Montag, 17. Oktober 2011

Betonkopfland

Die Welt regt sich, auch die westliche. Oder vielleicht auch: Die Menschen in der Welt regen sich. Sie gehen demonstrieren. Ohne Programm, dafür mit einem überlaufenden Herzen und dem Wunsch nach einer Veränderung. Weil es so, wie es jetzt ist, nicht weitergehen kann. Auch ich habe genug. Schon längst. Deshalb bin ich um diese Bewegung froh und dankbar.

Wenn ich jedoch gewisse Kommentare in den Online-Zeitungen lese, wird mir anders. Dann denke ich, ich lebe in einem Betonkopfland, in dem jeder Mensch mit der Vision einer anderen, besseren Welt zu einem linken, arbeitsscheuen, naiven, auf Pump und Kosten anderer Menschen lebenden Subjekt gestempelt wird, das dem Staat mit seinem Demonstrieren nur Unkosten beschert und ihm dann gleich noch auf der Tasche hockt. Der Ton dieser Betonköpfe ist gehässig, aggressiv, herablassend, beleidigend, zum Teil menschenverachtend. Das Menschenbild, das diese Kommentierenden haben ist so furchtbar negativ, dass ich mich frage, ob in all der Bitterkeit überhaupt Platz für auch nur einen Funken Freude ist. Ganz besonders schlimm finde ich, wie in diesen Kommentaren von und über Jugendliche geschrieben wird.

Als Beispiel das Zitat von Niklaus Senn, Ehrenpräsident der UBS, im Online-TagesAnzeiger:
Das sind Leute, die wenig oder nichts zu tun haben, zum Teil Fanatiker. Solche Aktionen bringen nichts.»
Wobei dieses Zitat im Vergleich mit einigen Kommentaren schon fast als sehr höflich bezeichnet werden kann. Mir scheint manchmal, es gibt Leute, die sich nicht erinnern können, jung und voller Träume gewesen zu sein.

"So einen Schrott liest man aber auch nicht", meint Herr Ehemann. Das Problem: Auch wenn man ihn nicht liest, ist er da, dieser Schrott. Er zeigt die ganze Hässlichkeit, die auch zu diesem Land gehört. Er zeigt aber auch, wie Medien mit Verantwortung (nicht) umgehen. Der Hass lebt in den Kommentarspalten. Er trieft aus den Zeilen und verbreitet sich. Von Redaktionen unwidersprochen. Ich habe gestern einem Kommentator, der es geschafft hat, in einem einzigen Eintrag einen ganzen Kübel Verachtung, Hass und Aggression über die Demonstrierenden zu leeren, geantwortet. Wahrscheinlich ein sinnloses Unterfangen. Ich habe immer gerne in der Schweiz gelebt. Zur Zeit finde ich es jedoch sehr, sehr beengend.

Kommentare:

PvC hat gesagt…

Liebe Alice,
ich muss dem Ehemann wie dir recht geben. Früher bekamen wir als Journalisten die Leserbriefe per Post in die Redaktion. Gefühlt 90% derer, die sich diese Mühe machten, waren nicht die Konstruktiven und Positiven (die sind eher still), sondern die Selbstdarsteller, Meckerer und Durchgeknallten. Wir hatten die Aufgabe, die Durchgeknallten in den Mülleimer zu sortieren und den Lesern ein ausgewogenes Bild mit Meinungen aller Seiten zu präsentieren. Die Leser ahnten nichts von wahren Sumpf da draußen und wir nahmen das Schlimmste professionell - nämlich so ähnlich wie dein Mann das rät.

Nun kommt alles ungefiltert und ohne jede Hemmschwelle an die Öffentlichkeit. Betonung auf "ohne Hemmschwelle", denn heute kann man anonym und mit einem winzigen Klick seinen Unrat abladen. Das Schlimmste ist die Anonymität, das züchtet Wandbeschmierer.

Trotzdem: Die Menschen da draußen im Land sind nicht ekliger oder schlimmer geworden. Sie waren schon immer so. Sie hatten nur weniger Möglichkeiten, sich öffentlich auszukotzen oder anonym zu hetzen.

Es gibt da nur zwei Möglichkeiten: Don't feed the trolls!!! Und die andere: Schreibt eurer Zeitung, dass ihr keine Lust mehr habt, auf ihren Seiten durch Dreck zu waten. Dass euch das so abstößt, dass ihr die Zeitung vielleicht gar nicht mehr lesen mögt. Es gibt nämlich durchaus große Zeitungen, die inzwischen Kommentare moderieren und Beleidungen etc. gnadenlos löschen - mit Erfolg. Und je mehr Anständige sich beschweren, desto größer ist vielleicht die Chance, dass endlich mal wieder jemand für diese Arbeit bezahlt werden wird.

Mia hat gesagt…

Danke Alice, dass du aussprichst, was ich schon lange denke. Und mir auch gerade beim genannten Beispiel (Artikel über occupyparadeplatz)extrem negativ aufgefallen ist.

Aber ja, es ist wohl schon so, wie PvC schreibt, den Müll hat es immer gegeben, nur landete er in den Papierkörben der Leserbriefredaktionen. Vielleicht ist das der Preis dafür, dass wir selbst die gestrengen Leserbriefreaktionen umgehen und heutzutage ungehindert in Blogs publizieren können, was wir denken.

Aber es gibt Artikel, da sollte schlichtweg die Kommentarfunktion nicht zur Verfügung stehen. Weil es schlicht keinen Mehr - nur Minderwert schafft.

Alice Gabathuler hat gesagt…

Es ist zum Teil ein verbales Auskotzen von Leuten, die sämtliche Hemmungen ablegen. Da brechen Dämme. Und weil sie damit durchkommen, machen sie weiter.

Man kann verschiedene Auffassungen haben, man kann politisch in den verschiedensten Landschaften stehen, aber der Respekt gegenüber andern sollte gewahrt bleiben. Respekt vor dem anderen ist das, was einen Menschen menschlich macht. Egal, wie weit man in der Sache auseinandersteht.

Es scheint einen Bodensatz an Leuten zu geben, die den Respekt nur für sich fordern, für andere jedoch keinen haben. Was ich in den Kommentaren zu der Paradeplatzbesetzung an menschenverachtenden Vorurteilen gegenüber Jugendlichen und Andersdenkenden gelesen habe, geht auf keine Kuhhaut. Was die Verfasser solcher Zeilen vergessen: Sie sind kein Vorbild. Sie predigen andern, was sie selbst nicht einhalten.

Das Netz filtert nicht. Es wäre Sache der Online-Redaktionen. Nur: Gehässige Kommentare ziehen Konter nach sich. Jeder Besuch ein Klick. Jeder Klick eine Waffe im Kampf um Werbekunden. Grösse wäre, trotzdem jene Kommentare nicht zu veröffentlichen, die andere verunglimpfen. Und das auch ganz klar zu kommunizieren.

Das Problem mit diesen Kommentaren: Damit erhalten Menschen ein Gewicht und eine Plattform, die sonst keins von beidem hätten. Sie werden gelesen. Und was in einer (Online)Zeitung steht, rechtfertigt dann in ihren Augen ihr tun.

Ich habe bis zum heutigen Tag kein Rezept gegen Menschen, die andere blossstellen, abschätzig abdisqualifizieren, zu etwas stempeln, das sie nicht sind usw. Ignorieren wir sie, geben wir ihnen recht. Widersprechen wir ihnen, schaukeln wir sie auf.

Mir ist ein Rätsel, wie man gegen so etwas ankommt. Und das macht mir Angst. Sehr sogar.