Posts mit dem Label Meinungsfreiheit. werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Meinungsfreiheit. werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 21. September 2026

MEINUNGSFREIHEIT


Meinungsfreiheit ist eins der höchsten Güter, die wir haben. Wer sie ernst nimmt, geht nicht leichtfertig damit um. In den vergangenen Tagen hat der Rapper Macklemore sie genutzt und ist dafür als Supporting Act aus Ed Sheerans Tour gefeuert worden. Das löste zurecht heftige Proteste aus. Bis hierhin kann ich dem Geschehen folgen. Was danach kam, hat mich umgehauen.

Gefeuert wurde Macklemore vom Veranstalter. Gestürzt hat man sich auf Ed Sheeran, der in einem langen Statement erklärt hat, was passiert ist und was seine Rolle dabei war. Er hat versucht, die Tour zu retten, für seine Fans, die Tickets gekauft haben, für seine Musiker, die auf Einnahmen angewiesen sind. Ja, es fehlt der Satz, dass er es verurteilt, dass jemand wegen einer Meinungsäusserung aus einer Tour geworfen wird. Das kann man Ed Sheeran tatsächlich ankreiden. Aber man kann ihm nicht ankreiden, dass er sich nicht politisch äussern will. Das ist Meinungszwang. Zur Meinungsfreiheit gehört auch, seine Meinung nicht öffentlich zu äussern. Genau das geht in Zeiten der aufgeheizten Social Media Debatten verloren. Eine laute Minderheit verlangt sehr laut nach Stellung beziehen. Ich bin der Meinung: Wer das kann und will, soll das tun. Auf jeden Fall. Dazu gezwungen werden sollte niemand. 

Ich entnehme Ed Sheerans Statement, dass er sich intensiv mit den geschichtlichen Hintergründen dieses jahrzehntealten Konflikts auseinandergesetzt hat, der in einen unvorstellbar unmenschlich-grässlichen Krieg ausgeartet ist. Er weiss, dass zwei Wörter nicht ausreichen, oder er will - genau wie ich - dieses Geschehen nicht auf zwei Schlagwörter herunterbrechen. Dazu ist alles viel zu komplex; die Schuldigen sind auf beiden Seiten zu finden, die Unschuldigen sind wie immer Zivilpersonen: Kinder, Frauen und Männer, die nichts mehr wollen als in Frieden zu leben. Es gibt ausser kriegswütigen Machtmenschen wohl gar niemanden, der diesen Krieg nicht lieber heute als morgen beenden würde. 

Vielleicht ist Ed Sheeran ein Opportunist. Vielleicht hat er Freunde oder Bekannte, die am 7. Oktober ermordet wurden. Vielleicht sagt er sich: Wo ist die Grenze, wenn ich Stellung beziehe? Sollte oder müsste ich dann nicht auch andere Kriege erwähnen? Oder die Töchter Afghanistans, denen man die Zukunft raubt? Oder das Klima? Wo fängt es an? Wo hört es auf? Vielleicht verzweifelt Ed Sheeran genauso an der Welt wie viele andere von uns - und will genau deshalb in seinen Konzerten Raum für eine Auszeit bilden, in dem wir alle Platz haben. 

Was mich auch getroffen hat: Zusammen mit Ed Sheeran ist Pink ins Visier der Meinungszwang-Menschen geraten. Pink hat zwar eine Meinung vertreten, aber blöderweise "die falsche". Denn: Niedergeschrien wird nicht nur, wer sich öffentlich nicht äussert. Niedergeschrien wird auch, wer eine Meinung hat, die nicht passt. Und das im Namen der Meinungsfreiheit? 

Ich bin das Niederschreien soooo satt. Wer Ed Sheeran für einen opportunistischen Feigling hält, soll seine Musik boykottieren, soll keine Tickets kaufen und kann ihn von mir aus ganz furchtbar nicht mögen. Im Moment habe ich eher das Gefühl, dass auf Social Media ein paar Menschen, die bis vor einer Woche nicht einmal wussten, wo Israel und Palästina liegen, geschweige denn, was ihre Geschichte ist, sich grässlich empören, weil das Klicks und Likes bringt. Und weil es doch so toll ist, mal wieder jemanden in einem Shitstorm niederzumähen und sich dabei moralisch auf der richtigen Seite zu wähnen. Derweilen geht der Krieg in seiner ganzen Unmenschlichkeit weiter. Und eigentlich friedliebende Menschen geben einander verbal aufs Dach.

Wie wäre es, wenn wir alle menschlich bleiben würden? Mit Respekt gegenüber jenen, die anders denken? Wie wäre es, wenn wir akzeptieren würden, dass nicht jeder und jede seine Meinung laut in die Gegend brüllen mag? Wie wäre es, wenn wir anerkennen würden, dass Menschen zwar Standpunkte haben, die sie aber im kleinen, privaten Rahmen vertreten oder die ganz unspektakulär Kommunalpolitik machen? Wie wäre es mit Meinungsfreiheit statt Meinungszwang? 

