Montag, 5. Januar 2026

Schreibrunde

Es gab Zeiten, in denen mir meine Schreiblust abhanden gekommen war. Zeiten, in denen ich aufgeben und meinen Beruf als Autorin an einen verdammten Nagel möglichst weit weg von mir hängen wollte und mir wünschte, ich wäre Landschaftsgärtnerin geworden. Oder sonst irgendwas, aber einfach nicht Autorin. Das Schreiben wurde zum Krampf und Kampf, die Freude am Beruf machte Ferien auf einem anderen Planeten. Stets war es die Familie, die mich aufgefangen hat, dieser sichere Hafen, in dem ich alles sein konnte und durfte, auch eine verzweifelte, traurige, wütende, hadernde Autorin. Ich erinnere mich an meine erste Krise, in der ich mich verlor und am Ende das Selbstbewusstsein eines kleinen Regenwurms hatte (vielleicht tue ich den Regenwürmern dieser Welt mit diesem Vergleich Unrecht). Sie führte dazu, dass ich sämtliche Verbindungen kappte, die mir nicht guttaten, und in einem langen Prozess wieder zu einer Autorin mit Selbstachtung wurde. 

Meine Arbeit für den da bux Verlag hat mir die Freude an meinem Beruf zurückgebracht. Ich bin dort nicht nur Verlegerin, sondern auch Autorin, bestens aufgehoben in einem wunderbaren Team, das mir ideale Arbeitsbedingungen ermöglicht. Der Verlag ist mein zweiter sicherer Hafen geworden.

Und dann kam die Schreibrunde. Geboren aus reinem Trotz. Ein Lesungsveranstalter sagte zu mir: "Für mich lesen die Leute auch gratis." Und ich dachte mir: "Was ich gratis mache, entscheide ganz alleine ich." Also habe ich entschieden - und die Bibliothek Buchs gefragt, ob ich bei ihnen eine Schreibrunde starten kann. Dass jemand auftauchen würde, hatte ich gehofft, aber nicht damit gerechnet. Es spielte keine Rolle. Notfalls würde ich allein am Tisch in der Bibliothek sitzen und einfach für mich schreiben.

Es kam anders. Eingetrudelt ist schon am ersten Abend eine wild gemischte Gruppe von Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und trotzdem hat alles gepasst. Ich ging mit einer ungeheuren Leichtigkeit nach Hause, motiviert, mit einer Schreiblust wie ganz am Anfang meines Autorinnenlebens. Alles war möglich. Nichts war Müssen, alles war Dürfen. Und Wollen. Ich wollte schreiben. Schreiben, schreiben, schreiben. Neue Ideen ausprobieren. Experimentieren. Mit Buchstaben und Wörtern jonglieren und tanzen. Die Schreibrunde wurde zur Spielwiese, zum Begegnungsort, zur Motivations- und Inspirationsquelle. 

Diese Woche findet die erste Schreibrunde 2026 statt. Wir sind jetzt im vierten Jahr, immer noch der gleiche wunderbar kreative, schreibfreudige, esslustige, wild experimentierende, Ideen und Erfahrungen austauschende Haufen. Wir unterstützen uns gegenseitig, feuern uns an, freuen uns füreinander und stecken auch mal Negatives gemeinsam weg - was meistens in Lachen endet, weil ärgern nichts bringt, und weil wir wissen, dass es weitergehen wird, dass Scheitern dazugehört und neue Türen öffnet. Teil dieser Gruppe zu sein ist ein grosses Geschenk. 

Im Laufe der drei Jahre, in denen wir uns jeden ersten Donnerstag im Monat treffen, habe ich meinen Platz als Autorin gefunden, weiss ich ganz genau, dass ich schreiben will und werde. Mehr noch: Aus dieser Gruppe ist ein Atelier erwachsen, der Ort, wo ich zum Schreiben hingehe. 

Irgendwo da draussen steckt in irgendeiner Wand der Nagel, an den ich meinen Beruf hängen wollte. Wer ihn findet, hänge bitte irgendwas Schönes dran, ich brauche ihn nicht mehr. 

Montag, 29. Dezember 2025

Aufbruch



Ich liebe Tagesanfänge, Wochenanfänge, Monatsanfänge und natürlich Jahresanfänge. Sie fühlen sich an wie Aufbrüche, und jeder dieser Aufbrüche ist eine Chance, das Leben frisch anzugehen, im Kleinen wie im Grossen. Und ja, natürlich ist vieles Routine, nehmen wir oft zuerst einmal das nicht Erledigte mit in den neuen Tag, die neue Woche, den neuen Monat und ins neue Jahr, schleppen wir Altlasten mit uns rum, drehen uns im Kreis, werden zu Pragmatikerinnen, das Leben fliesst nun mal, wir haben unsere Verpflichtungen, nicht selten zu volle Terminkalender, hetzen der Zeit hinterher. All das hält mich nicht davon ab, jeden Tag neu zu beginnen. Meistens an einem Tisch, sei es der Tisch in der Küche in Werdenberg oder der Stubentisch in Cumbel, immer mit Kaffee, oft mit meinem Bujo, noch öfter mit dem Laptop, auf dem ich als erstes eine Morgenmail an Jutta schreibe, eine lieb gewonnene Gewohnheit, die mir gleichzeitig hilft, meine Gedanken zu sortieren. 

Bevor ich über meinen Aufbruch ins neue Jahr berichte, ein kurzer Blick zurück auf 2025, das Jahr, in dem sich für mich neue Wege/Trampelpfade aufgetan haben:

Ich durfte das Wunder miterleben, einen kleinen Menschen heranwachsen zu sehen und dabei zu erfahren, wie die Zeit die Dimension wechselt, wenn man sie mit einem Kleinkind verbringt. Mittwoch ist Enkelhütetag - der Tag, in dem dem die Uhren anders ticken, wo nur das Hier und Jetzt zählt, und das Herz vor Liebe überquillt. 

2025 ist das Jahr, in dem ich eines der tollsten Schreibprojekte meines Lebens verwirklichen konnte. Entstanden ist das Buch "Dunkelwind", das in sehr enger Zusammenarbeit mit einer Schulklasse herangewachsen ist. Ein Höhenflug, den ich sehr genossen habe und der mich zu anderen Schreibprojekten inspiriert hat. 2025 ist auch das Jahr, in dem wir vom da bux Verlag gefeiert haben: 10 Jahre da bux. So viel Glück, so viel Anerkennung, so viel Wertschätzung. Das Gefühl, Teil von etwas echt Gutem, Sinnvollen zu sein, etwas, das bis tief ins Innere befriedigt und glücklich macht. Beides - das Buchprojekt und der Verlag - hat mich darin bestätigt, wie wichtig berufliche Erfüllung ist, hat mir aufgezeigt, wohin mein Weg gehen kann, wenn ich meinen Wünschen und Träumen folge. Und so war es wahrscheinlich kein Zufall, dass 2025 aus der Schreibrunde ist ein Atelier gewachsen ist, in dem ich nicht nur schreibe, sondern mit Farben experimentiere und ganz viel Neues ausprobiere. 

