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Montag, 9. März 2026

BUNT

Stell dir vor, du gehst an ein Fest. Einer redet den ganzen Abend über Reisen, die er gemacht hat. Eine verrät ein Geheimrezept nach dem anderen. Einer ist die ganze Zeit über wahnsinnig witzig. Eine erklärt allen den aktuellen Stand in Sachen Klimawandel. Einer kann alle Formel 1 Rennfahrer bis zu den Anfangszeiten zurück aufzählen. Einer preist begeistert die Kosmetikmarke owieschön. Eine schwingt ihr Haar und formt dabei ihre aufgespritzten Lippen zum Schmollmund. Einer weiss haargenau fünf Punkte, mit denen du garantiert erfolgreich wirst, eine andere wiederum kennt genau drei Tipps, wie du zehn Kilos in einer Woche verlierst. Jeder und jede hat genau ein Thema, alle reden, keiner hört zu, alle klingen irgendwann wie kaputte Schallplatten. Du versuchst, irgendwie mitzuhalten, doch keiner hört dir richtig zu. Also hörst und schaust du halt den anderen zu. Beginnst dich zu langweilen, irgendwann hast du genug, alles ist so grell bunt, während jeder und jede einzelne an Farbe verliert, nach und nach verblasst. Immer mehr Menschen kommen durch die Tür, niemanden von ihnen kennst du, auch sie scheinen niemanden zu kennen, aber alle haben ein Thema, über das sie unbedingt reden wollen. Alle scheinen ein Spiel zu spielen, die meisten scheinen es zu kennen. Einige besser als andere. Und du? Fragst dich, wann wir so geworden sind. 

Dieses Fest läuft nonstop, 24 Stunden am Tag, und wir können jederzeit hin. Ohne Einladung. Es findet online statt, auf Insta, auf TikTok, auf Snap und wie sie alle heissen und noch heissen werden. Das war nicht immer so, und um das wehmütig zu bedauern, muss man für einmal kein Boomer sein, denn selbst wesentlich jüngere Menschen können sich erinnern, wie es früher gewesen ist. 

Kürzlich habe ich irgendwo gelesen, dass der Wandlungsprozess in den Social Media ungefähr 2012 begonnen hat. Was als grosses Experiment zur Verbindung von Menschen weltweit begonnen hat, an dem alle teilnehmen konnten, sich über Grenzen verbanden und miteinander austauschten, wurde nach und nach zu Plattformen, auf denen man sich zeigen konnte, Werbung machen konnte, Geld verdienen konnte, Influencer werden konnte. Algorithmen bestimmten immer mehr, wer Aufmerksamkeit bekommt und wer nicht, welche Art von Posts und Werbung wir sehen wollen/sollen/müssen. Menschen, mit denen man sich bisher ausgetauscht hatte, verschwanden aus unserem virtuellen Blickfeld, wurden abgelöst von Unbekannten, von denen eine gesichtslose Maschinerie fand, wir könnten uns für sie interessieren. 

Die Jahreszahl 2012 könnte hinhauen. Ich erinnere mich, wie Buchverlage ungefähr zwei oder drei Jahre nachdem die meisten anderen Firmen schon längst kapiert hatten, dass man auf Social Media Werbung machen kann, auch auf den Zug aufsprangen. "Du musst auf Social Media", hiess es. "Dich präsentieren. Deine Bücher vorstellen. Dich verkaufen." Yap. Dich verkaufen. Als Autorin. Heute geht das so weit, dass Influencer mit vielen Followern Buchverträge bekommen - und bei Autor:innen, die sich bewerben, wird schon mal geschaut, wie gross denn ihre Reichweite auf Social Media ist.

