Freitag, 27. März 2015

Wollen wir das wirklich?

"Aber die Leser/User wollen das."

Wirklich?

Wollen wir wirklich all die Bilder sehen, die man uns die letzten Tage gezeigt hat?
Wollen wir wirklich Texte von "Journalisten" lesen, die sich in die Köpfe von Angehörigen, Freunden und umgekommenen Menschen denken und schreiben? Zum Teil in einer Sprache, die einfach nur erbärmlich ist, mit Sätzen, die noch viel erbärmlicher sind. In einer Anmassung, die das Wort "erbärmlich" weit hinter sich zurücklässt.

Frau Meike bringt meine Gedanken in ihrem Blogeintrag "Die verlorene Ehre der schreibenden Zunft" auf den Punkt. Ein sehr lesenswerter Text. Doch er gilt nicht nur für die Zeitung, die Frau Meike in ihrem Text hauptsächlich anprangert. Er gilt für viele andere Medien leider auch. Sogar sogenannt seriöse, die sich dem Sog nicht entziehen zu können glauben. Aus Angst vor Klickverlust?

Mir scheint, der mediale Irrsinn wird bei jedem Unglück oder Verbrechen grösser. Ein Ende ist nicht in Sicht. Es gäbe da zwar einen Pressekodex. Gäbe. Leider im Konjunktiv. Weil dieser selbstauferlegte Ehrenkodex längst hinfällig geworden ist. Heute verkaufen der rasende Reporter und sein zuständiger Chefredaktor nicht nur ihre Grossmütter, sondern auch sich selber. Samt Seele. Für ein Bild, einen Text oder ein Interview, das noch einen Meter weiter hinter dem Tabu liegt, das irgendein anderer Medienmensch gerade gebrochen hat. Es ist also an uns. Dem - entschuldigt den Ausdruck - Klickvieh, das den einleitenden Satz dieses Beitrags bestätigen oder widerlegen kann.


Kommentare:

Jutta Wilke hat gesagt…

Nein, wir wollen das nicht. Ich jedenfalls nicht, weshalb ich schon seit Tagen weder Zeitungen aufschlage, noch Nachrichten höre oder sehe, mich weitgehend von Twitter und Co. fernhalte.
Ich habe gestern eine wunderschöne, sehr bewegende Lesung in einer Schule in NRW gehalten, die durch eine Schweigeminute unterbrochen worden ist. Und es tat so gut, dieses Schweigen. Manchmal sollte alle einfach mal schweigen ... möglichst lange ... einfach mal die Klappe halten.

Jutta

Alice Gabathuler hat gesagt…

Ich bin nicht ganz klickfrei. Aber auch ich klinke aus und vor allem klicke ich längst nicht alles an. Und auch ich hatte gestern wunderschöne Lesungen.

Mich beschäftigt das Verhalten der Medien allerdings sehr. Es ist, als ob gerade eine ganze Zunft im Höllentempo den Bach runter geht. Früher war doch Journalist mal ein Traumberuf. Es ging - nicht zuletzt - um das Schreiben, das Recherchieren, das Vermitteln von Fakten, das Aufdecken von Mauscheleien. Heute jagt man Menschen mit der Kamera und dem Stift (resp. Notebook).

Und wenn wir uns einfach abwenden und das alles widerspruchlos zulassen - was kommt dann noch? Was ist die nächste Steigerung?

Ich hoffe - zugegebenermassen reichlich naiv - auf eine (Ver)änderung. Auf einen Einhalt. Ein Nachdenken über das, was da gerade läuft. Auf junge Menschen, die Journalisten werden möchten, aber nicht solche, wie sie diese Zeit hervorbringt. Sondern andere, die eine neue Zeit einleiten.

Sabine hat gesagt…

Da bin ich ganz bei euch, Alice und Jutta. Ich muss mir keine Trümmerbilder ansehen, keine weinenden Menschen, um Trauer zu empfinden. Man ist doch Mensch, man hat doch Freunde, Familie, die ein unglaubliches Loch hinterlassen würden, sollten sie so urplötzlich aus unserem Leben gerissen werden. Was läuft da schief, wenn man ständig neue Superlative braucht, um der eigenen Wahrnehmung noch zu trauen?

Sabine

Jutta Wilke hat gesagt…

Ich glaube, die Medien sind überfordert. Überfordert von der neuen Schnelligkeit. Was sollen sie noch recherchieren, nach welchen Fakten noch suchen, wenn doch alles, wirklich alles binnen Bruchteilen von Sekunden über Twitter und Facebook gejagt wird. Wir, die User, sind es, die den Medien ihren Wert genommen haben. Was morgen früh in der Zeitung steht, die ich ja austrage, kann ich heute schon tausendfach im Netz lesen und sehen. Die Medien haben dagegen doch gar keine Chance.

