Mittwoch, 14. Februar 2024

Frühling


Ich bin ein Frühlingsmensch. Wenn die Tage länger werden, die Vögel wieder so richtig fröhlich singen, die ersten Blumen aus dem Boden drängen, dann zieht es mich noch mehr nach draussen als sonst schon. Ich will sehen, riechen, hören, greifen, fühlen. Erde unter meinen Füssen. Diesen kitschig hellblauen Frühlingshimmel über mir. Warme Sonne auf meiner Haut.

Gestern war ich mit Herrn Ehemann auf einem langen Spaziergang. Alles stimmte: Das Wetter, die Strecke, die Laune. Irgendwann gerieten wir ins Spekulieren darüber, ob diese warmen Tage schon das Ende des Winters einläuten oder ob das einfach eine hoch willkommene Verschnaufpause vor dem nächsten Schnee ist. Wir konnten uns nicht festlegen und entschieden, dass das auch gar nicht nötig ist. Der Augenblick war schön und gut. Und solche Augenblicke gilt es auszukosten und zu leben.

Donnerstag, 8. Februar 2024

Dilemma

 
 
Gestern fiel ein Termin in der Nähe von Zürich sehr kurzfristig aus. Genauso kurzfristig habe ich mich entschlossen, stattdessen in die Berge zu fahren. Ich wollte die Traurigkeit abschütteln, die mich seit längerem begleitet, wollte meine Autorenseele erden und mit Kraft füllen. Kurz nach Chur fühlte ich, wie es mir besser ging, wie meine innere Wackligkeit nachliess. Die Rheinschlucht - immer und immer wieder überwältigend schön - tat mir gut. In Ilanz stieg ich von der Bahn ins Postauto um und merkte, wie ich mit jedem Kilometer mehr bei mir ankam.

Ich blieb nicht lange, nur ein paar Stunden. Ich tat auch nicht viel, denn im ungeheizten Haus war es kalt, im Schreibstall noch kälter und draussen grad auch. Die Sonne schaffte es nicht durch die Wolken, aber all das spielte keine Rolle. Die Traurigkeit verzog sich zwar nicht wirklich, sie schrumpfte jedoch zu einer leisen Melancholie und ich konnte meine Gedanken sortieren und mir überlegen, wie ich mit meinem Dilemma umgehen soll.

Das Dilemma hat mit den Bergen und meinem neuen Buch zu tun. Die Geschichte ist meine Liebeserklärung an die Berge und die Menschen, die in den Bergen leben. Sie wurzelt dort, wo ich auch wurzle. Ich bin tief mit ihr und den Buchcharakteren verbunden. Und zu dieser Geschichte hat das Buch ein Flachlandcover bekommen. Eine Aufnahme aus dem Mittelland, die auch aus Mecklenburg-Vorpommern stammen könnte. Es ist eine schöne Aufnahme mit einer ganz besonderen Stimmung, die bestimmt vielen Menschen gefallen wird. Der Verlag ist begeistert. Nur für mich stimmt das Bild halt überhaupt nicht. 

In dem Moment, in dem mir klar wurde, dass das Cover definitiv so bleiben und aussehen wird, hat sich meine Vorfreude auf das Buch verzogen wie ein geprügelter Hund und einer tiefen Traurigkeit Platz gemacht. Mit Frust oder Wut hätte ich umgehen können, aber nicht mit dieser abgrundtiefen Traurigkeit. Ich komme mir ihr nicht klar. Und ich werde sie nicht los. Ich kann sie verdrängen, habe das jetzt einige Wochen lang gut geschafft, aber mit dem Näherrücken des Erscheinungstermins ist sie zurückgekommen.

Ich würde so gerne sagen, dass ich das alles sehr professionell sehe und vor allem, dass ich professionell damit umgehen kann. Aber beides wäre eine Lüge. Früher wäre ich zumindest so professionell gewesen, dass ich in den Social Media begeistert das Cover gezeigt hätte, mit einem Text dazu, in dem ich verkünde, wie sehr ich mich freue. Das kann und will ich nicht mehr. Mein Entschluss vor einiger Zeit, meine Social Media Accounts nicht zu löschen, hing mit der Bedingung zur Ehrlichkeit zusammen. Was mich zum Dilemma bringt: Wie gehe ich mit all dem um?

Ich glaube, ich habe einen Weg gefunden, wie ich auf das neue Buch eingehen kann: Ich zeige auf Insta Bilder aus der Welt meiner Protas mit passenden Buchzitaten. Anders gesagt: Ich stelle meine Hauptfiguren vor. Das funktioniert für mich. Bei den Lesungen bin ich ehrlich. Wenn mich die Jugendlichen nach meinem neuen Buch fragen, erzähle ich ihnen davon - und verschweige nicht, wie traurig mich das Cover macht.