Ich gehöre zu jenen, die über das Bloggen zu den Social Media gefunden haben. Mein erster Blog hiess Zappadong und es ging um so ziemlich alles und jeden, die/der/das mich interessierte. Ich erstellte eine Blogroll und folgte Blogger:innen, die mich beeindruckten. Unter den einzelnen Blogposts gab es nicht selten endlos lange Kommentarlisten. Später kam Twitter dazu, Texthäppchen, versehen jedoch oft mit Links zu spannenden Artikeln. Schnell zeichnete sich ab: Negatives sorgt für Klicks, Kommentare und Likes. Aufmerksamkeit bekam, wer sich empörte oder wer gnadenlos provozierte. Es wurde leiser in den Blogs, andere Plattformen setzten sich durch. Trotzdem mochte ich das Bloggen immer noch am besten, weil es Platz für das Bunte und vor allem auch das Lange liess, für Gedankengänge statt Gedankenhäppchen. Nur: Das Lange war nicht mehr wirklich attraktiv. Attraktiv waren Bilder, später Filmclips. Immer häufiger ging es darum, im Netz nicht unterzugehen, gefunden zu werden. Und gefunden wurde man, wenn einen der Algorithmus liebte. Der wiederum liebte, wenn man ein klares Profil hatte. Mit Menschen, die über dieses, jenes und anderes berichteten, konnte der Algorithmus nicht verstehen, also liess er sie links liegen. 

Zappadong stellte ich irgendwann ein und begann mit diesem Blog. Kreuz und Quer nannte ich ihn, weil ich kreuz und quer durch die Themen bloggen wollte. Nicht mehr als Frau Zappadong, sondern als Ich. Ich wollte über mein Leben als Autorin erzählen, aber auch über das, was mich generell umtrieb und beschäftigte. Bis ...  ja ... bis wann eigentlich? Ich weiss es gar nicht so richtig. Wahrscheinlich bis ich mir sagte, dass die Verlage vielleicht recht haben, vielleicht müsste es ein reiner Autorinnenblog mit Schwerpunkt Bücher schreiben sein. Ich habe es versucht, bin jedes Mal gescheitert, denn Schein und Sein in einem Autorinnenleben liegen weit auseinander, und über das Sein zu schreiben hat zwar (neugierige) Berufskolleg:innen gefreut, aber nicht wirklich geholfen. Und vor allem: Es ist langweilig, immer nur über das Eine zu berichten. Ich vernachlässigte den Blog und zog zu den Häppchenplattformen. Insta, so fand ich, war die ehrlichste Social Media Plattform, weil man gar nicht mehr so tat, als ob der Text wichtig wäre. Es zählte nur das Bild, das Image.

Und so landete ich auf diesem Fest, das ich am Anfang des Posts beschrieben habe. Spielte das Spiel mit wie alle anderen. Versuchte, mich für den Algorithmus entschlüsselbarer zu machen. Mich sichtbar zu machen. Zum Brand zu werden. Im Wissen darum, dass ich dieses Spiel nur verlieren kann. Ich bin zu alt, schreibe die falschen Bücher (Jugendbücher), bin zu wenig bekannt, habe keine Lust auf Empörungsposts, mag nichts Urprivates posten, und noch weniger Lust hatte und habe ich auf all die: Du musst nur das und das tun und dann explodieren deine Followerzahlen.

Immer öfter frag(t)e ich mich, was ich auf Insta und Co. noch soll. Aber da ist diese leise Angst: Angst, überhaupt nicht mehr gesehen zu werden. Das wäre ja völlig in Ordnung, wenn ich nicht vorhätte, meine Bücher in Zukunft im Self Publishing herauszugeben. Und dazu muss ich meine eigene Marketingfrau sein. Im Internet schreien. Nach Regeln, die mir nicht gefallen. Noch bin ich dort. Weniger oft als auch schon, ich poste zu 80 Prozent nur noch nach Lust und Laune, aber immer noch zu etwa 20 Prozent, weil etwas in mir sagt: Aber du muss doch, wenn du deine Bücher selber herausgeben willst. Während ich im Grunde genommen genau weiss, dass das nicht funktionieren wird. 