In wenigen Tagen breche ich ins Jahr 2026 auf. Neugierig, mit viel Freude und Begeisterung, mit alten und neuen Wünschen und Träumen (und den ewig gleichen Vorsätzen, die mich längst nur noch auslachen, wenn ich sie wieder hervornehme). Ich werde das Jahr betreten wie Neuland, eine frisch verschneite Wiese, auf der ich Spuren ziehen kann. 

2026 wird das Jahr, in dem ich mein Rentenalter erreiche, ohne Absicht auf ein Aufhören. 2026 möchte ich mich weiter kreativ ausleben: mit Schreiben, mit Zeichnen, mit Gestalten. Im Atelier, in Werdenberg, im Haus in den Bergen, in der Natur. Das Schreiben wird ein Teil von mir bleiben, ob und wie ich noch veröffentliche, wird sich zeigen. Schreiben wird zur Kür, ohne Pflichten, ohne Verträge, ohne Deadlines. Es wird seinen Platz haben nebst dem Zeichnen, Malen, Collagen gestalten, im Garten rumwuseln, fotografieren, worauf immer ich halt gerade Lust habe. Anders gesagt: Aus meinem Autorinnenleben wird generell ein Kreativleben, in dem ich viel Neues ausprobieren werde. 

2026 wird Jahr elf beim da bux Verlag. Offiziell hat das Produktionsjahr 26 schon am 1. Dezember 2025 begonnen: Mit dem Lektorat der vier neuen Geschichten. Ich freue mich darauf, den Prozess mitgestalten zu können, mitzuerleben, wie aus Texten Bücher werden. Im Gegensatz zu meinem Kreativleben, in dem ich mir keinen Stress und keinen Druck machen möchte, ist das da bux Verlagsjahr terminlich exakt durchgetaktet, was mir zu meiner grossen Freude tatsächlich Spass macht, weil es mich auf eine gute Art herausfordert.

2026 wird der kleine Mensch weiter wachsen und ich darf ihn dabei einmal die Woche begleiten. Ich erlebe mit, wie sich Sprache entwickelt und formt, wie sich aus "Gaidagaidagaidagai" und anderen herrlichen Lauten Wörter bilden, irgendwann dann auch Sätze. Der kleine Mensch wird meiner Zeit weiterhin eine total andere Dimension geben; was ich 2025 mit dem kleinen Menschen über das Hier und Jetzt gelernt habe, möchte ich weiterverfolgen und ausbauen, nicht nur an den Tagen, die ich mit ihm teilen kann. 

Ich freue mich auf den Aufbruch ins Jahr 2026. Ich bin neugierig darauf, was die Frau, zu der ich geworden bin, aus ihren Wünschen und Träumen machen wird. Dieser Post ist ein Anfang. Ich werde 2026 Wörter sammeln und jede Woche eines dieser Wörter zum Wort der Woche machen. "Aufbruch" ist das erste davon.

Wie brecht ihr ins neue Jahr auf? Mit welchen Wünschen, welchen Träumen? Welches Leben möchtet ihr Leben? Wohin soll eure Lebensreise 2026 gehen? 


 PS: Den Neuschnee suche ich noch ... Aber er wird kommen. Bestimmt.

Sonntag, 7. Dezember 2025

Leben, hier und jetzt

 
Eine unvollständige Liste, random Order:

Enkel hüten.
Lesungen.
Familie.
Schreiben.
In die Berge fahren.
Zuganschlüsse knapp schaffen.
Die Schönheit der Rheinschlucht in mich aufnehmen.
Küchenfliesen streichen.
Lektorieren.
Schreibrunde.
Zeichnen.
Im TaK in Schaan Bauklötze staunen (Katharina Thalbach)
und in Musik versinken (The Beauty of Gemina).
Eine Schallplatte kaufen.
Den Vögeln vor dem Fenster zusehen.
Lesen.
Kochen. Essen.
Gute Gespräche.
Weihnachtsgeschenke einpacken.
Bujo gestalten.
Verweilen.
An der Politik verzweifeln.
Mich weigern, an der Politik zu verzweifeln.
Spotify kündigen, aus Gründen.
Mehr offline.
Weniger online.
Zum Fenster raus schauen.
Lernen.
Musik hören.
Im Hofladen einkaufen.
Alt werden.
Vögel füttern.
Am Küchentisch sitzen.
Morgenmails schreiben.
Lieben.
Und immer wieder Familie.

Und du? 

Sonntag, 16. November 2025

Das Projekt und die Zeit


"Ich werde berichten." So hören meine Blogpost manchmal auf. Heute ist so ein "Ich werde berichten"- Tag. Und zwar von meinem Schulbesuch in der Klasse, die mein längst vergriffenes Buch Das Projekt gemeinsam liest.

2008. Das ist das Erscheinungjahr von Das Projekt. Im Vorfeld hatte ich der Lehrerin geschrieben, dass das Buch aus der Zeit gefallen ist; sie liess sich davon nicht abschrecken und bestellte Nachschub aus meinem kleinen verbliebenen Vorrat, um genügend Exemplare für alle zu haben. Ich bat sie, der Klasse zu sagen, dass ich mich auf die Lesung freue und gespannt bin, wie sie die Geschichte (emp)finden.

Ich hatte Glück: Die Lesung war nach der grossen Pause, und so hatte ich in der Pause Gelegenheit, mit der Lehrerin über ihre Wahl der Klassenlektüre zu reden. Sie erklärte mir, weshalb sie das Buch gewählt hat.

Sie hat es als Jugendliche selber auf der Oberstufe als Klassenlektüre gelesen und es hat ihr sehr gut gefallen. Dass das Buch in die Jahre gekommen ist und einige wichtige Dinge im Setting so nicht mehr stimmen oder passen, stört sie nicht, im Gegenteil. Die Geschichte sei in einer Sprache geschrieben, die auch heute noch funktioniere. Und: Die Jugendlichen lesen das Buch im Bewusstsein, dass die Geschichte schon vor einiger Zeit geschrieben wurde.

Die Lesung war extrem spannend, aber mit 45 Minuten viel zu kurz. Zudem nahmen zwei Klassen an der Lesung teil, die einen hatten gerade Krawallnacht gelesen, die anderen steckten am Anfang der Lektüre von Das Projekt. Damit blieb nach dem Erzählen über die Entstehungsgeschichten der Bücher zwar noch Zeit für Fragen, aber halt längst nicht alle. 

Für mich spannend: Die Jugendlichen mögen die Geschichten. Dass beide etwas älter sind, die eine 17 Jahre, die andere 6 Jahre. Für mich ist das eines der grössten Komplimente, die ich bekommen kann, denn diese Rückmeldungen bedeuten, dass ich zeitlos schreibe. Das zweite Riesenkompliment erreichte mich nach der Lesung per Mail:

"Nach der Vorlesung kamen wir noch schnell nach vorne, um uns zu bedanken. Mit dieser Mail wollten wir uns noch ausführlicher bedanken. Sie haben mit Ihrer Rede aus unseren Seelen gesprochen, da wir in der Freizeit, selber gerne schreiben. Sie haben uns sehr inspiriert und motiviert. Das Buch das wir momentan lesen, Das Projekt, gefällt uns sehr, und wir wollen unseren Schreibstil an diesem Buch orientieren. Danke, dass Sie gekommen sind und uns motiviert haben mehr zu schreiben." 

