällen hier in unserer Kleinstadt, wo sowieso jeder Polizist wusste, wer sie war. Es war die reine Schikane. Ein Zeichensetzen. DU BIST VERDÄCHTIG, WEIL DU ANDERS AUSSIEHST.

Wir haben zu Hause viel darüber gesprochen. Ich kannte ja auch nette Polizisten, von meinen Recherchen für meine Krimis. Ich sagte immer: "Es sind nicht alle so." Oder: "Die haben aufgrund ihrer Erlebnisse Vorurteile, es ist nichts Persönliches." Und vor allem habe ich meine Tochter und ihren Freund immer gebeten, einfach freundlich zu bleiben. Nicht auszuticken. Obwohl ich innerlich sehr oft vor Wut fast explodiert bin. 

Sie hat sich daran gehalten. Meistens. Denn es gab auch Momente, in denen das schwierig wurde. Weil ihr Freund den Zeigefinger in die Brust gebohrt bekam und aufgefordert wurde, sein Handy rauszurücken (auf dem der Polizist dann rumgedrückt hat, einfach so).

Einmal, als ich fand, jetzt seien sämtliche Grenzen überschritten worden, rief ich bei der Polizei an. Meine Tochter und ihr Freund hätten es nämlich nicht getan. Das war, als ein Polizist gegenüber den beiden, vor allem gegenüber dem Freund meiner Tochter sehr übergriffig wurde. Aus dem Blauen heraus. Und als der Freund ihm sagte, das dürfe er nicht, zeigte der Polizist auf seine Uniform und schrie: "Doch, ich darf das."

"Das sind Menschen", sagte ich dem - netten - Polizisten, der meinen Anruf entgegennahm. "Keine Hunde. Wenn ihr sie kontrollieren wollt, dann tut es halt, das sind sie sich gewohnt. Aber tut es freundlich und ohne übergriffig zu werden. Und einfach mal so zur Info: Ich laufe seit Jahren durch diesen Ort, ohne dass ich auch nur einmal meinen Ausweis hätte zeigen müssen." Der Polizist hat zugehört und dann auch noch nach meiner Tochter gefragt, die dann lange mit ihm gesprochen hat. Ich hatte das Gefühl, dass es es ab jenem Telefonat etwas besser wurde.

Trotzdem. Es geht noch weiter. Meine Tochter interessiert sich für das, was in der Welt passiert. Sie ist informiert und sie findet vieles ungerecht. "Ich würde gerne an Demos gehen", sagte sie mir einmal. Da war sie schon älter. Ich hatte keine Ahnung, warum sie im Konjunktiv redete und nicht einfach hinging. Also fragte ich (wie damals, als wir zusammen zur Gemeinde gingen).

"Mam, wenn ich an eine Demo gehe, komme ich keine hundert Meter weit ohne von der Polizei reingenommen zu werden."

Das Traurige ist: Ich konnte ihr nicht widersprechen. Meine Tochter hat zwar das Herz auf dem richtigen Fleck, aber sie trägt die falsche Kleidung und die falsche Frisur. Und doch, ja, sie ist mutig. Sie kann sich wehren. Sie hat keine Angst, für ihre Sache einzustehen. Aber sie wollte nach ihrer Lehre unbedingt die Weiterbildung zur Sozialpädagogin machen - und das geht nicht mit einem Eintrag im Polizeiregister.

Meine Tochter hat nie "Diktatur!" geschrien. Ja, sie fand das alles extrem ungerecht, aber sie hat nie Plakate mit ehrverletzenden Bemerkungen oder Aufforderung zur Gewalt rumgetragen. Sie war zu keiner Zeit eine Gefahr für irgendwen. Sie trug (und trägt) Badges auf ihren Kleidern. Gegen Hass. Gegen Faschismus. Gegen die Ungerechtigkeit der Welt. 

Kürzlich trug sie tagelang eine Schutzmontur, samt dieser Art Taucherbrille. Die Haut ihrer Hände ist kaputt vom vielen Desinfizieren. Beides setzt ihr zu. Beides gehört zu ihrem Beruf (Sozialpädagogin).