Anfang Jahr bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Auf meinen Blog. Zu Raum, Zeit und Vielfalt. Hier, wo ich kein Brand oder eine Einthemenfrau sein muss, wo ich nicht laut klappern muss, sondern über das schreiben kann, was mich beschäftigt. Wo es mir egal sein darf, ob mich irgendein Algorithmus nach oben in die Suchleisten hievt oder mich in den tiefen des Netzes ablegt. Wo der Text wichtiger ist als das Foto. Wo Likes und Reichweite keine Rolle spielen. Hier bin ich. Hier wird es persönlich. Hier darf es bunt und wild und frei und lang und kreuz und quer sein.

Und ich suche nach anderen Blogs. Keine Einthemenblogs, sondern Blogs, in denen es um das Leben in all seinen Facetten geht. Zum Glück habe ich immer noch meine Blogroll aus den Anfangszeiten. Viele Blogs sind daraus verschwunden, einige sind geblieben. Zum Beispiel Hausfrau Hanna, die seit Jahren wunderbar poetisch und genau auf den Punkt aus dem Leben berichtet. Oder Jutta Wilke, die oft lange aus denselben Gründen wie ich Blogpausen gemacht hat, deren neuster Post mich aber zu diesem inspiriert hat.

Wenn ihr selber bunt über das Leben bloggt, lasst es mich bitte in den Kommentaren wissen. Wenn ihr tolle Blogs kennt, bitte ebenfalls. Danke. 

PS: Danke, Jutta Wilke. Von ihr habe ich das Bild des bunten Bloggens. Ich habe es aufgegriffen, weil ich finde, das passt so richtig gut. 

Dank an: Theres Willi für die Zeichnung auf der Collage.

Dienstag, 3. März 2026

GRUNDEINKOMMEN

 

64 Jahre und 3 Monate. Das ist das Alter, das Frauen meines Jahrgangs in der Schweiz erreichen müssen, um ihre AHV zu bekommen. Und fast auf den Tag genau habe ich Post erhalten, in welcher ich den Betrag erfahre, der mir zusteht. Es ist mehr oder weniger das, was Herr Ehemann und ich aufgrund von Abklärungen ausgerechnet haben. Auf das Maximum komme ich nicht, obwohl ich ein Leben lang lückenlos gearbeitet und daneben auch Kinder grossgezogen habe. Grund: Ich habe zwar tolle Berufe ausgeübt, aber halt solche, in denen man nicht viel verdient, auf jeden Fall zu wenig, um auf die Maximalrente zu kommen. Darüber könnte ich jetzt einen laaaaangen Blogpost schreiben, vor allem, was das für alleinerziehende Frauen bedeutet, oder für Frauen (und Männer), die Kinder betreuen und deshalb zumindest einen Teil ihrer Berufsjahre Teilzeit arbeiten, oder generell für Menschen, die im Tieflohnbereich arbeiten und dann am Ende eines harten Arbeitslebens nicht einmal eine Maximalrente erhalten, aber darum soll es heute nicht gehen. Man könnte hier auch eine Diskussion um die zweite und dritte Säule unserer Altersvorsorge starten, doch auch darum soll es in diesem Post nicht gehen. Fakt ist: Kein Mensch in der Schweiz kann von der AHV alleine leben (deshalb das Dreisäulenprinzip). 

Fakt ist auch, dass ich ab dieser Woche offiziell Rentnerin bin. Weil ich nicht die leiseste Absicht habe, mit dem Arbeiten aufzuhören, erhalte ich mit der AHV eine Art bedingungsloses Grundeinkommen. Ich freue mich seit Monaten darauf. Weil mir dieses Grundeinkommen die Freiheit gibt, meine Arbeit anderes einzuteilen, denn dass ich weiterhin im Berufsleben bleiben möchte, steht für mich schon lange fest. Ich mag zwar die allermeiste Zeit nur Berufe ausgeübt haben, mit denen man zu wenig verdient, um auf eine volle AHV-Rente zu kommen, aber dafür hatte ich auch fast immer Berufe, die ich leidenschaftlich gerne ausgeübt habe und immer noch ausübe. Ich möchte weiterhin mit dem da bux Verlag tolle Bücher veröffentlichen, ich möchte weiterhin schreiben, ich möchte weiterhin Workhops geben, ich möchte weiterhin Lesungen machen. Beim da bux Verlag kann ich nicht reduzieren, will ich auch gar nicht, auf jeden Fall noch nicht jetzt. Aber mein Leben als Autorin kann ich gemächlicher angehen. Kein Mensch erwartet, dass ich jedes Jahr eins oder gar mehrere Bücher veröffentliche, Workshops kann ich nach Lust und Laune und Bedarf geben und bei den Lesungen habe ich schon die letzten paar Jahre reduziert, zudem ahne ich, dass sie mit nachlassender Veröffentlichungsrate sowieso langsam versanden werden. Wichtig ist: Weil ich jetzt sozusagen ein Grundeinkommen habe, kann ich es mir leisten, weniger zu arbeiten. 