Danke! 

Freitag, 7. November 2025

Erkenntnisse


Erkenntnisse der letzten drei Wochen, wild durcheinandergewürfelt: 

1. Zwei Wochen Lesetour mit 28 Lesungen sind machbar, aber extrem anstrengend, zu anstrengend für mich, auch wenn schlicht alles stimmt. Die Tour durch den Kanton Uri war bestens organisiert, die einzelnen Lesungen haben Spass gemacht, die Jugendlichen und ihre Lehrkräfte waren sehr gut vorbereitet. Es war einen Versuch wert, vor allem, weil die Bedingungen einfach von A bis Z stimmten. In Zukunft werde ich, falls überhaupt, höchstens eine Woche auf Tour gehen und das auch höchstens ein Mal pro Jahr. Und ich setze meinen Vorsatz um, pro Woche nur einen Lesungstag einzuplanen. Zudem wird es Monate geben, an denen ich gar keine Lesungen machen werde.

2. Man muss einsehen, wenn etwas keinen Sinn macht, auch wenn es weh tut. In meinem Fall: Unterrichtsmaterial zum Mittelstreifenblues zu erstellen, zumindest so lange das Buch ein Cover hat, das Jugendliche schlicht und einfach weder anspricht noch interessiert. Vielleicht auch später nicht, selbst wenn ich irgendwann die Buchrechte zurückbekomme und das Buch mit einem anderen Cover herausgebe. Noch vor kurzem war ich entschlossen, gegen alle Vernunft Unterrichtsmaterial zum Buch zu kreieren. Aber das bringt nichts. 

3. Arbeiten in einem Atelier, gemeinsam mit anderen Kreativen, ist beflügelnd. Dabei kann man durchaus schweigend gemeinsam am Tisch sitzen und still für sich arbeiten. Aber auch aufstehen, sich eine Tasse Kaffee machen und eine kurze Schwatzpause einlegen.

4. Zeichnen ist eine wunderbare Möglichkeit, Langsamkeit in sein Leben zu bringen. Ich fange meine Atelierzeit mit einer Zeichnung an, etwas, das ich mir noch vor ein paar Monaten schlicht nicht hätte vorstellen können. 

5. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu versuchen. 

6. Dafür ist manchmal der Zeitpunkt für das schmerzhafte Einsehen, dass Altes nicht mehr so rund läuft: Meine Beinmuskulatur trägt mich nicht mehr so weit die Berge hoch, wie ich es gerne hätte. Schweren Herzens habe ich den Traum von einer Wanderung in den Heinzerbergen und zu den Suretta Seen aufgegeben. Zumindest für dieses Jahr. Ich, respektive meine Beine schaffen das im Moment nicht. Älter werden kann total unwitzig sein. 

7. Analog leben schärft die Sinne und bringt sehr viel Ruhe in den Alltag. 

9. Schreibrunden, also das Schreiben in der Gruppe, aktiviert die Lachmuskeln, schenkt Energie, Mut und Zuversicht und füllt den Energiespeicher in einem Abend wieder auf 100 Prozent.

10. Ich bin und bleibe eine Bullet Journal Frau. Kurz habe ich darüber nachgedacht, 2026 auf eine normale Jahresagenda zu wechseln, doch als ich mir überlegt habe, was ich alles für meine Planung brauche, blieb nur das Bullet Journal.

PS: 11. Die alte Aula von Bürglen ist eine der schönsten Aulen, die ich je gesehen habe. Sie wird ganz bestimmt einmal in einem Buch von mir vorkommen. 

Sonntag, 19. Oktober 2025

Auf Lesetour im Kanton Uri

 
(Hochmoor Rothenthurm)

Heute Morgen habe ich meine Sachen zusammengepackt, am Nachmittag bin ich nach Altdorf im Kanton Uri aufgebrochen. Unterwegs reichte die Zeit für einen Spaziergang im Hochmoor bei Rothenthurm. Ein Traum in Herbstfarben! 

Im Gegensatz zu früheren Touren habe ich mich in einer Ferienwohnung eingemietet, die gemütlicher nicht sein könnte. Kein Hotelzimmer, in dem mir die Decke auf den Kopf fällt, kein Arbeiten an einem Tisch irgendwo an einer seelenlosen Wand oder auf dem Bett (weil mir der Tisch an der Wand nicht behagt). Die Wohnung hat eine riesige Wohnküche mit drei Fenstern und einem grossen Tisch, an dem ich arbeiten kann. Wenn ich mich erholen will, wechsle ich auf das Sofa in der gemütlichen Wohnstube. Egal, aus welchem Fenster in der Wohnung ich schaue, überall sind Berge. So schön. Und unter uns gesagt, einer der Hauptgründe, warum ich für diese Lesetour zugesagt habe.

Altdorf wird die nächsten zwei Wochen zur Heimbasis, die Lesungsorte sind alle in der Nähe, also auch keine endlosen Bahn- und Busfahrten. Der Lesungsplan ist propevoll. 28 Lesungen in zwei Wochen, jeweils drei Lesungen am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag (zwei am Vormittag, eine am Nachmittag), am Mittwoch jeweils zwei. Obwohl ich ein wenig Bammel vor so vielen Lesungen habe, freue ich mich sehr darauf. Im Blogpost nächste Woche werde ich berichten, was ich so alles erlebt habe.

Erst einmal lebe ich mich hier ein und schraube mich dann morgen nach Andermatt hoch.  

Sonntag, 12. Oktober 2025

Mittelstreifenblues für Schulen

Manchmal tut es noch weh, dieses leise Untergehen eines Buches, das mir so viel bedeutet. Dann denke ich an die tollen Rezensionen, den wunderbaren Preis, die herzerwärmenden Rückmeldungen und sage mir, dass all das die ganze Arbeit und das Herzblut wert gewesen sind. "Ist halt so", sage ich mir. "Gehört zum Beruf", sage ich mir. "Abhaken, weitermachen, neue Bücher schreiben."

Und dann gibt es diese Momente in denen mein Kampfgeist erwacht. "Verdammt", sagt der zu mir, "wenn dir das Buch so viel bedeutet, MACH WAS." Meistens poste ich dann was in den Social Media, etwas, das wenn immer möglich mit etwas Witz oder zumindest guten Bildern daherkommt. Der Erfolg solcher Aktionen ist allerdings mehr als überschaubar.

Vor ein paar Monaten hat sich eine Lehrerin bei mir gemeldet. Sie überlegte sich, Mittelstreifenblues zur Klassenlektüre zu machen und mich zu einer Lesung einzuladen. Weil ich weiss, wie wichtig für Lehrpersonen Unterrichtsmaterial zu einem Buch ist, verwies ich auf das Material, das es bereits gibt. Am Ende scheiterte das Ganze an zwei Faktoren: Die Lehrerin fand das Unterrichtsmaterial unbrauchbar (womit sie leider nicht unrecht hat), und das Buch war ihr zu teuer. 

