Donnerstag, 12. August 2010

Nicht hart genug

Mein neues Buch wird härter und düsterer als alle andern zuvor. Ich habe mich darauf gefreut, es zu schreiben, denn wie schon in "Freerunning" experimentiere ich mit der Sprache, lote Grenzen aus, gehe ich noch weiter. Auch der Inhalt ist - so dachte ich - recht hart und düster. Nun komme ich mir vor wie eine Sonntagsschülerin, denn die Realität hat mich seit der Ausarbeitung meines Plots vor ca. zwei Jahren gnadenlos überholt. Hart war gestern. Heute ist knüppelhart die neue Gangart.

Vielleicht liegt darin auch ein Grund für meinen Durchhänger beim Schreiben. Ich habe mitten im Text bemerkt, dass ich für das Genre, in dem ich schreibe, zu wenig hart, zu wenig düster bin. Meine Kinder haben mir das ganz am Anfang gesagt. Aber ich dachte, ich könne ja nicht gleich hordenweise Leute niedermetzeln und auch der Psychoterror, dem ich meine Protagonisten aussetze, ist nicht ganz so beklemmend, wie ich es von der "Erwachsenenliteratur" her kenne. Ich scheute vor dem Kampf mit allzuharten Bandagen zurück. Nicht jugendbuchgerecht, dachte ich. Ich habe mich wohl geirrt. Nun, noch ist Zeit, einen Zacken zuzulegen. Ehrlich gesagt, kitzelt es mich richtig in den Fingern, den Text aufzumischen und ihm einen härteren Anstrich zu geben. Hans-Herrmann guckt mich schon ganz böse an.

Kommentare:

Annegret hat gesagt…

Ich denke, daß Du bei Deinem Stil bleiben solltest. Warum knüppelhart schreiben? Nur weil die anderen es auch machen?
Meine Tochter hat früher alle Hanni-und-Nanni-Bücher verschlungen. Jetzt wird Hanni-und-Nanni verfilmt und die Schule wird eher Harry-Potter-mäßig düster dargestellt. Das paßt nicht. Paßt der knüppelharte Stil zu Deinen Büchern?


Annegret

Alice Gabathuler hat gesagt…

@Annegret: Ich mag es realistisch. Und so kotzt halt in Freerunning mein Protagonist schon im ersten Kapitel in eine Blutlache, ganz einfach weil es den meisten Menschen beim Anblick einer Leiche mit aufgeschlitzter Kehle schlecht wird. Insofern passt ein etwas härterer (realistischer?) Stil durchaus zu meinen Büchern.

Kommt dazu, dass das neue Buch kein Krimi ist, sondern ein Thriller und in der Welt der Computerspiele spielt. Meine Kinder haben mich beide nur ausgelacht, als ich erzählte, ich würde für das Buch ein Spiel mit Quests (Aufgabe, die es in jedem Level zu lösen gibt) erfinden. Ich bin dann einen Kompromiss eingegangen und mein Spiel besteht jetzt aus Missionen, in denen es zwar Aufgaben zu erledigen gibt, in dem es aber auch - vom Setting des Spiels her - rauer wird. Es ist eine ständige Gratwanderung zwischen Unglaubwürdigkeit als Autorin bei den Jugendlichen (weiss die überhaupt, WAS wir spielen?) und einer nicht allzuheftigen Darstellung von Gewalt (weil es für mich halt schon Grenzen gibt) oder gar einer ungewollten Verherrlichung von Gewalt.

Zu diesem Buch, das ich jetzt schreibe, passt der (knüppel)harte Stil. Und ich gestehe: Ich mag ihn auch. Wobei ich immer noch die Grenzen suche, die ich dann meinem ureigenen Empfinden anpassen will. (Deshalb ist unter anderem "Mordsangst" nie und nimmer so hart, wie es sein könnte - obwohl ich mir schon damals lange überlegte, ob ich die Jugendgewalt in ihrer ganzen Härte wirklich schildern will).

Ich würde gerne in Zukunft Jugendthrillers schreiben, also einen Schritt weiter gehen als bei den Krimis. Härter schreiben heisst nicht, die Figuren oberflächlicher zu gestalten. Im Gegenteil. In der ganzen Härte tun sich Seelenabgründe auf. Und die habe ich ja besonders gerne. Die Thriller lassen mir dann auch mehr Freiheiten in der Stoffwahl, sprich, es könnte also auch in Richtung Science Fiction gehen (mit einer unmittelbar bevorstehenden Zukunft oder vorstellbaren Zukunftsszenarien).

Ganz wichtig: Ich will nicht härer schreiben, weil "man" jetzt härter schreiben muss. Ich würde es wirklich gerne tun - und dabei wieder neue Grenzen ausloten.

Annegret hat gesagt…

Okay, diese Aspekte habe ich nicht bedacht. Ich danke Dir für die ausführliche Antwort.

Annegret