Ein Grundeinkommen. Ich wünschte mir, ich hätte das früher gehabt. Damals, als ich - und auch wir als Familie - es dringend benötigt hätten. Ich schaue mir die Familie meiner Tochter an und denke mir, wie viel einfacher es für ihr Lebensmodell (um das ich sie beneide und das ich mir damals so sehr gewünscht hätte) wäre, wenn sie dieses Grundeinkommen heute schon hätte. Und ja: Das kostet. Aber es würde so viel Druck von den Menschen nehmen. Es gäbe vielen von ihnen die Möglichkeit und Chance, über sich hinauszuwachsen, Projekte anzugehen, die ihnen ohne Grundeinkommen nicht möglich wären. Sie könnten Dinge wagen, die sie ohne Grundeinkommen nicht wagen können. Vielleicht stünden wir als Gesellschaft an einem ganz anderen Punkt, wenn wir ein Grundeinkommen hätten und damit die Zeit, die Ruhe und den Raum, etwas Gutes zu schaffen. 

Ich habe fest vor, mir mit meinem Grundeinkommen genau diese Zeit, diese Ruhe und diesen Raum zu schaffen. Für die Arbeit, für meine Freizeit, für den kleinen Menschen in Winterthur. Und ich möchte meine Begeisterung für das kreative Schaffen ausleben und weitergeben. Nicht zuletzt im Atelier in der alten Schufabrik (ja, kein "h" im Schu ... sie schreibt sich so). 

Während ich diesen Post geschrieben habe und immer noch schreibe, sind mir so viele Dinge eingefallen, die ich unbedingt auch noch erwähnen sollte, aber das würde den Rahmen hier total sprengen. Ich freue mich im Augenblick einfach daran, dass ich diese Woche zum ersten Mal eine AHV erhalte. Ihr dürft mir aber gerne in den Kommentaren die Fragen stellen, die euch nach dem Lesen auf der Zunge brennen - oder mir von euren eigenen Erfahrungen berichten. 

Montag, 23. Februar 2026

KÜCHE


Ja, ich weiss. Küche ist ein seltsames Wort der Woche. Aber es ist so: Die Küche ist einer meiner Lieblingsorte im Haus, und ich finde, es ist Zeit für eine kleine Liebeserklärung. 

Seit wir vor ungefähr zwei Jahren ein kleines Sofa zum Küchentisch gekauft haben, ist meine Beziehung zu unserer Küche noch intensiver geworden. Ich sitze ich jeden Morgen auf diesem Sofa, schreibe meine Morgenmail, lese mich durch Mails und Online-Zeitungen, trinke Kaffee, plane, lasse Gedanken schweifen, gucke einfach. Immer wieder kehre ich an diesen Tisch zurück, mehrmals pro Tag. Am Abend und am Wochenende kocht einer von uns beiden und der andere sitzt häufig auf dem Küchensofa. Unsere Küche ist eine Wohnküche, ein Wohfühlort, ein Begegnungsort. 

So war das immer. Ich bin als Kind in einem Haus mit einer Wohnküche aufgewachsen, in der wir viel Zeit verbrachten. Vom Elternhaus meines Vaters - eine Familie mit fünfzehn Kindern - kann ich mich vor allem an die riesige Küche erinnern, in der ein riesiger Tisch stand, an dem immer viele Menschen sassen und sich angeregt unterhielten. Als wir damals unser Haus kauften, ab Plan, war mein einziger Änderungswunsch, die Wand zum Wohnzimmer zu verschieben, damit Platz für eine Wohnküche war, in der man gemeinsam sitzen und essen konnte. Irgendwann werden wir aus diesem Haus ausziehen und dann brauche ich vor allem eins: eine Wohnung mit Wohnküche.  

Wenn ich über unsere Küche schreibe, muss ich auch übers Kochen schreiben. Ich würde gerne sagen, dass ich gerne koche, aber das wäre nicht wirklich die Wahrheit. Über viele Jahre war das Kochen für mich ein Muss. Ich war diejenige, die von zuhause aus gearbeitet hat, und deshalb war ich auch diejenige, die - nebst vielem anderen, das im Haushalt so anfiel - jeden Mittag dafür zuständig war, dass das Essen auf dem Tisch stand. Für die Kinder, die von der Schule kamen, für den Mann, der von der Arbeit kam. Ich musste mir tagein-tagaus überlegen, was ich kochen sollte. Lustlos, unter Stress. Meine Familie könnte ein Lied davon singen, wie oft es sehr seltsame Mittagessen gab, weil ich das Kochen schlicht verlauert habe. Es ist nicht so, dass sich Herr Ehemann vor dem Kochen gedrückt hat: Er hat manchmal das Abendessen gekocht und war meistens am Wochenende für das Kochen zuständig. Er kocht phantastisch, besser als ich, und er hat sich, im Gegensatz zu mir, immer die Zeit für aufwändige Rezepte genommen. 

Seit die Kinder erwachsen sind und ich auch beruflich nicht mehr mit der Geschwindigkeit eines Hochgeschwindigkeitzugs unterwegs bin, hätte ich ganz viel Zeit zum Kochen. Völlig stressfrei. Das, so fand und finde ich, wäre die Gelegenheit, so richtig ins Kochen einzutauchen, vor allem, weil ich ja auch sehr gerne sehr gut esse. Ich versuche mich immer wieder daran. Habe mittlerweile auch Phasen, in denen ich nicht nur gerne auf dem Küchensofa sitze, sondern auch gerne koche. Mein Sohn hat mir fantastische Kochbücher empfohlen, aus denen ich Rezepte ausprobiere. Sogar das ganz normale Alltagskochen macht zwischendurch immer mal wieder Spass. 

Aber ganz ehrlich: Am liebsten sitze ich auf dem Küchensofa. Allein oder in guter Gesellschaft. Trinke Kaffee oder ein Glas Wein, tausche mich aus. Fülle meine Notizbücher. Schreibe jetzt gerade diesen Blogpost. Oder träume einfach vor mich hin.

Was ist euer Lieblingsraum? Und warum?  

Montag, 2. Februar 2026

ANALOG


Sonntagmorgen, erster Februar. Gerade habe ich in meinem "Analog" Notizbuch mein Januar-Fazit gezogen. Und ich warte voller Vorfreude und Neugier auf Post vom Little Truths Studio - Ideen für einen analogen Februar. 

CUT. REWIND.

Ich muss zuerst zurückblicken. So voll im Stile einer nostalgischen Boomerin (wobei ich auf das Wort Boomerin ja allergisch bin, aber in diesem Fall trifft es wohl zu). 

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Mit allem, was dazu gehört: Rumtoben und Abenteuer in der Natur erleben, Wandern, Lesen ... Wenn uns langweilig war und wir wir unsere Mutter fragten, was wir tun könnten, war ihre Antwort immer dieselbe: "Hochsprung". Hochsprung ist für mich ein Synonym geworden für "Langeweile aushalten". Denn wer die Langeweile aushält, dem wird irgendwann so langweilig, dass er von selbst auf Ideen kommt, was er unternehmen resp. anstellen könnte.

Die grosse Welt war weit weg. Das war oft gut, manchmal mühsam und frustrierend, denn vor allem mit dem Älterwerden wurde die Welt auf dem Land halt schon mal zu klein. Ich ging auf Reisen. Immer und immer wieder. Erlebte tolle und nicht so tolle Dinge. Ich übte mehrere absolut tolle und ein paar nicht so tolle Jobs aus. Unter dem Strich waren es grossartige Erfahrungen. Verschiedene Arbeitsumfelder, andere Landschaften, andere Menschen, andere Städte und Dörfer, andere Kulturen.