Ich bin überzeugt, dass Mittelstreifenblues ab der neunten Klasse eine tolle Klassenlektüre ist; ich weiss, dass Schulen, die Klassensätze bestellen wollen, beim Verlag auf sehr offene Ohren stossen. Und Unterrichtsmaterial kann ich - für den da bux Verlag gestalte ich jedes Jahr mindestens zu zwei Büchern Arbeitsblätter.

"Siehst du", rief mein Kampfgeist, "selbst ist die Frau. ALSO MACH SCHON." 
"Ist ja gut, antwortete ich, "ich hab's gehört. Und ich mach's." 
Diese Woche habe ich mit der Planung begonnen. Ich orientiere mich dabei am da bux Unterrichtsmaterial, dem Material, dass der Verlag an der Ruhr damals zu meinem Buch dead.end.com gemacht hat, und an Material zu Jugendbüchern, das ich online gefunden habe. 

An dieser Stelle folgt mein mittlerweile bekanntes Versprechen: Ich werde berichten. 

Sonntag, 5. Oktober 2025

Aus der Zeit gefallen


Kürzlich habe ich jemandem erklärt, warum ich mein Buch Das Projekt nicht im Self Publishing neu aufgelegt habe, obwohl ich das Buch und vor allem die Figuren immer noch sehr liebe. Es liegt also weder an den Gefühlen noch den Lebensumständen meiner Figuren. Der Grund ist ein anderer: Ich denke, das Buch ist aus der Zeit gefallen, das Leben und das Umfeld der heutigen Jugendlichen haben sich zu sehr verändert, zu vieles könnte ihnen zu fremd sein.

Einen Tag nach diesem Gespräch hat Herr Zufall zugeschlagen. In meiner Inbox lag eine Mail einer Lehrperson, die genau dieses Buch als Klassenlektüre lesen möchte, nicht zuletzt, weil sie es als Jugendliche als Klassenlektüre gelesen und sehr gemocht hat. Da das Buch seit Jahren vergriffen ist, fragte sie mich nach meinem Notvorrat an Büchern und tatsächlich hatte ich noch genügend Exemplare. Ich erzählte der Lehrperson von meinem Gespräch, davon, dass ich denke, dass das Buch aus der Zeit gefallen ist. Und dass ich mich sehr auf die Lesung freue, bei der ich mit den Jugendlichen darüber diskutieren möchte, wie sie das empfinden. Wo sie denken, ihre Lebensrealität sei eine ganz andere, und wo sie sich wiedererkennen. Was ihnen weit weg scheint und was ganz nah. 

Das war immer das, was mich an diesem Buch fasziniert hat: Zu keinem anderen Buch gab es die spannenderen Diskussionen als zu diesem. Eine Klasse meinte, der Spannungsbogen sei so was von falsch (womit die Klasse völlig richtig lag). Eine andere fand die Figuren zu klischeehaft, was zu einem längeren Gespräch führte, weil die Antwort nicht ganz eindeutig ist. Auf den ersten Blick ein Ja, auf den zweiten auch ein Nein, was zu einem generellen Gespräch über Figuren in Jugendbüchern führte. Spannend auch, wie sich die Wahrnehmung der Namen im Laufe der Zeit änderte.  

Eine Anmerkung für Lehrpersonen, die hier mitlesen: Mein Buch Mittelstreifenblues ist die perfekte Alternative zu Das Projekt. Ein Buch über Freundschaft, Liebe, Loyalität und sich selber sein, selbst wenn das es schier unmöglich scheint. Auch ein Buch über Landflucht und einen fairen Tourismus. Ein Buch, das in den Bergen spielt, dem Sehnsuchtsort vieler Städter. Und weil die grossen Gefühle universell sind, können es Leute aus der Stadt und der Agglomeration genauso gut lesen wie die Menschen in den Bergen.

Die Schachtel mit meinen (fast) letzten Exemplaren ist unterwegs zu der Schulklasse, die ich im November treffe. Ich bin sehr gespannt auf die Lesung. Und natürlich gilt wie immer: Ich werde berichten.

 

Sonntag, 28. September 2025

Starke Texte - starke Frauen


Es war Mitte September, aus einem strahlend blauen Himmel brannte die Sonne auf den Hotelgarten in Sils. Heiss war es, viel zu heiss für die Jahreszeit. Und das kurz vor halb fünf, in diesem Schweizer Hochtal, von dem die Autorin Romana Ganzoni einmal gesagt hat: "Der Sommer im Engadin findet an einem Augusttag statt - ausser es schneit an diesem Tag." Auf dem Rasen stand ein hoher Tisch, links und rechts ein Barstuhl. Auf der Terrasse versammelten sich die Menschen, setzten sich, suchten Zuflucht unter Sonnenschirmen. 

Herr Ehemann und ich waren am Morgen im T-Shirt auf knapp 3'000 Metern unterwegs gewesen, waren auf der Fuorcla Surlej in der Aussicht auf die Bergewelt beinahe ertrunken, dann über Hochebenen, Steinhalden und an Seen vorbei zurück ins Tal gewandert, eine gelb-grau-braun-grün-rote Pracht von vollendeter Schönheit, wild und sanft zugleich. Die Höhenmeter steckten in den Beinen, zusammen mit den Höhenmetern vom Vortag. 

Jetzt sassen wir da, in einer Bergkulisse, schon fast kitschig schön, und warteten. Der Grund: zeit:fluss, ein neues Kulturfest im Engadin, "Die Bergführerin" der Titel der Lesung, in der Romana Ganzoni und Franziska von Fischer uns durch verschiedene Texte führen würden. Ich schaute mir die Barhocker an und dachte: Auch das ist eine Art Bergbesteigung, eine, an der ich kurzbeinige kleine Frau ziemlich grandios scheitern würde. Aber die beiden Frauen schwangen sich elegant auf ihre Stühle, schauten einander noch einmal an, dann begann Romana Ganzoni zu lesen, aus einem Text, den sie eigens für diesen Anlass geschrieben hatte.

Ihr Text floss durch die Zeit, ein mäandernder Fluss, der sich seinen Weg von Celerina bis nach Italien bahnte, wild und rau und gleichzeitig poetisch schön. Wir fuhren mit ihr die Strasse nach Pontresina entlang, dann aufwährts in Richtung Hospiz, die Kurven sauber ausfahrend, den Blick auf das Blau des Himmels, dieses trügerische Blau, unter dem in den Achtzigerjahren junge Menschen aus dem Engadin den Drogentod starben, elend und allein. Ich sah den kleinen Jungen auf der Schaukel, der sich in Richtung Himmel schwang und nie alt werden würde, ich weinte um diesen Menschen, den ich nie gekannt hatte. Dachte an "Die Torte", das Buch, das Romana für unseren da bux Verlag geschrieben hat, in dem junge Menschen mit den heutigen Todesdrogen experimentieren. Im Buch endet das Leben einer Jugendlichen an einer Bushaltestelle - und man merkte beim Vorlesen, wie sehr Romana die Geschehnisse immer noch unter die Haut gehen. Ich hing den Schicksalen nach und war Romana dankbar, dass sie die Engadiner Berge nicht einfach zu einer schönen Kulisse für schöne, perfekte Leben machte.

