Heute Morgen trudelte eine Mail in meinen virtuellen Briefkasten. Eine Anfrage für zwei ganz besondere Lesungen. Der Mensch, der mir die Mail geschrieben hatte, erkundigte sich auch nach dem Wort dieser Woche, fragte, ob ich schon eins hätte. Er wusste nicht, dass er es mir gerade geschenkt hatte, denn einmal mehr fiel alles an seinen Platz, war es so, als hätte das Wort nur auf mich gewartet.
Freude. Freude begleitete mich durch letzte Woche und zieht sich weiter in diese.
Freude am 87. Geburtstag meiner Mutter, den wir im kleinen Familienkreis feierten. Angeregte Gespräche. Gschwellti mit Käse. Einfach, aber köstlich. Eine Freude war es auch, den kleinen Menschen drei Tage bei uns zu haben. Drei Tage analog, drei Tage im Hier und Jetzt, drei Tage ein Haus voller Leben.
Am Samstag, als der kleine Mensch seinen Mittagsschlaf hielt, gerieten Herr Ehemann und ich ins Interview von Urs Gredig mit Beatrice Egli. Ihre Musik ist nicht meine Musik, aber ich bewundere sie aus vielen Gründen: Ihre Professionalität, ihre Zielstrebigkeit, ihre Neugierde, ihre Lust am Ausprobieren von Neuem. Vor allem aber für ihre Lebensfreude, die sie ausstrahlt. Natürlich geht es ihr nicht immer gut, es gab und gibt viele Auf und Ab, aber sie hat für sich entschieden, dass alles ein Lernprozess ist, bei dem sie lernen darf. Ja, darf. Das Wort nutzte sie häufig, sogar für die Hardcore-Erfahrungen, die sie mit den Anfeindungen gegen ihren Körper machen musste durfte. Ich sass da und dachte mir, dass für mich vieles ein hartes Müssen und Einstecken gewesen wäre. Urs Gredig sprach sie darauf an. Ihre Antwort imponierte mir. Sie sagte, dass Lebenseinstellung auch mit Sprache zu tun habe. Indem sie dürfe und nicht müsse, würden auch schlechte und traurige Erfahrungen zu einem Dürfen, aus dem sie gestärkt hervorgeht.
Eine wichtige Präszisierung: Ich lese gerade das Buch Ohne ein letztes Wort von Harlan Coben und Reese Witherspoon. Darin erklärt Nadia der Hauptprota Maggie, das solche Selbstfindungen und Selbsterfahrungen nur Menschen in Frist World Ländern machen können. Es gäbe nichts zu finden bei Hungern, Frieren, Sterben, generell im Kampf ums Überleben. Das alles ist KEIN Dürfen. Ich schliesse mich der Figur Nadia an. Alles, was oben steht, gilt für die Welt, in der ich lebe. Und ich denke, Beatrice Egli würde das genauso sehen.
Was mir auch imponiert hat. Sie hat erklärt, warum sie keine politische Stellung bezieht, und sie argumentiert dabei ähnlich wie Ed Sheeran, der deswegen in einen gewaltigen Shitstorm geraten ist. Sie sagt, sie wolle Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten Momente geben, in denen diese Unterschiede keine Rolle spielen. Und weil mich dieses Drängen nach einer öffentlichen politischen Stellungnahme von Prominenten wirklich nervt, verweise ich in diesem Zusammenhang gleich auch auf das Interview mit Juli Zeh, das in der NZZ am Sonntag erschienen ist. Sie sagt darin: "Wirklich neu ist, dass von jeder einzelnen Person erwartet wird, eine Seite zu wählen. Ich mache bei diesem Mannschaftssport nicht mit. Ich kann mich nicht einem Lager anschliessen. Mir geht es immer um Differenzierung und die Betrachtung von Ambivalenzen." Aber ich schweife ab. Also, zurück zum Thema.
Freude ist das Wort der Woche. Freude über die kleinen grossen Dinge im Leben. Wie Enkeltage, besondere Mails im virtuellen Briefkasten, die von Regen und Kälte klargewaschene Natur vor dem Fenster, die zwei neuen Holzstufen bei der Terrassentür, das Atelier, das mein Leben so bereichert, die Menschen im Atelier, allen voran Theres, mit denen ich so gerne gemeinsam kreativ bin.
Mit Freude holt man sich weder Klicks noch Likes. Freude ist langweilig. Empörung und Wut sind das, was Reichweite bringt. Ich bleibe trotzdem bei der Freude. Und dem Dürfen. Beim Leisen. Beim kleinen Grossen.
Beatrice Egli ist am Wochenende als erster weiblicher Schweizer Musikstar im Hallenstadion in Zürich aufgetreten und hat so Schweizer Musikgeschichte geschrieben. Freude mag keine Klicks, Kommentare und Views erzielen, aber mit Freude an dem, was man tut, kann man trotzdem weit kommen. Und ansteckend sein.
Noch ein Nachgedanke: All die Egli-Hater prallen an ihrer Freude und ihrem Dürfen ab. Ist das nicht wunderbar?
