Donnerstag, 6. April 2017

u-turn back to the roots

Ich hatte einen grässlichen Traum. Der ist schuld daran, dass es heute trotz Donnerstag kein Fundstück gibt, sondern einen Blogeintrag.

Es ist der Eintrag, den ich schon eine Weile vor mich herschiebe, jenen, der mit dem Surfen und dem Wind im Gesicht zu tun hat. Das ist gar nicht so einfach, denn es geht um all die Dinge, über die ich hier nie schreibe. Um das, was mich an meinem Beruf verzweifeln lassen könnte und gelegentlich auch tut. Um die Dinge, über die man nicht spricht. Ich habe bis heute keinen Weg gefunden, über das, was mich in schlechten Momenten umtreibt, offen und ehrlich zu schreiben, und ich werde diesen Weg wohl auch in diesem Blogeintrag nicht finden, denn es gibt Dinge, die nun mal nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind (so, wie in ziemlich jedem anderen Beruf auch). Was ich kann und auch tue: Diese Dinge meinen Geschäftspartnern gegenüber offen formulieren. Ich mache damit gute Erfahrungen und hatte auch gute Gespräche.

Was ich zudem in all den Jahren gefunden habe: Gelassenheit und Galgenhumor. Ich kann mittlerweile über fast alles lachen, das in meinem Beruf eigentlich zum Weinen ist. Und ich habe gelernt, für mich zu entscheiden, was ich einstecken kann und was ich nicht einstecken will (meinem Gitarrenlehrer sei an dieser Stelle herzlich gedankt - er hat mich mit wenigen Worten vor ein paar Jahren auf die richtige Spur gebracht).

Ende 2016 / Anfang 2017 sind aber ein paar Dinge passiert, die mich vollends aus dem Takt gebracht haben. Ich weiss mittlerweile sehr genau, warum es mich im Februar - bildlich gesprochen - gnadenlos in den Sand gesteckt hat. Es waren, nebst den im "Wind im Gesicht" angesprochenen Begebenheiten, unter anderem zu viel Gelassenheit und zu viel Galgenhumor. Aus der Gelassenheit wurde ein gefährliches "mir egal", aus dem Galgenhumor Zynismus. Wenn ich aber eins weiss, dann das: Ich will kein "mir egal" Leben führen, und ich will nicht im Zynismus landen. Dazu liebe ich das Leben zu sehr, dazu ist es mir zu wertvoll.

Es gibt Berufskollegen von mir, die sich zusammengeschlossen haben und gemeinsam für bessere Bedingungen in der Branche kämpfen. Ich war sogar zum Kämpfen zu müde. (Was ich selten bin.)

Und dann kam diese Fahrt nach Zug, wo ich mir im Zug genau das überlegte, was ich damals mit meinem Gitarrenlehrer besprochen hatte. Ich habe mir aufgeschrieben, was ich einstecken kann und will - und was eben nicht.

Die Folge davon: Ich habe zwei geplante Projekte aus Verlagen zurückgezogen. Weil ich eine Kehrtwende mache, einen u-turn, wie das im Englischen so schön heisst. Ich kehre zu meinen Wurzeln zurück. Zurück an den Anfang. Ich schreibe für mich. Denn: Es ist nicht das Schreiben, das mir an meinem Beruf schwer fällt. Es sind nicht die Lesungen, nicht die Begegnungen mit all den Menschen, die ich treffe, es ist nicht mein Beruf (den mag ich sehr), es ist schlicht der Zustand der Kinder- und Jugendbuchbranche - und der Stellenwert, den die Kinder- und Jugendliteratur in der Schweiz hat (so ziemlich keinen). Ich habe nach meinem Entscheid gute Gespräche geführt (siehe oben), natürlich mit meiner Familie, aber auch mit meiner Agentin und meinem Verlag.

Was heisst das nun: Ich schreibe für mich?
Das heisst, ich schreibe ohne Vertrag für ein Projekt, ohne Vorschuss, ohne Sicherheitsnetz (das man in meinem Beruf ohnehin nicht unbedingt hat), ich schreibe genau das, was ich schreiben will, ob das nun massentauglich ist oder nicht (eher nicht). Wenn die Geschichten fertig sind, werde ich versuchen, sie bei einem Verlag unterzubringen, aber nicht zu jedem Preis und zu jeder Kondition. Sollte niemand daran Interesse haben, mache ich die Bücher selber.

Seit ich diesen Entscheid getroffen und auch klar formuliert habe, geht es mir wieder richtig gut. Ich habe so viele Ideen für Geschichten, dass ich kaum weiss, wo ich anfangen soll. Zum Glück ist da da bux, der Verlag, den ich mit zwei Kollegen führe: Der gibt grad sehr heftig den Takt an, weil das zweite Verlagsprogramm im September 2017 erscheint. Es ist eine Freude, daran zu arbeiten.

Leichter wird das Leben als Autorin durch diesen Entscheid nicht werden, dafür freier. Auch das totale Scheitern ist möglich. Ich kann damit leben. Weil es keine Alternative gibt zu diesem Entscheid, zumindest keine, bei der ich mich nicht selber verlieren würde.