Franziska von Fischer las aus kurz dem Buch von Nicole Niquille, der ersten Bergführerin der Schweiz, danach aus einem Dokument von Henriette d'Angeville, die nicht ganz als erste Frau auf dem Mont Blanc stand, aber als erste, die die ganze Besteigung auf eigenen Füssen gemeistert hatte. Kein Hochziehen, kein Tragen, ein Gipfelaufstieg unter unmenschlichen Schmerzen. Vorbereitet war sie gewesen. Hatte trainiert, schaffte die ersten 90 Prozent so gut, dass sie dachte, es sei fast ein wenig zu leicht, und ging in den letzten 10 Prozent durch die Hölle. Ein paar Schritte, dann bleiernde Müdikeit, Kraftlosigkeit, ein kurzer Schlaf, von einer bis zwei Minuten, wieder ein paar Schritte, bleierne Müdigkeit, ein kurzer Schlaf, die nächsten paar Schritte, bleierne Müdigkeit, ein kurzer Schlaf ... der Schmerz war aus jedem Wort herauszuhören. Man wollte rufen "Gib auf, dreh um, das ist es nicht wert", doch Aufgeben war für Henriette keine Option. 

Ich erinnerte mich, wie ich mich am Vortag einen Steilhang hinaufgequält hatte, mit schmerzenden Oberschenkeln, ein Knorz und ein Krampf und ich schämte mich beinahe ein wenig angesichts der Qualen, durch die Henriette gegangen war. Kurz vor dem Gipfel bot man ihr an, sie die letzte Strecke zu tragen - sie weigerte sich. Stapfte weiter, erreicht den Gipfel, um 13.25 Uhr am 3. September 1838, hieb ihren Wanderstab ins Eis und schrieb ihr Motto in den Schnee: "Vouloir c'est pouvoir" (Wollen ist können). Dass sie auf dem Gipfel eine Stunde lang Briefe schrieb und eine Brieftaube fliegen liess, das passt zu dieser Frau, die genau wusste, was sie wollte.

Romanas Textluss mäanderte weiter, auf den zugefrorenen See. Türkisfarben. Und der Wind kam auf, trug uns nach Italien, zu den Farben, dort, wo Gelb eine schöne Farbe ist, mit dem Lift nach oben, über die Stadt. Ich stand auf dem See, unter mir das Eis, vor mir die italienische Stadt, ich lauschte den Worten, und es gab nichts Schöneres gab als diesen Text. Wortmusik in Deutsch, Französisch, Italienisch und Rumantsch. Im Fluss. Mäandernd. Berührend. 

Auch die erste Bergführerin der Schweiz wusste, was sie wollte. Dass es schwierig werden würde in einem Land, das das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt hat, in einem Ausbildungskurs, in dem sie die einzige Frau war, das war ihr bewusst. 1986 nahm sie als erste Bergführerin der Schweiz ihr Diplom in Empfang. In "Und plötzlich am Himmel ein Berg" erzählt sie, wie das war. Franziska von Fischer las Episoden aus Nicoles Weg zur Bergführerin.  

Romana übernahm, mänderte zurück nach Sils, zu Annemarie Schwarzenbach, einer anderen Schweizerin, die ihr Leben sehr selbstbestimmt gelebt hatte. Weit gereist, viel erlebt, gestorben in Sils nach einem Fahrradunfall. Leben und Tod. So nahe beieinander. In diesem Tal, das für viele das schönste Tal der Schweiz, vielleicht sogar der Welt ist, aber, so fand Romana Ganzoni, ist das nicht auch anmassend, wo es doch so viele Bergtäler gibt auf dieser Erde. Und dann dieser blaue, trügerische Himmel. Die Sonne brannte auf unsere Köpfe, immer noch. Ich war eins im Fluss mit diesen starken Frauen, die ihr Leben auf ihre Weise gelebt hatten. Ich war eins mit diesem wilden, rauen, poetischen, starken Text von Romana Ganzoni. Das also können Worte, dachte ich, das können Sätze. So klingt das Leben und das Sterben, wenn man dem Fluss der Wörter folgt, wenn man sich auf das Mäandern einlässt. Ich wollte nichts mehr, als genau so schreiben. 

Natürlich weiss ich, dass dieser Text von Romana Ganzoni, der mich in den Bann gezogen hat, nicht einfach aus ihr herausgeflossen ist. Dass es ein riesiges Stück Arbeit war, dass sie lange daran geschliffen und gefeilt hat. Das gehört zu unserem Beruf - einen Text so zu schreiben versuchen, dass die Lesenden (oder Zuhörenden) am Ende das Gefühl haben, es sei alles ein einziger Fluss. Nicht alle schaffen das. Romana ist Meisterin darin. 

Danke Romana, danke Franziska.  

Sonntag, 21. September 2025

Wild, rau, karg


Ich stand auf der Fuorcla Surlej, vor mir ein sehr kleiner Bergsee, mehr eine grosse Pfütze, dahinter Berge mit klingenden Namen, sozusagen das Who is Who der Alpen, ein Bild von überwältigender Schönheit. Meine Gefühle zu gross für mein Herz. Ich wollte für immer dort stehen bleiben, für immer einfach nur schauen, und gleichzeitig wusste ich: Ich kann nicht ewig hierbleiben. Irgendwann muss ich loslassen. Weiterwandern. Dann der Moment, in dem ich mich wegdrehe, und während ich das tue, will ich zurückblicken, stehen bleiben, aber ich gehe weiter. Trage das, was ich gesehen habe, in mir mit. Habe es mit der Kamera festgehalten. Für Tage, an denen die Sehnsucht zu gross wird.

Landschaften, die ich liebe, sind wild und rau, oft auch karg. Das Liebliche passt nicht zu mir. Dasselbe gilt für Texte und Geschichten. Ich mag sie wild und rau, oft auch karg. Einfach, kantig und mit Furchen. Das Geschliffene behagt mir nicht, Gekünsteltes langweilt mich. Schnell klingt es für mich zu geschraubt, zu gewollt, zu sehr nach: "Schau mal, was ich kann." Nicht selten habe ich dabei das Gefühl, der Autor oder die Autorin wolle mich vor allem beeindrucken. Solche Texte wecken meinen Fluchtinstinkt, ich steige genervt aus. Ich will nicht beeindruckt werden, ich will, dass mir ein Text unter die Haut ins Herz geht wie der Anblick einer Landschaft von überwältigender Schönheit.

Diese Woche habe ich beides erleben dürfen: Landschaften und Texte von wilder, rauer, karger Schönheit, die unter die Haut und ins Herz gehen. Die Landschaften haben ihren Weg in meine Social Media gefunden. Von den Texten werde ich im Post von nächster Woche berichten.  

