Dienstag, 8. Oktober 2013

Öffentliche Lesungen von Jugendbuchautoren - die Fallstricke und warum es toll ist, wenn es trotzdem jemand wagt

Die allermeisten meiner Lesungen sind Schullesungen, finden also vor einem geschlossenen, "zwangsverpflichteten" Publikum statt. Keine Bange, das ist nicht halb so schlimm, wie es klingt, denn wenn es erst einmal losgeht, sind Zwang und Verpflichtung meistens schnell vergessen und die Jugendlichen sind voll dabei und in den meisten Fällen sogar begeistert.

Anders sieht es bei öffentlichen Lesungen von Jugendbuchautoren aus. Da stehen wir oft im Niemandsland. Denn Hand aufs Herz: Welcher Jugendliche geht FREIWILLIG an eine Lesung? Nach Schulschluss? Und grad noch einmal Hand aufs Herz: Welcher Erwachsene geht an die Lesung eines Jugendbuchautors (es sei denn, der Jugenbuchautor schreibt auch "Erwachsenenbücher" oder ist sensationell bekannt)? Das Wissen um das Niemandsland macht bescheiden - und ehrlich. Wenn also eine öffentliche Institution wegen einer Lesung anruft, rede ich Klartext. Ich erkläre das mit dem Niemandsland und ergänze, dass es ohne aktives Zugehen auf Schulen nicht geht, dass das trotzdem kein Garant ist, genügend Teilnehmer an einer Lesung zu haben.

Eine Lesung zu organisieren und durchzuziehen bedeutet Arbeit und Einsatz, auch finanziellen. Da ist es dann sehr frustrierend, wenn fünf bis zehn Leute auftauchen, von denen drei zu den Veranstaltern gehören und vier aus der Verwandtschaft des Autors stammen.

Deshalb mein Klartext. Den habe ich auch geredet, als mich eine sehr nette Dame von der Thalia in Bern kontaktiert hat. Ich habe meiner Freude über die Anfrage Ausdruck gegeben und dann sachlich auf all die Fallstricke resp. das Niemandsland hingewiesen. Am Ende sind wir so verblieben, dass die nette Dame es sich noch einmal überlegt. Ganz ehrlich: Ich wäre ihr nicht böse gewesen, wenn sie es sich anders überlegt hätte. Hat sie aber nicht. "Wir ziehen das durch!", hat sie gemeint.

Genau das machen wir jetzt. Wir ziehen es durch. Thalia Bern hat einen tollen Flyer herstellen lassen und ist sehr aktiv auf die Schulen in und um Bern zugegangen. Ich trage meinen Teil dazu bei, zum Beispiel mit diesem Blogeintrag. Auf die Lesung am 16. freue ich mich ohne Ende. Weil Thalia es wagt - mit dem Wissen um die Arbeit und das Risiko. Wie viele Zuhörer es dann am Ende auch sein werden: Ich werde voll motiviert und begeistert dabei sein.


Kommentare:

bugsierer hat gesagt…

ich fand dichterlesungen schon immer eine trümmlige sache. sie sind ein klassiker der eventisierung der gesamten kulturszene. die meisten autoren lesen miserabel, aber gelangweilte bildungsbürger finden die persönliche begegnung toll, und die häppchen, und die atmo in der des nächtens sondergeöffneten buchhandlung. das beschert den autoren gute gagen, den buchhändlerinnen ein vernünftiges hobby und der literatur als solches gar nix. wie gesagt, eventisierung. und darauf fallen kinder nicht rein. gut so.

Alice Gabathuler hat gesagt…

Lieber Bugsierer, wenn wir Jugendbuchautoren für Jugendliche lesen würden wie für Erwachsene, würden wir nach drei Minuten gesteinigt :-)

Im Ernst: Lesungen für Kinder und Jugendliche laufen total anders ab als für Erwachsene, und weil ich Jugendbücher schreibe, erlaube ich mir, die Lesungen auch für Erwachsene so zu gestalten wie für die Jugendlichen.

Der Unterschied: Kinder und Jugendliche sind gnadenlos ehrlich. Wenns langweilig wird, beginnen sie miteinander zu reden, komische Geräusche von sich zu geben usw. Kein einziger von denen setzt sein höfliches "Ich-bin-interessiert-Gesicht auf".

Genau deshalb lese ich so gerne für Jugendliche. Vor Erwachsenen habe ich immer ein wenig Angst - zumindest am Anfang der Lesung.

Alice Gabathuler hat gesagt…

WICHTIGER NACHTRAG:

Es ist komplexer, Herr Bugsierer. Es gibt auch unter den Erwachsenenautoren geniale Leser. Bei Alex Capus zum Beispiel, da war mir keine Sekunde langweilig. Und bei einem Pedro Lenz könnte ich stundenlang zuhören.

Ich denke, wie gut eine Lesung ist, hängt vom Autor ab. Das muss nicht zur Multimedia-Event-Show ausarten, sondern ist eine ziemlich persönliche Sache.

Bei Lesungen für Kindern und Jugendliche kommt einfach noch der Faktor dazu, dass die "zu wenig höflich" sind, um schlechte Lesungen zu akzeptieren. Das gefällt mir. Was mir auch gefällt: Sie stellen Fragen, die sich Erwachsene nicht zu stellen wagen. Und sie sagen einem schon mal direkt ins Gesicht: Lesen ist sch .... Auch das mag ich. Weil ich dann kontern kann.