Mittwoch, 25. Juli 2018

Geschichten für Anthologien, Teil 2 - Stolpersteine

Vorneweg: Vielen Dank für eure Kommentare. Und vielen Dank für den Versuch, Kommentare zu schicken. Irgendwo im System klemmt es, aber ich finde den Fehler nicht. Was ich sagen kann: Das Capcha ist jenseitig. Beides tut mir sehr leid! (Update: Mein Bloggerkollege Josia Jourdan hat nicht aufgegeben - er hat es geschafft, das Capcha zu knacken und den Kommentar anzubringen. DANKE.)

Jetzt aber zu Teil 2 von "Geschichten für Anthologien. Darin gehe ich den Fragen nach: Was ist für mich als Autorin wichtig? Wo liegen die Stolpersteine? Und ich erzähle ein wenig aus dem Nähkästchen meiner Erfahrungen.

Der Vertrag


"Ein Vertrag? Für eine Anthologie? Haben wir noch nie gemacht."
Das beschied mir kein netter kleiner Verlag mit beschränkten Ressourcen, sondern ein ziemlich grosser und ziemlich anerkannter. Ich beschied zurück: "Kein Vertrag, keine Geschichte." Es folgte ein längeres Hin- und Her, am Ende kam ein Vertrag, der länger war als mein Text. Ich unterschrieb. Schief ging es trotzdem, aber mehr dazu weiter unten.

Für mich gilt: Kein Text ohne Vertrag. Das trifft selbstverständlich auch auf Anthologien zu, aber dort reicht mir als Vertrag eine Seite, auf der die wichtigsten Eckdaten aufgeführt sind: Vorschuss/Honorar, Tantiemen, Rechte (exklusiv oder nicht?), Rechterückgabe. Den Vertrag will ich VOR der Textabgabe haben. Notfalls halte ich den Text zurück oder lasse die Sache ganz platzen, wenn ich keinen Vertrag bekomme. Warum? Zwei Gründe:
  • Weil Vertrauen gut, aber Vertrag besser ist. Sollte es zu Streitigkeiten kommen, steht man ohne Vertrag auf verlorenem Posten da.
  • Stellt euch vor, ihr habt den Text geschrieben, habt alle Abgabetermine eingehalten, euren Teil der Vereinbarung erfüllt und dann kommt der Verlag und sagt: "Sorry, wir haben uns anders entschieden, wir machen die Anthologie nicht." Mit Vertrag ist nicht sicher, ob ihr trotzdem ein Honorar bekommt, ohne Vertrag bekommt ihr sicher keins.
Also: Immer einen Vertrag verlangen! Überlegt euch, ob ihr die Rechte ein für allemal abgeben wollt, oder ob ihr eine Klausel im Vertrag möchtet, die euch zusichert, dass ihr die Geschichte auch anderweitig verwenden dürft (wie und wann definiert dann diese Klausel) und wann ihr die Rechte am Text zurückbekommt/zurückfordern könnt.

Eine Anekdote dazu: Bei meinem ersten Anthologiebeitrag hatte ich einen sehr netten, aber leider nicht immer zuverlässigen Agenten. Der Vertrag trudelte wunschgemäss ein, der Agent wollte das mit den Rechten ändern - und dann verschwand er in der Versenkung. Irgendwann bekam ich Post vom Verlag, der wissen wollte, was mit meinem Vertrag sei. Ich musste gestehen, dass ich weder wusste, wo der Vertrag war, noch in welche Wolke sich mein Agent aufgelöst hatte. Das war so peinlich, dass ich einfach den ersten Vertragsentwurf unterschrieb und damit die Rechte für immer abtrat. (Anmerkung: Ich habe diesen Agenten sehr gemocht, verdanke ihm extrem viel, bin ihm heute noch dankbar - aber nach jener Geschichte habe ich mich von ihm getrennt.)

Einhalten von Abmachungen

Zu einem professionellen Arbeiten gehört für mich das Einhalten von Verträgen. Dazu gehört das Festlegen eines Zeitplans, der für beide Seiten (Verlag und AutorIn) einhaltbar ist. In dieser Sache habe ich bisher fast immer gute Erfahrungen gemacht. Die einzig wirklich schlechte Erfahrung hatte ich mit dem eingangs erwähnten Verlag. Nachdem ich den Vertrag endlich hatte, schickte ich (termingerecht) meine Geschichte ein. Dann hörte ich lange nichts, bis irgendwann die Meldung kam, man müsse den Erscheinungstermin verschieben. Kann passieren. Ich wartete und wartete und wartete und ... hakte irgendwann nach. Antwort: "Das Projekt ist infolge von zu wenigen Geschichten abgesagt, haben Sie unsere Nachricht im Sommer nicht bekommen?" Hatte ich nicht. Meine Agentin auch nicht. Später habe ich dann erfahren, dass auch andere AutorInnen die Nachricht nicht erhalten hatten. Sprich: Der Verlag hatte verschiedene AutorInnen Texte schreiben lassen, obwohl er gewusst hatte, dass es zu wenige waren. Besonders ärgerlich: Ich hatte meine Geschichte im Stressmonat Januar geschrieben, obwohl ich eigentlich keine Zeit hatte, völlig überarbeitet und am Rad drehend. Weil ich einen Vertrag unterschrieben hatte, bekam ich immerhin einen Teil des Honorars, aber es war weder den Aufwand noch den Ärger wert. Auch ärgerlich: Die schlechte Kommunikation und am Ende das Gefühl, veräppelt worden zu sein.

