Montag, 9. Februar 2026

UNTERWEGS


Es ist Sonntagnachmittag, ich sitze am Wohnzimmertisch in Werdenberg, schaue in den Garten hinaus, in dem es heute schon ein bisschen nach Frühling aussieht, und hänge meinen Gedanken nach. Sie mäandern in verschiedenste Richtungen, ich lasse sie gewähren, folge ihnen, wechsle mit ihnen die Richtung und vertraue darauf, dass sie irgendwann an irgendeinem Ufer das Wort der Woche finden. Und tatsächlich, da liegt es, auf einer Sandbank wie ein Stück Schwemmholz. Ich erkenne die Sandbank, sie liegt in der Rheinschlucht, durch die ich ins Haus in die Berge fahre. Und weil sie so schön ist, fotografiere ich sie jedes Mal, und manchmal stelle ich sie online in eine Insta-Story und schreibe dazu: unterwegs. Und genau das ist das Wort, das jetzt neben dem Schwemmholz liegt, mein Wort der Woche. Ich hebe es auf, meine Gedanken breiten ihre Flügel aus und tragen mich in einen weissen Märchenwald, eingehüllt in Nebel, dann weiter zur Nebelwand von letzter Woche, so dicht, dass ich aus dem Zugfenster nur Weiss gesehen habe, von dort nach Winterthur, wo der kleine Mensch wohnt, von dort weiter durch unberührte Natur, bis ich sanft lande, mein Wort vor mir ausbreite überlege, was unterwegs sein für mich bedeutet.

Ich war fast immer gerne unterwegs. Als Kind in den Bergen, im Wald, am Wasser, draussen, "verjuss", wie wir sagen. Als junge Frau oft auf Reisen, kurzen, langen und sehr langen. In verschiedenen Berufen, oft auch zwischen Berufen. In einem Leben ohne Kinder, dann mit Kindern, neu mit einem Enkelkind. Zu Fuss, mit dem Auto, mit der Bahn, im Bus, immer seltener mit dem Flugzeug, kaum je mit dem Fahrrad, einmal sogar auf einem Flussschiff und immer wieder auch einfach in Gedanken. 

Ich denke, das Unterwegssein ist auch ein Grund, weshalb ich schreibe: Ich kann mich jederzeit nach Schottland schreiben, nach Wales oder in die Yorkshire Dales, in den Frühling, wenn es Winter ist, in den Winter, wenn die Sommersonne zu heiss brennt. Wenn es mir hier auf diesem Planeten zu heftig wird, kann ich mich in eine Fantasiewelt schreiben oder mich in ein anderes Sonnensystem beamen. Dasselbe gilt fürs Lesen. Und so, wie man beim Schreiben und Lesen unterwegs sein kann, ohne irgendwohin zu reisen, kann man als Mensch unterwegs sein, zu sich selbst, von sich selbst weg, zu einem anderen selbst hin. Das kann sich wie eine Flucht anfühlen, wie ein Nachhausekommen, zuweilen wie Fliegen. Oder es kann ein Schweben zwischen Entscheidungen sein, bis man sicher ist, die richtige zu treffen. Kaum etwas ist so spannend, wie unterwegs zu sein. 

Diese Woche pendle ich zwischen Werdenberg (meinem Zuhause), Turbenthal (Lesungsort), Winterthur (zum kleinen Menschen und seiner Familie), zurück nach Werdenberg und am Ende der Woche hoffentlich wieder nach Cumbel (meinem zweiten Zuhause) - und natürlich dürfen auch die Gedankenreisen nicht fehlen. Diese Woche sind das unter anderem Ausflüge in die Gefilde der Titelsuche für da bux Bücher, nach Strassburg zu den Lost Souls und in die wundersame Ideensammelkiste im Atelier, wo wir Träume für die Zukunft weben.

Wo und wie immer ihr diese Woche unterwegs seid: Ich wünsche euch wunderbare Ausflüge und Reisen.

PS: Das Bild hat Theres Willi gemalt. Man kann solche kleinen Bildkärtchen - geometrisch oder so toll ausgerissen wie auf der Karte - übrigens bei ihr kaufen (verschiedenste Sujets) und damit wunderschöne, persönliche (Post)karten gestalten.

Montag, 2. Februar 2026

ANALOG


Sonntagmorgen, erster Februar. Gerade habe ich in meinem "Analog" Notizbuch mein Januar-Fazit gezogen. Und ich warte voller Vorfreude und Neugier auf Post vom Little Truths Studio - Ideen für einen analogen Februar. 

CUT. REWIND.

Ich muss zuerst zurückblicken. So voll im Stile einer nostalgischen Boomerin (wobei ich auf das Wort Boomerin ja allergisch bin, aber in diesem Fall trifft es wohl zu). 

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Mit allem, was dazu gehört: Rumtoben und Abenteuer in der Natur erleben, Wandern, Lesen ... Wenn uns langweilig war und wir wir unsere Mutter fragten, was wir tun könnten, war ihre Antwort immer dieselbe: "Hochsprung". Hochsprung ist für mich ein Synonym geworden für "Langeweile aushalten". Denn wer die Langeweile aushält, dem wird irgendwann so langweilig, dass er von selbst auf Ideen kommt, was er unternehmen resp. anstellen könnte.

Die grosse Welt war weit weg. Das war oft gut, manchmal mühsam und frustrierend, denn vor allem mit dem Älterwerden wurde die Welt auf dem Land halt schon mal zu klein. Ich ging auf Reisen. Immer und immer wieder. Erlebte tolle und nicht so tolle Dinge. Ich übte mehrere absolut tolle und ein paar nicht so tolle Jobs aus. Unter dem Strich waren es grossartige Erfahrungen. Verschiedene Arbeitsumfelder, andere Landschaften, andere Menschen, andere Städte und Dörfer, andere Kulturen.

Und dann kam das Internet und brachte uns die Welt ins Haus. Für mich war das ein einziger, weltweiter Abenteuerspielplatz. Eine Offenbarung. Eine wahnsinnige Chance. Aber halt auch ein Ort, an dem man sich verlieren konnte, weil es immer noch etwas gab, das man entdecken konnte, und dann noch etwas, und noch etwas ... Social Media war ein Ort, sich auszutauschen, andere Menschen kennenzulernen, sich inspirieren zu lassen. Die ideale Ergänzung zum realen Leben. Es ging noch nicht um Follower, um Likes, um Reichweite, um Monetarisierung, um Algorithmen. Es war ein fröhliches Jekami, nicht frei von Hatern, aber doch frei genug, dass jeder und jede es wagen konnte, sich, sein Leben, sein Hobby, seine Arbeit zu zeigen. Ich fand Schreibforen, in denen ich das Schreibhandwerk und alles über die Branche lernte, vom richtigen Bewerben bis hin zu den Stolperfallen und Bauchlandungen - und wie man so was überlebt und trotz allem weitermacht.