Und dann kam das Internet und brachte uns die Welt ins Haus. Für mich war das ein einziger, weltweiter Abenteuerspielplatz. Eine Offenbarung. Eine wahnsinnige Chance. Aber halt auch ein Ort, an dem man sich verlieren konnte, weil es immer noch etwas gab, das man entdecken konnte, und dann noch etwas, und noch etwas ... Social Media war ein Ort, sich auszutauschen, andere Menschen kennenzulernen, sich inspirieren zu lassen. Die ideale Ergänzung zum realen Leben. Es ging noch nicht um Follower, um Likes, um Reichweite, um Monetarisierung, um Algorithmen. Es war ein fröhliches Jekami, nicht frei von Hatern, aber doch frei genug, dass jeder und jede es wagen konnte, sich, sein Leben, sein Hobby, seine Arbeit zu zeigen. Ich fand Schreibforen, in denen ich das Schreibhandwerk und alles über die Branche lernte, vom richtigen Bewerben bis hin zu den Stolperfallen und Bauchlandungen - und wie man so was überlebt und trotz allem weitermacht.

Heute scrollen wir viel zu oft dumpf durch umpfzig Beiträge, verdödeln unsere Stunden mit sinnloser Unterhaltung, die oft nicht einmal unterhält. Wäre Social Media ein Gericht, bestünde es aus sehr vielen leeren Kalorien. Doch im Gegensatz zum Essen, wo wir versuchen, uns gesund und ausgewogen zu ernähren, schlucken wir die Social Media Brocken ungekaut hinunter und leiden dann unter Verdauungsbeschwerden.

Heute Morgen habe ich mich gefragt, ob ich ich überhaupt auf Social Media wäre, wenn ich nicht Autorin und Verlegerin wäre und die Sichtbarkeit brauche, sei die Reichweite auch noch so klein. Was wäre, so fragte ich mich, wenn ich als Angestellte arbeiten würde und es mir leisten könnte, total unter dem Radar der Öffentlichkeit zu fliegen, ja, wenn ich das sogar ausdrücklich wollte. Einen Moment lang gab ich mich der Illusion hin, ich würde das problemlos schaffen. Doch dann fragte ich mich: Was, wenn ich in meiner Freizeit kreativ wäre oder ein tolles Hobby hätte? Würde ich da nicht Gleichgesinnte suchen, schauen, wie sie es machen? Von ihnen lernen wollen? Würde ich nicht meine Arbeiten, meine Fotos teilen wollen? Doch, würde ich. Ich wäre trotzdem auf Social Media. Und ich würde mir dieselben Fragen stellen, die ich mir jetzt auch stelle: 

Was macht das mit mir? Wie viel Zeit lasse ich mir vom Netz wegfressen? Wie gehe ich damit um, dass reiche Tech-Bros mich längst im Würgegriff ihrer Algorithmen haben? Dass ich manipuliert werde und mich in einer riesigen Datensammelkrake bewege? Dass in dieser grenzenlosen Freiheit nichts mehr frei ist, sondern wir alle gesteuert werden und nicht genehmen Meinungen vom Algorithmus einfach geschluckt und in einem dunklen Loch ausgespuckt werden, wo eilfertige Opportunisten alles auswerten und gegen uns verwenden? Wie soll ich mich verhalten, wenn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gerade im Sinne der Macht begrenzt wird? Aussteigen? Und ganz konkret im Fall von mir als Autorin und Verlegerin: Was bedeutet das für meine Arbeit? Ich überschätze die Wirkung von Social Media in meinem Fall nicht, habe aber trotzdem Angst, dass ich unsichtbar werde? Ganz generell: Schaffe ich den Ausstieg überhaupt? Oder hat mich das Netz am Wickel?  