Freitag, 12. September 2025

Ich kann nicht zeichnen


Als Englischlehrerin habe ich selten etwas an die Wandtafel gezeichnet, weil sowieso niemand herausfand, was es sein könnte. Meine Spezialität waren Katzen (die sind einfach) und Autos (die sind auch beinahe einfach). Wenn ich also past continuous versus past simple erklärte, zeichnete ich eine Strasse und ein Auto.

"I was driving .... and driving ... and driving" (past continuous)

und dann kam die Katze, die vors Auto sprang.

"... and driving, when suddenly a cat jumped right in front of my car." (past simple)

Noch einfacher zusammengefasst und ganz ohne etwas zeichnen zu müssen:

a-diddely-diddely-diddely-diddely / BANG 

Die Konsequenz: Meine jugendlichen Kursteilnehmenden hatten nicht wirklich eine Ahnung, wie man die Zeitformen nannte, aber sie konnten sie perfekt anwenden.

Zurück zum Thema. Ich würde so gerne zeichnen können. Aber ich kann das nicht. Zumindest war das fast ein Leben lang* meine Einstellung dazu. Bis Theres kam. Sie war eine von damals (glaub ich) fünf, die zur ersten Schreibrunde auftauchten. Wir machten Schreibübungen, mit denen ich zeigen wollte, dass das Schreiben in uns allen steckt, dass wir alle schreiben können, vielleicht nicht alle gleich ein Buch, aber schreiben auf jeden Fall. 

Ich fand schnell heraus, dass Theres fantastisch zeichnen kann. Und ich sagte zu ihr: "Ich würde das so gerne können, aber ich kann es nicht." Sie schaute mich an und sagte: "Mir hat jemand gesagt, dass alle Menschen schreiben können. Einfach machen, hat diese Person gesagt. Also: Zeichne einfach. Du kannst das."  Und da wären wir wieder beim BÄNG, einfach in einem anderen Zusammenhang. Ich konnte Theres schlecht widersprechen, denn sie hatte gerade mich zitiert (hüstel).

So ganz glauben wollte und konnte ich es trotzdem nicht. Bis Theres uns an einem unserer Schreibrundentage einen Workshop im Kartenzeichnen gab. Ich sass da, vor mir entstand eine wunderschöne Landkarte, und es waren meine Hand, meine Finger, die das konnten. Was für ein Gefühl! In den letzten Ferien habe ich mich sogar im Nature Journaling versucht und zu meiner Freude festgestellt, dass die Resultate gar nicht so übel aussahen - man erkannte zumindest, woran ich mich versucht hatte.

Seit drei Wochen teilen wir uns zu dritt ein Atelier. Theres zeichnet, Mariann und ich schreiben. Theres wird Zeichenworkshops anbieten - und ratet mal, wer sich zu jedem angemeldet hat. Ja, genau: Ich. Ich kann es kaum erwarten, bis es losgeht. 

Mit dem Zeichnen wird es so sein wie mit dem Schreiben. Alle können zeichnen, nicht alle werden es zur eigenen Ausstellung bringen. Aber darum geht es gar nicht. Ich kann zeichnen. äm Fall, jawoll.

* Mir ist gerade eingefallen, dass ich im Kindergarten leidenschaftlich gerne und auch sehr oft gezeichnet habe ... (Wann wird uns ausgeredet, dass wir es können resp. wann reden wir uns das aus???)

Sonntag, 7. September 2025

Sonntagnachmittag

Sonntagnachmittag. Mein wöchentlicher Blogpost ist überfällig. Mehrere Anläufe zu verschiedenen Themen sind daran gescheitert, dass ich nicht den richtigen Ton getroffen habe. Ich werde ihn finden. Aber nicht mehr heute. Und jetzt? Keinen Beitrag posten diese Woche? Das lässt mein Kopf nicht zu. Nicht schon wieder. Ich wollte doch endlich regelmässig bloggen ....

Ich erinnere mich an meine Anfangszeiten als Bloggerin (2005 oder 2006). Damals war das Bloggen für mich eine lockere Schreibübung, auch eine Auszeit vom Arbeiten an Büchern. Ich habe über das gebloggt, was mich gerade beschäftigt hat. Oft war es gesellschaftskritisch, oft auch medienkritisch, manchmal wütend, manchmal (irr)witzig, immer kämpferisch. Ich mittendrin, habe mich für alles interessiert, mich an der Politik aufgerieben und abgearbeitet. Wenn ich mich heute so stark mit der Weltlage beschäftigen würde wie damals, wäre ich längst ein Wrack. Alte Männer von Trump über Putin bis Netanjahu leben ihre Grössenwahnträume ungebremst und ohne jegliche Menschlichkeit aus. Geld regiert. Die ganze Reichen werden noch reicher. In Amerika wird es bald Trilliardäre geben. Man muss sich das mal vorstellen. Geht eigentlich gar nicht. Die (Geld)Elite von Silicon Valley hockt bei Trump und kriecht ihm in den Allerwertesten. Wer starke Nerven hat, gucke sich dieses Video an. Im Ernst: Was will man da als Angehörige des niedrigen Fussvolks noch sagen? Mir fällt dazu mein Grossvater ein, der mit der Faust auf den Küchentisch gehämmert und über die Gierschlunde geflucht hat. Glaubt mir, der Mann konnte verdammt gut fluchen. Und ich merke, dass mir dieser Blogpost entgleitet. 

Also: Neuanlauf. Sonntagnachmittag. Die unpolitische Version ohne Fluchwörter. Ich verbringe diesen Nachmittag in den Bergen. Gucke in die Landschaft. Wusle durchs Gelände. Schreibe an meinem Lost Souls Manuskript, habe Fenster geputzt, einen neuen Spiegel aufgehängt und die letzten Korrekturarbeiten am Übungsmaterial für zwei neue da bux Bücher vorgenommen. Die Rehe haben unsere Trauben gefressen und die Blätter des Rebstocks grad dazu, die Blüten des Hibiskus scheinen ihnen auch geschmeckt zu haben. Die Vögel haben sich an unserem Holunder gütlich getan - wir mussten ihn anderswo zusammensuchen, um zu unserem "Holderhungg" zu kommen. Dafür ersaufen wir in Brombeeren. Die scheinen weder die Rehe noch die Vögel zu mögen. 

Sonntagnachmittag in den Bergen. Herbstfarben. Bachrauschen. Putzlappen auf dem Balkongeländer. Ein Blogpost, der doch noch geschrieben wurde. Sonntagnachmittag. 

Samstag, 30. August 2025

Aufbruch - Neues wagen

Zeichnung: Theres Willi

Wir sind in unser Atelier eingezogen. Unsere einzigen Möbel im Moment sind Tisch und Stühle. Aber was für ein Tisch! 2.70m lang, dazu acht Stühle. Perfekt für Workshops, Kreativrunden, offene Ateliernachmittage. An unserem ersten Vormittag sassen wir da, auf dem Tisch lagen unsere Notizbücher, Stifte und Laptops, die Ideen schlugen Purzelbäume, die Liste mit den Plänen wuchs, das Konzept nickte fleissig mit dem Kopf. "Passt", sagte es. 

