Montag, 19. Januar 2026

Ausmisten


Alles begann damit, dass die Küchenschublade klemmte. Zu viel Gerümpel, zu unordentlich versorgt. Also mistete ich die Schublade aus. Erste Erkenntnis: Ich muss die nächsten 50 Jahre keine Klebstreifen mehr kaufen. 

Weil es nachher so ordentlich aussah in der Schublade (und man sie nun problemlos auf- und zumachen kann), machte ich gleich mit dem Sideboard im Wohnzimmer weiter, mit den Badezimmerschubladen, mit der Bastelkommode im Arbeitszimmer ... Mittlerweile hat mich das Ausmistvirus voll gepackt. In den nächsten paar Wochen will ich durch alle Schränke und Kommoden. Vor dem Dachboden habe ich ziemlich viel Respekt, aber auch den will ich dieses Jahr gnadenlos entrümpeln.

Während ich ausmiste, entdecke ich kleine Schätze, die im Zuviel untergegangen sind, vor allem in der Bastelkommode habe ich solch tolle Dinge gefunden, dass ich mich am liebsten gleich hingesetzt und mit einer neuen Arbeit begonnen hätte. Zu den Entdeckungen gehörten unter anderem Scheren, jede Menge Scheren. Dabei musste ich vorher oft durch verschiedene Räume rennen, wenn ich wirklich eine brauchte. Zweite Erkenntnis: Es hat so viele Scheren bei uns im Haus, dass ich - theoretisch - in jedem Raum mehrere aufbewahren könnte und nie mehr eine suchen müsste .

Eine noch viel wichtigere Erkenntnis: Ausmisten tut gut. Aber wem sage/schreibe ich das. Alle von euch, die regelmässig ausmisten, hätten mir das längst sagen können. Wenn man sich dabei genügend Zeit lässt,  kann man staunen, sich wundern, lachen, nachdenken, sich erinnern, singen, sortieren, neu ordnen ...

Ausmisten ist auch Loslassen. Da sitzt man dann da und muss abwägen: Will ich das noch einmal 20 Jahre aufbewahren, ohne je einen Blick reinzuwerfen oder bin ich bereit, mich davon zu trennen. Mir tut das bei allem weh, das mit unseren Kindern zu tun hat. Ich weiss, dass sie mich auslachen würden. "Mam, weg damit", würden sie sagen, aber hey, diese Dose in der ein Vogel sitzt und drauf steht Mamavogel - die stelle ich jedes Mal wieder aufs Regal zurück, auch wenn sie dort überhaupt nicht hin passt. Ich fürchte, ich gehöre zur sentimentalen Sorte. Bei den Kinderzeichnungen habe ich vor ein paar Jahren schon mal auf ein Minimum reduziert und die coolsten auch fotografiert. Kein Mensch wird je was mit ihnen anfangen können, nicht einmal ich gucke mir die mehr an, aber ... ach je ... Gelegentlich bin ich neidisch auf Menschen, die recht unsentimental alles wegwerfen können.

Das Irre ist ja, dass ich manchmal davon träume, in einem Tiny House zu wohnen. Dabei würden alleine meine vielen Notizbücher und Stifte das halbe Haus füllen, und wohin ich mit all meinen angesammelten Schätzen gehen würde, weiss nicht einmal der Himmel ... 

Ausmisten ist nicht zuletzt auch eine gnadenlose Konfrontation mit einem selbst. Da gibt es keine Ausflüchte mehr. Man findet heraus, was einem wirklich wichtig ist, ob man Prioritäten setzen kann und wenn ja, wo die liegen.   

Ausmisten stand auf keiner einzigen meiner To-Do-Listen. Es war schon gar kein Vorsatz fürs neue Jahr. Die Küchenschublade klemmte. So harmlos fing es an. Dazu kommt, dass meine Morgenmailfreundin Jutta seit Wochen ausmistet und mir immer mal wieder davon erzählt. Ich finde alles, was sie mir schreibt, ungeheuer spannend, wäre jedoch nie auf die Idee gekommen, es ihr gleichzutun. Ich bedanke mich hiermit offiziell bei meiner Küchenschublade, werfe dem Mamavogel in der Dose einen liebevollen Blick zu und winke in Richtung Hanau zu Jutta Wilke. Tschakka. 

1 Kommentar:

Theres hat gesagt…

Ja, es gibt Sachen, die nicht ausgemistet werden können. Auch beim 158 mal nicht. 😄 Schön, dass der MamaVogel bleiben darf.