Ich habe auf viele Fragen Antworten gefunden, aber noch nicht die Konsequenz, sie umzusetzen. Auf einige Fragen gibt es keine Antworten, da muss ich den Widerspruch leben. Zum Beispiel diesen: Ich will vermehrt zurück ins analoge, reale Leben und weiss doch, dass es ohne Netz nicht geht. Auch das Analog-Projekt 2026, das ich dieses Jahr umsetze, fusst auf eine Aktion im Netz. Ein Widerspruch? Ja. 

(Wichtige Anmerkung in Klammer: Josia Jourdan hat zu diesen Widersprüchen ein tolles Buch geschrieben: Fehlfunktion. Er beschreibt darin in Essays unsere Wünsche, unsere Träume, unsere Ideale und unser ganz reales Verhalten - und er stellt uns Fragen, denen wir nachhängen können.)

Zurück zu meinem Analogen Projekt: Ich bin per Zufall über einen Post vom Little Truths Studio aufmerksam geworden und fand: Yap, das hänge ich mich ran und rein. Ich habe mich angemeldet, das kostenlose Januar-Workbook heruntergeladen, in viele Einzelteile zerschnitten und jene Punkte, die ich umsetzen wollte in ein neues Notizbuch eingetragen. Dazu nehme ich Pläne und Ziele, die ich sowieso hatte und habe; vieles davon habe ich schon vorher umgesetzt; es gab Aktivitäten, die von meinem Radar verschwunden waren, die habe ich wieder aufgenommen.

Was ich mach(t)e und machen werde dieses Jahr:

Noch mehr Natur, noch mehr rausgehen, noch mehr verweilen, beobachten, wandern, gärtnern oder einfach ziellos durch die Gegend streunen.

Zeit im Atelier verbringen, zeichnen und gestalten und an unseren offenen Ateliertagen und verschiedendsten Kreativrunden ganz real Menschen kennenlernen und mich mit ihnen austauschen.

Einen Tag pro Woche mit meinem Enkel verbringen. Dieser kleine Mensch lebt im Hier und Jetzt, und weil kleine Menschen von Vorbildern lernen - Gutes und Schlechtes - bleibt das Handy möglichst aussen vor, wenn ich bei ihm bin.

Mein Bullet Journal hegen und pflegen, weil keine elektronische Agenda der Welt mir so viel geben könnte wie mein handgestaltetes Bujo.

Dasselbe gilt für Notizbücher, von denen ich mittlerweile ganze Stapel habe. Ich liebe es, von Hand zu schreiben, die Gedanken kreisen zu lassen, mit Buntstiften wichtige Wörter/Ideen hervorzuheben, einzelne Ideen zu verbinden und dabei witzige, spannende und köstliche AHA-Erlebnisse zu haben.

Mehr lesen. Natürlich lese ich enorm viel, aber es sind vor allem News, Analysen des Zeitgeschehens usw. Ich will aber wieder mehr Bücher lesen und stelle fest, dass ich allein im Januar 26 ungeheuer viel mehr gelesen habe als in den Monaten zuvor.

So oft wie möglich analog leben, mit realen Tätigkeiten im realen Leben. Mir Zeit lassen für Dinge. 

Mich weiterhin im Netz inspirieren lassen, denn wenn man die richtigen Accounts und die richtigen Menschen findet, ist das Netz eine tolle Inspirationsquelle. 

Weil ich das Netz aber nicht nur beruflich und als Inspirationsquelle nutze, sondern auch wie ein Dödel viel zu lange an Posts und Reels und Shorts und YouTube Videos hängen bleibe, will ich das Analog-Projekt nutzen, um zu lernen, wie ich den sinnlosen Konsum eindämmen kann ohne gleich ganz aus den Social Media aussteigen zu müssen.

Ich will, dass mir wieder langweilig wird. Und in diesen Langweile-Momenten, will ich nicht zum Handy greifen, sondern auf den Rat meiner Mutter hören und "Hochsprung" machen. 

Montagmorgen, 2. Februar: Ich bin so was von parat für den nächsten analogen Monat. 

Credits to:
The little Truths Studio
Josia Jourdan