Dienstag, 11. Januar 2011

Morgen geht's wieder los

Morgen beginnt meine Lesetour im Kanton Zürich. Die nächsten 2 1/2 Wochen werde ich mehr oder weniger nonstop unterwegs sein. Das bedeutet, - neben viel Vorfreude auf die Lesungen - dass ich den Wecker wieder auf 5 Uhr stelle.

Auch während der Lesezeit werde ich hier im Blog Bücher meiner KollegInnen aus dem Schreibweltforum vorstellen. So viel sei schon mal Verraten: Von Untoten bis zum Osterhasen wird alles vertreten sein.

PS: Wer wissen möchte, wie viele Lesungen es sein werden: 27.

Montag, 10. Januar 2011

Mond aus Glas

Ich kannte die lustigen Geschichten rund um ihren Karatehamster. Als Tina Zang dann vor einigen Wochen im Schreibforum ihren neuen Roman vorstellte, musste ich zwei Mal hingucken. Auf dem Umschlag zu Mond aus Glas stand der Name Christine Spindler. Tina Zang sei für witzige Kindergeschichten zuständig, erklärte Christine. Mond aus Glas ist eine ernste, besinnliche Geschichte, die sich an Jugendliche und Erwachsene richtet, weshalb sich Christine entschied, dieses Buch unter ihrem richtigen Namen zu veröffentlichen.

Bevor ich das Buch vorstelle, möchte ich erwähnen, dass ich Christine sehr persönliche Fragen zum Buch gestellt habe. Zu meiner grossen Freude ist sie darauf eingegangen und hat auch sehr persönliche Antworten gegeben, die ich mit viel Respekt und auch Ehrfurcht gelesen habe. Es ist nicht selbstverständlich, dass AutorInnen solch tiefe Einblicke in ihr Schreiben und Leben geben und dafür danke ich Christine herzlich.

Zum Inhalt von Mond aus Glas:
Seit Lunas Zwillingsschwester Stella nach einer Tumoroperation starb, ist jeder in ihrer Familie mit seiner Trauer überfordert. Die Ehe der Eltern hält dieser Belastung kaum stand. Als Luna Finn kennenlernt, dessen Eltern sich gerade getrennt haben, erkennen die beiden, wie einzigartig sie sind, und plötzlich bemerkt Luna, dass sie geheimnisvolle Fähigkeiten besitzt.
Zur Leseprobe geht es hier.




Christine, du schreibst in Mond aus Glas über den Tod einer Jugendlichen. Obwohl wir alle wissen, dass der Tod zum Leben gehört, ist das für mich eines der schwierigsten Themen. Kein Tabu, aber ein sehr schwieriges Thema. Was hat dich dazu bewogen, dich an dieses Thema zu wagen?
Die Geschichte beginnt zwei Jahre nach Stellas Tod, in einer Phase, in der das Leben der Familie einige dramatische Wendungen nimmt. Die akute Trauerphase habe ich also bewusst übersprungen.
Ich habe in dem Buch sehr viel Erlebtes verarbeitet und mich an meine eigene Trauererfahrung herangetastet. Schreiben ist für mich der wichtigste Weg, mich selbst zu verstehen. Schon als Jugendliche habe ich alles, was mich beschäftigt hat, in Kurzgeschichten und Lyrik verarbeitet. So kann ich beispielsweise anhand der Gedichte, die ich im Alter von 16 bis 22 Jahren geschrieben habe, meine damalige Entwicklung mitverfolgen. Mit 16 erkrankte ich an schweren Depressionen, entdeckte mit 18 langsam wieder die Lust am Leben, und fand mit 21 meine erste Liebe.
Damit bin ich wieder bei "Mond aus Glas". Als das Manuskript fertig war, stellte ich begeistert fest, dass zu jedem Kapitel eins der Gedichte aus jener Zeit passte. Also habe ich sie den Kapiteln vorangestellt. Es kam mir vor, als hätte ich die Gedichte extra dafür geschrieben, dabei ist das gut dreißig Jahre her. Damals wusste ich nicht, dass ich eines Tages vom Schreiben leben würde, sondern wollte Physikerin werden.


