Montag, 30. Mai 2016

Wenn das Herz stillsteht und dann überquillt

Manchmal steht das Herz ein paar Schläge lang still und quillt dann über, weil das Schicksal / der Zufall / irgendeine höhere Macht auf eine wundersame Art ins Leben eingreift. So geschehen am letzten Freitag. Meine Lieblingsband und grosse Inspiration The Beauty of Gemina hat an diesem Tag ihre neue Single veröffentlicht - nicht irgendeinen Song, sondern genau den Song, aus dem ich in meinem dritten Buch "Das Projekt" acht genial schöne und genial gute Zeilen zitieren durfte. Die Geschichte, wie es dazu gekommen ist, möchte ich euch gerne erzählen. Ich habe sie vor ein paar Jahren auf der Spezialseite zum Buch aufgeschrieben. Anlass war die Frage, welche Bedeutung das zitierte Lied vorne im Buch für mich hat. Hier ist meine Antwort:

Eine große. Und es steckt eine lange Geschichte dahinter.
Aber von Anfang an: Ich wusste schon sehr früh, dass ich dieses Zitat vorne im Buch wollte, weil es sowohl die Geschichte wie auch die Aussage des Buches auf sechs Zeilen perfekt zusammenfasst.

Calvin Russell ist ein ziemlich wilder Kerl, gegen den Alex wie ein Sonntagsschüler daherkommt. Man erzählt sich von ihm, dass er auf der Strasse gelebt hat, öfters im Knast gewesen ist und gesoffen hat. So sieht er auch aus. Und so singt er auch. Die Szene im Buch, wo Michael den Russell in einem Plattenladen entdeckt, entspricht mehr oder weniger meiner Entdeckung von Calvin Russell. Ich habe dieses Gesicht gesehen und wollte die Musik dazu hören. Der erste Song auf der ersten CD, die ich von Russell hatte, war „Crack in Time“. Nach den ersten paar gesungenen Worten war ich sein Fan.

Später habe ich ihn in Zürich live gesehen, in einem Konzert in der Roten Fabrik, hochschwanger mit meinem Sohn. Sentimental, wie ich bin, sind mir die Tränen in die Augen geschossen, als er die Bühne betrat. Nach dem Konzert stand er an die Wand gelehnt hinter der Bar. Beinahe zum Greifen nah. Mit diesem Hut auf dem Kopf, den verwaschenen Augen, diesem pockennarbigen Gesicht, all diesen Tattoos auf seinen Armen. Ich wollte ihn ansprechen und habe mich nicht getraut. Das Bild, wie er so dastand, hat sich in mein Gehirn eingebrannt und ich habe oft an ihn gedacht. Trotz dieser ganzen Wildheit hat er irgendwie zerbrechlich ausgesehen.

Zurück zum Buch: Es war einfach klar, dass die Crossroad-Zeilen in dieses Buch gehörten. Gehören mussten. Ich gab das Manuskript ab, meine Lektorin war vom Zitat ebenfalls begeistert, wir überarbeiteten, irgendwann kamen die Druckfahnen (das ist der Probeabzug des gesetzten Textes bevor das Buch in Druck geht) … und mir fiel mit Entsetzen das Copyright ein. Wussten die Verlagsleute eigentlich, dass der Russell keine Erfindung von mir ist und dass es diese Zeilen wirklich gibt (ich meine, so bekannt, dass man ihn kennen MUSS, ist er nun wirklich nicht)? Ich schrieb eine Mail an den Verlag – und fand meine Befürchtung bestätigt: es gab keine Einwilligung für die Abdruckrechte. Ohne diese Rechte kein Zitat! Und es blieb beinahe keine Zeit.
Also suchte ich im Internet die Russell Webseite und schickte den Link an den Verlag. Die kontaktierten die angegebene Mailadresse. Nichts. Wie auch? Der Russell ist ein Wandervogel, die Webseite unter Umständen uralt. Die Lektorin mailte: „Kein Zitat im Buch.“ Ich wollte und konnte das einfach nicht akzeptieren und schrieb an jede einzelne Mailadresse, die ich auf der Webseite finden konnte: „If you know, where Mr Russell is, please tell him to contact me.“

Ein paar Tage später öffnete ich meinen virtuellen Briefkasten – und da war sie! Die Mail von Russell. DEM Russell. Meine Finger zitterten, mein Herz hämmerte wie wild. Der Mann, dessen Songs ich zum Teil in- und auswendig kenne, schreibt mir eine Mail! Tief durchatmen. Öffnen. Und was steht da? „I understand you have written a book and would like to quote me. Sure. No problem. Go ahead.”

Ich saß mehrere Minuten still und ehrfürchtig vor meinem Maschinchen und starrte die Wörter an. Dann rannte ich wie von einer Biene gestochen durch das Haus und schrie: „Calvin Russell hat mir geschrieben! Ich darf! Ich darf!“ Und dann schrieb ich der Lektorin. Das Buch konnte mit Zitat in den Druck.

Um auf die Frage zurückzukommen: Eine riesen-, riesengroße Bedeutung. Für das Buch und für mich persönlich.

Eine genauso grosse Bedeutung in meinem Leben hat die Musik von The Beauty of Gemina. Als ich erfuhr, dass die Band genau diesen Song gecovert hat, hat mein Herz ein paar Sekunden zu schlagen aufgehört und ist dann übergequollen :-)

Hier ist es, Crossraods von The Beauty of Gemina:



Und hier ist das Original von Calvin Russel:

Kommentare:

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Ich habe soeben ganz ganz intensiv mitgelesen,
liebe Alice,
mit offenem Mund und fast atemlos:
So viel Liebe spricht aus deinen Zeilen.
Thank you so much!
Herzlich Hausfrau Hanna Basel

PS. Und während ich dies hier schreibe, begleitet mich die live-Version von Calvin Russels 'Crossroad'...

Jutta Wilke hat gesagt…

Liebe Alice,
mir gings wie der Hausfrau Hanna. Ich bin beim Lesen kaum zum Luftholen gekommen. Und ein winziges bisschen erinnert mich die Geschichte an die andere Geschichte. Die mit Kevin Brooks. Du und die Männer mit Hut ;-) Irgendwann mach ich mal ein Buch daraus.

Alles Liebe
von der Jutta

Alice Gabathuler hat gesagt…

Wenn ich jetzt wüsste, wie in diesem Programm die Herzsmybole gehen, würde ich dir ein paar davon schicken, Hanna. DANKE.

Jutta, erinnerst du dich, wie wir in der Schreibwelt Gründe FÜRS Schreiben aufgelistet haben? Solche Begegnungen und solche "Zufälle" gehören definitiv auf die Liste. Ja, die Geschichte mit Kevin ist auch so eine. Ich erzähle sie bei jeder "Freerunnig" Lesung :-) Und da kommt dann immer auch die Frau Wilke drin vor in der Geschichte.