Wer jetzt schon Einblicke in meine Protas und ihre Welt möchte, findet sie auf Insta. Oder wartet hier noch ein Weilchen. Ich werde die Portraits hier in einem Blogpost vorstellen, sobald ich die wichtigsten Figuren beisammen habe und der Erscheinungstermin des Buches etwas näher liegt.

Mittwoch, 31. Januar 2024

(K)ein typischer Tagesablauf

Ich werde oft gefragt, wie ein typischer Arbeitstag bei mir abläuft. Bis Ende Dezember 2023 war die Antwort wenigstens für den ersten Teil des Tages klar: Ich stehe auf, werfe die Kaffeemaschine an, hole die Zeitung aus dem Briefkasten, mache mir einen Kaffee, stelle die Kaffeetasse neben die Zeitung, lese das Neuste von (sehr) nah und (sehr) fern und trinke dazu meinen Kaffee. Ein Ritual, das sich über Jahrzehnte nicht geändert hat. Bis meinem Zeitungsanbieter einfiel, dass es günstiger kommt, die Zeitung nicht per Frühzustellung sondern per Post zu verteilen. Einen Monat lebe ich nun schon ohne Zeitung am Morgen, und hätte ich nicht meine täglichen Morgenmails, die ich mit Jutta Wilke austausche, stünde ich ritual- und hilflos im Schilf der Verlorenen. Und nein, online Zeitung lesen ist Null Ersatz für das Lesen einer Printzeitung am frühen Morgen.

Nach dem ritualähnlichen Einstieg in den Morgen verläuft jeder Tag ein wenig anders. Ich würde euch jetzt gerne sagen, dass ich sehr diszpliniert und klar strukturiert an meine Arbeiten gehe, aber das wäre eine glatte Lüge. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt etwas tue und wenn ja, was. Wie oft und wie viel ich als Autorin arbeite. Wie oft und wie viel als Verlegerin. Ob ich daneben Projekte auf die Reihe bekomme, die ich mir vorgenommen habe. Ist das alles überhaupt messbar?

Kürzlich habe ich gelesen, wenn man an diesem Punkt sei, an dem man sich fragt: "Habe ich überhaupt was geschafft heute/diese Woche/diesen Monat oder habe ich mehr oder weniger nur prokrastriniert?", dann solle man sich mal aufschreiben/anschauen, was man so alles erledigt hat. Genau das habe ich gemacht, und die abgehakten Punkte in meinem Bullet Journal haben mir gezeigt, dass es gar nicht so wenig war: Ich habe lektoriert, geschrieben, zehn Lesungen gemacht, Termine wahrgenommen, war Sekretärin, Logistikerin und meine eigene Social Media Beauftragte, habe drei Handwerksprojekte umgesetzt, ein grosses und zwei kleinere, und habe mein Monatsziel von 170 gelaufenen Kilometer sogar leicht übertroffen. Bei Autor:innen auch wichtig: Die Zeit, die man in Gedanken bei seinen Figuren und seinen Geschichten verbringt, zeigen sich in keinem Arbeitsplan.

All diese oben erwähnten Tätigkeiten habe ich zu den verschiedensten Tageszeiten ausgeübt. Ein konkretes Muster zeichnet sich nicht ab, ein sich wiederholender Tagesablauf sowieso nicht. Ich glaube, das macht es schwierig zu erkennen, was man alles erledigt hat. Diese sehr unterschiedlichen Tagesabläufe sind aber auch genau das, was ich mag. Regelmässige Arbeitszeiten und Verpflichtungen kann ich mir längst nicht mehr vorstellen. Ich empfinde sie als viel zu einengend für mich.

Wichtig ist, sich nicht zu sehr zu verausgaben. Das habe ich jahrelang gemacht, wie so viele andere selbständig Erwerbende auch. Weil es für mich normal war, weil es zum Teil nicht anders ging, weil ich mir auch oft eingeredet habe "Wenn du jetzt absagst, bekommst du keine Anfragen mehr". Erst jetzt, wo ich älter (alt) werde, erlaube ich mir ein Zurückfahren meiner Aktivitäten, erlaube ich mir Arbeitsportionen, die ich bewältigen kann. 