Mond aus Glas ist viel mehr als ein Buch über den Tod; es ist auch - oder vor allem - ein Buch über Liebe und Hoffnung. Wie nah hast du beim Schreiben deine eigenen Gefühle an dich herangelassen und wie hat dich das Schreiben dieses Buches geprägt?
 Als ich das Buch zu schreiben begann, war es zunächst eine Geschichte über den Umgang mit Sterben und Abschiednehmen. Im Laufe vieler Überarbeitungen wurde daraus immer mehr ein optimistisches Buch über Versöhnung und Verzeihen.
Ich lernte beim Schreiben, dass es die Risse und Abstürze in der Lebensgeschichte sind, die das wahre Ich eines Menschen zum Vorschein bringen. So entstanden Momente voller Staunen, Neugierde und schierer Lebenslust. Die Liebe spielt eine ganz große Rolle: von der ersten Liebe, die noch frisch und unsicher ist, über Mutterliebe in ihren verschiedenen Ausprägungen, bis zur zerbrechenden Liebe, die wieder gekittet werden muss.
Mir ging das Schicksal der Protagonisten so ans Herz, dass ich beim Schreiben sehr viel geweint habe – an den "glücklichen" Stellen sogar ganz besonders. Auch bei Lesungen kann ich das nicht kontrollieren. Am Ende der ersten Szene kullern bei mir oft schon ein paar Tränen. Ich lasse meine Gefühle nah an mich heran und kann sie inzwischen auch ohne Scheu zeigen. Früher war ich in dieser Hinsicht sehr verschlossen. Auch das hat sich beim Schreiben geändert.


Wird es von Christine Spindler weitere Jugendbücher oder gar Erwachsenenbücher geben?
Ja, bestimmt. Ich habe Ideen und fertige Konzepte für mehrere Romane. Ich muss nur aufpassen, dass mir Tina Zang nicht die ganze Schreibzeit "wegschnappt".

Freitag, 7. Januar 2011

Abschied von Anna

Michaela Holzinger ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und schreibt über sich: "Bücher und Geschichten spielen in meinem Leben eine große Rolle. Besonders das „Geschichten erfinden“. Schon als Kind kritzelte ich die alten Schulhefte meiner Schwester voll und konnte mich auf dem Heuboden bei Regenwetter wunderbar in die spannendsten Geschichten hineinträumen."

Diesen Monat erscheint Michaelas erstes Bilderbuch Abschied von Anna, ein Bilderbuch für Kinder ab drei Jahren.

Leihoma Anna ist großartig, denn sie kocht gut, kann wunderbare Geschichten erzählen und ist untertags die wichtigste Bezugsperson für einen kleinen Jungen, der Drachen über alles liebt. Die Welt ist in Ordnung, bis eines Tages die betagte Leihoma krank wird. Ängste kommen hoch, Gott sei Dank ist Mama da zum Trösten.
Und auch Papa ist wichtig, damit die ganze Familie auf dem Begräbnis Abschied von Anna nehmen kann. Die vielen Erinnerungen an die schöne gemeinsame Zeit helfen der Familie, den Verlust zu bewältigen. Und den Jungen tröstet besonders, wenn er Annas Geschichte vom Drachen mit dem Zauberkoffer erzählen kann. Auch dieses starke Tier hat seine letzte Reise bereits angetreten - und lebt trotzdem in den Erzählungen weiter.



Michaela, du lebst mit deiner Familie und einer stattlichen Anzahl Tiere auf einem Hof - mitten im prallen Leben. Da hätte ich ein Kinderbuch mit witzigen Tiergeschichten oder humorvollen Kindererlebnissen erwartet. Abschied von Anna setzt sich mit den Themen "Abschied nehmen, Tod und Trauer" auseinander - die du sehr direkt angehst (du hättest auch über den Tod eines geliebten Tieres schreiben können). Wie hast du dieses Thema gefunden - oder hat es dich gefunden?
Eigentlich wollte ich schon immer mal über dieses Thema schreiben – aber ich war selbst verblüfft, dass ausgerechnet diese Geschichte mein „Erstlingswerk“ werden sollte. Die Geschichte kam sehr plötzlich und wollte aufgeschrieben werden. Das habe ich dann einfach gemacht. Wobei mir der direkte Zugang sehr wichtig war. Vielleicht auch deshalb, weil ich alte Menschen sehr bewundere, die sich offen mit dem Thema: „Tod, Sterben“ auseinander setzen. Das macht meine „Anna“, die übrigens Leih-Oma ist, in der Geschichte ja auch. Und da der Junge ein sehr inniges Verhältnis zu ihr hat, versucht sie, ihm die Thematik durch eine „Drachengeschichte“ begreiflich zu machen. Anna verhält sich in der Situation sehr weise. Sie bereitet sich - und vor allem den Jungen auf ihren Abschied vor.