Wie ich in Teil 1 dieser Reihe geschrieben habe, ist eine Anthologie eine Gelegenheit, sich gegenseitig kennenzulernen. Ratet mal, für wen ich nie ein Buch schreiben werde.

Generell

Anthologien sind für viele bisher unveröffentlichte AutorInnen eine Chance, ihren Text in einem Buch zu veröffentlichen. An und für sich ist das eine gute Sache, allerdings sollte sich jeder und jede überlegen, wo die persönliche Schmerzgrenze bei den Bedingungen liegt. Fragen, die man sich stellen sollte:
  • Bin ich bereit, ohne Honorar zu schreiben? (wäre ich unter bestimmten Umständen)
  • Bin ich bereit, dafür zu bezahlen, dass ich dabei sein darf? (wäre ich nicht)
  • Muss ich dem Verlag ... (an dieser Stelle eine beliebige Anzahl Exemplare einsetzen) abnehmen, bin ich dazu wirklich bereit und falls ja, wie viel Platz hat es in meinem Keller? (das müsste ich mir gut überlegen, nicht zuletzt, weil ich gar keinen Keller habe)
  • Bekomme ich Belegsexemplare? (wäre mir extrem wichtig)
  • Veranstaltet der Verlag eine Vernissage? (fände ich schön, muss aber nicht sein)
  • Macht der Verlag im Rahmen seiner Möglichkeiten Werbung? (da würde ich genau nachfragen)
  • Wird erwartet, dass ich Tante Susi, Onkel Fred, meine 10 Nichten, 4 Neffen und die Grosscousins meiner Mutter zu Anlässen schleppe, damit Leute da sind? Und muss ich denen allen ein Exemplar aufschwatzen? (mache ich grundsätzlich nicht)
Habe ich Punkte vergessen?
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
Ich trau mich fast nicht, es zu sagen, aber ich würde mich sehr über Rückmeldungen freuen. Falls es nicht klappt, gebt mir bitte Bescheid (entweder auf Twitter oder FB oder in einer Mail, die Adresse findet ihr im Impressum)

PS: Die Anthologiegeschichte, die nie erschienen ist, habe ich zurück. Ich möchte sie noch einmal überarbeiten (wurde ja nie lektoriert) und stell sie dann hier in den Blog :-) Damit nähme die Sache dann doch noch ein gutes Ende.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Alice

Ich mag die Beitragsreihe.

Für eine Anthologie schreiben fände ich nur deshalb toll, weil ich Kontakte knüpfen könnte und eine meiner Geschichten in einem Buch veröffentlicht werden würde.

Ich sehe immer wieder Anthologien in Verlasgsvorschauen, was ich nicht sehe ist Werbung oder Buchladenpräsenz. Oder nehme ich sie einfach nicht wahr, weil ich mich nicht dafür interessiere?

Die einzige Anthologie, die mich bisher gereizt hat, ist die vom Drachenmond Verlag. Die haben tolle Autoren, spannende Themen und bringen das Buch auch wirklich unter die Leute.

Bin gespannt auf deinen letzten Beitrag!

Herzlich

Josia

Alice Gabathuler hat gesagt…

Lieber Josia
Je nach Verlag sind Anthologien mehr oder weniger Selbstläufer. Nicht wenige Verlage führen erfolgreich Weihnachtsanthologien. Dann gibt es noch die Themenanthologien (mehr dazu morgen). Für Buchhändler können Anthologien interessant sein, weil man sie gut verschenken kann, vor allem saisonale Anthos oder Themenanthos. Und immer wieder lancieren Autorinnen spannende, unkonventionelle Anthos. Ich denke, Anthos können durchaus erfolgreich sein (Mord in Switzerland war es in der Schweiz auf jeden Fall), sehr viele dümpeln aber auch vor sich hin. Das sind dann oft jene, bei der AutorInnen mitbezahlt und / oder sich verpflichtet haben, dem Verlag eine bestimmte Anzahl Exemplare abzukaufen. Oder jene, bei denen sich - sehr böse ausgedrückt - kleine Verlage mithilfe von Autoren finanziell über Wasser halten, indem sie darauf setzen, dass die Autoren Ihnen Exemplare abnehmen und dazu die ganze Verwandtschaft, Bekanntschaft und den Freundeskreis aktivieren.

Herzlich
Alice