Jutta

Alice Gabathuler hat gesagt…

Das sehe ich anders, Jutta. Es sind die Online-Portale der Medien, die ihren eigenen gedruckten Erzeugnissen die Nachrichten abjagen, indem sie unreflektiert über ihre eigenen Online-Kanäle das hinausjagen, was sie als News bezeichnen. Das geht so weit, dass Online-Artikel zum Teil zur Hälfte aus zitierten - unverifizierten - Tweets bestehen.

Ja, Twitter und Facebook sind schnell. Oft viel zu schnell, um auch bei den Fakten zu bleiben. Immer schnell genug mit Spekulationen. Aufgabe der Medien wäre ein Sieben, ein Checken, ein Verifizieren. Das würde sie zwar langsamer machen, aber dafür glaubwürdiger.

Ich weigere mich seit Jahren, Zeitungsabos zu bezahlen für Zeitungen, die nur den schnellen Hype und die neuste Sensationsnachricht suchen. Mittlerweile hat sich dieser Boykott auf ganze Mediengruppen ausgeweitet (Rinier, Tamedia). Das kommunziere ich auch ganz klar, wenn jemand anruft und mich für ein Abo gewinnen will. Ich bin nicht jene, die mit einem bezahlten Abo diesen Online-Schrott mitfinanzieren will.

Ich habe schon längst nur noch meine Lokalzeitung abonniert, die unter dem Dach der NZZ-Medien erscheint. Unaufgeregt, sachlich, faktenbezogen.

Viele Konzerne legen Online- und Printredaktion zusammen, wobei sie (leider) die Qualität den Online-Ausgaben anpassen. Und dann wundern sie sich, wenn niemand mehr etwas bezahlen will.

Ich denke schon, dass es die Medien in der Hand hätten. Die NZZ zum Beispiel, die hat immer noch den Ruf, sachlich zu informieren. Ihre Online-Ausgabe folgt dieser Philosophie. Sie ist viel weniger schreierisch, lässt vieles weg, was andere aufbauschen. Es ginge also.

Und selbst wenn die Medien überfordert wären: Es gäbe da immer noch einen Ehrenkodex, den man ab und zu nachlesen könnte.

Anni Bürkl hat gesagt…

Ich fürchte, dass es da keine gute alte Zeit gab, in der Journalist was Hehres gewesen wäre ... ich war früher Journalistin, selbst erlebt, wie viele einfach nur einen Job machten. Die fehlende Selbstreflexion fällt heute nur schneller auf - gefehlt hat sie auch vor der Online-Zeit.

Andrea hat gesagt…

Danke für diesen Blogpost und deine Gedanken, liebe Alice. Auch ich konnte die Berichterstattung in den letzten Tagen zum Teil kaum aushalten - auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht, leider. Um deine Überschrift aufzugreifen - "Wollen wir das wirklich" - frage ich mich: Wer sind "wir"? Gibt es das "Wir"? Denn die Einschaltquoten, Leserzahlen und Clicks zeigen, dass viele das wollen. Und Medien sind mehr denn je wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. Doch natürlich sind sie auch die "vierte Macht" im Staat. Und dadurch haben sie einen Auftrag. Ich glaube, der Fehler liegt ein wenig im System. Es gibt schon lange eine Krise im Journalismus, da gebe ich Anni recht. Sie wird nur in dieser Zeit, in der die Konkurrenz durch die Onlinemedien größer geworden ist, noch stärker sichtbar. Abhängigkeit von Werbung und PR sind nur eine Ursache. Das soll keine Rechtfertigung sein, mitnichten. Ich würde mir das auch anders wünschen. Aber sind wir in der Mehrzahl??

Alice Gabathuler hat gesagt…

Ich denke nicht, dass wir in der Mehrzahl sind. Und auch ich wäre gerne informiert gewesen. Viele Artikel habe ich jedoch nicht aufgerufen, die Klickstrecken sowieso bleiben lassen. Trotzdem habe ich noch mehr als genug mitbekommen. Vielleicht liegt die Lösung in meiner unaufgeregten Lokalzeitung. Und in ganz viel offline. Weil ich denke, all dem entkommt man nur, wenn man seinen Medienkonsum extrem einschränkt. Freiwillig. Als jemand einer Minderheit. Es ist ja nicht so, dass wir mitmachen müssen.

Anni, ich war zwei Jahre beim Lokalradio. Ein Ereignis ist mir unvergessen. Wir waren nach einem Mord ganz nahe am Geschehen, fuhren die Fluchtstrecke des Mörders und ich erinnere mich, wie mich das packte, wie das Adrenalin anstieg ... und wie auch ich in diesen Strudel geriet. Nachdem alles vorbei war, fragte ich mich, was um Himmels Willen mit mir geschehen war. Ich denke, dieses Hinterfragen ist wichtig. Das Reflektieren seines Tuns. Strategien ausarbeiten in ruhigen Phasen, damit man dann, wenn die Hölle los ist, nicht mitgerissen wird.