Montag, 30. Mai 2011

RESPECT ... oder Jugendliche brauchen Vorbilder

Von der Jugend von heute erwartet man ziemlich viel. Anstand, Respekt, Fleiss, Einsatz, gute Manieren ... (der Forderungskatalog ist ziemlich lang und deshalb an dieser Stelle unvollständig). Bei meinen Lesungen treffe ich auf Neugier, auf offene junge Menschen, und ich kann sagen: Sehr, sehr selten findet eine(r) die Grenze zwischen aufrechter Erhlichkeit und schlichter Dreistheit nicht. Ich stelle fest, dass an den (allermeisten) Schulen, die ich besuche, sehr viel Wert auf einen guten Umgang miteinander gelegt wird. Mit jedem Jahr mehr, scheint mir. Der Eindruck mag trügen, aber ich habe bis jetzt ein perfektes Lesejahr hinter mir, mit lauter sehr guten Erfahrungen.

Wir verlangen der heutigen Jugend ziemlich viel ab. Wir erwarten viel von ihnen. Und vergessen dabei, dass sie uns an unseren Erwartungen messen. Erwarten wir also Respekt und Anstand von ihnen, oder allgemein vor den Mitmenschen, dann sollten wir ihnen das vorleben. Indem wir das eine predigen und das andere tun, signalisieren wir ihnen: Vergiss den Quatsch mit dem Anstand und dem Respekt. Ansehen und Kohle gehen an jene, die sich nicht daran halten.

Wieso ich diesen Eintrag genau jetzt schreibe? Weil mir seit Tagen eine Geschichte im Kopf herumgeistert, nämlich die vom Journalisten, der bei einem Blogger auf eine Geschichte gestossen ist, den Blogger kontaktiert und dann seinen Artikel auf der Recherchearbeit des Bloggers aufgebaut hat. So weit, so gut. Das ist ein normaler Vorgang, vor allem weil der Blogger - wie ich das interpretiere - damit einverstanden war. Nun zum fragwürdigen Teil: Der Artikel erschien ohne Quellenangabe, will heissen, der Journalist verkaufte die Geschichte als seine ureigene. Und gewann damit einen Preis, obwohl die Jury wusste, dass er sich mindestens teilweise mit fremden Federn geschmückt hatte. Womit wir beim wirklich unappetitlichen Teil angelangt sind. In der Festbroschüre werden diese fremden Federn folgendermassen erwähnt:
Ein Blogger hatte ihre Geschichte angezweifelt, sie aber aus Angst vor ihren Anwälten weiterwursteln lassen. Der Blogger ist mittleren Alters und alleinstehend. Nicht zufällig: Gute Geschichten sind wie gute Frauen. Man trifft zufällig auf sie und wer nicht hartnäckig dranbleibt, kriegt sie nicht.
Ich nenne so was einen Schlag in die Magengrube. Jede anständige Jury, die etwas von Resekt gegenüber Mitmenschen versteht, hätte dem Jüngelchen von Journalisten die Leviten gelesen und dazu geschaut, dass dieser Satz nicht abgedruckt wird. Mindestens. Nicht so die Jury, die dem 31-jährigen "Jungjournalisten" den Preis verliehen hat. Sie hatte nichts dagegen, diesen Satz in die Festbroschüre aufzunehmen.

DAS nenne ich eine Lektion von uns Erwachsenen an die Jugendlichen: Sei frech, sei egoistisch, sei rücksichtslos, sei anstandslos, und du gewinnst einen Preis und ziemlich viel Kohle (CHF 10'000) damit. Alles abgesegnet von den Leuten, auf die es zählt.

Wenn das nächste Mal ein Jugendlicher vor der Lesung seine Mütze auszieht und mir dann mehr als eine Stunde lang anständig zuhört, werde ich noch etwas mehr Respekt vor ihm haben als jetzt schon. Weil ich weiss, dass er - wenn es nach seinen erwachsenen Vorbildern geht - auch ganz anders könnte.

Die Geschichte vom Journalisten und Blogger findet man an vielen Orten. Ich habe sie von hier und hier.

1 Kommentar:

Titus hat gesagt…

Was dann soviel bedeutet, dass Jugendliche auch lernen müssen, dass nicht jeder Erwachsene automatisch ein Vorbild ist... :-(