Mittlerweile ist auch eine Kaffeemaschine bei uns eingezogen, die Fenster sind geputzt (den Muskelkater gab's gratis dazu) und an der Eingangstür hängt ein total schönes Bild von Theres, das perfekt ausdrückt, was wir machen: schreiben und zeichnen. Tassen liegen in einem Korb, der auf dem Boden steht, ein Putzeimer langweilt sich mitten im Raum, auf dem Tisch guckt ein kleines Pflänzchen neugierig in die Gegend, die ersten Stifte haben (bunte) Gesellschaft bekommen.

Ich mag diese Aufbruchmomente, das Gehen auf neuen Wegen, ohne genau zu wissen, wie sie verlaufen werden, welche Hindernisse sich einem in den Weg stellen werden, wann man die ersten tollen Aussichtspunkte erreicht, wo man Zwischenstationen machen wird. Vom Ankommen erzähle ich etwas weiter unten. 

Erst einmal hüpfe ich zu einem anderen Aufbruch: Vor zehn Jahren habe ich mit zwei Autorenkollegen den da bux Verlag gegründet. Auch damals sassen wir an einem langen Tisch, auch damals lagen auf dem Tisch Notizbücher, Stifte und Laptops, auch damals schlugen die Ideen Purzelbäume, die Liste mit den Plänen wuchs und das Konzept nickte fleissig mit dem Kopf und sagte: "Passt." Wir wussten nicht, ob unser Projekt funktionieren würde, ob wir schon am Anfang grandios scheitern würden, ob eine lange Durststrecke auf uns warten würde oder ob wir irgendwann sagen könnten: YES!

Heute, zehn Jahre später, feiern wir die zehnte Edition. Der Weg zu dieser zehnten Edition war ein tolles, aufregendes, spannendes Abenteuer mit wunderbaren Begegnungen und Erlebnissen. Wir haben unendlich viel gelernt und lernen mit jeder Edition dazu. Das Beste: Wir sind immer noch voller Schwung und hoch motiviert unterwegs. Ich habe gelernt, dass jede Zwischenstation ein Ankommen ist - und wenn es so richtig gut läuft, dann geht man begeistert weiter. 

PS: Zur Verlagsfeier seid ihr herzlich eingeladen: 13. September, Fabriggli Buchs, ab 14.00 Uhr. Die Einladung zu unseren offenen Atelierrunden folgt in Kürze. Also: Stay tuned oder - auf gut Schweizerdeutsch - bliiben dra. 

Freitag, 22. August 2025

Gemeinsam kreativ im eigenen Atelier


Darf ich vorstellen: Unser Atelier. 28 Quadratmeter Büroraum in der alten Schuhfabrik in Grabs, mit einem Empfangsraum auf dem Stockwerk zur Mitbenutzung. Heute Morgen haben wir ihn zum ersten mal als Mieterinnen betreten. Wir, das sind Theres, Mariann und ich. Kennen tun wir uns aus der Schreibgruppe, wo wir uns jeden ersten Donnerstag des Monats in der Bibliothek Buchs treffen. Und weil wir in der Gruppe nicht nur viel lachen, viel essen, viel diskutieren und viel schreiben, sondern auch so richtig gross und mutig träumen, lag irgendwann auch ein eigenes Atelier nicht mehr unerreichbar weit weg, sondern zum Greifen nah. Wir wollen darin gemeinsam schreiben und zeichnen und auch Workshops anbieten.

Vom Entschluss, einen Raum zu suchen, bis zum Mietvertrag vergingen nicht einmal zwei (auf- und anregende) Monate. Noch stehen nur zwei Tische im Atelier, die uns nicht gehören. Die kommen raus und werden durch einen langen Tisch ersetzt, an dem es Platz zum Schreiben und Zeichnen sowie für Workshoprunden hat. Das ist erst einmal das Wichtigste. Der Rest kommt nach und nach dazu. Was wir wollen und wo wir es hinstellen möchten, wissen wir. Neues kaufen werden wir so wenig wie möglich. Wir mögen den Gedanken, dem Atelier mit gebrauchten Möbel seinen eigenen Charme zu verleihen. Nicht zuletzt ist das auch eine finanzielle Frage. Dazu gleich unten noch mehr.

Nachfolgend ein paar Gedanken zu den Beweggründen für ein Atelier und nach welchen Kriterien wir bei der Suche vorgegangen sind.

Beweggründe für ein Atelier: 

Kreatives Arbeiten ist eine stille Tätigkeit, oft zu Hause ausgeführt, oft auch ohne die Möglichkeit eines Gedankenaustauschs, eines gemeinsamen Brainstormings oder ermunternden Worten, wenn man in seiner Kreativarbeit feststeckt. In der Schreibrunde erleben wir jedes Mal aufs Neue, wie sehr gemeinsames Schreiben Knoten löst, motiviert, Ideen freisetzt und Energie schenkt. Natürlich kann man das auch online haben, aber nichts ist so schön, so toll und so cool wie das reale (Er)Leben. 

Vielleicht willst du auch einfach in einem Atelier arbeiten, damit deine Arbeit auch als Arbeit wahrgenommen und anerkannt wird. Oder du willst ein paar Stunden pro Tag oder Woche raus aus deinem Alltag, in eine ganz andere Umgebung. Oder du möchtest Workshops anbieten und brauchst sowieso einen Raum. Oder du willst ganz generell durchstarten und mutig etwas Neues wagen, das dich und deine Arbeit weiterbringt.

Kriterien für die Suche:

Unsere wichtigsten Kriterien auf der Suche waren: eine bezahlbare Miete, eine passende Raumgrösse und eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr (in dieser Reihenfolge). Bei der Miete haben wir uns ein Maximallimit gesetzt, bei der Raumgrösse ein Minimallimit. Bei der ÖV-Anbindung waren wir grosszügig, aber nicht zu grosszügig. Grund: Wenn der Raum zu weit weg oder nur umständlich erreichbar ist, geht man eher nicht hin, wenn gerade viel los ist oder das Wetter sich von der garstigen Seite zeigt. Ganz wichtig war uns auch, dass möglichst viel Tageslicht in den Raum fällt. Andere Kriterien: Suche ich allein, zu zweit oder gleich in einer Gruppe? Wie sehen die Mietkonditionen aus (minimale Mietdauer, Kündigungsfristen, Nebenkosten usw.)? Wie alt darf oder wie neu soll das Atelier sei - wo sind meine Wohlfühlgrenzen? Wie will ich das Atelier nutzen? Wenn es auch Shop sein soll, braucht es eine gute Lage (und ist wahrscheinlich eher teuer). 