Heute scrollen wir viel zu oft dumpf durch umpfzig Beiträge, verdödeln unsere Stunden mit sinnloser Unterhaltung, die oft nicht einmal unterhält. Wäre Social Media ein Gericht, bestünde es aus sehr vielen leeren Kalorien. Doch im Gegensatz zum Essen, wo wir versuchen, uns gesund und ausgewogen zu ernähren, schlucken wir die Social Media Brocken ungekaut hinunter und leiden dann unter Verdauungsbeschwerden.

Heute Morgen habe ich mich gefragt, ob ich ich überhaupt auf Social Media wäre, wenn ich nicht Autorin und Verlegerin wäre und die Sichtbarkeit brauche, sei die Reichweite auch noch so klein. Was wäre, so fragte ich mich, wenn ich als Angestellte arbeiten würde und es mir leisten könnte, total unter dem Radar der Öffentlichkeit zu fliegen, ja, wenn ich das sogar ausdrücklich wollte. Einen Moment lang gab ich mich der Illusion hin, ich würde das problemlos schaffen. Doch dann fragte ich mich: Was, wenn ich in meiner Freizeit kreativ wäre oder ein tolles Hobby hätte? Würde ich da nicht Gleichgesinnte suchen, schauen, wie sie es machen? Von ihnen lernen wollen? Würde ich nicht meine Arbeiten, meine Fotos teilen wollen? Doch, würde ich. Ich wäre trotzdem auf Social Media. Und ich würde mir dieselben Fragen stellen, die ich mir jetzt auch stelle: 

Was macht das mit mir? Wie viel Zeit lasse ich mir vom Netz wegfressen? Wie gehe ich damit um, dass reiche Tech-Bros mich längst im Würgegriff ihrer Algorithmen haben? Dass ich manipuliert werde und mich in einer riesigen Datensammelkrake bewege? Dass in dieser grenzenlosen Freiheit nichts mehr frei ist, sondern wir alle gesteuert werden und nicht genehmen Meinungen vom Algorithmus einfach geschluckt und in einem dunklen Loch ausgespuckt werden, wo eilfertige Opportunisten alles auswerten und gegen uns verwenden? Wie soll ich mich verhalten, wenn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gerade im Sinne der Macht begrenzt wird? Aussteigen? Und ganz konkret im Fall von mir als Autorin und Verlegerin: Was bedeutet das für meine Arbeit? Ich überschätze die Wirkung von Social Media in meinem Fall nicht, habe aber trotzdem Angst, dass ich unsichtbar werde? Ganz generell: Schaffe ich den Ausstieg überhaupt? Oder hat mich das Netz am Wickel?  

Ich habe auf viele Fragen Antworten gefunden, aber noch nicht die Konsequenz, sie umzusetzen. Auf einige Fragen gibt es keine Antworten, da muss ich den Widerspruch leben. Zum Beispiel diesen: Ich will vermehrt zurück ins analoge, reale Leben und weiss doch, dass es ohne Netz nicht geht. Auch das Analog-Projekt 2026, das ich dieses Jahr umsetze, fusst auf eine Aktion im Netz. Ein Widerspruch? Ja. 

(Wichtige Anmerkung in Klammer: Josia Jourdan hat zu diesen Widersprüchen ein tolles Buch geschrieben: Fehlfunktion. Er beschreibt darin in Essays unsere Wünsche, unsere Träume, unsere Ideale und unser ganz reales Verhalten - und er stellt uns Fragen, denen wir nachhängen können.)

Zurück zu meinem Analogen Projekt: Ich bin per Zufall über einen Post vom Little Truths Studio aufmerksam geworden und fand: Yap, das hänge ich mich ran und rein. Ich habe mich angemeldet, das kostenlose Januar-Workbook heruntergeladen, in viele Einzelteile zerschnitten und jene Punkte, die ich umsetzen wollte in ein neues Notizbuch eingetragen. Dazu nehme ich Pläne und Ziele, die ich sowieso hatte und habe; vieles davon habe ich schon vorher umgesetzt; es gab Aktivitäten, die von meinem Radar verschwunden waren, die habe ich wieder aufgenommen.

Was ich mach(t)e und machen werde dieses Jahr:

Noch mehr Natur, noch mehr rausgehen, noch mehr verweilen, beobachten, wandern, gärtnern oder einfach ziellos durch die Gegend streunen.

Zeit im Atelier verbringen, zeichnen und gestalten und an unseren offenen Ateliertagen und verschiedendsten Kreativrunden ganz real Menschen kennenlernen und mich mit ihnen austauschen.

Einen Tag pro Woche mit meinem Enkel verbringen. Dieser kleine Mensch lebt im Hier und Jetzt, und weil kleine Menschen von Vorbildern lernen - Gutes und Schlechtes - bleibt das Handy möglichst aussen vor, wenn ich bei ihm bin.

Mein Bullet Journal hegen und pflegen, weil keine elektronische Agenda der Welt mir so viel geben könnte wie mein handgestaltetes Bujo.

Dasselbe gilt für Notizbücher, von denen ich mittlerweile ganze Stapel habe. Ich liebe es, von Hand zu schreiben, die Gedanken kreisen zu lassen, mit Buntstiften wichtige Wörter/Ideen hervorzuheben, einzelne Ideen zu verbinden und dabei witzige, spannende und köstliche AHA-Erlebnisse zu haben.

Mehr lesen. Natürlich lese ich enorm viel, aber es sind vor allem News, Analysen des Zeitgeschehens usw. Ich will aber wieder mehr Bücher lesen und stelle fest, dass ich allein im Januar 26 ungeheuer viel mehr gelesen habe als in den Monaten zuvor.

So oft wie möglich analog leben, mit realen Tätigkeiten im realen Leben. Mir Zeit lassen für Dinge. 

Mich weiterhin im Netz inspirieren lassen, denn wenn man die richtigen Accounts und die richtigen Menschen findet, ist das Netz eine tolle Inspirationsquelle. 

Weil ich das Netz aber nicht nur beruflich und als Inspirationsquelle nutze, sondern auch wie ein Dödel viel zu lange an Posts und Reels und Shorts und YouTube Videos hängen bleibe, will ich das Analog-Projekt nutzen, um zu lernen, wie ich den sinnlosen Konsum eindämmen kann ohne gleich ganz aus den Social Media aussteigen zu müssen.

Ich will, dass mir wieder langweilig wird. Und in diesen Langweile-Momenten, will ich nicht zum Handy greifen, sondern auf den Rat meiner Mutter hören und "Hochsprung" machen. 

Montagmorgen, 2. Februar: Ich bin so was von parat für den nächsten analogen Monat. 

Credits to:
The little Truths Studio
Josia Jourdan 

Donnerstag, 29. Januar 2026

SUCHEN


Ich bin verloren gegangen. In so vielem. Unter anderem in der Suche nach meinem Wort der Woche. Das WEF in Davos hat mich viel mehr gebeutelt, als ich es zulassen wollte. Kaputte Schutzmembran. Wahrscheinlich nicht stark genug für den Rüpel aus Amerika und all die Tech- und andere Rich-Bros (und ein paar Sis), die die Welt schamlos und jegliche Moral unter sich aufteilen und dann dafür auch noch eine Bühne bekommen. Die Schweiz hat sich wie erwartet geduckt, und ja, auch auf das war ich vorbereitet, aber dann zu erleben, wie der Rüpel als Gast verbal in unser Wohnzimmer kackt und danach verbal auf den gedeckten Tisch kotzt, und Landesregierung das einfach hinnimmt, das war dann doch ein harter Brocken, den es zu schlucken galt. Vor allem wenn man den kanadischen Premierminister gehört hat, einen der wenigen Lichtblicke.