In diesen Tagen ziehen Menschen durch Städte. Mit Schildern, die zur Gewalt aufrufen, die ehrverletzend sind. In Schutzmontur. Ohne Maske. Wahrscheinlich nicht mit kaputter Haut an den Händen. Aber friedlich, wie sie - stolz - betonen. Denn "seht her, wir umarmen uns sogar!"

Ich habe keine Ahnung was an Aufrufen zur Gewalt und Ehrverletzung friedlich ist. Ich weiss auch nicht, was friedlich daran ist, bewusst das Risiko einzugehen, sich und andere anzustecken. Mit einer Krankheit, die tödlich ist. Und einfach mal so, als Fakt: Es ist zurzeit tatsächlich illegal, sich in Horden zu versammeln und ohne Maske dicht an dicht zu stehen oder sich gar reihenweise zu umarmen.

Aber hey, sie sind doch sooooooo friedlich. Weshalb die Polizei nicht eingreift. Darauf sind diese demonstrierenden, egoistischen, unsolidarischen, selbsternannten Rebellen ungeheuer stolz. Seht her, was wir machen ist richtig und hat keine Konsequenzen.

Oh, doch! Hat es. Es werden mit jeder Demo mehr (was unsere Schutzmassnahmen mehr und mehr ad absurdum führen wird und die Pandemie verlängern könnte). Muss ja niemand damit rechnen, dass eine Teilnahme irgendwelche Folgen hat. Ist ja alles - ja genau - sooooo friedlich. Und durch das Nichteingreifen der Polizei auch legitmiert und legalisiert.

Ich kann gar nicht sagen, wie gross meine Verachtung für diese Vollhonks ist, die denken, sie leben in einer Diktatur und werden versklavt. Und ich hätte da Fragen an die Politik und die Polizei. Sehr viele Fragen. 

PS: Nein, ich würde diese Demos nicht verbieten, denn in diesem Land hat jeder und jede das Recht zu demonstrieren. Ich wünsche mir einzig und alleine das Messen mit gleichen Ellen. Gerade in Zeiten einer Pandemie, wo es um das Leben von Menschen geht.

Mittwoch, 24. Februar 2021

Schreiben als Ventil

Am 20. Februar 2021 hat meine Tochter eine 12-Stundenschicht in voller Schutzmontur geleistet (obwohl sie eigentlich Ferien gehabt hätte). Und gleichzeitig haben in Wohlen/AG Menschen in Schutzanzügen und ohne Maske gegen die Coronamassnahmen demonstriert. Zu sagen, ich sei wütend gewesen, wäre die Untertreibung des Monats. Ich lag schlaflos im Bett, nagenden Zorn im Bauch und im Kopf. Irgendwann gelang es mir, meine Gefühle zu kanalisieren. Ich fand ein Ventil. Das Schreiben. Und so habe ich in jener Nacht in Gedanken die Kolumne geschrieben, die heute auf Qultur erschienen ist. Am nächsten Morgen habe ich den Laptop geöffnet und den Text in die Tasten gehauen. Hier ist er.

Samstag, 30. Januar 2021

Slowlife

Auf Insta poste ich seit längerem immer mal wieder unter dem Hasthag #slowlife. Wenn Corona mir etwas Gutes gebracht hat, dann ein langsameres Leben. Ich war sehr viel in der Natur unterwegs in den vergangenen Monaten, ich habe viel weniger gearbeitet als sonst und vor allem hatte ich genug Zeit für all die Dinge, die ich sonst noch gerne tue. Unter anderem habe ich das Stricken wieder ausgegraben, etwas, das für mich schon fast Suchtpotenzial hat, warum ich es mir tagsüber glatt verbieten muss. Und ich verrate euch jetzt etwas total Irres: Ich habe eine ganze Decke gestrickt, mit viel Zopfmustern und noch viel mehr (sehr teurer) Wolle. Als ich fertig war, hatte ich zwei Probleme: Erstens war ich fertig. Zweitens war das Resultat nicht ganz das Erhoffte. Also habe ich die ganze Decke wieder aufgelöst und noch einmal begonnen. Damit war Problem Nummer eins gelöst: Ich durfte noch einmal loslegen. Jetzt ist die Decke zum zweiten Mal fertig. Und diesmal ist sie so schön, dass ich sie nicht noch einmal auflösen kann. Aber es gibt da einen Pullover, den ich gesehen habe und den ich mir stricken möchte ...