Und genau jetzt, wo ich meistens Zeit und Musse für meine Printzeitung hätte, liegt sie am Morgen nicht mehr in meinem Briefkasten. Zum grossen Glück habe ich Jutta Wilke und unser Morgenmail-Schreibritual. Die Morgenmail für heute ist längst geschrieben - die Arbeit wartet. Na, dann mal los! Hinein in einen Tag, der (k)ein typischer sein wird.

(Bild: Pixabay, TaniaRose)

Freitag, 26. Januar 2024

Eigentlich ... ist es genau richtig und gut so


Ihr kennt das: Eigentlich wolltet/solltet ihr ... Aber dann zuckt das Leben mit den Schultern, schlägt einen Haken und guckt euer geplantes "Eigentlich" nicht mal mit dem Allerwertesten an. So geht es mir mit dem heutigen Post gleich mehrfach.

Eigentlich ... hatte ich mir vorgenommen, dieses Jahr jeden Mittwoch einen Blogpost hochzuladen, allenfalls am Donnerstag. Heute ist Freitag. Also immerhin noch die richtige Woche. Tschakka.

Eigentlich ... wollte ich diese Woche etwas zu den Demonstrationen gegen rechts schreiben. Den Text dazu habe ich am Mittwoch auf der Fahrt nach Zürich geschrieben. Aber dann habe ich die Autorin Monica Cantieni getroffen, die ein tolles Projekt auf die Beine gestellt hat, das bestens zu dem passt, was ich geschrieben habe. Leider ist das Projekt noch nicht ganz so weit, weshalb ich den geplanten Text nach hinten schiebe. Was ich jedoch schon mal kann und auch sehr gerne tue: auf Jutta Wilkes Blogpost verlinken, den sie nach den Demonstrationen vom Wochenende geschrieben hat.

Eigentlich ... wollte ich heute Morgen ins Haus in den Bergen fahren. Aber dann habe ich auf Insta gesehen, dass Susanne Oswald in Chur liest, also beinahe bei mir um die Ecke. Susanne war im gleichen Forum für Kinder- und Jugendbuchautor:innen wie ich und ist schon vor einer ganzen Weile mit ihren wunderbaren Büchern für Erwachsene durchgestartet. Ich habe also meine Pläne über den Haufen geworfen und fahre heute Abend nach Chur und morgen früh dann ins Haus in den Bergen.

Eigentlich ... hätte ich für Januar ganz konkrete Ziele gehabt, was mich und meine Körper betrifft. ähm ... Mehr schreibe ich da jetzt besser nicht dazu.

Eigentlich ... finde ich diese ganzen Haken, die das Leben so schlägt, wenn man eigentlich etwas machen will/sollte, total cool (Ausnahme: das mit den Abmachungen zwischen mir und meinem Körper).

Keine Haken geschlagen haben meine ersten Lesungen des Jahres. Die gingen voll geradeaus und waren Freude pur. Tolle Jugenliche, tolle Lehrpersonen, tolle Lesungen. Einfach nur schön. Ohne das kleinste bisschen "Eigentlich."

Wenn ihr gucken wollt, womit mich die Jugendlichen empfangen und überrascht haben, schaut euch die beiden Kurzvideos an. Viel Spass.


 

Mittwoch, 17. Januar 2024

Ein Ende mit Schrecken - vom Scheitern


Das Ende zeichnete sich ab, aber wir wollten nicht aufgeben. Wir: Jutta und ich. Sieben Monate lang hatten wir an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Zuerst voller Vorfreude, viel Spass und ungeheurer Motivation. Für beide von uns war es in mehrfacher Hinsicht eine neue Herausforderung: gemeinsam schreiben - und erst noch an etwas für uns völlig Neuem. Ein Escape-Krimi sollte es werden. Setting: ein verlassenes Kloster. Wir entwarfen tolle Protas - samt einer Katze -, dachten uns eine Geschichte aus, schauten uns umpfzig Grundrisse von Klostern an und erfanden unseren eigenen. Wir tasteten uns an das Format heran. Zwei Seiten Text, dann ein Rätsel. Jedes Mal ein Cliffhanger. Die Rätsel alleine waren eine Riesenherausforderung, der sich vor allem Jutta annahm - ich war ihr Versuchskaninchen fürs Lösen dieser Rätsel und habe mir an so manchem fast die Zähne ausgebissen; auf jeden Fall fand ich alle toll.