Aber ich verliere mich schon wieder ... 

Wörter, die mir einfielen: Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, alles negative Wörter und die wollte ich nicht als Wörter der Woche. Dann kam Minneapolis, und alle Wörter, die mir einfielen waren noch negativer. Ich landete schliesslich bei "Riss". Weil durch mich - wie durch viele von uns - ein Riss geht. Da ist auf der einen Seite das Privatleben, in dem es mir sehr gut geht, auf der anderen Seite die Welt, die total aus den Fugen gerät. Ich hatte schon eine schöne Collage gebastelt, war am Sonntag parat für das Wort der Woche ... aber ich brachte es nicht über mich, am Montag mit dem Wort "Riss" in die Woche zu gehen. Kurzzeitig fiel mir das Wort Mut ein, aber das schien mir in meiner Situation unangebracht, denn mutig empfinde ich die Menschen im Iran, in Minneapolis, in der Ukraine ... 

Am Montagmorgen lief ich am Werdenberger See vorbei. Und da poppte es auf, das Wort. JETZT. Jetzt, dachte ich. Jetzt ist es Zeit, mich zu fragen, wer ich bin, welche Haltung ich habe, was ich tun werde. Jetzt ist die Zeit, der Mensch zu sein oder zu werden, der ich sein will. Mir fielen so viele Jetzt-Sätze ein, die ich in den Blog, in mein Bullet Journal, in mein Buch des Lebens schreiben wollte. Aber da war zu viel los am Montag, am Dienstag auch, also am Mittwoch, dachte ich. In den Bergen, dort, wo ich mich zurückgezogen habe, um in Ruhe zu lektorieren. 

Ich lektorierte. Bastelte nach dem Nachtessen eine JETZT-Collage. Und wieder passte es nicht. Diesmal, weil mir die Collage nicht gelingen wollte. JETZT ist ein gutes Wort. Immer. In jedem Moment des Lebens. Denn JETZT ist gleichzeitig auch immer. JETZT bietet uns in jeder Sekunde des Lebens die Chance, innezuhalten und sich zu fragen, wer man ist oder gerne wäre. 

Und während ich so am Stubentisch sass, näherte sich leise ein Wort. Es flüsterte: "Ich bin es. Ich bin das Wort, das du suchst." Ich schaute es an und sagte: "Danke. Schön, dass du den Weg zu mir gefunden hast."

Heute Morgen, genau jetzt, sitze ich am Stubentisch. Schaue aus dem Fenster. Denke an all die Dinge, die ich gesucht habe und immer noch suche. Eines davon war Schnee. Auch er hat den Weg zu mir gefunden.  

Montag, 19. Januar 2026

AUSMISTEN


Alles begann damit, dass die Küchenschublade klemmte. Zu viel Gerümpel, zu unordentlich versorgt. Also mistete ich die Schublade aus. Erste Erkenntnis: Ich muss die nächsten 50 Jahre keine Klebstreifen mehr kaufen. 

Weil es nachher so ordentlich aussah in der Schublade (und man sie nun problemlos auf- und zumachen kann), machte ich gleich mit dem Sideboard im Wohnzimmer weiter, mit den Badezimmerschubladen, mit der Bastelkommode im Arbeitszimmer ... Mittlerweile hat mich das Ausmistvirus voll gepackt. In den nächsten paar Wochen will ich durch alle Schränke und Kommoden. Vor dem Dachboden habe ich ziemlich viel Respekt, aber auch den will ich dieses Jahr gnadenlos entrümpeln.

Während ich ausmiste, entdecke ich kleine Schätze, die im Zuviel untergegangen sind, vor allem in der Bastelkommode habe ich solch tolle Dinge gefunden, dass ich mich am liebsten gleich hingesetzt und mit einer neuen Arbeit begonnen hätte. Zu den Entdeckungen gehörten unter anderem Scheren, jede Menge Scheren. Dabei musste ich vorher oft durch verschiedene Räume rennen, wenn ich wirklich eine brauchte. Zweite Erkenntnis: Es hat so viele Scheren bei uns im Haus, dass ich - theoretisch - in jedem Raum mehrere aufbewahren könnte und nie mehr eine suchen müsste .

Eine noch viel wichtigere Erkenntnis: Ausmisten tut gut. Aber wem sage/schreibe ich das. Alle von euch, die regelmässig ausmisten, hätten mir das längst sagen können. Wenn man sich dabei genügend Zeit lässt,  kann man staunen, sich wundern, lachen, nachdenken, sich erinnern, singen, sortieren, neu ordnen ...

Ausmisten ist auch Loslassen. Da sitzt man dann da und muss abwägen: Will ich das noch einmal 20 Jahre aufbewahren, ohne je einen Blick reinzuwerfen oder bin ich bereit, mich davon zu trennen. Mir tut das bei allem weh, das mit unseren Kindern zu tun hat. Ich weiss, dass sie mich auslachen würden. "Mam, weg damit", würden sie sagen, aber hey, diese Dose in der ein Vogel sitzt und drauf steht Mamavogel - die stelle ich jedes Mal wieder aufs Regal zurück, auch wenn sie dort überhaupt nicht hin passt. Ich fürchte, ich gehöre zur sentimentalen Sorte. Bei den Kinderzeichnungen habe ich vor ein paar Jahren schon mal auf ein Minimum reduziert und die coolsten auch fotografiert. Kein Mensch wird je was mit ihnen anfangen können, nicht einmal ich gucke mir die mehr an, aber ... ach je ... Gelegentlich bin ich neidisch auf Menschen, die recht unsentimental alles wegwerfen können.

Das Irre ist ja, dass ich manchmal davon träume, in einem Tiny House zu wohnen. Dabei würden alleine meine vielen Notizbücher und Stifte das halbe Haus füllen, und wohin ich mit all meinen angesammelten Schätzen gehen würde, weiss nicht einmal der Himmel ... 

Ausmisten ist nicht zuletzt auch eine gnadenlose Konfrontation mit einem selbst. Da gibt es keine Ausflüchte mehr. Man findet heraus, was einem wirklich wichtig ist, ob man Prioritäten setzen kann und wenn ja, wo die liegen.   

Ausmisten stand auf keiner einzigen meiner To-Do-Listen. Es war schon gar kein Vorsatz fürs neue Jahr. Die Küchenschublade klemmte. So harmlos fing es an. Dazu kommt, dass meine Morgenmailfreundin Jutta seit Wochen ausmistet und mir immer mal wieder davon erzählt. Ich finde alles, was sie mir schreibt, ungeheuer spannend, wäre jedoch nie auf die Idee gekommen, es ihr gleichzutun. Ich bedanke mich hiermit offiziell bei meiner Küchenschublade, werfe dem Mamavogel in der Dose einen liebevollen Blick zu und winke in Richtung Hanau zu Jutta Wilke. Tschakka. 