Stricken ist wie Gärtnern ist wie Wände streichen ist wie Wandern. Zutiefst befriedigend. All das gehört für mich zum "langsam und bewusst leben". Also zum #slowlife. Mir gefällt das so gut, dass ich definitiv beschlossen habe, es beizubehalten. Das geht Hand in Hand mit meinem Vorsatz, fokussiert und bewusst zu leben. Eine grosse Hilfe ist mir dabei mein Bullet Journal, vor allem, wenn ich mich mal wieder zu zerfranseln drohe und alles auf einmal oder grad gar nichts machen will. Den Februar habe ich für mich schon geplant, das Spreadsheet ist fast fertig. Und irgendwie liegt trotz Schnee ein Hauch Frühling in der Luft. Slowlife halt.

Mittwoch, 27. Januar 2021

Schlussendlich sind wir alle nur Spielfiguren

Zu diesem Fazit kommt Carlos im Buch dead.end.com. Erschienen ist es 2011 - und es ist heute aktueller denn je. Doch obwohl sich das Buch im fünfstelligen Bereich verkauft hat, hat es der Thienemann-Verlag vor einiger Zeit aus dem Programm genommen, ein Entscheid, den ich nicht verstanden habe, vor allem nicht, weil das Buch gerade zu jener Zeit, als es aus den Buchhandlungen verschwand, an Schulen in der Schweiz vermehrt zur Klassenlektüre wurde. 

Hadern mit solchen Entscheiden ist nicht mehr mein Ding. Das habe ich lange genug. "Selbst ist die Frau" ist schon eine ganze Weile mein Motto, und so habe ich dead.end.com für eine Neuauflage im Self Publishing parat gemacht.

Das bedeutet: Ich habe den Text neu gesetzt und dabei sprachlich leicht überarbeitet. Was ich nicht geändert habe, sind die Begriffe, obwohl sie zum Teil etwas überholt sind. Ich wollte so nahe wie möglich am Original bleiben. Das Cover gefällt mir, und so habe ich mich - wie schon bei Neuauflage der Lost Souls Serie - an bürosüd gerichtet, welche das Cover gestaltet hat. Die Zusammenarbeit mit bürosüd klappt bestens. In Rekordzeit war das Cover angepasst.

Für das Marketing steht mir einmal mehr Josia Jourdan zur Seite. Er hat sich wieder ein paar Aktionen einfallen lassen, auf die ich mich total freue. 

Erhältlich ist die Neuauflage von deadendcom per sofort, im Buchladen Ihrer Wahl oder online. Mein Job - den mir Josia verordnet hat - ist es nun, ein paar kleine Hintergrund-Clips zu drehen. Sobald ich sie habe, stellen wir sie online. 

 PS für Lehrpersonen: Das Buch ist auch in Sachen Seitenzahlen kompatibel mit der vergriffenen Ausgabe.

Mittwoch, 20. Januar 2021

Und sobald du die Antwort hast, ändert das Leben seine Frage

Ich mag Anfänge. Ein neuer Tag, eine neue Woche, ein neuer Monat. Und als Höhepunkt: ein neues Jahr. Neue Jahre stelle ich mir vor wie eine unberührte Schneewiese. Durchatmen, frische Spuren ziehen, neue Projekte, neue Chancen. Türen, die sich öffnen. Vorfreude.

Dieser Jahreswechsel war anders. Auf uns wartete keine unberührte Schneewiese, sondern ein von Corona bereits vertrampeltes Feld. Und eine Ahnung, dass uns das Virus noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Neuanfänge sehen anders aus. Dieser fühlte sich auch nicht wie einer an.