Bei der Suche haben wir uns an Online-Portale gehalten. Wir hatten Glück und fanden mehrere (zum Teil nur lokal) ausgeschriebene Objekte, die wir uns auch anschauen gingen. Möglich sind auch ein Herumfragen im Bekanntenkreis oder ein Kleininserat in lokalen oder regionalen Läden. Was ich persönlich nicht so mochte, waren die Inserate, bei denen beim Preis "Auf Anfrage" stand. Dort habe ich jeweils angerufen und nachgefragt. Ich mag es, wenn die Kriterien transparent sind. Es hilft mir nicht, wenn mir ein netter Herr erklärt, zum Büro gehöre auch eine ganze Bürogemeinschaft mit Gemeinschaftsraum und Gemeinschaftsküche, was das Büro halt ein wenig teurer mache. Mein Tipp: Kontaktiert solche Anbieter trotzdem. Man weiss ja nie. Vielleicht passt der Preis ja doch.

Wichtig auch: Wenn man sein Traumobjekt gefunden hat, unbedingt noch einmal rational alles durchdenken. Ja, es mag super schön sein, aber stimmt auch alles? Hält man sich an seine eigenen Kriterien? Was sagt das Bauchgefühl? Was sagt der Kopf? Lieber einmal zu viel überschlafen als einmal zu wenig.

Die Miete ist das eine. Das andere ist das Einrichten. Kalkuliert bei das bei euren Überlegungen unbedingt mit ein. Die Miete können wir in unserem Fall auf drei Personen aufteilen. Für das Einrichten wollen wir uns dafür nicht in riesige Unkosten stürzen. Viel lieber geben wir unser Geld für Flyer für unsere Workshops aus. 

Wir sind parat. Es kann losgehen. Auch hier gilt: Ich werde berichten. Wenn ihr Fragen habt, nutzt gerne die Kommentarfunktionen. Am liebsten hier im Blog, aber es geht auch auf Facebook oder Insta, wo ich die Blogposts jeweils verlinke. 

Sonntag, 17. August 2025

Einfach machen

Man kann es sich einfach machen oder man kann einfach mal machen. Ich habe es - ENDLICH - gemacht. Die Schranktüren und Schubladenfronten gründlich gereinigt, die Holzpassagen abgedeckt (elende Plackerei, denn es musste auf den Zehntelmillimeter stimmen), den Farbtopf geöffnet, die Grundierfarbe mit dem Härter im richtigen Verhältnis gemischt, alles kräfig gerührt und dann ... angefangen. Langsam, gründlich, konzentriert. 

Nach der Grundierung bin ich mit der Deckfarbe drüber, wieder mit einem Härter gemischt, diesmal mit einem anderen Verhältnis zwischen Farbe und Härter. Danach vorsichtig die Klebebänder abgezogen. Trotz gründlicher Arbeit blieben an ein paar Stellen zwischen Holz und Farbe helle Ränder. Also nachbessern ... 

Die frische Farbe schien etwas gar grün, aber beim Trocknen hat sie nachgedunkelt und ist jetzt einfach perfekt. Witzig ist ja, dass sowohl die Farben der Arbeitsplatte als auch die neu aufgetragene Farbe ihren Ton je nach Licht von fast grau bis zu ziemlich grün ändern, immer schön synchron. 

Am Ende stand ich in der Küche, freute mich ob dem Resultat und fragte mich gleichzeitig: "Warum habe ich das nicht schon vor Jahren gemacht?"

Das Konzept: Das Grün der Arbeitsplatte, das Braun des Holzes und das Grau des Bodens muss sich im Resultat spiegeln. Deshalb habe ich nicht alles gestrichen, sondern nur die Fronten. 

Der nächste Schritt ist wieder einer, der mich herausfordert. Ich werde zum ersten Mal im Leben Fliesen übermalen, denn die rötliche Farbe der Küchenfliesen hat noch nie so richtig gepasst. Die Farbe muss ein helles Grau sein. Und ich werde ganz bestimmt nicht wieder ein paar Jahre warten!

Was mir während dieser Arbeit sehr bewusst wurde: Streichen ist wie Schreiben. Man muss sich gut überlegen, was man will, und man muss sich gründlich vorbereiten. Man beginnt motiviert, hängt irgendwann durch, hadert und fragt sich, ob das je etwas wird und wenn ja, ob man mit dem Resultat zufrieden ist. Durchhaltewillen ist gefragt. Ein Durchgang reicht meistens nicht, Nachbessern gehört  dazu. Mit der Arbeit an der Küche bin ich zufrieden. Mit der Arbeit an den Lost Souls noch nicht. Aber ich werde durchhalten! 

PS: Die Farben kaufe ich mir seit Jahren im Fachgeschäft, wo man mich auch immer sehr gut berät. 

Samstag, 9. August 2025

Wenn du es nicht versucht hast ...


Zu sagen, dass mir dieser kleine Farbtopf Angst macht, wäre nicht ganz richtig. Aber auch nicht ganz falsch. Auf jeden Fall habe ich grossen Respekt vor ihm. Denn in ihm drin steckt die Grundierung für die Schubladen- und Schranktüren der Küche im Haus in den Bergen. Ich habe unzählige Wände gestrichen. Auch Schubladen und Türen. Und vieles andere. Aber diesemal habe ich Bammel. Weil ich trotz endlosen Überlegungen, vielen längst wieder verworfenen Farbideen, unbefriedigenden Zwischenlösungen, einem resignierten "Dann bleibt halt alles, wie es ist", mehreren "Komm schon, mach endlich!" und schlussendlich einem episch langen Farbauswahlprozedere unsicher bin. Denn diesmal könnte ich es versieben. So richtig gründlich. 

Ähnlich geht es mir grad beim Schreiben. Ich bin tief in den Lost Souls. Endlich. Nach mindestens fünf Jahren on und off Schreibzeit und aus verschiedenen Gründen zerschossenen Plots. Eigentlich (haha) habe ich mir letztes Jahr eine Deadline gesetzt: "Wenn du das Ding nicht 2024 fertig schreibst, musst du es verbrennen und seine Asche im Meer verstreuen." Aber mein Herz hat Heimweh nach den Lost Souls. Es will, dass ich weiterschreibe. Also habe ich mir einen Produktionsplan erstellt. Samt Deadlines. Zu sagen, dass mir diese Deadlines Angst machen, wäre nicht ganz richtig. Aber auch nicht ganz falsch. Auf jeden Fall habe ich grossen Respekt vor ihnen. Und ich habe Angst, dass ich dieses Herzprojekt versiebe.

Beim Wandern sind es die Suretta-Seen, die schon letztes Jahr auf meiner Wunsch- aber halt auch Angstliste standen. Dieses Jahr will ich zu ihnen hoch wandern. Für andere ein Klacks, für mich eine ziemliche Herausforderung. 

Ich könnte jetzt sagen: "Ach, die Küche ist auch so schön genug." Ich könnte mir einreden, dass es auch wunderbar ohne Band fünf (und sechs) der Lost Souls geht. Und dass es andere schöne Seen gibt, die für mich einfacher zu erreichen sind. 

Werde ich aber nicht. Kann ich auch gar nicht :-) Auf meiner Webseite steht nämlich seit Jahren unter "Lebensphilosophie": 

Wenn du es nicht versucht hast, weißt du nicht, ob‘s geklappt hätte. 

Also dann ... Ich werde berichten. So oder so. Versprochen.