Montag, 12. Januar 2026

LESUNGEN


Heute bin ich offiziell ins Lesungsjahr 2026 eingetaucht, an einer Schule ganz in der Nähe, von der ich seit vielen Jahren regelmässig eingeladen werde. Drei Lesungen, jede genial schön, mit Jugendlichen, die gut vorbereitet und voller neugieriger Fragen waren, und mit herrlich unkomplizierten Organisatorinnen, die die Leselogistik wunderbar einfach machten. Besser hätte mein Lesungsstart nicht ausfallen können.

Generell bereiten mir Lesungen immer noch riesigen Spass und grosse Freude. Bei jeder bin ganz im Augenblick, nehme nie eine Abkürzung, auch nicht bei Fragen, die ich schon unzählige Male gehört habe. Beim Vorlesen wird mir sowieso nicht langweilig, denn aus welchem meiner Bücher ich vorlese, entscheiden die Jugendlichen, stets in urdemokratischen Abstimmungen (halt so richtig auf die Schweizer Art). So durfte ich zum Beispiel heute aus drei verschiedenen Büchern vorlesen (#no_way_out / Dunkelwind / Krawallnacht). 

Früher konnte ich schon mal sieben Wochen am Stück auf Tour gehen, heute hätte ich keine Chance mehr. Meine inneren Batterien brauchen länger, bis sie wieder geladen sind. Das ist eine Realität, die ich akzeptieren muss und auch problemlos kann, nicht zuletzt, weil ich nicht als alte, ausgebrannte Autorin enden will, die ihr Programm seelenlos ohne Kraft und Energie durchzieht. Das hätten die Jugendlichen nicht verdient, und vor allem würde ich mich selbst nicht mehr mögen, wenn ich das täte. 

Ich versuche deshalb schon längerem, meine Kräfte realistisch einzuteilen: da bux Verlagsarbeiten, Enkelhütedienst, schreiben, Lesungen ... und dann gibt es ja auch noch das Privatleben, in dem ich mich gerne in verschiedensten kreativen Bereichen austobe. Dabei gelingt es mir jedes Jahr etwas besser, eine gute Balance zwischen alledem zu finden. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich 2026 den perfekten Mix erreiche.

Montag, 5. Januar 2026

SCHREIBRUNDE

Es gab Zeiten, in denen mir meine Schreiblust abhanden gekommen war. Zeiten, in denen ich aufgeben und meinen Beruf als Autorin an einen verdammten Nagel möglichst weit weg von mir hängen wollte und mir wünschte, ich wäre Landschaftsgärtnerin geworden. Oder sonst irgendwas, aber einfach nicht Autorin. Das Schreiben wurde zum Krampf und Kampf, die Freude am Beruf machte Ferien auf einem anderen Planeten. Stets war es die Familie, die mich aufgefangen hat, dieser sichere Hafen, in dem ich alles sein konnte und durfte, auch eine verzweifelte, traurige, wütende, hadernde Autorin. Ich erinnere mich an meine erste Krise, in der ich mich verlor und am Ende das Selbstbewusstsein eines kleinen Regenwurms hatte (vielleicht tue ich den Regenwürmern dieser Welt mit diesem Vergleich Unrecht). Sie führte dazu, dass ich sämtliche Verbindungen kappte, die mir nicht guttaten, und in einem langen Prozess wieder zu einer Autorin mit Selbstachtung wurde. 

Meine Arbeit für den da bux Verlag hat mir die Freude an meinem Beruf zurückgebracht. Ich bin dort nicht nur Verlegerin, sondern auch Autorin, bestens aufgehoben in einem wunderbaren Team, das mir ideale Arbeitsbedingungen ermöglicht. Der Verlag ist mein zweiter sicherer Hafen geworden.

Und dann kam die Schreibrunde. Geboren aus reinem Trotz. Ein Lesungsveranstalter sagte zu mir: "Für mich lesen die Leute auch gratis." Und ich dachte mir: "Was ich gratis mache, entscheide ganz alleine ich." Also habe ich entschieden - und die Bibliothek Buchs gefragt, ob ich bei ihnen eine Schreibrunde starten kann. Dass jemand auftauchen würde, hatte ich gehofft, aber nicht damit gerechnet. Es spielte keine Rolle. Notfalls würde ich allein am Tisch in der Bibliothek sitzen und einfach für mich schreiben.

Es kam anders. Eingetrudelt ist schon am ersten Abend eine wild gemischte Gruppe von Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und trotzdem hat alles gepasst. Ich ging mit einer ungeheuren Leichtigkeit nach Hause, motiviert, mit einer Schreiblust wie ganz am Anfang meines Autorinnenlebens. Alles war möglich. Nichts war Müssen, alles war Dürfen. Und Wollen. Ich wollte schreiben. Schreiben, schreiben, schreiben. Neue Ideen ausprobieren. Experimentieren. Mit Buchstaben und Wörtern jonglieren und tanzen. Die Schreibrunde wurde zur Spielwiese, zum Begegnungsort, zur Motivations- und Inspirationsquelle. 

Diese Woche findet die erste Schreibrunde 2026 statt. Wir sind jetzt im vierten Jahr, immer noch der gleiche wunderbar kreative, schreibfreudige, esslustige, wild experimentierende, Ideen und Erfahrungen austauschende Haufen. Wir unterstützen uns gegenseitig, feuern uns an, freuen uns füreinander und stecken auch mal Negatives gemeinsam weg - was meistens in Lachen endet, weil ärgern nichts bringt, und weil wir wissen, dass es weitergehen wird, dass Scheitern dazugehört und neue Türen öffnet. Teil dieser Gruppe zu sein ist ein grosses Geschenk. 

Im Laufe der drei Jahre, in denen wir uns jeden ersten Donnerstag im Monat treffen, habe ich meinen Platz als Autorin gefunden, weiss ich ganz genau, dass ich schreiben will und werde. Mehr noch: Aus dieser Gruppe ist ein Atelier erwachsen, der Ort, wo ich zum Schreiben hingehe. 

Irgendwo da draussen steckt in irgendeiner Wand der Nagel, an den ich meinen Beruf hängen wollte. Wer ihn findet, hänge bitte irgendwas Schönes dran, ich brauche ihn nicht mehr. 

Montag, 29. Dezember 2025

AUFBRUCH



Ich liebe Tagesanfänge, Wochenanfänge, Monatsanfänge und natürlich Jahresanfänge. Sie fühlen sich an wie Aufbrüche, und jeder dieser Aufbrüche ist eine Chance, das Leben frisch anzugehen, im Kleinen wie im Grossen. Und ja, natürlich ist vieles Routine, nehmen wir oft zuerst einmal das nicht Erledigte mit in den neuen Tag, die neue Woche, den neuen Monat und ins neue Jahr, schleppen wir Altlasten mit uns rum, drehen uns im Kreis, werden zu Pragmatikerinnen, das Leben fliesst nun mal, wir haben unsere Verpflichtungen, nicht selten zu volle Terminkalender, hetzen der Zeit hinterher. All das hält mich nicht davon ab, jeden Tag neu zu beginnen. Meistens an einem Tisch, sei es der Tisch in der Küche in Werdenberg oder der Stubentisch in Cumbel, immer mit Kaffee, oft mit meinem Bujo, noch öfter mit dem Laptop, auf dem ich als erstes eine Morgenmail an Jutta schreibe, eine lieb gewonnene Gewohnheit, die mir gleichzeitig hilft, meine Gedanken zu sortieren. 

