Montag, 12. Oktober 2026

FREUDE

Heute Morgen trudelte eine Mail in meinen virtuellen Briefkasten. Eine Anfrage für zwei ganz besondere Lesungen. Der Mensch, der mir die Mail geschrieben hatte, erkundigte sich auch nach dem Wort dieser Woche, fragte, ob ich schon eins hätte. Er wusste nicht, dass er es mir gerade geschenkt hatte, denn einmal mehr fiel alles an seinen Platz, war es so, als hätte das Wort nur auf mich gewartet.

Freude. Freude begleitete mich durch letzte Woche und zieht sich weiter in diese. 

Freude am 87. Geburtstag meiner Mutter, den wir im kleinen Familienkreis feierten. Angeregte Gespräche. Gschwellti mit Käse. Einfach, aber köstlich. Eine Freude war es auch, den kleinen Menschen drei Tage bei uns zu haben. Drei Tage analog, drei Tage im Hier und Jetzt, drei Tage ein Haus voller Leben. 

Am Samstag, als der kleine Mensch seinen Mittagsschlaf hielt, gerieten Herr Ehemann und ich ins Interview von Urs Gredig mit Beatrice Egli. Ihre Musik ist nicht meine Musik, aber ich bewundere sie aus vielen Gründen: Ihre Professionalität, ihre Zielstrebigkeit, ihre Neugierde, ihre Lust am Ausprobieren von Neuem. Vor allem aber für ihre Lebensfreude, die sie ausstrahlt. Natürlich geht es ihr nicht immer gut, es gab und gibt viele Auf und Ab, aber sie hat für sich entschieden, dass alles ein Lernprozess ist, bei dem sie lernen darf. Ja, darf. Das Wort nutzte sie häufig, sogar für die Hardcore-Erfahrungen, die sie mit den Anfeindungen gegen ihren Körper machen musste durfte. Ich sass da und dachte mir, dass für mich vieles ein hartes Müssen und Einstecken gewesen wäre. Urs Gredig sprach sie darauf an. Ihre Antwort imponierte mir. Sie sagte, dass Lebenseinstellung auch mit Sprache zu tun habe. Indem sie dürfe und nicht müsse, würden auch schlechte und traurige Erfahrungen zu einem Dürfen, aus dem sie gestärkt hervorgeht. 

Eine wichtige Präszisierung: Ich lese gerade das Buch Ohne ein letztes Wort von Harlan Coben und Reese Witherspoon. Darin erklärt Nadia der Hauptprota Maggie, das solche Selbstfindungen und Selbsterfahrungen nur Menschen in Frist World Ländern machen können. Es gäbe nichts zu finden bei Hungern, Frieren, Sterben, generell im Kampf ums Überleben. Das alles ist KEIN Dürfen. Ich schliesse mich der Figur Nadia an. Alles, was oben steht, gilt für die Welt, in der ich lebe. Und ich denke, Beatrice Egli würde das genauso sehen.

Was mir auch imponiert hat. Sie hat erklärt, warum sie keine politische Stellung bezieht, und sie argumentiert dabei ähnlich wie Ed Sheeran, der deswegen in einen gewaltigen Shitstorm geraten ist. Sie sagt, sie wolle Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten Momente geben, in denen diese Unterschiede keine Rolle spielen. Und weil mich dieses Drängen nach einer öffentlichen politischen Stellungnahme von Prominenten wirklich nervt, verweise ich in diesem Zusammenhang gleich auch auf das Interview mit Juli Zeh, das in der NZZ am Sonntag erschienen ist. Sie sagt darin: "Wirklich neu ist, dass von jeder einzelnen Person erwartet wird, eine Seite zu wählen. Ich mache bei diesem Mannschaftssport nicht mit. Ich kann mich nicht einem Lager anschliessen. Mir geht es immer um Differenzierung und die Betrachtung von Ambivalenzen." Aber ich schweife ab. Also, zurück zum Thema.

Freude ist das Wort der Woche. Freude über die kleinen grossen Dinge im Leben. Wie Enkeltage, besondere Mails im virtuellen Briefkasten, die von Regen und Kälte klargewaschene Natur vor dem Fenster, die zwei neuen Holzstufen bei der Terrassentür, das Atelier, das mein Leben so bereichert, die Menschen im Atelier, allen voran Theres, mit denen ich so gerne gemeinsam kreativ bin.

Mit Freude holt man sich weder Klicks noch Likes. Freude ist langweilig. Empörung und Wut sind das, was Reichweite bringt. Ich bleibe trotzdem bei der Freude. Und dem Dürfen. Beim Leisen. Beim kleinen Grossen.

Beatrice Egli ist am Wochenende als erster weiblicher Schweizer Musikstar im Hallenstadion in Zürich aufgetreten und hat so Schweizer Musikgeschichte geschrieben. Freude mag keine Klicks, Kommentare und Views erzielen, aber mit Freude an dem, was man tut, kann man trotzdem weit kommen. Und ansteckend sein.

Noch ein Nachgedanke: All die Egli-Hater prallen an ihrer Freude und ihrem Dürfen ab. Ist das nicht wunderbar?  

