Ich geniesse das grosse Privileg, zwei Gärten zu haben, einen im Tal unten und einen in den Bergen, wobei der Garten in den Bergen eher ein schier unzähmbarer Dschungel in einem mörderischen Steilhang ist, und der im Tal unten nicht wirklich als Garten durchgeht.
Früher, als wir den Garten in den Bergen noch nicht hatten, habe ich jeweils im Frühjahr tonnenweise Pflanzen gekauft, ein- und mehrjährige. Lange ausgehalten haben es die wenigsten mit mir. Trotzdem habe ich unverdrossen jedes Jahr neue Pflanzen gekauft, habe Unkraut gezupft, bin mit der Giesskante herumgewuselt und mir meinen Garten so schön wie in den Magazinen gewünscht. Vergeblich.
Dann kam das Haus in den Bergen, und ich habe schnell gelernt, dass ich mit der Gartenmethode aus dem Tal total auflaufe. Als mein Vater das erste Mal gnadenlos alles in der Nähe des frisch angelegten Gehwegs niedermähte, ist mein Herz vor Entsetzen beinahe stehengeblieben. Was ich mühselig gepflegt und gehätschelt hatte, war ... weg! "Wie kannst du nur?", habe ich ihn gefragt und er hat gemeint: "Das wächst schneller nach als du gucken kannst." Er war es auch, der nach dem Roden das Gehölz nicht entsorgt hat, sondern mitten im Gelände einfach zu einem Haufen zusammengetragen und liegen gelassen hat. "Da werden sich eine Menge Kleintiere drin wohlfühlen." Ich habe das anfangs nicht verstanden. Mein schönes Grün war plattgemacht und im Gelände stapelten sich unansehliche Haufen.
Es dauerte nicht lange, bis ich merkte, wie recht er in Sachen Nachwachsen hatte, und dann noch eine Weile, bis sich das mit den Stapeln herumgesprochen hatte und immer öfter so gemacht wurde. Über die Jahre habe ich gelernt, dass die Natur vieles von selbst regelt - wenn man sie lässt. Ich habe gelernt, loszulassen. Habe wachsen lassen, was wachsen wollte. Vieles davon oft im nächsten Jahr an einem anderen Ort. Ich habe aber auch gelernt, ziemlich radikal zu mähen und Bäumen unzimperlich mit der Säge zu Leibe zu rücken, Brombeerausläufer zu Dutzenden jedes Jahr aufs Neue aus dem Boden zu reissen - manchmal auch einfach abzuschneiden, weil die sowieso wieder nachwachsen. Ich habe dem Bärenklau den Kampf angesagt und reihenweise invasive Pflanzen ausgerissen oder abgeschnitten. Ich habe aus Natursteinen eine Feuerstelle errichtet, Terrassierungen und Trockenmauern gebaut, den Steilhang mit Naturtreppen aus Stein und Holz begehbar gemacht. Was wir roden (hier die wir-Form, weil die ganz grossen Arbeiten Herr Ehemann erledigt), werfen wir heute sehr selbstverständlich auf Haufen und geben damit jensten Kleintieren ein Zuhause.
Ganz gezähmt ist der Bergdschungel nicht. Im Winter rutschen manchmal Teile der Terrassierung weg, im Frühling wächst er uns regelmässig über den Kopf. Aber er ist schön, unfassbar schön in seiner Wildheit. Wenn ich "schnell" eine Runde durchs Gelände drehen will, bin ich oft erst nach einer Stunde wieder zurück. Weil es so vieles anzuschauen und zu bestaunen gibt. Und ich immer neue Ideen habe, was ich noch machen könnte. Ohne den Garten in den Bergen würde mir etwas fehlen. Sehr sogar. Die Art, wie ich in den Bergen im Garten arbeite, habe ich mit ins Tal hinunter genommen. Es wächst, was wachsen will. Ausser ein paar einjährigen Frühlingsblumen kaufe ich nichts mehr. Im kleinen Garten gedeiht und blüht es auch so. Bunt, wild, kaum gezähmt. Und wenn es von etwas zu viel wird, arbeite ich nicht "mit der Nagelschere" wie mir früher scherzhaft gesagt wurde, sondern nehme das grosse Besteck raus und schneide zurück. Unfachmännisch resp. unfachfraulich, ohne Angst, etwas kaputtzumachen. Weil mein Vater recht hatte: "Das wächst schneller nach als du gucken kannst." Und wenn es mal nicht so ist, nun, dann wächst dort eben etwas anderes.
Gärtnern, so habe ich gelernt, ist etwas für Furchtlose. Gärtnern ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenmarsch. Gärten wachsen über Jahre, Jahrzehnte, oft Jahrhunderte. Gärtnern lehrt einen Gelassenheit. Ich nehme dankbar an, was die Natur für mich einrichtet. Sie ist sowieso die viel bessere Gärtnerin als ich.
Das Einzige, das ich bedaure: Ich träume immer mal wieder den Traum der Selbstversorgerin. Aber ich kenne meine Grenzen. Und meine (Nicht)Fähigkeiten als Gärtnerin. Weshalb ich das mit dem Gemüsegarten bleiben lasse. Das eine Hochbeet, das ich mir eingerichtet habe, hat - um es nett auszurücken - sehr viel Luft nach oben. Ich beschränke mich also auf das, was abgesehen vom Giessen auch ohne mich wächst.
Nie ist der Garten so schön wie jetzt im Frühling. Ich komme gerade aus den Bergen zurück, wo ich mich stundenlang im Steilhang verloren habe, beim Arbeiten, beim Schauen, beim Staunen, beim Ideen jonglieren. Jetzt tippe ich diesen Blogpost mit Sicht auf das blühende Kleingartenleben um mich herum. Perfekte Gärten sehen anders aus als meine. Und noch immer überkommt mich beim Anblick schöner Gärten in Magazinen eine leise Wehmut. Aber seit ich herausgefunden habe, dass meine Gärten ein bisschen so aussehen wie ich, bin ich mit mir und der Gartenwelt versöhnt.



2 Kommentare:
Ein Garten,
liebe Alice,
ist wohl das Abbild von einem selbst:
Ich sehe deinen Berggarten vor mir, und er gefällt mir in seinem 'Nichtangepasstsein' ;)
Selbst mache ich 'keinen Streich' in unserem Garten im kleinen Dorf, da ich als Kind stets (zu) viel mithelfen und arbeiten musste...
Der Dorfgärtner , unterstützt von Hausmann Hanna, machen das unglaublich gut. Für mich ist der Garten ein Ort des Nichtstuns, des Schauens und Staunens.
Einen herzlichen Gruss durch den leise fallenden Regen zu dir
Hausfrau Hanna
Liebe Hausfrau Hanna
Herr Ehemann guckt auch lieber in den Garten als in ihm zu arbeiten. Ihr könntet euch bei uns in den Bergen gemeinsam vor den Stall setzen und einfach nur geniessen und schauen :-) Mich hält es höchstens eine halbe Stunde auf einer Sitzbank - ich wusle viel lieber im Garten herum und werkle mal hier, mal dort. Jeder und jede so, wie es zu ihm und ihr passt. Hauptsache Garten.
Ich grüsse zurück aus dem - noch - staubtrockenen St. Galler Rheintal.
Alice
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