Bevor ich über meinen Aufbruch ins neue Jahr berichte, ein kurzer Blick zurück auf 2025, das Jahr, in dem sich für mich neue Wege/Trampelpfade aufgetan haben:

Ich durfte das Wunder miterleben, einen kleinen Menschen heranwachsen zu sehen und dabei zu erfahren, wie die Zeit die Dimension wechselt, wenn man sie mit einem Kleinkind verbringt. Mittwoch ist Enkelhütetag - der Tag, in dem dem die Uhren anders ticken, wo nur das Hier und Jetzt zählt, und das Herz vor Liebe überquillt. 

2025 ist das Jahr, in dem ich eines der tollsten Schreibprojekte meines Lebens verwirklichen konnte. Entstanden ist das Buch "Dunkelwind", das in sehr enger Zusammenarbeit mit einer Schulklasse herangewachsen ist. Ein Höhenflug, den ich sehr genossen habe und der mich zu anderen Schreibprojekten inspiriert hat. 2025 ist auch das Jahr, in dem wir vom da bux Verlag gefeiert haben: 10 Jahre da bux. So viel Glück, so viel Anerkennung, so viel Wertschätzung. Das Gefühl, Teil von etwas echt Gutem, Sinnvollen zu sein, etwas, das bis tief ins Innere befriedigt und glücklich macht. Beides - das Buchprojekt und der Verlag - hat mich darin bestätigt, wie wichtig berufliche Erfüllung ist, hat mir aufgezeigt, wohin mein Weg gehen kann, wenn ich meinen Wünschen und Träumen folge. Und so war es wahrscheinlich kein Zufall, dass 2025 aus der Schreibrunde ist ein Atelier gewachsen ist, in dem ich nicht nur schreibe, sondern mit Farben experimentiere und ganz viel Neues ausprobiere. 

In wenigen Tagen breche ich ins Jahr 2026 auf. Neugierig, mit viel Freude und Begeisterung, mit alten und neuen Wünschen und Träumen (und den ewig gleichen Vorsätzen, die mich längst nur noch auslachen, wenn ich sie wieder hervornehme). Ich werde das Jahr betreten wie Neuland, eine frisch verschneite Wiese, auf der ich Spuren ziehen kann. 

2026 wird das Jahr, in dem ich mein Rentenalter erreiche, ohne Absicht auf ein Aufhören. 2026 möchte ich mich weiter kreativ ausleben: mit Schreiben, mit Zeichnen, mit Gestalten. Im Atelier, in Werdenberg, im Haus in den Bergen, in der Natur. Das Schreiben wird ein Teil von mir bleiben, ob und wie ich noch veröffentliche, wird sich zeigen. Schreiben wird zur Kür, ohne Pflichten, ohne Verträge, ohne Deadlines. Es wird seinen Platz haben nebst dem Zeichnen, Malen, Collagen gestalten, im Garten rumwuseln, fotografieren, worauf immer ich halt gerade Lust habe. Anders gesagt: Aus meinem Autorinnenleben wird generell ein Kreativleben, in dem ich viel Neues ausprobieren werde. 

2026 wird Jahr elf beim da bux Verlag. Offiziell hat das Produktionsjahr 26 schon am 1. Dezember 2025 begonnen: Mit dem Lektorat der vier neuen Geschichten. Ich freue mich darauf, den Prozess mitgestalten zu können, mitzuerleben, wie aus Texten Bücher werden. Im Gegensatz zu meinem Kreativleben, in dem ich mir keinen Stress und keinen Druck machen möchte, ist das da bux Verlagsjahr terminlich exakt durchgetaktet, was mir zu meiner grossen Freude tatsächlich Spass macht, weil es mich auf eine gute Art herausfordert.

2026 wird der kleine Mensch weiter wachsen und ich darf ihn dabei einmal die Woche begleiten. Ich erlebe mit, wie sich Sprache entwickelt und formt, wie sich aus "Gaidagaidagaidagai" und anderen herrlichen Lauten Wörter bilden, irgendwann dann auch Sätze. Der kleine Mensch wird meiner Zeit weiterhin eine total andere Dimension geben; was ich 2025 mit dem kleinen Menschen über das Hier und Jetzt gelernt habe, möchte ich weiterverfolgen und ausbauen, nicht nur an den Tagen, die ich mit ihm teilen kann. 

Ich freue mich auf den Aufbruch ins Jahr 2026. Ich bin neugierig darauf, was die Frau, zu der ich geworden bin, aus ihren Wünschen und Träumen machen wird. Dieser Post ist ein Anfang. Ich werde 2026 Wörter sammeln und jede Woche eines dieser Wörter zum Wort der Woche machen. "Aufbruch" ist das erste davon.

Wie brecht ihr ins neue Jahr auf? Mit welchen Wünschen, welchen Träumen? Welches Leben möchtet ihr Leben? Wohin soll eure Lebensreise 2026 gehen? 


 PS: Den Neuschnee suche ich noch ... Aber er wird kommen. Bestimmt.

Sonntag, 7. Dezember 2025

Leben, hier und jetzt

 
Eine unvollständige Liste, random Order:

Enkel hüten.
Lesungen.
Familie.
Schreiben.
In die Berge fahren.
Zuganschlüsse knapp schaffen.
Die Schönheit der Rheinschlucht in mich aufnehmen.
Küchenfliesen streichen.
Lektorieren.
Schreibrunde.
Zeichnen.
Im TaK in Schaan Bauklötze staunen (Katharina Thalbach)
und in Musik versinken (The Beauty of Gemina).
Eine Schallplatte kaufen.
Den Vögeln vor dem Fenster zusehen.
Lesen.
Kochen. Essen.
Gute Gespräche.
Weihnachtsgeschenke einpacken.
Bujo gestalten.
Verweilen.
An der Politik verzweifeln.
Mich weigern, an der Politik zu verzweifeln.
Spotify kündigen, aus Gründen.
Mehr offline.
Weniger online.
Zum Fenster raus schauen.
Lernen.
Musik hören.
Im Hofladen einkaufen.
Alt werden.
Vögel füttern.
Am Küchentisch sitzen.
Morgenmails schreiben.
Lieben.
Und immer wieder Familie.

Und du? 

Sonntag, 16. November 2025

Das Projekt und die Zeit


"Ich werde berichten." So hören meine Blogpost manchmal auf. Heute ist so ein "Ich werde berichten"- Tag. Und zwar von meinem Schulbesuch in der Klasse, die mein längst vergriffenes Buch Das Projekt gemeinsam liest.