PS: Das mit dem Stellenwert von Schweizer Kinder- und Jugendbuchschaffenden treibt mich weiter um. Da habe ich noch kein Rezept gefunden, nicht ab und zu zornig zu werden, oder in der totalen Frustration zu ersaufen. Ich arbeite daran. Hier wäre ich sogar tatsächlich froh um ein totales "mir egal".

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Liebe Alice,
wie gut ich dich verstehen kann! Und nimm zur Kinder- und Jugendbranche ruhig auch gleich die gesamte Branche hinzu, denn das Haarsträubende verbreitet sich ...
So ähnlich war das bei mir, als ich beschloss, Bücher dazu zu verwenden, um Perlen daraus zu fertigen - es war diese Frage: Was will ich für MEIN Leben, nicht die Erwartungen der anderen? Und kein Beruf hat mich mehr nach Schönheit und Freude dürsten lassen wie dieser, also auch U-Turn.
Nun kann ich dir Mut machen: Die "freien" Bücher werden ohnehin meist die besten, viele KollegInnen schreiben darum gar nicht anders. Und mit dem eigenen Verlag im Rücken und dem Wissen, dass man auch das selbst stemmen könnte, hast du auch mehr von einer "Sicherheit der Freiheit" als vielleicht vor zehn Jahren. Das ist das Wertvolle heutzutage: Wir können viel leichter Nein sagen und selbstbewusst bleiben. Wir müssen uns nur trauen.
Darum Glückwünsche und eine wunderbar inspirationsreiche Zeit!
Petra

Alice Gabathuler hat gesagt…

Danke für diese motivierenden Worte. (An dich habe ich übrigens in meiner Entscheidungsphase häufiger gedacht.)

Ich sag's mal direkt: Ich lebe sowieso nicht von den Einnahmen aus den Buchverkäufen, sondern von den Lesungen. Und für die Lesungen brauche ich gute, neue Bücher. Wo die erscheinen, ist letztendlich nicht mehr so relevant wie früher, wo man Verlagsbücher haben musste, um zu einer Lesung eingeladen zu werden. Ich bin also zuversichtlich.

Herzlich
Alice

Hans hat gesagt…

Ich habe zwar absolut keine Ahnung wie das mit Entschädigungen, Tantiemen etc. so in der Buchbranche läuft. Aber in der Musik-Branche kenne ich mich recht gut aus und so kann ich Deinen Entscheid nicht nur nachvollziehen, sondern Dir auch dazu gratulieren. Wird schon gut werden...

Alice Gabathuler hat gesagt…

Das mit den Entschädigungen und Tantiemen ist ... tja. Der Autor, der die Geschichte schreibt, und ohne den es das Buch nicht gäbe, verdient pro verkauftes Buch so ziemlich am wenigsten. Das fände ich okay (schliesslich macht der Verlag ja das Lektorat, sorgt für Satz und Druck und Vertrieb), wenn der Verlag all das wirklich gut hinbekommen würde. ABER:
Werbung kannst du knicken, wenn du nicht gerade den Spitzentitel im Programm hast. Wenn du auf Seite umpf im Verlagskatalog bist, wird dich der Verlagsvertreter in der Buchhandlung nicht einmal erwähnen, oder bestenfalls noch schnell sagen: Ach ja, dann hätten wir noch ... Ich habe alle meine Buchtrailer selber machen lassen oder selber gemacht, Autogrammkarten und Lesezeichen selber drucken lassen.
Aber selbst wenn der Verlag Werbung macht, heisst das noch lange nicht, dass die Leute dann dein Buch wollen (oder dass es im Buchladen steht).
Ich trau mich in der Schweiz gar nicht mehr in die Buchläden, weil ich zu oft meine Bücher nicht gefunden habe (den Frust schenke ich mir mittlerweile). Das Schweizer Institut für Kinder- und Jugendmedien hat kein einziges meiner Jugendbücher in der Rezensionsdatenbank. Ich renne also ziemlich permanent gegen Betonwände.

Was gleich ist wie in der Musik: Auftritte. Da sind die Leute begeistert und das motiviert ungemein. Leider bin ich weder jung, noch schön, noch Musikerin und kann deshalb kein Merchandising betreiben ;-)

Wenn ich also unter dem Strich alles zusammenzähle, dann ist es wie in der Musik:
- Ich liebe meine Arbeit
- Ich liebe es aufzutreten
- Ich habe einen tollen Beruf
- Ich lebe finanziell von den Auftritten, sprich Lesungen.
- Würde ich von den Einnahmen aus den Buchverkäufen leben müssen, wäre ich auf dem Campingplatz zuhause (oder unter der Brücke)

Trotzdem: Ich mache weiter. Einfach auf meine Art. Weil ich grundsätzlich einen wunderbaren Beruf habe.

Christa Schmid-Lotz hat gesagt…

Habe deinen Eintrag gerade erst gesehen, Alice (nach 5 Tagen offline-Status wegen eines Trojaners.)Auch wenn ich immer im Erwachenenbereich gechrieben habe, kann ich das alles nur bestätigen und unterstreichen. Kürzlich hörte ich, dass es bei uns inzwischen sogar Großverlage schwer hätten, Bücher in Buchhandlungen unterzubringen!Ich schreibe seit fast vier Jahren für mich und werde auch weiterhin dabei so vorgehen, wie du es beschrieben hast. Wünsche dir und allen anderen dabei gute Gefühle und viel Erfolg!

Solidarische Grüße
Christa