Der Text zu dieser Geschichte ist von dir, die Illustrationen von Heide Stöllinger. Ich stelle mir vor, dass man beim Schreiben seiner Kindergeschichten Bilder im Kopf hat. Wie hat deine Zusammenarbeit mit Heide Stöllinger ausgesehen? Habt ihr euch vor der grafischen Umsetzung getroffen? Oder gibt man als Autorin den Text ab und hofft darauf, dass die Bilder einem dann gefallen?
Ich glaube, ich bin da einfach gestrickt. Klar hat man beim Schreiben Bilder im Kopf, doch bei mir sind das eher – ich nenne sie mal „Gefühlsbilder“. Das sind Erlebnisse, Erinnerungen, Eindrücke, die man bisher im Leben gesammelt hat und sich später beim Schreiben freisetzen. Sie helfen mir, nah an den Figuren dranzubleiben.
Was ich aber schon deutlich vor Augen habe, ist eine gewisse Richtung, wie danach das Buch als Gesamtpaket aussehen soll. Bei „Abschied von Anna“ war mir von Anfang an klar, dass ich keine überladenen Illustrationen haben wollte. Umso mehr freute es mich, als mir der Verlag verriet, dass Heide Stöllinger die Zeichnungen dazu machen sollte. Heide Stöllinger hat einen wunderschönen Stil. Sehr nah an der Wirklichkeit. Das war mir für das Projekt wichtig. Und auch Heide war das wichtig. Das wurde schnell klar, als wir uns in Linz trafen, um über das Projekt zu sprechen. Schön war das! Wir waren sofort auf einer Wellenlänge - besser hätte es nicht laufen können.

Leseprobe:
„Ich will nicht, dass du stirbst“, sage ich zu ihr. Anna lächelt müde.
Ihre Augen sind ganz glasig. „Du brauchst keine Angst zu haben.
Ich habe auch keine“, flüstert sie. Ihre Stimme wird ganz dünn.
„Es ist wie mit dem Drachen und dem Zauberkoffer ... verstehst du?“,
fragt sie. „Ja“, sage ich und drücke zum Abschied ihre Hand.

Es hätte nicht besser laufen können ... unter diesen Titel könnte man Michaela Holzingers Jahr 2010 generell stellen. Sie wurde unter anderem zwei Mal ausgezeichnet. Beim DIXI - Kinderliteraturpreis hat sie für ihren Jugendbuchtext "Finn und ich ... und Brummer" einen ganz speziellen Preis gewonnen: die österreichische Schriftstellerin Jutta Treiber, die sie literarisch begleiten wird, ihr also eine Art Mentorin sein wird.

Nach Hause nehmen kann man so einen Preis ja nicht. Was erwartest, erhoffst, erträumst du dir von deinem Gewinn?
Mhm, schwierige Frage: Also, für meine Geschichte oder für den Erfolg, der sich vielleicht daraus ergeben könnte, erwarte ich mir nichts. Ich habe mittlerweile gelernt, dass man Geschichten nicht erzwingen kann. Von daher gehe ich sehr „frei und offen“ damit um. Was ich mir aber schon erhoffe, ist dadurch eine gewisse „Schreib-Sattelfestigkeit“ zu erlangen. Der schreibende Beruf ist ja ein sehr einsamer, da hat man nicht oft die Gelegenheit, sich mit Kollegen konstruktiv auszutauschen. Schon gar nicht in einer so intensiven Form. Deshalb erwarte ich mir eigentlich nur eines: Nämlich zu lernen. Genug Ansätze gibt es ja ...  

