64 Jahre und 3 Monate. Das ist das Alter, das Frauen meines Jahrgangs in der Schweiz erreichen müssen, um ihre AHV zu bekommen. Und fast auf den Tag genau habe ich Post erhalten, in welcher ich den Betrag erfahre, der mir zusteht. Es ist mehr oder weniger das, was Herr Ehemann und ich aufgrund von Abklärungen ausgerechnet haben. Auf das Maximum komme ich nicht, obwohl ich ein Leben lang lückenlos gearbeitet und daneben auch Kinder grossgezogen habe. Grund: Ich habe zwar tolle Berufe ausgeübt, aber halt solche, in denen man nicht viel verdient, auf jeden Fall zu wenig, um auf die Maximalrente zu kommen. Darüber könnte ich jetzt einen laaaaangen Blogpost schreiben, vor allem, was das für alleinerziehende Frauen bedeutet, oder für Frauen (und Männer), die Kinder betreuen und deshalb zumindest einen Teil ihrer Berufsjahre Teilzeit arbeiten, oder generell für Menschen, die im Tieflohnbereich arbeiten und dann am Ende eines harten Arbeitslebens nicht einmal eine Maximalrente erhalten, aber darum soll es heute nicht gehen. Man könnte hier auch eine Diskussion um die zweite und dritte Säule unserer Altersvorsorge starten, doch auch darum soll es in diesem Post nicht gehen. Fakt ist: Kein Mensch in der Schweiz kann von der AHV alleine leben (deshalb das Dreisäulenprinzip).
Fakt ist auch, dass ich ab dieser Woche offiziell Rentnerin bin. Weil ich nicht die leiseste Absicht habe, mit dem Arbeiten aufzuhören, erhalte ich mit der AHV eine Art bedingungsloses Grundeinkommen. Ich freue mich seit Monaten darauf. Weil mir dieses Grundeinkommen die Freiheit gibt, meine Arbeit anderes einzuteilen, denn dass ich weiterhin im Berufsleben bleiben möchte, steht für mich schon lange fest. Ich mag zwar die allermeiste Zeit nur Berufe ausgeübt haben, mit denen man zu wenig verdient, um auf eine volle AHV-Rente zu kommen, aber dafür hatte ich auch fast immer Berufe, die ich leidenschaftlich gerne ausgeübt habe und immer noch ausübe. Ich möchte weiterhin mit dem da bux Verlag tolle Bücher veröffentlichen, ich möchte weiterhin schreiben, ich möchte weiterhin Workhops geben, ich möchte weiterhin Lesungen machen. Beim da bux Verlag kann ich nicht reduzieren, will ich auch gar nicht, auf jeden Fall noch nicht jetzt. Aber mein Leben als Autorin kann ich gemächlicher angehen. Kein Mensch erwartet, dass ich jedes Jahr eins oder gar mehrere Bücher veröffentliche, Workshops kann ich nach Lust und Laune und Bedarf geben und bei den Lesungen habe ich schon die letzten paar Jahre reduziert, zudem ahne ich, dass sie mit nachlassender Veröffentlichungsrate sowieso langsam versanden werden. Wichtig ist: Weil ich jetzt sozusagen ein Grundeinkommen habe, kann ich es mir leisten, weniger zu arbeiten.
Ein Grundeinkommen. Ich wünschte mir, ich hätte das früher gehabt. Damals, als ich - und auch wir als Familie - es dringend benötigt hätten. Ich schaue mir die Familie meiner Tochter an und denke mir, wie viel einfacher es für ihr Lebensmodell (um das ich sie beneide und das ich mir damals so sehr gewünscht hätte) wäre, wenn sie dieses Grundeinkommen heute schon hätte. Und ja: Das kostet. Aber es würde so viel Druck von den Menschen nehmen. Es gäbe vielen von ihnen die Möglichkeit und Chance, über sich hinauszuwachsen, Projekte anzugehen, die ihnen ohne Grundeinkommen nicht möglich wären. Sie könnten Dinge wagen, die sie ohne Grundeinkommen nicht wagen können. Vielleicht stünden wir als Gesellschaft an einem ganz anderen Punkt, wenn wir ein Grundeinkommen hätten und damit die Zeit, die Ruhe und den Raum, etwas Gutes zu schaffen.
Ich habe fest vor, mir mit meinem Grundeinkommen genau diese Zeit, diese Ruhe und diesen Raum zu schaffen. Für die Arbeit, für meine Freizeit, für den kleinen Menschen in Winterthur. Und ich möchte meine Begeisterung für das kreative Schaffen ausleben und weitergeben. Nicht zuletzt im Atelier in der alten Schufabrik (ja, kein "h" im Schu ... sie schreibt sich so).
Während ich diesen Post geschrieben habe und immer noch schreibe, sind mir so viele Dinge eingefallen, die ich unbedingt auch noch erwähnen sollte, aber das würde den Rahmen hier total sprengen. Ich freue mich im Augenblick einfach daran, dass ich diese Woche zum ersten Mal eine AHV erhalte. Ihr dürft mir aber gerne in den Kommentaren die Fragen stellen, die euch nach dem Lesen auf der Zunge brennen - oder mir von euren eigenen Erfahrungen berichten.

Liebe Alice, ich kämpfe schon lange für ein bedingungsloses Grundeinkommen und glaube sogar, dass es möglich wäre. Statt Sozialhilfe, Bürgergeld, Harz4 oder wie sie alle heißen, ein bedingungsloses Einkommen für jeden Bürger. Es würde nicht nur "kosten", es würde auch unglaublich viel sparen: Die Bürokratie würde um so vieles enfacher werden, keine ewigen Anträge mehr, keine Gerichtsverfahren wegen falscher Bescheide, keine Widersprüche und Eilanträge mehr ... Jedem ab 18 (oder auch ab 21) ein Grundenkommen und jedem überlassen, was er daraus macht. Für mich wäre es in all den Jahren eine Motivation gewesen und ich glaube, das wäre es für die meisten.
AntwortenLöschenÜbrigens: Ich habe das Pech der Spätgeborenen. Auch bei uns wird das Rentenalter Schritt für Schritt erhöht. Und ich (Jahrgang 63) werde meine erste Rente erst mit 66 Jahren und 10 Monaten bekommen :-) Also habe ich noch ein paar Jahre Zeit, um weiter um ein Grundenkommen für alle zu kämpfen. Alles Liebe. Jutta
Wir können in der Schweiz ja über fast alles abstimmen :-) 2016 haben die Schweizer:innen das bedingungslose Grundeinkommen haushoch verworfen, nur 23Prozent haben ja gesagt. Umgekehrt haben es bei uns Rentenerhöhungen sehr schwer. Trotzdem haben wir vor ein paar Jahren dafür gestimmt, das Rentenalter der Frauen jenem der Männer anzupassen. So hoch wir ihr sind wir nicht. 66 oder gar 67 Jahre haben bei uns keine Chance, aber wir arbeiten an erleichterten Bedingungen, damit man nach 65 freiwillig weiterarbeiten kann, ohne dass man einen regelrechten Hürdenlauf mit Hindernissen und finanziellen Mistigkeiten auf sich nehmen muss.
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