2008. Das ist das Erscheinungjahr von Das Projekt. Im Vorfeld hatte ich der Lehrerin geschrieben, dass das Buch aus der Zeit gefallen ist; sie liess sich davon nicht abschrecken und bestellte Nachschub aus meinem kleinen verbliebenen Vorrat, um genügend Exemplare für alle zu haben. Ich bat sie, der Klasse zu sagen, dass ich mich auf die Lesung freue und gespannt bin, wie sie die Geschichte (emp)finden.

Ich hatte Glück: Die Lesung war nach der grossen Pause, und so hatte ich in der Pause Gelegenheit, mit der Lehrerin über ihre Wahl der Klassenlektüre zu reden. Sie erklärte mir, weshalb sie das Buch gewählt hat.

Sie hat es als Jugendliche selber auf der Oberstufe als Klassenlektüre gelesen und es hat ihr sehr gut gefallen. Dass das Buch in die Jahre gekommen ist und einige wichtige Dinge im Setting so nicht mehr stimmen oder passen, stört sie nicht, im Gegenteil. Die Geschichte sei in einer Sprache geschrieben, die auch heute noch funktioniere. Und: Die Jugendlichen lesen das Buch im Bewusstsein, dass die Geschichte schon vor einiger Zeit geschrieben wurde.

Die Lesung war extrem spannend, aber mit 45 Minuten viel zu kurz. Zudem nahmen zwei Klassen an der Lesung teil, die einen hatten gerade Krawallnacht gelesen, die anderen steckten am Anfang der Lektüre von Das Projekt. Damit blieb nach dem Erzählen über die Entstehungsgeschichten der Bücher zwar noch Zeit für Fragen, aber halt längst nicht alle. 

Für mich spannend: Die Jugendlichen mögen die Geschichten. Dass beide etwas älter sind, die eine 17 Jahre, die andere 6 Jahre. Für mich ist das eines der grössten Komplimente, die ich bekommen kann, denn diese Rückmeldungen bedeuten, dass ich zeitlos schreibe. Das zweite Riesenkompliment erreichte mich nach der Lesung per Mail:

"Nach der Vorlesung kamen wir noch schnell nach vorne, um uns zu bedanken. Mit dieser Mail wollten wir uns noch ausführlicher bedanken. Sie haben mit Ihrer Rede aus unseren Seelen gesprochen, da wir in der Freizeit, selber gerne schreiben. Sie haben uns sehr inspiriert und motiviert. Das Buch das wir momentan lesen, Das Projekt, gefällt uns sehr, und wir wollen unseren Schreibstil an diesem Buch orientieren. Danke, dass Sie gekommen sind und uns motiviert haben mehr zu schreiben." 

Danke! 

Freitag, 7. November 2025

Erkenntnisse


Erkenntnisse der letzten drei Wochen, wild durcheinandergewürfelt: 

1. Zwei Wochen Lesetour mit 28 Lesungen sind machbar, aber extrem anstrengend, zu anstrengend für mich, auch wenn schlicht alles stimmt. Die Tour durch den Kanton Uri war bestens organisiert, die einzelnen Lesungen haben Spass gemacht, die Jugendlichen und ihre Lehrkräfte waren sehr gut vorbereitet. Es war einen Versuch wert, vor allem, weil die Bedingungen einfach von A bis Z stimmten. In Zukunft werde ich, falls überhaupt, höchstens eine Woche auf Tour gehen und das auch höchstens ein Mal pro Jahr. Und ich setze meinen Vorsatz um, pro Woche nur einen Lesungstag einzuplanen. Zudem wird es Monate geben, an denen ich gar keine Lesungen machen werde.

2. Man muss einsehen, wenn etwas keinen Sinn macht, auch wenn es weh tut. In meinem Fall: Unterrichtsmaterial zum Mittelstreifenblues zu erstellen, zumindest so lange das Buch ein Cover hat, das Jugendliche schlicht und einfach weder anspricht noch interessiert. Vielleicht auch später nicht, selbst wenn ich irgendwann die Buchrechte zurückbekomme und das Buch mit einem anderen Cover herausgebe. Noch vor kurzem war ich entschlossen, gegen alle Vernunft Unterrichtsmaterial zum Buch zu kreieren. Aber das bringt nichts. 

3. Arbeiten in einem Atelier, gemeinsam mit anderen Kreativen, ist beflügelnd. Dabei kann man durchaus schweigend gemeinsam am Tisch sitzen und still für sich arbeiten. Aber auch aufstehen, sich eine Tasse Kaffee machen und eine kurze Schwatzpause einlegen.

4. Zeichnen ist eine wunderbare Möglichkeit, Langsamkeit in sein Leben zu bringen. Ich fange meine Atelierzeit mit einer Zeichnung an, etwas, das ich mir noch vor ein paar Monaten schlicht nicht hätte vorstellen können. 

5. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu versuchen. 

6. Dafür ist manchmal der Zeitpunkt für das schmerzhafte Einsehen, dass Altes nicht mehr so rund läuft: Meine Beinmuskulatur trägt mich nicht mehr so weit die Berge hoch, wie ich es gerne hätte. Schweren Herzens habe ich den Traum von einer Wanderung in den Heinzerbergen und zu den Suretta Seen aufgegeben. Zumindest für dieses Jahr. Ich, respektive meine Beine schaffen das im Moment nicht. Älter werden kann total unwitzig sein. 

7. Analog leben schärft die Sinne und bringt sehr viel Ruhe in den Alltag. 

9. Schreibrunden, also das Schreiben in der Gruppe, aktiviert die Lachmuskeln, schenkt Energie, Mut und Zuversicht und füllt den Energiespeicher in einem Abend wieder auf 100 Prozent.

10. Ich bin und bleibe eine Bullet Journal Frau. Kurz habe ich darüber nachgedacht, 2026 auf eine normale Jahresagenda zu wechseln, doch als ich mir überlegt habe, was ich alles für meine Planung brauche, blieb nur das Bullet Journal.

PS: 11. Die alte Aula von Bürglen ist eine der schönsten Aulen, die ich je gesehen habe. Sie wird ganz bestimmt einmal in einem Buch von mir vorkommen. 

Sonntag, 19. Oktober 2025

Auf Lesetour im Kanton Uri

 
(Hochmoor Rothenthurm)

Heute Morgen habe ich meine Sachen zusammengepackt, am Nachmittag bin ich nach Altdorf im Kanton Uri aufgebrochen. Unterwegs reichte die Zeit für einen Spaziergang im Hochmoor bei Rothenthurm. Ein Traum in Herbstfarben! 

Im Gegensatz zu früheren Touren habe ich mich in einer Ferienwohnung eingemietet, die gemütlicher nicht sein könnte. Kein Hotelzimmer, in dem mir die Decke auf den Kopf fällt, kein Arbeiten an einem Tisch irgendwo an einer seelenlosen Wand oder auf dem Bett (weil mir der Tisch an der Wand nicht behagt). Die Wohnung hat eine riesige Wohnküche mit drei Fenstern und einem grossen Tisch, an dem ich arbeiten kann. Wenn ich mich erholen will, wechsle ich auf das Sofa in der gemütlichen Wohnstube. Egal, aus welchem Fenster in der Wohnung ich schaue, überall sind Berge. So schön. Und unter uns gesagt, einer der Hauptgründe, warum ich für diese Lesetour zugesagt habe.