Pläne hatte ich trotzdem. Ziele auch. Projekte sowieso. Und sogar einen Vorsatz! Ich habe ihn von 2020 mitgebracht, er ist sozusagen Second Hand, weil schon gebraucht und eingeführt. Vor allem bewährt. Er heisst: FOKUS. Dass ich ihn nicht verliere, dafür sorgt mein Bullet Journal. Zu meiner Freude schaffe ich es immer besser, den Fokus zu halten, mich nicht zu verzetteln. 

2021 begann mit da bux Lektoraten. Eine wunderbare, zutiefst befriedigende Arbeit. Dennoch war ich einfach nicht angekommen. Bis letzte Woche der grosse Schnee kam. Tief verschneite, unberührte Wiesen überall. Mehr Schnee, als ich es je im Tal unten erlebt habe. Atemberaubend schön. Ich war da. Im Jetzt. Angekommen.

Seit einiger Zeit liegen bei mir auf dem Schreibtisch Zitate, die ich für mein Bujo gesammelt und ausgeschnitten habe. Eines dieser Zitate hat den Titel zum Blogpost gegeben, weil es so gut zu diesen Zeiten passt. Und zur Aussage der gesammelten Zitate. Jedes ist für mich zwar immer noch gültig, der Sinn hat sich jedoch zum Teil verschoben oder geändert, oder es kam ein neuer dazu.


«Remember when you wanted what you currently have»

Ich habe im Laufe der letzten Jahre so viele Antworten gefunden für mich, habe mein Leben diesen Antworten angepasst und bin dort angekommen, wo es für mich passt und stimmt: Ich schreibe wieder mit viel Freude, ohne Druck und völlig stressfrei, und ich bin sehr glückliche Verlegerin. Genau das hatte ich gewollt - und genau das habe ich jetzt.

In Zeiten von Corona hat der Spruch noch eine zusätzliche Bedeutung für mich bekommen. Ich liebe das zurückgezogene Leben ohne Termine, hätte mir sogar vorstellen können, wie eine Eremitin zu leben. Auch das habe ich jetzt. Und ich realisiere: Ich kann zwar sehr gut sehr zurückgezogen leben, aber ein Eremitenleben ist nichts für mich.

«If you don’t like where you are, move. You are not a tree. »

Wie habe ich gelacht, als ich diesen Spruch zum ersten Mal gelesen habe. Es war ein befreites Lachen, eins, das mir die Enge genommen hat. Alles ist möglich, sagt dieser Spruch. Du musst nicht bleiben, wo du bist, weder räumlich noch was deine Arbeit betrifft. Wenn es dir nicht passt, zieh weiter.

Corona hat das Räumliche dieser Aussage wieder enger gemacht, mich sozusagen gegroundet. Zurzeit lebe ich im Home Office, ohne Lesungen, ohne viele Aussenkontakte, ohne grosse Bewegungsfreiheit. Zum Glück bin ich Autorin: Mir bleibt die innere Bewegungsfreiheit. Die Fantasie kennt keine Grenzen. Ich reise im Kopf. Das reicht meistens, aber nicht immer.

«It’s all about living life on your own terms.»

Dieses Motto lebe ich seit meiner Jugend. Es ist auch immer noch entscheidend für mich: ich zu sein und ich zu bleiben. Doch auch da hat sich bei mir in den letzten Monaten etwas verschoben. Mir ist noch bewusster geworden, was wirklich zählt. Mir Wichtiges wurde noch wichtiger. Manches, was wichtig war, ist nicht mehr so wichtig.

«Follow your soul, it knows the way.»

Das wohl zentrale Leitmotiv von mir. Das war vor Corona so und ist es auch jetzt. Zuweilen gehe ich verloren, manchmal nur für Stunden, manchmal für Tage, im Herbst sogar mal für ein paar Wochen. Aber meine Seele findet immer wieder einen Weg. Ich folge ihr. Viel mehr als meinem Kopf. Das war immer schon so, ist aber noch stärker geworden. Am schönsten sind die Momente, wo sich Kopf und Seele am selben Ort treffen und sich einig sind. Dann wird es ganz ruhig in mir drin, ich fühle eine ungeheure Kraft und Zuversicht.

