Schreiben ohne Schere im Kopf, in den Flow kommen, vorwärts arbeiten statt rückwärts. Das ist Novemberschreiben. Seit Jahren schreiben auf der ganze Welt unzählige Menschen im November Geschichten; Ziel sind 50'000 Wörter in einem Monat. NaNoWriMo nannte sich das, National Novel Writing Month. Dahinter steckte eine ganze Organisation, die von Jahr zu Jahr professioneller wurde; es gab eine dazugehörige Webseite, auf der man jeden Abend seinen Wordcount hochladen und sich mit anderen austauschen konnte. Wer die 50'000 Wörter schaffte, durfte sich einen Badge herunterladen, eine Erfolgsbescheinigung sozusagen. Später kamen allerlei Zusatzzwischenbelohnungen dazu. Während NaNoWriMo zu einem Megaereignis heranwuchs, passiert etwas Wunderbares: Es bildeten sich Landesgruppen, regionale Gruppen, Kleinstgruppen, online und offline. Menschen schrieben gemeinsam, tauschten sich aus. Als NaNoWriMo nach selbst verschuldeten schwierigen Jahren aufgab, hatte das Novemberschreiben längst ein Eigenleben entwickelt.
Ich schreibe diese Zeilen im Atelier, wo wir uns im November jeden Montag zum gemeinsamen Schreiben treffen. Mit mir sitzen schreibende Menschen am Tisch, im Moment ist es still, man hört nur das Klappern der Tastaturen und das Rascheln von Papier. Später werden wir uns bestimmt miteinander austauschen, aber die Schreiblust jetzt ist zu gross, die Wörter wollen geschrieben werden.
Meine erste NaNoWriMo-Teilnahme war 2005 oder 2006. Es war auch das einzige Mal, dass ich die 50'000 Wörter geschafft habe. Entstanden ist die Basisgeschichte zum Buch Schlechte Karten, das 2008 im Thienemann Verlag veröffentlicht wurde. Von der Geschichte blieben die Protas, die Grundidee und ein paar Szenen, den Rest habe ich beim Überarbeiten vollständig umgebaut. Ein normaler Vorgang, denn wie heisst es so schön: Um überarbeiten zu können, braucht man einen ersten Entwurf, egal, wie schlecht der ist. Es gibt eine Szene in Schlechte Karten (seit ein paar Jahren Mörderbruder), die ich wörtlich aus dem NaNoWriMo-Entwurf übernommen habe; die lese ich bei Lesungen gerne vor, weil sie mir so gut gefällt. Der Plot selber hat eine Generalüberholung bekommen, sogar das Setting musste vom englischen Looe an das Ende des Walensees.
Dieses Jahr habe ich meine Dateien auf angefangene und geplante Projekte durchforstet und mich innerhalb einer Woche für eins (oder zwei) entschieden. Den Lost Souls gönne ich eine Pause. Dort ist das Schreiben im Moment harte Knochenarbeit, muss ich Fäden verknoten, den Showdown glaubhaft schildern. Dazu ist ein Rückwärtsschauen und auch ein Überarbeiten des bereits Geschriebenen immer wieder nötig. In den Flow zu kommen ist da praktisch unmöglich. Ich ringe oft um jedes einzelne Wort eines Absatzes oder Kapitels. Und deshalb müssen die Lost Souls eine Auszeit nehmen, während ich völlig unbeschwert von irgendwelchen komplizierten und komplexen Krimiabläufen eine Wohlfühlgeschichte schreibe. Das Setting habe ich (die wunderschöne Halbinsel Lynn in Wales), die Protas habe ich auch, dazu kommt eine Grundidee, der rote Faden an dem ich mich entlanghangle. Was daraus werden wird, weiss ich nicht. Ich schenke mir selber alle Freiheiten. Sollte ich feststecken, schreibe ich am zweiten Projekt weiter, das mich auch reizt. Es würde mich in Schottlands Highlands führen, vor allem aber in die Musik.
Was ich auf jeden Fall diesen Monat dazu zähle, sind die Wörter meiner Blogposts. Die Geschichten müssen nicht fertig werden. Die Blogposts schon. Einer pro Woche. Wie dieser hier. Wenn ihr wissen wollt, wie viele Wörter es in diesem Post geworden sind: 546.
Wo immer ihr seid, was immer ihr tut, ich wünsche euch einen wunderbaren November.

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