Schreibwerkstatt

Heute möchte ich kein Buch, sondern ein Projekt vorstellen. Meine Autorenkollegin Annette Weber wurde eingeladen, mit freiwilligen und schreibwütigen Schülern der 5. und 6. Klasse eine Schreibwerkstatt durchzuführen. Sie sagte sofort zu und setzte sich auch gleich an die Planung. Gestern hat diese Schreibwerkstatt begonnen. Solche Projekte sind Lese- und Schreibförderung vom Allerfeinsten!

UPDATE: Heute ging's weiter mit der Schreibwerkstatt.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Rick 1 - Wie man seine durchgeknallte Familie überlebt!

Ich wollte an dieser Stelle Rick vorstellen, aber dann musste ich die Katze füttern, und bis ich wieder da war, hatte Rick schon übernommen.

Hi, ich heiße Rick, bin elfeinhalb Jahre alt und Eishockeystürmer bei den Young Indians. Ich wohne mit meinem Pa und seinem Kumpel Wutz in einer hundertprozentigen Männer-WG, selbst unsere Katze Gismo ist ein Kerl!

Ähm. Hallo Rick … darf ich mal …

Mein Leben war echt genial, bis sich mein Pa ausgerechnet in meine Lehrerin verknallt hat und auch noch meinte, dass ihr Strebersohn und ich Freunde werden könnten. Jetzt mal im Ernst: Hat der sie noch alle?

Aber das …

Natürlich hab ich mir sofort den perfekten Plan einfallen lassen, damit die zwei sich schnell wieder aus unserem Leben verziehen. Doch damit ging der ganze Ärger erst richtig los …

Ich will ja keinen zusätzlichen Ärger machen, aber dürfte ich … weißt du, ich stelle hier Bücher vor … und ich möchte … äh … wo bist du hin? Rick? Riiiiick? Ich wollte dich eigentlich fragen, wie man seine durchgeknallte Familie überlebt!

Frag doch die Antje Szillat! Die kann dir vielleicht weiterhelfen!

Mach ich doch glatt. Also, Antje:

Es gibt Bücher, von denen ich mir wünsche, ICH hätte die Idee gehabt. Dein Rick-Buch ist so eines. Und deshalb stelle ich dir jetzt die Frage, die uns Autoren zuweilen nervt, mich aber in diesem Fall brennend interessiert: Wie bist du auf Rick und seinen Männerhaushalt gekommen?
Ich habe mich schon lange nach einer Reihe „gesehnt“. Der Gedanke, über einen längeren Zeitraum mit meinen Buchfiguren zusammen sein zu können, reizte mich enorm. Meine jüngste Tochter liebt Isabel Abedis Lola heiß und innig und zunächst schwebte mir so etwas in der Art auch vor. Eben mitten aus dem Leben.
Ich lag meiner Agentin Tamara Steg damit in den Ohren, und sie meinte dann schließlich: „Dann entwickle doch mal was für Jungs!“
Dieser Vorschlag setze bei mir etwas in Gang, was ich zuvor so noch nicht erlebt habe. Es machte KAWUMS und schon feierten in meinem Kopf die Pyrotechniker ihr Jahrestreffen. Cool, richtig, richtig cool sollte es sein. Keine klassische Familiensituation. Unbedingt frech und temporeich, verrückt bis leicht durchgeknallt, aber auch an manchen Stellen mit Tiefgang ausgestattet.
Ein elfjähriger Junge – ein Großstadtkind – in einer Männer-WG. Alleine die Vorstellung sorgte dafür, dass mir die Ideen samt einzelner Szenen wie Chinaböller um die Ohren schossen.
Nachdem die Grundidee geboren war, musste ich „nur“ noch die Figuren zur Welt bringen.
Sohn, Vater, bester Kumpel des Vaters, Kater und um die Ecke wohnende Oma samt französischer Bulldogge. Perfekt, fand ich. Der „Gegenpart“ stand ebenso schnell fest: Linda, die neue Liebe von Ricks Pa und ihr Blassbackensohn Finn. Allerdings ist dann am Ende alles ganz anders gekommen, als zunächst von mir geplant …

Beim Lesen des Klappentextes habe ich gedacht: Welch köstliche Figuren! Tun die eigentlich immer, was du mit ihnen vorhast, oder entwickeln die beim Schreiben manchmal ein Eigenleben?
Eben nicht! Deshalb ist ja auch alles ganz anders gekommen. Ricks Name war zunächst Tom. Er und Finn waren „gleichberechtigt“. Deshalb hieß zu diesem Zeitpunkt die Reihe auch „Tom und Finn“. Doch dann passierte etwas, eine Kleinigkeit, wie ich dachte, denn Tom bekam einen neuen Namen. Rick. Von diesem Zeitpunkt an drängte er sich immer mehr in den Vordergrund. Keine Ahnung, ob er der Meinung war, sein neuer Name sei so cool, dass er unbedingt ein ganz anderer werden müsste, jedenfalls wurde er immer frecher. Genauso wie der ganze Erzählstil.
Finn entwickelte sich ebenfalls in eine ganz andere Richtung. Irgendwie machten die beiden mit mir was sie wollten. Frechheit, keiner hörte mehr auf mich. Rick erzählte, wie ihm der Schnabel gewachsen war und manchmal dachte ich „Nö, das geht so aber nicht.“
Meine Lektorin fand dann allerdings, dass das sehr wohl so ginge. Sie war begeistert und das machte mir Mut und gab mir das Vertrauen in Rick, dass er schon wüsste, was zu tun sei.
Die anderen waren aber wesentlich handzahmer. – Na ja, bis auf Gismo, der irgendwann beschlossen hatte, nicht nur schlafend im Katzenkörbchen zu liegen, sondern einen „bleibenden Eindruck“ beim Leser zu hinterlassen.
Als dann der Pressesprecher meines Verlages auf der Frankfurter Buchmesse zu mir sagte, dass er sich kaputt gelacht hätte beim Manuskriptlesen, beschloss ich endgültig, Rick machen zu lassen, was er für richtig hielt.

Bücher wie "Rick" kommen oft total leichtfüssig, locker und süffig daher, als ob der Autor sie einfach so aus dem Handgelenk geschüttelt hat. Nicht alles, was sich so luftig leicht liest, schreibt sich auch so einfach. Wie geht es dir beim Schreiben der Rick-Geschichten. Purzeln die einfach so aus deinen Händen in die Tasten?
Teils, teils. Rick ist ja Eishockeystürmer bei den Hannover Young Indians. Da ich aber null Plan vom Eishockey hatte, waren das die Stellen, an denen ich dachte, dass sie einfach nicht authentisch klingen würden. Also setzte ich mich auf die Tribüne am Pferdeturm und schaute mir so viele Spiele an, bis ich getrost von mir behaupten konnte, Ahnung zu haben. Das gesamte Team der Indians – Vorstand, Trainer, Spieler, und, und, und waren mir dabei sehr behilflich. Sie haben stundenlang meine Fragen beantwortet, die Spiele kommentiert, mich herumgeführt und niemals die Augen verdreht, wenn ich selten blöde Fragen gestellt habe.
Nur einmal hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen, weil ein Jugendteam meinetwegen fast ein Spiel verloren hätte. Ich durfte mich während des Spiels auf der Bank aufhalten und hatte bis dahin Eishockey, mit seiner Wucht und Schnelligkeit (und auch Härte), noch niemals so hautnah erlebt. Wenn die Kids über die Bande jumpten oder sich (meiner Meinung nach) furchtbar lang legten, stieß ich besorgte „Angstschreie“ aus. Die Kids schauten mich jedes Mal an, als ob mir ein zweiter Kopf gewachsen wäre und irgendwann waren die so abgelenkt von meinem Zusammenzucken und „Oh Gott, is was passiert? – Gerufe“, dass der Trainer meinte, es wäre wohl besser, wenn ich doch wieder auf der Tribüne Platz nehmen würde.
Was das lockere Schreiben ansonsten betrifft, so kann ich auch hier sagen: Teils, teils.
Wenn Rick das Kommando übernommen hatte, dann lief es meistens wie geschmiert. Aber an manchen Tagen wollte er nicht so richtig und dann ist es mir schon schwer gefallen. Dennoch kann ich wirklich behaupten, dass ich noch niemals so viel Spaß beim Schreiben hatte. Oftmals habe ich vor meinem PC gesessen und mich kringelig gelacht.
Für den zweiten Band, der im Sommer 2011 erscheinen wird, habe ich mit meinen Mann eine Minikreuzfahrt gemacht und für den dritten Band, mit dem ich gerade begonnen habe, erlebe ich zurzeit Sachen, die ich sonst bestimmt nicht erlebt hätte und das macht einfach nur wahnsinnig viel Spaß. Ich bin rundum glücklich mit Rick und Co. und den Möglichkeiten, die sich durch diese Buchreihe für mich gerade auftun. – Auch die Abenteuer, die er erlebt, nachdem ich sie für ihn „getestet“ habe. Genial.

Ich bin schon mal auf deiner Webseite herumgeturnt und habe die Seite mit den Fotos deiner Lesungen gefunden - ich kann mir vorstellen, wie begeistert die Kinder Ricks Geschichten zuhören werden!
Ich liebe Entertainment! Echt, ich liebe die „Bühne“. Deshalb mache ich auch unglaublich gerne Lesungen. Das ist mein Ding, genauso wie das Schreiben. Ein weiterer Grund für Rick. Ich habe mich in der Vergangenheit ja überwiegend mit „schwereren“ Themen beschäftigt. Bestimmt wichtige Themen und der Erfolg, den ich damit hatte, spricht ja auch für sich. Doch solche Themen bringen es natürlich auch mit sich, dass während der Lesung nicht all zu viel gelacht wird.
Ich wollte aber unbedingt, dass gelacht wird. Ich wollte begeisterte Kids (und auch Erwachsene), die sich kringelig lachen. Die mitgehen, sich auf die Schenkel schlagen, sich wegschmeißen vor Vergnügen, die richtig, richtig viel Spaß haben.
Ich wollte unterhalten - locker, fröhlich, verrückt, manchmal auch ein bisschen absurd und das mit ganz viel Herzblut und Lachtränen in den Augen.
Auch deshalb ist Rick entstanden.

Und hier ist er, der Rick. Sozusagen in Fleisch und Blut … und gleich darunter geht’s zur Leseprobe. Viel Spass!



Leseprobe: Rick 1 – Wie man seine durchgeknallte Familie überlebt (Auszug aus Kapitel 2.)

Auf dem Nachhauseweg rannte mir Finn, die Oberstreberbacke der Tucholsky-Gesamtschule, fast in den Vorderreifen meines Fahrrads. Ich konnte gerade noch quietschend in die Bremsen gehen.
„Bist du nicht mehr ganz dicht?!“, schrie ich ihn an.
Finn ließ sich davon kein bisschen beeindrucken. Er sah nicht einmal auf. Ganz im Gegenteil: Völlig ungerührt starrte er weiter in sein bescheuertes Buch.
„Hey, ich rede mit dir!“, rief ich empört.
Er zuckte kurz mit den Schultern und nuschelte zerstreut: „Ähm, Entschuldigung. Aber gerade passt es mir nicht.“ Und schon schluffte er weiter, die Nase noch immer zwischen den Buchseiten.
Was bildete sich diese Streberblassbacke eigentlich ein? Nur weil seine Mutter Lehrerin an unserer Schule ist, hält der sich gleich für was Besseres, oder was?! Oh, wie dieser Typ mich nervte.
Wütend starrte ich ihm einen Moment hinterher. Dann schwang ich mich wieder auf mein Rad und trat ordentlich in die Pedale.

