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Mittwoch, 12. August 2026

NEBENBEI


Was hast du heute schon nebenbei erledigt? Und war es wirklich ein Nebenbei? 

Wir waren gestern unterwegs, ich mit dem Notizbuch auf dem Schoss, denn mir fehlte noch das Wort der Woche. Eigentlich (Anmerkung an mich selbst: Das wäre auch einmal ein Wort der Woche, dieses Eigentlich) - also eigentlich hatte ich über die Arbeit schreiben wollen, die meine Woche dominiert, über das Erstellen von Unterrichtsmaterial zu Snöber und das Zusammenstellen des Workbooks, das ich für meinen nächsten Schreibworkshop bereit haben möchte. Aber (auch das wäre mal ein Wort der Woche) - aber ich hatte am Vorabend eine Dokumentation über das Autorenduo Iny Lorentz gesehen und meine Gedanken schweiften immer wieder zum Schreiben ab.

Hinter Iny Lorentz steckt das Ehepaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath, zwei Menschen, die schon immer Geschichten im Kopf hatten. Nachdem sie sich gefunden hatten, begannen sie gemeinsam zu schreiben, leidenschaftlich, jeden Tag, stundenlang. Nebenbei. Denn beide hatten einen Job. Der diente zum Geldverdienen, die grosse Passion war immer das Schreiben. Nach einer jahrelangen Achterbahnfahrt durch Höhen und Tiefen des Schreibens schafften sie mit Die Wanderhure den Durchbruch. Ein Bestseller! Trotzdem bleiben sie in ihren Berufen tätig. Nach der zweiten oder dritten Million verkaufter Bücher meinte ihre Agentin, sie könnten ihre Jobs eigentlich aufgeben. Taten sie nicht. Sie schrieben weiter nebenbei. Erst nach sechs Millionen verkauften Büchern hängten sie ihre Berufe an den Nagel und wurden hauptberuflich Autoren. 

Nebenbei geschrieben. Das habe ich auch. Wie so viele andere Autor:innen. Das sind wir uns gewohnt, weil die wenigsten von uns von den Einnahmen der Bücher leben können. Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, führte ich zusammen mit einer Geschäftspartnerin eine private Englischschule. Ich war Mutter, Geschäftsfrau, Hausfrau und schrieb nebenbei. Nach ein paar Jahren habe ich mich aus der Schule zurückgezogen, aber ich hatte nicht wirklich mehr Zeit zum Schreiben, denn ich machte pro Jahr bis zu 160 Lesungen. Ich war also Mutter, Hausfrau und Autorin mit unzähligen Lesungen und schrieb weiterhin nebenbei. Dieses Nebenbei hatte ich so verinnerlicht, dass es zur Normalität wurde. Wenn Herr Ehemann im Sommer jeweils meinte, jetzt hätte ich ja Zeit für ganz viele Dinge, denn ich hätte ja keine Lesungen, frustrierte mich das, denn ich brauchte den Sommer, um meine Bücher zu schreiben, also um zu arbeiten. Ich habe ihn immer und immer wieder korrigiert, und er antwortete jedes Mal, er meine das ja nicht so, er meine halt, dass ich keine Termine hätte.

Vor ungefähr einem Jahr hat es mich voll erwischt. Ich redete mit Herr Ehemann darüber, wie wenig meine Arbeit gesehen wird, auch von ihm, ich erklärte ihm, dass Bücher schreiben eine riesige Arbeit ist, dass Bücher nicht einfach über Nacht aus dem Nichts entstehen. Und dann fiel dieser Satz: "Ich habe das immer als Nebenbei gesehen." Ich muss damit leben, dass es in meiner Familie niemanden gibt, der sich wirklich für mein Schreiben interessiert; dieses Schicksal teile ich mit vielen anderen schreibenden Menschen, aber dass sogar Herr Ehemann mein Schreiben als Nebenbei sah, das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen hat, das hat unendlich wehgetan. 

Ich wollte allein sein mit meiner tiefen Traurigkeit. In dieser Traurigkeit habe ich lange nachgedacht und herausgefunden, warum ich in den Augen der meisten Menschen um mich herum nebenbei schreibe: Weil ich das mit jeder Faser meines Körpers und meiner Haltung so ausstrahle. Weil ich das Nebenbei verinnerlicht habe. Weil ich nicht wie andere Menschen zur Arbeit fahre, sondern zu Hause arbeite. Dort, wo es niemand sieht. Und wenn ich Termine habe, dann sind es Lesungstermine. DAS ist für mein Umfeld meine Arbeit: Lesungen. Das Schreiben geschieht unsichtbar. Wird nicht wahrgenommen. Es gilt die Gleichung: keine Termine - keine Arbeit. Ich habe viel zu selten und viel zu wenig kommuniziert: Jetzt ist Schreibzeit. So, wie ich damals, als die Kinder klein waren, meine Arbeit um meine Kinder und den Haushalt herumgewickelt habe, so habe ich die meiste Zeit mein Schreiben um alles andere herumgewickelt, zu einem Nebenbei gemacht. 

Dieser Nebenbei-Moment und dann die Erkenntnis, warum das so ist, haben für mich sehr viel geändert. Ich habe jetzt Schreibzeiten. Ich kommuniziere, dass Schreiben meine Arbeit, mein Beruf ist, kein Nebenbei. Seit genau einem Jahr teile ich mit zwei anderen Frauen ein Atelier. Ich gehe zum Schreiben ins Atelier. Und wenn ich zu Hause schreibe, dann sage ich, dass ich arbeite.  

Mein Nebenbei war das Schreiben. Es gibt unendlich viele andere Nebenbei, die keine Nebenbei sind. Ich bin ganz sicher, dass auch ihr ein Nebenbei habt, das keins ist. Fragt euch, warum das so ist. Und ändert es. Ich bin versucht, dem Satz etwas anzufügen, weil es mich wütend macht, dass ich so lange gebraucht habe, bis ich gemerkt habe, was für mich nicht stimmt. Also noch einmal: Fragt nach dem Warum. Und ändert es, verdammt noch mal.

PS: Während ich diesen Blogpost überarbeite, fällt mir etwas auf. Guckt mal:

... eigentlich hatte ich über die Arbeit schreiben wollen, die meine Woche dominiert, über das Erstellen von Unterrichtsmaterial zu Snöber und das Zusammenstellen des Workbooks, das ich für meinen nächsten Schreibworkshop bereit haben möchte.

 Merkt ihr, was da fehlt? Oh, verdammt grad noch mal.