Altdorf wird die nächsten zwei Wochen zur Heimbasis, die Lesungsorte sind alle in der Nähe, also auch keine endlosen Bahn- und Busfahrten. Der Lesungsplan ist propevoll. 28 Lesungen in zwei Wochen, jeweils drei Lesungen am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag (zwei am Vormittag, eine am Nachmittag), am Mittwoch jeweils zwei. Obwohl ich ein wenig Bammel vor so vielen Lesungen habe, freue ich mich sehr darauf. Im Blogpost nächste Woche werde ich berichten, was ich so alles erlebt habe.

Erst einmal lebe ich mich hier ein und schraube mich dann morgen nach Andermatt hoch.  

Sonntag, 12. Oktober 2025

Mittelstreifenblues für Schulen

Manchmal tut es noch weh, dieses leise Untergehen eines Buches, das mir so viel bedeutet. Dann denke ich an die tollen Rezensionen, den wunderbaren Preis, die herzerwärmenden Rückmeldungen und sage mir, dass all das die ganze Arbeit und das Herzblut wert gewesen sind. "Ist halt so", sage ich mir. "Gehört zum Beruf", sage ich mir. "Abhaken, weitermachen, neue Bücher schreiben."

Und dann gibt es diese Momente in denen mein Kampfgeist erwacht. "Verdammt", sagt der zu mir, "wenn dir das Buch so viel bedeutet, MACH WAS." Meistens poste ich dann was in den Social Media, etwas, das wenn immer möglich mit etwas Witz oder zumindest guten Bildern daherkommt. Der Erfolg solcher Aktionen ist allerdings mehr als überschaubar.

Vor ein paar Monaten hat sich eine Lehrerin bei mir gemeldet. Sie überlegte sich, Mittelstreifenblues zur Klassenlektüre zu machen und mich zu einer Lesung einzuladen. Weil ich weiss, wie wichtig für Lehrpersonen Unterrichtsmaterial zu einem Buch ist, verwies ich auf das Material, das es bereits gibt. Am Ende scheiterte das Ganze an zwei Faktoren: Die Lehrerin fand das Unterrichtsmaterial unbrauchbar (womit sie leider nicht unrecht hat), und das Buch war ihr zu teuer. 

Ich bin überzeugt, dass Mittelstreifenblues ab der neunten Klasse eine tolle Klassenlektüre ist; ich weiss, dass Schulen, die Klassensätze bestellen wollen, beim Verlag auf sehr offene Ohren stossen. Und Unterrichtsmaterial kann ich - für den da bux Verlag gestalte ich jedes Jahr mindestens zu zwei Büchern Arbeitsblätter.

"Siehst du", rief mein Kampfgeist, "selbst ist die Frau. ALSO MACH SCHON." 
"Ist ja gut, antwortete ich, "ich hab's gehört. Und ich mach's." 
Diese Woche habe ich mit der Planung begonnen. Ich orientiere mich dabei am da bux Unterrichtsmaterial, dem Material, dass der Verlag an der Ruhr damals zu meinem Buch dead.end.com gemacht hat, und an Material zu Jugendbüchern, das ich online gefunden habe. 

An dieser Stelle folgt mein mittlerweile bekanntes Versprechen: Ich werde berichten. 

Sonntag, 5. Oktober 2025

Aus der Zeit gefallen


Kürzlich habe ich jemandem erklärt, warum ich mein Buch Das Projekt nicht im Self Publishing neu aufgelegt habe, obwohl ich das Buch und vor allem die Figuren immer noch sehr liebe. Es liegt also weder an den Gefühlen noch den Lebensumständen meiner Figuren. Der Grund ist ein anderer: Ich denke, das Buch ist aus der Zeit gefallen, das Leben und das Umfeld der heutigen Jugendlichen haben sich zu sehr verändert, zu vieles könnte ihnen zu fremd sein.

Einen Tag nach diesem Gespräch hat Herr Zufall zugeschlagen. In meiner Inbox lag eine Mail einer Lehrperson, die genau dieses Buch als Klassenlektüre lesen möchte, nicht zuletzt, weil sie es als Jugendliche als Klassenlektüre gelesen und sehr gemocht hat. Da das Buch seit Jahren vergriffen ist, fragte sie mich nach meinem Notvorrat an Büchern und tatsächlich hatte ich noch genügend Exemplare. Ich erzählte der Lehrperson von meinem Gespräch, davon, dass ich denke, dass das Buch aus der Zeit gefallen ist. Und dass ich mich sehr auf die Lesung freue, bei der ich mit den Jugendlichen darüber diskutieren möchte, wie sie das empfinden. Wo sie denken, ihre Lebensrealität sei eine ganz andere, und wo sie sich wiedererkennen. Was ihnen weit weg scheint und was ganz nah. 

Das war immer das, was mich an diesem Buch fasziniert hat: Zu keinem anderen Buch gab es die spannenderen Diskussionen als zu diesem. Eine Klasse meinte, der Spannungsbogen sei so was von falsch (womit die Klasse völlig richtig lag). Eine andere fand die Figuren zu klischeehaft, was zu einem längeren Gespräch führte, weil die Antwort nicht ganz eindeutig ist. Auf den ersten Blick ein Ja, auf den zweiten auch ein Nein, was zu einem generellen Gespräch über Figuren in Jugendbüchern führte. Spannend auch, wie sich die Wahrnehmung der Namen im Laufe der Zeit änderte.  

Eine Anmerkung für Lehrpersonen, die hier mitlesen: Mein Buch Mittelstreifenblues ist die perfekte Alternative zu Das Projekt. Ein Buch über Freundschaft, Liebe, Loyalität und sich selber sein, selbst wenn das es schier unmöglich scheint. Auch ein Buch über Landflucht und einen fairen Tourismus. Ein Buch, das in den Bergen spielt, dem Sehnsuchtsort vieler Städter. Und weil die grossen Gefühle universell sind, können es Leute aus der Stadt und der Agglomeration genauso gut lesen wie die Menschen in den Bergen.

Die Schachtel mit meinen (fast) letzten Exemplaren ist unterwegs zu der Schulklasse, die ich im November treffe. Ich bin sehr gespannt auf die Lesung. Und natürlich gilt wie immer: Ich werde berichten.

 

Sonntag, 28. September 2025

Starke Texte - starke Frauen


Es war Mitte September, aus einem strahlend blauen Himmel brannte die Sonne auf den Hotelgarten in Sils. Heiss war es, viel zu heiss für die Jahreszeit. Und das kurz vor halb fünf, in diesem Schweizer Hochtal, von dem die Autorin Romana Ganzoni einmal gesagt hat: "Der Sommer im Engadin findet an einem Augusttag statt - ausser es schneit an diesem Tag." Auf dem Rasen stand ein hoher Tisch, links und rechts ein Barstuhl. Auf der Terrasse versammelten sich die Menschen, setzten sich, suchten Zuflucht unter Sonnenschirmen. 