Zu Hause erwartete mich der nächste Knaller des Tages. Pa hatte mein Bett neu bezogen.
Benjamin Blümchen grinste mich dämlich an. Neben ihm stand Otto mit einem ebenso breiten Grinsen im Gesicht.
Schlagartig stellten sich mir die Nackenhaare auf. Wann kapierte mein Vater endlich, dass ich nicht mehr fünf Jahre alt war? Keine Ahnung, wie oft ich diese peinliche Babybettwäsche nun schon in die Altkleidertüte gestopft hatte. Ganz zu schweigen von meinem Bob-der-Baumeister-T-Shirt oder dem Mickey-Maus-Schlafanzug. Doch mein Vater holte immer wieder alles heraus und legte es in meinen Schrank zurück.
„Die Klamotten passen dir doch noch“, sagte er dann jedes Mal.
Na und!? Was kann ich denn dafür, dass er meine Sachen immer drei Nummern größer kauft, damit ich sie bloß schön lange tragen kann?! Verdammt, ich bin schon fast ein erwachsen. Wenigstens ein bisschen. Aber das will mein Pa einfach nicht schnallen.
Zu allem Überfluss kam Gismo nun auch noch in mein Zimmer geschlichen und verseuchte die Luft innerhalb von Sekunden mit einem seiner tödlichen Katzenfürze.
„Boah, Gismo, du Stinkbombe“, stöhnte ich und stürmte zum Fenster, um es weit aufzureißen.
Gismo maunzte beleidigt und zog ab.
Typisch, erst die Bude vollmockern und dann auch noch stinkig sein.
Fluchend zog ich die oberpeinliche Bettwäsche ab und ging damit in die Küche. Ich kramte genervt in unserer Ramschschublade herum. Dann hatte ich sie endlich gefunden: die Zackenschere, die ich von Mary zum sechsten Geburtstag bekommen hatte.
Sie war eigentlich dafür gedacht, wilde Muster in Papier zu schneiden. Aber mit Stoff würde das bestimmt auch klappen. Entschlossen setzte ich an und schnitt ein paarmal an unterschiedlichen Stellen in den Bettbezug hinein.
So, das sollte reichen. Zufrieden breitete ich den Bezug auf dem Küchenboden aus.
Benjamin Blümchen hatte nun ein geniales Zackenmuster in Pullover und Hose, Otto leider keinen vollständigen Kopf mehr und halbierte Beine. Später, wenn Pa den Bezug entdeckte, würde ich einfach behaupten, dass Gismos scharfe Katzenkrallen dafür verantwortlich seien. Das hatte er vor Kurzem ja auch mit Pas Sportshirt gemacht.
Schnell nahm ich mir noch den Kissenbezug vor und stopfte anschließend beides in den Altkleidersack, der in der Abstellkammer auf dem Boden stand. Dann durchsuchte ich unseren Wäscheschrank nach einer guten Alternative.
Schließlich entschied ich mich für Wutz’ coole schwarz-weiß gestreifte Seidenbettwäsche. Ich konnte ihn ja später immer noch um Erlaubnis fragen. Aber so wie ich Wutz kannte, hatte er sicher nichts dagegen.
Ziemlich zufrieden mit meinem Werk flitzte ich ins Badezimmer. Eigentlich musste ich schon seit der dritten Stunde dringend pinkeln. Aber die Ekelklos in der Schule gingen gar nicht. Jetzt war es WIRKLICH, WIRKLICH dringend.
Ich klappte den Klodeckel hoch und stellte mich breitbeinig hin.
Lurchpforte auf, Wasser marsch!, dachte ich, als plötzlich etwas aus der Badewanne hinter mir murmelte: „Ob Groß oder Klein, sitzen muss sein!“
Ich erschrak dermaßen, dass ich laut aufschrie und mir fast den Lurch im Reißverschluss eingeklemmt hätte.
In der Wanne lag Wutz und schaute mich missmutig an. Knisternder Badeschaum hüllte ihn bis zur Kinnspitze ein.
„Wie lautet Nummer fünf der 10-WG-Gebote?“
„Sorry, … ich … ähm … wir pinkeln nicht im Stehen“, stammelte ich und klappte hastig die Klobrille runter. „Was machst du denn hier? Ich dachte, du bist bei der Arbeit“, versuchte ich schnell, das Thema zu wechseln.
Wutz antwortete mit einer Gegenfrage und setzte noch einen missbilligenden Zungenschnalzer obendrauf. „Du weißt schon, dass ich diese Woche Klodienst habe?“
Verdammt!