Nachtrag: Ed Sheeran hat ein Video aus seinem ersten Auftritt nach dem Shitstorm veröffentlicht. Darin nimmt er Stellung zum Rauswurf, den er verurteilt, geht auf die Lage in Israel / Palästina ein und erklärt noch einmal, dass er kein Aktivist sein will, sondern in seinen Konzerten Menschen mit verschiedenen Meinungen friedlich vereinigen will.

Disclaimer: Ich war nie ein Fan von Sheeran, könnte keinen einzigen seiner Songs beim Titel nennen und komme wunderbar ohne seine Musik aus. Aber ich mag es nicht, wenn jemand zu einer Meinung gezwungen wird. Und ich mag es noch weniger, wenn ein ganzes Internet auf jemanden schiesst, der sich entschieden hat, seine politische Meinung privat für sich zu behalten. Und der sich, auch das geht im Geschrei unter, mit einer Stiftung für Kinder und Jugendliche einsetzt.  

Dienstag, 2. September 2014

Shut up and sing ... or write ... or teach

Vor ein paar Jahren haben 12 Wörter das Leben der Dixie Chicks (am. Band) total verändert. Von einem Tag auf den anderen wurden aus all American "Darlings" Staatsfeinde, deren Lieder nicht mehr gespielt wurden, deren CDs öffentlich vernichtet wurden, die Todesdrohungen erhielten. Sie haben dazu einen Dokumentarfilm gemacht. Shut up and sing. Was so viel heisst wie: Halt die Klappe und sing. Bis heute ist "Not ready to make nice" einer meiner absoluten Lieblingssongs.



Dasselbe könnte man auch von Autoren verlangen: Shut up and write. Halt die Klappe und schreibe. Kürzlich wurde ich bei einem Interview gefragt, ob man als Autor eine politische Meinung vertreten müsse. Muss man überhaupt nicht, finde ich. Aber man soll dürfen. Weshalb es hier ab und an politisch wird. Weshalb es einen Alter-Ego Blog gibt, in dem ich fadengrade schreibe, was ich denke*. Und weshalb meine Bücher gesellschaftliche Themen aufnehmen, die mich beschäftigen. #no_way_out ist so eins.

Und jetzt kommt also das Shut up an teach. Lehrer, unterrichte! Hab eine Meinung, aber versteck die (vor allem, wenn du ein linker Lehrer bist!). Ich hatte viele Lehrer und Lehrerinnen. Einige, die einfach nur unterrichtet haben, einige, die eine Meinung vertreten haben - von ganz rechts bis ganz links. Natürlich konnte ich mit den einen Meinungen mehr anfangen als mit den anderen, aber ich bin an den Auseinandersetzungen gewachsen und habe mir meine eigene Meinung gebildet. Als Lehrerin, die ich auch war und immer noch bin, wissen die Schüler genau, wo ich mit meiner Meinung stehe, wobei sie auch wissen, dass das meine Meinung ist und überhaupt nicht ihre sein muss (und ich ihnen diese Meinung auch nicht aufdränge). Vorwärts kommen wir durch Diskussionen, durch Zuhören, durch die Auseinandersetzung mit dem anderen (auch und gerade dann, wenn man man eben nicht einer Meinung ist). Natürlich ist es im Englischunterricht die Sprache, die zuvorderst steht - aber wie unterrichte ich Staatskunde ohne Diskussion und Auseinandersetzung? Wie lernen Jugendliche, eine Meinung zu vertreten, wenn schon der Lehrer keine haben darf? Was zählt, sind Argumente und Gegenargumente. Das Akzeptieren und Respektieren des Gesprächspartners. So lernen wir unter anderem Demokratie. Demokratie ist nicht EINE Meinung, sondern das Leben miteinander in der Meinungsvielfalt.

Wenn jetzt also eine Jungpartei kommt und eine Plattform einrichtet, auf der Jugendliche ihre Lehrer verpfeifen können, weil sie ihre Meinung äussern, dann ist für mich ein Punkt erreicht, wo ich nicht die Klappe halten und einfach (Bücher) schreiben kann. Ich will was sagen. Nämlich: Dass wir damit eine Linie überschreiten. Dass es reicht. Dass ich nicht in einem Land leben will, in dem man anonym seine Lehrer denunzieren kann. Dass das, was hier geschieht, einer Demokratie unwürdig ist. Dass wir damit unsere Werte verscherbeln und die Demokratie verkaufen. Ich will und muss das sagen. Weil ich nicht irgendwann von meinen Enkelkindern gefragt werden will, was ich denn dagegen getan hätte. Das hier, hat mit Demokratie absolut rein gar nichts mehr zu tun:


*Der Blog hat ziemlich lange geruht. Ich habe ihn kürzlich wieder aktiviert und werde ihn wieder aktiver betreiben. Weil Shut up and Write für mich nicht geht.