Herr Ehemann und ich waren am Morgen im T-Shirt auf knapp 3'000 Metern unterwegs gewesen, waren auf der Fuorcla Surlej in der Aussicht auf die Bergewelt beinahe ertrunken, dann über Hochebenen, Steinhalden und an Seen vorbei zurück ins Tal gewandert, eine gelb-grau-braun-grün-rote Pracht von vollendeter Schönheit, wild und sanft zugleich. Die Höhenmeter steckten in den Beinen, zusammen mit den Höhenmetern vom Vortag. 

Jetzt sassen wir da, in einer Bergkulisse, schon fast kitschig schön, und warteten. Der Grund: zeit:fluss, ein neues Kulturfest im Engadin, "Die Bergführerin" der Titel der Lesung, in der Romana Ganzoni und Franziska von Fischer uns durch verschiedene Texte führen würden. Ich schaute mir die Barhocker an und dachte: Auch das ist eine Art Bergbesteigung, eine, an der ich kurzbeinige kleine Frau ziemlich grandios scheitern würde. Aber die beiden Frauen schwangen sich elegant auf ihre Stühle, schauten einander noch einmal an, dann begann Romana Ganzoni zu lesen, aus einem Text, den sie eigens für diesen Anlass geschrieben hatte.

Ihr Text floss durch die Zeit, ein mäandernder Fluss, der sich seinen Weg von Celerina bis nach Italien bahnte, wild und rau und gleichzeitig poetisch schön. Wir fuhren mit ihr die Strasse nach Pontresina entlang, dann aufwährts in Richtung Hospiz, die Kurven sauber ausfahrend, den Blick auf das Blau des Himmels, dieses trügerische Blau, unter dem in den Achtzigerjahren junge Menschen aus dem Engadin den Drogentod starben, elend und allein. Ich sah den kleinen Jungen auf der Schaukel, der sich in Richtung Himmel schwang und nie alt werden würde, ich weinte um diesen Menschen, den ich nie gekannt hatte. Dachte an "Die Torte", das Buch, das Romana für unseren da bux Verlag geschrieben hat, in dem junge Menschen mit den heutigen Todesdrogen experimentieren. Im Buch endet das Leben einer Jugendlichen an einer Bushaltestelle - und man merkte beim Vorlesen, wie sehr Romana die Geschehnisse immer noch unter die Haut gehen. Ich hing den Schicksalen nach und war Romana dankbar, dass sie die Engadiner Berge nicht einfach zu einer schönen Kulisse für schöne, perfekte Leben machte.

Franziska von Fischer las aus kurz dem Buch von Nicole Niquille, der ersten Bergführerin der Schweiz, danach aus einem Dokument von Henriette d'Angeville, die nicht ganz als erste Frau auf dem Mont Blanc stand, aber als erste, die die ganze Besteigung auf eigenen Füssen gemeistert hatte. Kein Hochziehen, kein Tragen, ein Gipfelaufstieg unter unmenschlichen Schmerzen. Vorbereitet war sie gewesen. Hatte trainiert, schaffte die ersten 90 Prozent so gut, dass sie dachte, es sei fast ein wenig zu leicht, und ging in den letzten 10 Prozent durch die Hölle. Ein paar Schritte, dann bleiernde Müdikeit, Kraftlosigkeit, ein kurzer Schlaf, von einer bis zwei Minuten, wieder ein paar Schritte, bleierne Müdigkeit, ein kurzer Schlaf, die nächsten paar Schritte, bleierne Müdigkeit, ein kurzer Schlaf ... der Schmerz war aus jedem Wort herauszuhören. Man wollte rufen "Gib auf, dreh um, das ist es nicht wert", doch Aufgeben war für Henriette keine Option. 

Ich erinnerte mich, wie ich mich am Vortag einen Steilhang hinaufgequält hatte, mit schmerzenden Oberschenkeln, ein Knorz und ein Krampf und ich schämte mich beinahe ein wenig angesichts der Qualen, durch die Henriette gegangen war. Kurz vor dem Gipfel bot man ihr an, sie die letzte Strecke zu tragen - sie weigerte sich. Stapfte weiter, erreicht den Gipfel, um 13.25 Uhr am 3. September 1838, hieb ihren Wanderstab ins Eis und schrieb ihr Motto in den Schnee: "Vouloir c'est pouvoir" (Wollen ist können). Dass sie auf dem Gipfel eine Stunde lang Briefe schrieb und eine Brieftaube fliegen liess, das passt zu dieser Frau, die genau wusste, was sie wollte.

Romanas Textluss mäanderte weiter, auf den zugefrorenen See. Türkisfarben. Und der Wind kam auf, trug uns nach Italien, zu den Farben, dort, wo Gelb eine schöne Farbe ist, mit dem Lift nach oben, über die Stadt. Ich stand auf dem See, unter mir das Eis, vor mir die italienische Stadt, ich lauschte den Worten, und es gab nichts Schöneres gab als diesen Text. Wortmusik in Deutsch, Französisch, Italienisch und Rumantsch. Im Fluss. Mäandernd. Berührend. 

Auch die erste Bergführerin der Schweiz wusste, was sie wollte. Dass es schwierig werden würde in einem Land, das das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt hat, in einem Ausbildungskurs, in dem sie die einzige Frau war, das war ihr bewusst. 1986 nahm sie als erste Bergführerin der Schweiz ihr Diplom in Empfang. In "Und plötzlich am Himmel ein Berg" erzählt sie, wie das war. Franziska von Fischer las Episoden aus Nicoles Weg zur Bergführerin.  

Romana übernahm, mänderte zurück nach Sils, zu Annemarie Schwarzenbach, einer anderen Schweizerin, die ihr Leben sehr selbstbestimmt gelebt hatte. Weit gereist, viel erlebt, gestorben in Sils nach einem Fahrradunfall. Leben und Tod. So nahe beieinander. In diesem Tal, das für viele das schönste Tal der Schweiz, vielleicht sogar der Welt ist, aber, so fand Romana Ganzoni, ist das nicht auch anmassend, wo es doch so viele Bergtäler gibt auf dieser Erde. Und dann dieser blaue, trügerische Himmel. Die Sonne brannte auf unsere Köpfe, immer noch. Ich war eins im Fluss mit diesen starken Frauen, die ihr Leben auf ihre Weise gelebt hatten. Ich war eins mit diesem wilden, rauen, poetischen, starken Text von Romana Ganzoni. Das also können Worte, dachte ich, das können Sätze. So klingt das Leben und das Sterben, wenn man dem Fluss der Wörter folgt, wenn man sich auf das Mäandern einlässt. Ich wollte nichts mehr, als genau so schreiben. 

Natürlich weiss ich, dass dieser Text von Romana Ganzoni, der mich in den Bann gezogen hat, nicht einfach aus ihr herausgeflossen ist. Dass es ein riesiges Stück Arbeit war, dass sie lange daran geschliffen und gefeilt hat. Das gehört zu unserem Beruf - einen Text so zu schreiben versuchen, dass die Lesenden (oder Zuhörenden) am Ende das Gefühl haben, es sei alles ein einziger Fluss. Nicht alle schaffen das. Romana ist Meisterin darin. 

Danke Romana, danke Franziska.