Ich sammle zurzeit nicht so viel Zitate, sondern eher schöne Bilder fürs Gemüt. Und positive Antworten auf die Fragen, die das Leben neu grad so stellt.

Sonntag, 20. Dezember 2020

Ohne Filter

Ich mag hier gar nicht so viel schreiben. Das habe ich anderswo getan. Fast jeden Morgen habe ich meine Gefühle ungefiltert in die Tasten fliessen lassen und in Form von Morgenmails an meine Freundin Jutta Wilke verschickt. Für sie muss ich keinen Social Media Filter über mein Herz legen. Da kann und darf alles raus. Bei ihr und bei mir. Gestern haben wir unsere Mails auf die Sekunde zeitgleich abgeschickt, ohne es geplant zu haben. 

Es waren harte Wochen, in denen ich meine Grenzen erreichte. Es waren Wochen, in denen ich mein Vertrauen in dieses Land und seine Gesellschaft verloren habe. Es waren Wochen, in denen ich mich fragte, ob ich je auf irgendeinem Boden meiner Gefühlswelt ankomme, oder ob ich mich in einem endlosen Wurmloch befinde. Es gab und gibt Momente, in denen ich Angst habe, dass mein Herz bricht.

Und trotzdem.

Ich bin angekommen. Ob ganz unten oder im Auge des Sturms, das weiss ich nicht. Es ist eine grosse Ruhe in mir, am frühen Morgen glaube ich zuweilen sogar, sie in meinem Körper summen zu hören. Ich nehme diese Ruhe dankbar an. Und bette mein Herz darin.

Werdenbergersee, auch ohne Filter

Donnerstag, 19. November 2020

Eine Bratpfanne, ein kotzender Fisch, ein Video und Corona

Keine Bange, ich habe nicht den Verstand verloren. Mir geht es gut. Auch wenn der Titel dieses Posts wohl zu einem anderen Schluss führen könnte. 

Ich beginne mit der Bratpfanne und dem kotzenden Fisch. Beides gehört zum Inventar und Personal einer ganz speziellen Anthologie. Augenblicke heisst sie. Geschrieben haben die Texte Kinder und Jugendliche von der 4. bis zur 9. Klasse. Thema: Das Leben mit Corona. Ich hatte die grosse Freude und Ehre, Teil der Jury zu sein, welche die Texte ausgewählt und bewertet hat.

Entstanden sind die Geschichten während der ersten Coronawelle. Am nächsten Samstag hätte das Buch Premiere in einem Luzerner Kino. Ja, hätte. Konjunktiv. Denn die zweite Coronawelle hat den Anlass weggespült. Er findet aber trotzdem statt. Live auf YouTube. Am 21. November ab 14.00 Uhr.

Und damit komme ich - einen Tag zu spät - zur versprochenen Info über das Video, das mich 99 Trillionen Nerven gekostet hat: Ich habe einen kurzen Glückwunschclip für die Buchpremiere aufgenommen. Und dann tapfer gegen die Tücken meines neuen Filmbearbeitungsprogramms angekämpft. Das Resultat - samt Bratpfanne und Fisch - hänge ich euch ans Ende des Posts.

Vertiefte Einblicke in die Anthologie, meine Juryarbeit und ein Interview mit Carlo Meier, dem Herausgeber, findet ihr in meiner neusten YA-Kolumne auf Qultur. Hier der Link.

Wer die Buchpremiere am Samstag live verfolgen möchte und / oder den Jugendlichen beim Vorlesen ihrer Geschichten zuschauen und zuhören möchte, der folge bitte diesem Link.

Wenn ihr noch eine Lektüre für euch oder ein Weihnachtsgeschenk für eure Lieben sucht: Augenblicke, erschienen beim STORYPark Verlag, ist in allen online- und realen Buchläden erhältlich. Ich schlage euren lokalen Buchladen vor, ganz im Sinne von "Buy local". 