Drei Probekapitel sollten wir schreiben, bevor es das definitive Go-Ahead geben sollte. Wir liefen zu Höchstform auf, fanden schnell heraus, wo die Stolpersteine lagen (zwei Seiten sind sehr wenig bis zum ersten Cliffhanger und Rätsel - Rätsel erfinden hat es in sich), aber wir kniffelten begeistert an Formulierungen herum, kürzten, änderten, verbesserten. Die erste Reaktion darauf: kritisch verhalten. Wir mussten anpassen, vieles von dem, was wir an unserem Text liebten, entsprach nicht dem, was der Verlag erwartete.

Im Nachhinein betrachtet, hätten wir die Übung nach diesen drei Probekapiteln abbrechen sollen. Aber unser Ehrgeiz war geweckt. Der Spass wurde weniger, der Stress mehr, die Freude am Projekt war längst gedämpft und brach immer weniger durch. Aber wir wollten das Ding professionell durchziehen.

Am Ende gaben wir unsere Geschichte Anfang Januar 2023 (also ziemlich genau vor einem Jahr) pünktlich ab. Sie fand keine Gnade. Der Text wurde nicht angenommen, was bedeutete, dass es auch kein Geld gab (okay, JAJAJA, es war dämlich einen solchen Vertrag zu unterschreiben). Wir gaben noch einmal alles. Plotteten um, legten ein langes, detailliertes Konzept mit den Änderungen vor. Auch das neue Konzept mit Kurzzusammenfassung sämtlicher 24 Kapitel fand keinen Gefallen. Das war der Moment, in dem wir uns für den Abbruch der Übung entschieden.

Im Gespräch mit der Lektorin bot uns diese an, das Projekt weiterzuverfolgen und den Veröffentlichungstermin um ein Jahr zu verschieben, aber wir wussten alle drei, dass das nichts mehr wird. Wir entschieden uns gegen einen Schrecken ohne Ende und zogen das Ende mit Schrecken vor. Das bedeutete auch, uns einzugestehen, dass wir grandios gescheitert waren. Aber so was von.

Finanziell war es eine Katastrophe, extrem viel Arbeit für praktisch nichts. Schlimmer für mich war, was es mit meinem Schreiben machte. Ich schrieb in dieser Zeit auch meinen Roman zu Ende und verlor jegliches Gespür dafür, ob der Text gut war oder nicht. Mir hatte unsere erste Escape-Version gefallen. Aber sie war so was von durchgefallen. Konnte ich meiner Wahrnehmung noch trauen? War das, was ich da ablieferte, überhaupt brauchbar? Ich war insgeheim überzeugt, dass auch mein Roman abgelehnt werden würde. Dass er nicht gut genug war. Anders gesagt: Das Scheitern machte mich unsicher. Diese Unsicherheit hielt über Wochen an, sie blieb auch, als wir längst mit dem Lektorat und dem Überarbeiten des Romans angefangen hatten.

Den Abbruch des Escape-Projekts habe ich nie bereut, auch nicht, dass wir ihn viel zu spät vollzogen haben. Ich bereue es nicht einmal, mich an diesem Format versucht zu haben. Es ist ein spannendes Format, eines, das mir gefällt, eines, das sehr anspruchsvoll ist. Ich habe eine Unmenge über mich und das Schreiben im Team gelernt. Und da war vor allem am Anfang eine wahnsinnige Schreibfreude, an die ich mich sehr gerne erinnere.

Heute, ein Jahr später, ist das alles längst Schnee von gestern. Es ist, als hätte das Loslassen, das mit dem Scheitern einherging,  neue Kräfte freigesetzt. Mein Roman kommt Mitte März in die Buchläden. Ich habe in der Zwischenzeit begeistert mit verschiedenen Textformen experimentiert. Mein Kopf ist voller Ideen für nächste Projekte. Selten war die Schreiblust so gross wie in diesen Tagen. Und vor ein paar Wochen habe ich tatsächlich davon geträumt, eine neue Escape-Geschichte zu schreiben. Aber ich denke, das sollte ich wohl besser bleiben lassen.

Scheitern ist Teil unseres Berufs. Immer und immer wieder. Im Kleinen und im Grossen. Als Autorin bin ich so was wie eine Wellensurferin. Ich geniesse die Momente, in denen ich oben auf der Welle surfe, ich stöhne und grummle mich durch die Flauten, mache mir selber Mut. Ab und zu wirft mich eine Riesenwelle an den Strand, so heftig, dass ich nicht mehr weiss, was oben und unten ist. Dann sitze ich bedröppelt da, spucke mir den Sand aus dem Mund, lecke meine Wunden. Und wenn ich genügend in Selbstmitleid gebadet habe, stehe ich auf, wische den Sand ab und suche mein Surfbrett (und meinen Laptop). Tschakka.