Montag, 22. April 2013

Gigantomanisch oder Haben sich die sozialen Medien entzaubert?

"Die sozialen Medien haben sich für mich entzaubert, weil sie keine Gegenwelt, sondern ein Abbild der realen sind, in der es auch nicht viel anders zugeht. Nämlich gigantomanisch. Mit Betonung auf manisch. Meine Aufgabe wird es sein, nicht einfach zu entschleunigen, denn das trifft es nicht auf den Punkt, sondern dieser Gigantomanie für mich selbst Einhalt zu gebieten." (Christa S. Lotz alias Schreibteufelchen)

Ich bin dieses Wochenende gleich auf zwei Blogeinträge gestossen, an denen ich hängen geblieben bin und die sich nun in meinem Kopf drehen. Der eine - aus dem das obige Zitat stammt - ist von Christa S. Lotz, die sich unter dem Titel Weil deine Leser dich nicht sehen Gedanken darüber macht, wie sich der Autor von heute sichtbar machen kann (möchte / will) und woran er damit allenfalls scheitert.

Der andere ist von Petra van Cronenburg, die mich mit ihrem absolut professionellen, souveränen Umgang mit Social Media immer wieder beeindruckt. Unter dem Titel Der Verlust der Unschuld oder wann platzt die Blase? beschreibt sie ihre Erfahrungen und kommt zum Schluss, dass weniger mehr ist.

Während bei Christa - wie bei mir - vor allem das Emotionale aufscheint und sie (ich hoffe, ich trete dir nicht zu nahe, Christa) sehr vieles aus dem Bauch heraus erzählt, um es danach zu analysieren und für sich einzuordnen, wartet Petra auch mit knallharten Argumenten und Fakten auf. So sind beide Einträge grundverschieden und gehen doch in dieselbe Richtung.

" ... aber das Fazit war tiefgreifend. Ich brauche das alles nicht - jedenfalls nicht so!" (Petra van Cronenburg)

Interessant sind die Kommentare dazu, unter anderem jener von Matthias Brömmelhaus, Autor, Biograph, erfolgreicher Self Publisher.

"Ich glaube, wir sind alle einem großen Irrtum aufgesessen, nämlich dass Social Media Marketing wichtig für den Verkauf unserer Bücher wäre. In die Welt gesetzt wurde dieses Märchen von all den Coaches und Gurus, die uns beibringen wollen, wie wir zu twittern haben und wie unsere Posts bei Facebook aussehen müssen."

Beide Blogeinträge, sowohl der von Christa S. Lotz als auch der von Petra van Cronenburg, sind weit jenseits der kurzen Twittereinträge und FB-Kommentare. Sich reinzulesen braucht Zeit. Zeit, die sich lohnt. 
Ich bin gespannt auf euer Fazit!

EDIT: Ich habe den Beitrag auf Google Plus geteilt (nebst dem Blog meine Lieblings Social Media Plattform). Köstlicher Kommentar von Petra Ristow: "Ja, so ist es...Wie im analogen Leben, nur mit mehr Katzenbildern." Womit für mich die Perspektive auf diese Woche wieder total stimmt :-)

Kommentare:

Christa S. Lotz hat gesagt…

Liebe Alice,

nein, mit dem Bauch und dem Emotionalen trittst du mir nicht zu nahe, im Gegenteil,
ich freue mich darüber, weil ich immer dachte, ich wäre zu sehr vom Intellekt angetrieben. Aber auf dieser Fahrt nach Stuttgart ist das alles für mich sichtbar und fühlbar geworden. Ich habe auch mal gegoogled und gesehen, dass es das Wort „Gigantomanie“ tatsächlich gibt. Es wird mit „Größenwahn“ übersetzt und war in allen Zeiten gegenwärtig. Ja, die Betonung liegt auf "Wahn" -nämlich dem Wahn, sich die innere und äußere Welt mit immer mehr anderen teilen zu können, immer mehr desselben anzuhäufen. Und sich dabei einzubilden, damit weiterzukommen, während doch in Wahrheit immer mehr vom Eigentlichen abgesogen wird. Die Diskussion gestern hat bei mir ein sehr gutes Gefühl hinterlassen.

Dann will ich mal den Versuch starten, ein Fazit daraus zu ziehen. Einmal aus meiner eigenen Aussage, der Gigantomanie für mich selbst Einhalt gebieten zu wollen. Vorhin erzählte ich meinem Begleiter davon, dass es Menschen gibt, die das ähnlich sehen und viele, die allmählich bemerken, welchem Irrtum sie aufgesessen sind. Er meinte dazu: Wir bleiben am Rande und gehen zu Edeka! Könnte man erweitern auf Nischen, Schreiben, Leben abseits des alles verschlingenden Stroms. Die eigene Position bestimmen. Und das ist kein Zustand, sondern ein Prozess.