Montag, 16. November 2020

Corona, die Technik und ich

Die letzte Woche hat mich gleich mehrfach verschlungen:

Mich hat die Coronapolitik von Bund und Kanton in ein sehr tiefes Loch geworfen. Eins, das nur noch mit Zynismus und Sarkasmus auszuhalten gewesen ist. Aber es ist so: Wenn du zynisch und sarkastisch wirst, machst du dich und dein Seelenleben kaputt. Das wollte ich nicht. Deshalb habe ich heftig an meiner inneren Einstellung gearbeitet. Ich verhalte mich so, wie es für mich stimmt und vernünftig ist. Was andere entscheiden und tun, kann ich nicht beeinflussen, also lebe ich damit. Man könnte es gesunden Fatalismus nennen. Oder Gelassenheit. Ich ziehe die Gelassenheit vor, auch wenn ich mich nicht an die Meldungen der Todesfälle gewöhnen kann und mich das Verhalten der Menschen öfters grob irritiert (das ist jetzt sehr nett formuliert, aber ich will ja nicht mehr zynisch sein).

Dann hat mich die Technik bis in meine letzte Nervenzelle herausgefordert. Und das gleich an zwei Fronten. 

Mein altes Filmschneideprogramm ist gleichzeitig mit meinem alten PC gestorben. Ich fand das nicht tragisch, weil ich mir Photoshop sowieso neu kaufen musste und es gleich in der erweiterten Version tat, nämlich zusammen mit dem Filmbearbeitungsprogramm. Dass ich mich in dieses erst einmal einarbeiten muss, war mir klar. Dass ich dabei das eine oder andere Hindernis überwinden muss, war mir auch klar. Aber dass Film- und Tonspur meiner Videos NICHT übereinstimmten, das hätte ich nicht erwartet, weil sich die Filme auf allen anderen Portalen, auf denen ich sie geöffnet habe, völlig normal abspielen liessen. Ich brauchte rund acht Stunden und gefühlte 99 Trillionen Nerven, bis ich eine Lösung fand. Danach fühlte ich mich wie die Königin der Welt, weil ich a) durchgehalten und b) selber auf die Lösung gekommen war. Und dann schnitt ich das Video, das ich bis gestern Abend einsenden musste (mehr dazu am Mittwoch).

Das zweite Technikproblem hat mit meinen Online-Lesungen zu tun. Je nach Schule werden andere Programme verwendet, je nach Programm verläuft nicht alles reibungslos beim ersten Mal. Deswegen machen die Schulen und ich einen Testtermin aus. Dieses Mal findet die Lesung über Microsoft Teams statt. Ich hatte eine Einladung, konnte auch chatten, aber eine Videokonferenz? No way. Bis ich herausfand, dass Firefox und Microsoft sich wohl so spinnefeind sind, dass das mit Firefox gar nicht geht. Also wechselte ich auf Microsoft Edge, aber auch hier gab es Hürden zu nehmen. Als die Lehrerin und ich uns endlich sehen konnten, haben wir beide so was wie ein kleines Hallejuja gerufen. Nun sind wir parat. Die Lesung wird morgen stattfinden.

Was mir in dieser Zeit sehr geholfen hat: Die Spaziergänge in der Natur, zusammen mit mir sehr lieben Menschen.

Extrem gut läuft es an einer anderen Baustelle. Ich habe mir Ende Oktober vorgenommen, jeden Wochentag 60 bis 90 Minuten mit dem Buchsatz von deadendcom zu verbringen. Was soll ich sagen? Es funktioniert prima. Ich komme voran. Heute bin ich bei Seite 220 von 288 angelangt. Während ich also fast täglich ein Stück weiterkam, hat die Agentur bürosüd das Buchcover fürs Self Publishing parat gemacht. Ich verwende auch in diesem Fall - wie bei den Lost Souls - das Originalcover. Für die Self Publishing Ausgabe muss es überarbeitet werden (altes Verlagslogo und alte ISBN raus, CARGO44 Logo und neue ISBN Nummer rein). Einmal mehr war die Zusammenarbeit mit bürosüd eine Freude: schnell, freundlich, unkompliziert.