Dienstag, 6. Oktober 2026

DRAMA

Im Juli wollte ich die Lost Souls fertig haben. Im August wollte ich aufgeben. Im September habe ich mich aufgerappelt und weitergeschrieben. Warum? Weil ich gerne Zeit mit den Lost Souls Figuren verbringe, weil ich genau weiss, worum es in Band 6 geht, aber den gibt es ohne Band 5 nicht. Wenn ich also Band 5 beerdige, beerdige ich die Lost Souls. Irgendwann kam der Gedanke, dass ich diese Geschichten einfach für mich schreiben sollte, ohne Veröffentlichung. Warum Geld in die Finger nehmen, wenn ich sowieso weiss, dass ich es durch Buchverkäufe nie und nimmer wieder einnehmen werde? Nur wegen meines Egos? Ich schrieb an den Lost Souls und dachte klein, sehr klein, sprich: Self Publishing ohne ISBN-Nummer, einfach ein paar Exemplare für mich.

Und dann, mitten aus dem Nichts, traf mich die Erkenntnis: Meine Geschichte ist nicht gut, auch wenn die Idee richtig toll ist und auch richtig guten Stoff hergibt. PÄNG. Alles ergab Sinn. Mir wurde klar, dass ich die Lost Souls nur für mich schreiben wollte, weil die Geschichte, durch die ich mich schreibe, zu schwach ist. Weil ich die Menschen, die sich das Buch kaufen würden, enttäuschen würde. Weil ich Band 6 nie schreiben würde, weil Band 5 völlig zurecht ein Oberflop wäre. 

Witzigerweise hat mich die Erkenntnis nicht umgemäht, sondern mir einen Energieschub ohnegleichen beschert. Das Wort, das in riesigen Buchstaben vor mir auftauchte, war DRAMA. Die Geschichte plätschert zu sehr dem Geschehen nach. Der riesige Knall am Anfang verpufft. Die inneren und äusseren Konflikte sind zu wenig stark oder zumindest zu wenig stark und packend erzählt. Es braucht Drama, viel mehr Drama. Aber so richtig. Auf allen Ebenen. Die Figuren dazu habe ich, den Grundplot dazu habe ich auch.

Ich setzte mich an den Laptop und schrieb ein neues Konzept. Titel: DRAMA. Ich erinnerte mich an eine der ersten Versionen, bevor mir das reale Leben mit Brexit und Trump und einem rasanten moralischen Zerfall der Politik meinen Plot zerschlagen hatte. An die Version, in der Kata den Satz "Ich habe Ayden Morgan getötet" auf Band sprechen muss. Diese Version will ich in den umpfzig Versionen, die ich seither geschrieben habe, suchen gehen. Ob sie den Satz dann noch genauso sagen wird, weiss ich noch nicht. Aber ich will und muss zurück zu diesem Wahnsinnsdrama, in dem für alle Protas gar alles auf dem Spiel steht: Liebe und Leben. Die Zutaten habe ich. 

Scheitern ist immer eine Option. Ich habe das Wort SCHEITERN auch schon als Kandidat für das Wort der Woche ins Auge gefasst. Es muss warten. Erst einmal kreiere ich ganz viel Drama. Ich freue mich diebisch darauf.

Donnerstag, 1. Oktober 2026

PLANLOS

Montag, 28. September. Ich öffne mein Bujo, will etwas in die To-Do-Liste in der ersten Oktoberhälfte eintragen. Gähnende Leere. Ich starre dieses weisse Nichts an. Etwas fassungslos-konsterniert. Die Seite bleibt leer. Ich habe noch kein Monatsblatt für den Oktober, keine Wocheneinteilung, keine To-do-Liste. Nur ganz hinten im Journal, bei der Jahreseinteilung in zwölf Monate, da sind die wichtigen Oktobertermine eingetragen. Ratlos sitze ich da und frage mich, was denn da passiert ist. Ich war doch im Haus in den Bergen und habe mit der Gestaltung meines Bullet Journals 2027 begonnen. Januareinteilung 2027, die ganze Jahreseinteilung, die Lesungen und Workshops eingetragen ... Warum hört dann mein 2026-Journal Ende September auf? 

Natürlich arbeite ich an Projekten, sogar an mehreren. Aber dafür habe ich meine Notizbücher. Und für meine Arbeit als Verlegerin bei da bux habe ich einen ganzen Jahresplan mit Deadlines. Ich habe bis Ende September auch wöchentliche und tägliche To-Do-Listen geführt. Und dann einfach dieses weisse Nichts. Mir wurde beim Anblick der leeren Seiten doch etwas mulmig. Es ist ja nicht so, dass ich von jetzt auf sofort nichts mehr zu erledigen habe.

Nun, einmal mehr: Es ist, wie es ist. Warum auch immer. 

Gestern und vorgestern waren meine Tage so voll, dass keine Zeit für das Bujo blieb. Für heute, 1. Oktober, habe ich mir mit Bleistift einen Wochentag mit einer To-Do-Liste eingezeichnet. Sobald dieser Post fertig geschrieben ist, werde ich mit der Gestaltung des Oktobers beginnen. Monatsplanung, Wochenplanung, Tagesplanung. Weil .... so ganz planlos ist doch etwas heftig. 

PS: Die wunderschöne Zeichnung ist von Theres Willi.