Dann die großartige Analyse von Petra (werde ich noch zusammen mit deinem Beitrag verlinken). Sie kommt zu dem Schluss, dass sie das alles nicht mehr braucht. Vielleicht war es aber notwenig, diese Erfahrung zu machen, um zu eben diesem Schluss zu gelangen! Schließlich das Wort von Matthias, wir wären dem Trugschluss aufgesessen, Social Media sei notwendig, um unsere Bücher bekannt zu machen und zu verkaufen. Ich glaube aber, dass es nicht nur die Gurus von Twitter und FB waren, die uns das eingeredet haben, sondern auch wir selbst haben uns unter diesen Druck gesetzt. Ein Buch, das nicht sichtbar ist, lebt nicht, solche Sprüche habe ich oft vernommen. Dazu fällt mir ein, dass kürzlich in einem Krimi jemand sagte: Wer auf andere hört, kommt nicht sehr weit.

Schließlich und endlich der Kommentar von Petra Ristow auf Google+: Ich selbst traue mich nicht mehr, etwas über die vielen Katzenbilder zu sagen, denn wie im analogen Leben ist dann immer gleich jemand beleidigt ...:-)

Herzlichst und in der Überzeugung, dass dies erst der Anfang eines Prozesses ist
Christa

PvC hat gesagt…

Danke für die Blumen, liebe Alice!
Ich will nur gleich bescheiden zurückrudern: Ich bin von Beruf her ausgebildete Journalistin und mache auch PR. Ich MUSS das also professionell können, sonst dürfte ich zurück in die Ausbildung. Das ist also eine Fähigkeit, die man als Buchautorin nicht automatisch mitbringt und auch nicht mitbringen muss.

Und wie ich ja bereits in den Kommentaren zu meinem Beitrag angemerkt habe, sollte bei all diesen Dingen immer der Spaß an der Sache überwiegen. Erst wenn der fehlt und man sich quält, oder wenn spürbar Lebenszeit verlorengeht, dann ist's mMn Zeit zum Nachdenken.

Es sind ja übrigens nicht nur die Gurus und die Kollegen oder man selbst, die einem einreden, man müsse jeden Kanal bedienen. Leider machen das auch zunehmend die Verlage. Ich erinnere mich an Zeiten, als mir eine Programmchefin gestand, AutorInnen, die bereit wären für Lesungen und öffentliche Auftritte, würden in ihrem Haus bevorzugt Verträge bekommen. Der gleiche Verlag hat das heute auf Aktivitäten in Social Media erweitert und er ist nicht der einzige. Schlimm, weil auch manche Verlage von ihren AutorInnen volle Aktivität verlangen, deren eigene zuständige Abteilung von Internet manchmal nicht viel Ahnung hat ... Da herrscht also auch ein gewisser Druck, dem man gute Gegenargumente bieten muss.

Ich habe kürzlich eine Kulturinstitution beraten in Sachen Social Media. Habe für die angetestet, auf welchen Kanälen sie welches Zielpublikum aufbauen können. Ein Kanal hatte absolut keine Menschen zu bieten, die auf das von ihnen verlangte, äußerst spezielle Profil passten. Also riet ich davon ab, bis sich das Publikum dort änderte oder sie ihr Profil änderten. Lieber in einem anderen Kanal voll Gas geben, wo sich die betreffenden Leute nur so tummelten. Kam die überraschte Antwort: "Aber wir *müssen* doch!? Alle machen das doch! Wir müssen doch überall präsent sein!" - Nein, muss man nicht. Man muss gar nichts müssen. Man sollte seine Energien bündeln und mit den Kräften haushalten.

Übrigens stehen bei mir auch oft sehr emotionale Auslöser im Hintergrund fürs fachliche Nachdenken ... nur sagen die meinen nicht jedem etwas im richtigen Zusammenhang, deshalb lasse ich sie weg. Die "Vorgeschichte" zum Haushalten mit den Internetenergien spielte sich bei einer Recherche außerhalb im sehr echten Leben ab. Indirekt erlebte ich den Geburtstag einer 29jährigen Frau, die heulend einer Schwester gestand, dass sie sich nie im Leben hätte vorstellen können, dass sie ausgerechnet an ihrem 29. Geburtstag hilflos ins Bett pinkeln würde und um Hilfe bitten müsse. Das Pflegepersonal hat sie sehr freundlich getröstet, dabei das Bett gemacht und dann haben sich alle ins Zimmer gestellt und ein Ständchen gesungen. Ich habe das, wie gesagt, nur indirekt und recherchehalber mitbekommen.

Aber das sind die Momente, wo man sich überlegt, was wirklich wichtig ist im Leben! Sich diese Momente zum Nachdenken zu nehmen, ist heutzutage schon Luxus.