Fazit: Mir geht es gut, ich habe eine Menge gelernt und ich komme voran. Ich finde, das sind gute Nachrichten :-)

Mittwoch, 28. Oktober 2020

dead.end.com reloaded - oder - choose happy

Ich weiss gar nicht mehr so genau, wann der Thienemann-Verlag dead.end.com aus dem Programm genommen hat. Was ich weiss: Es war zu einer Zeit, als ich paradoxerweise bei Lesungen vermehrt auf dead.end.com Klassensätze gestossen bin. Leider erfuhr ich einmal mehr erst vom Ende eines Buches, als der Verlag schon fast keine mehr hatte. Ich habe dann die wenigen Exemplare gekauft, die noch bei Thienemann lagerten und habe auf meiner Webseite auf meinen kleinen Notvorrat hingewiesen. Heute sind nun die letzten Exemplare an eine Schule weg.

Ich weiss auch gar nicht mehr so genau, wann ich die Arbeit am dead.end.com Buchsatz für das Self Publishing unterbrach. Wahrscheinlich im Sommer, als es heisser wurde. Auf jeden Fall vor dem Implodieren meines PCs. Als ich die Datei dann auf dem neuen System öffnete, verschnetzelte es sie, weil sämtliche lizenzfreien Schriften, die ich mir im Laufe der Jahre auf mein altes Maschinchen geladen hatte, weg waren. Schnell zeigte sich: Eine der Schriften war für immer weg. Blöderweise die Titelschrift im Buchinnern. Damit pulverisierte sich ein grosser Teil des Layouts. Die Zeilen am Ende der Buchseite spielten verrückt. Ich seufzte einmal tief, schloss die Datei wieder und verschob die Arbeit auf später.

Jetzt - wo die letzten Notfallexemplare weg sind - ist dieses Später da. Ich habe mich heute Morgen wieder an den Satz gemacht, habe Schriftgrössen und Abstände neu definiert und formatiert und den Fliesstext von Neuem perfekt sitzend gemacht. 25 Seiten habe ich in diesen ersten 60 Minuten geschafft. Viel länger will ich im Normalfall die täglichen Arbeitseinheiten für diesen Buchsatz nicht machen. Es kann also noch eine Weile dauern, bis das Buch wieder erhältlich ist, aber ich arbeite daran. 

Weil ich mir Schriften, Schriftgrössen, Abstände usw. immer IRGENDWO aufschreibe, habe ich eine Tendez, diese wichtigen Informationen entweder sehr lange suchen zu müssen oder gar nicht mehr zu finden. Das soll ab heute anders werden. Ich schreibe mir all diese Schriften und Zahlen in mein neues, wunderschönes choose happy Notizbuch. 

 Choose happy ist übrigens auch das Motto, an dem ich mich in diesen verrückten Zeiten orientieren will. Es gelingt mir nicht immer. An manchen Tagen rollt der neue Corona-Alltagswahnsinn über mich weg wie eine riesige Welle, ich verliere den Boden unter den Füssen und bin ausschliesslich damit beschäftigt, wieder auf die Beine zu kommen. Nicht, weil ich Angst vor Corona habe (ich habe Respekt vor dem Virus, aber keine Angst), sondern aus Frust darüber, wie unsere Landes- und Kantonsregierungen sehenden Auges in die Katastrophe gerannt sind. Und über all die Menschen, die die Situation auf die allzu leichte Schulter nehmen und das Gefühl haben, sich an keine Sicherheitsmassnahmen halten zu müssen.

Zum Glück bin ich umgeben von wunderbaren Menschen, die diesen neuen Alltag mit mir leben und sinnvoll füllen. Einer dieser Menschen ist Jutta Wilke. Ich tausche mich seit Wochen fast jeden Tag in Morgenmails aus. Das hilft, Gefühle und Geschehen zu reflektieren und einzuordnen und vor allem auch, beruflich motiviert zu bleiben. Mein Tipp: Versucht es mal. Vor allem, wenn ihr wie ich alleine zu Hause arbeitet und tagsüber weit und breit keine Menschenseele ist, die euch zuhört oder / und in den Arm nimmt.

Vor allem: Tragt euch und euren Lieben Sorge. Das ist wichtig in Zeiten wie diesen.