Letzten Freitag, nach der wunderbaren Buchtaufe von Hera voll viral der Autorin Mirjam Wicki in Niederlenz, wollte ich kurz vor 22 Uhr mein Bahnticket kaufen: Nach Lenzburg mit dem Bus, danach mit der Bahn nach Zürich und von dort weiter mit der Bahn nach Sargans, wo ich mein Auto geparkt hatte. Also: Öffnen der SBB-App und ... oh naiiiii (wie Herr Enkel sagen würde). Zwischen Lenzburg und Zürich verlief die Strecke rot gestrichelt. Unbestimmte Verspätung. Mirjam Wicki wusste sofort, wie ich auf anderen Strecken nach Zürich komme. Abfahrt 22.06 in Wildegg. Spurt zum Auto, Fahrt zum Bahnhof. Der Zug und ich trafen gleichzeitig ein. Erleichtert nahm ich Platz. Von Brugg fuhr der Zug verspätet nach Zürich, aber er fuhr. Ich kam rechtzeitig für die nächste Verbindung an und .... oh naiiiii. Keine Verbindung nach Sargans auf unbestimmte Zeit. Keine zwanzig Minuten später klemmte es in fast alle Richtungen, der grosse Fahrplan in der Halle sah aus wie ein Schlachtfeld. Die Zeit blieb gefühlt stehen, die Menschen hielten inne, blieben ruhig, die Zugebegleiter:innen, die genauso gestrandet waren wie wir, versorgten uns mit Infos, die wir austauschten. Die nächste gesicherte Verbindung war um 0.25 Uhr. Ich spazierte hin und her, um die Kälte fernzuhalten, mit den Gedanken bei den Menschen, die hinter dem Wort Personenunfall stecken, und dachte mir, wie klein doch meine Probleme sind. Irgendwann stand plötzlich ein Zug nach Chur da, ich stieg ein, es war herrlich warm. Kurz vor Mitternacht fuhren wir los.
Innehalten mussten wir Ende letzter und Anfang dieser Woche auch online. Wegen einer Sicherheitslücke namens PHP2Shell, die Hacker in Windeseile ausnutzten, es kam zu unzähligen automatisierten Angriffsversuchen. Webseiten wurden vom Netz genommen; zum Teil dauerte es Tage, bis sie wieder vollständig online waren. Während dieses notfallmässigen Innehaltens wurde uns allen einmal mehr bewusst, wie angreifbar und verwundbar das Internet ist.
Innehalten und genau hinschauen täte uns auch mit Blick auf die Demonstrationen in Frankreich gut. Es wäre zu einfach, sie einfach Krawallbrüdern zuzuschreiben. Die junge Generation hat genug. Und nicht nur die. Die Welt ist so sehr aus dem Gleichgewicht geraten, dass wir uns ernsthaft fragen müssen, wie wir das ändern können. Ich habe irgendwo gelesen, dass der Neoliberalismus gerade stirbt. Das wäre doch immerhin mal ein guter Anfang.
Und weil niemand von uns die Welt im Alleingang retten kann: Halten wir ab und zu inne und fragen uns, wie wir die Welt im Kleinen verändern können.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen