Wir haben uns in den letzten sieben Tagen in den verschiedensten Konstellationen aus unterschiedlichen Gründen getroffen. Vier Generationen. Nicht alle auf einmal, das wäre zu viel gewesen. Nie wurde es langweilig, nie war es ein Müssen. Wir haben gelacht, angeregt diskutiert, Geschenke ausgepackt (der kleine Mann hatte Geburtstag), Kuchen und andere Leckereien gegessen. Nichts Spektakuläres. Einfach gemütliches, entspanntes Beisammensitzen bei gutem Essen mit guter Laune. Ich weiss, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Was für ein Glück, denke ich manchmal, was für ein riesiges Glück.
Ganz anders ist das, wenn ich Bücher schreibe. Meistens wird es kompliziert und (sehr) schmerzhaft. Da ist vieles zerrüttet und zerbrochen, die Familie liegt in Trümmern, aufgegeben, verloren, verraten. Das geht so weit, dass Mick aus #no_way_out sich wünscht, das Herz möge bitte einzig und allein als Blutpumpe dienen, ohne jedes Gefühl. In Hundert Lügen steht die Frage im Raum, wie viele (Familien)Lügen in zehn Jahren Platz haben. Die bittere Antwort lautet: zu viele.
In der ganz harten Realität, da draussen in der wirklichen Welt, nimmt die Gewalt gegenüber Menschen in der eigenen Familie zu. In der Schweiz wird jede zweite Woche eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Wir verzeichnen einen traurigen Rekord bei der Gewalt an Kindern; die meisten Gewalttaten gehen von Eltern oder Verwandten aus. Der laute Aufschrei bleibt meistens aus. Frauen und Kinder haben im Gegensatz zur Landwirtschaft keine grosse Lobby im Bundeshaus. Letztes Jahr lief das Fass über, als eine zusätzliche Million für den Schutz von Frauen abgelehnt wurde. Es erklang mehr als ein Aufschrei; da brüllte fast ein ganzes Land so lange und so laut, bis die Million bewilligt wurde. Und jetzt? Ist die zusätzlich gesprochene Million still und leise wieder aus dem Budget gestrichen worden. Dafür haben einige Parlamentarier die Idee, man könnte das ehemalige CS Gebäude in Bern in ein Besucherzentrum umwandeln. Kosten: 26.6 Millionen für den Umbau, 19.6 Millionen für die Miete in den ersten zwölf Jahren. Liebe Lobbyisten und Prestigebolzer im Parlament: Ich hätte da so eine Idee, was man mit diesem Geld machen könnte. Fangt bei den Kindern an. Und hört nicht bei den Frauen auf. Erzählt uns nicht dauernd, wie wichtig Familien sind, wie wichtig Kinder sind - nur um dann bei ihnen zu sparen.
Eine Familie sollte ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit sein. Nicht alle Menschen schaffen das. Statt mit dem Finger auf sie zu zeigen, sollten wir ihnen (Aus)Wege aus ihren Teufelskreisen zeigen. Und dazu braucht es Anlaufstellen, Beratungsstellen, Frauenhäuser usw.
PS: Das Zitat im Foto stammt aus dem Mittelstreifenblues.

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AntwortenLöschenZuerst,
AntwortenLöschenliebe Alice,
das Wichtigste: Ich gratuliere nachträglich dem kleinen Mann zum 2.(?)Geburtstag. Schöneres, als ein solches 'unspektakuläres' Beisammensitzen/sein, wie du es beschreibst, gibt es nicht! :)
Nun noch dies.
Ich traute meinen Augen nicht, als ich von der Streichung des Betrags für den Schutz von Frauen las.
Und ich fasse es immer noch nicht: Ein kleines Beträglein von EINER Million wurde gespart. Auf Kosten von schutzbedürftigen Frauen.
Es macht mich zornig.
Danke, Alice, dass du immer wieder Worte findest für Themen, die wichtig sind und die uns alle betreffen!
Mit lieben Grüssen vom Rheinknie ins Rheintal
Hausfrau Hanna
Ach, liebe Hausfrau Hanna. Die Schweizer Politik. Familie ist Privatsache. Fängt bei der Kinderbetreuung an und geht weiter über fehlende Unterstützung, fehlende Angebote, überfüllte und fehlende Frauenhäuser bis hin zu zunehmender Gewalt an Kindern und Jugendlichen in der eigenen Familie, die kaum eine Schlagzeile wert ist. Jede einzelne Kuh ist der Schweiz wichtiger als Frauen, Kinder und Jugendliche. Zum Brüllen. Zum Weinen. Zum Schreien.
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