Freitag, 16. Oktober 2015

Überrumpelt - Ich als Kiosk

Mittag. Das Telefon klingelt. Herr Ehemann geht ran. Klingt verwirrt. Hält mir den Hörer hin und sagt: "Für dich."

Ich: "Hallo?"
X: "Hier ist X."
Ich: "X - wer?"
X: "X. Ich muss bis nächsten Dienstag Ihr Buch Blue Blue Eyes lesen. Es sind aber Ferien und die Schule ist geschlossen. Könnten Sie mir ein paar Fragen beantworten?"
Ich (total überrumpelt): "Dafür bin ich nicht zuständig." (Was für eine dämliche Antwort. Was ich damit meine: Ich habe das Buch geschrieben, lesen musst du es selber.)
Ich: "Tut mir leid. Dann musst du es kaufen. Oder in der Bibliothek holen."

Nein, das war kein geistreiches Gespräch. Was mir danach durch den Kopf gegangen ist: Keine Lust, das Buch zu lesen. Hat eine Frageliste der Lehrerin und hätte die gerne beantwortet. Warum nicht einen Klassenkameraden fragen? Vielleicht, weil X der arme Kerl ist, dem man die Aufgabe aufgedrückt hat, die Autorin anzurufen. Gleich darauf die innere Schelte: Vielleicht ist der auch einfach verzweifelt und ich war keine grosse Hilfe. Nicht einmal besonders freundlich war ich. Weil ich mir ein wenig vorkam wie der Typ aus Polo Hofers Klassiker "Bini gopfridschtutz en Kiosk .." (Für meine deutschen Leser und Leserinnen: Bin ich heiterzementnochmal ein Kiosk ...?)

Etwas später dann noch ein paar Gedanken: Wenn er als Einziger dieses Buch lesen muss und wirklich verzweifelt ist, warum ruft er nicht seinen Lehrer an und erklärt ihm die Lage? Wenn er einfach das Buch nicht lesen will, weil es ihm nicht gefällt, warum steht er dafür nicht gerade und bietet seinem Lehrer einen Tausch an, so nach dem Motto: "Dieses Buch will ich nicht lesen, darf ich dafür ein anderes lesen?"

Wenn das nächste Mal jemand mit dieser oder einer ähnlichen Bitte anruft, werde ich all die Fragen stellen, die ich nicht gestellt habe, weil ich zu überrumpelt war. Je nach Ehrlichkeit des Anrufers könnte das ein tolles Telefonat werden. Vielleicht eröffne ich auch ein eigenes Auskunftsbüro, wo man alles fragen kann.

EDIT: Es ist nicht so, dass ich keine Fragen beantworte. Im Gegenteil. Zu den meisten meiner Bücher gibt es eine Spezialwebseite auf der man Fragen stellen kann, wenn man ein Referat oder eine Klassenarbeit halten/schreiben muss. Am meisten genutzt wird die zum Buch "Blackout", wo es so viele Fragen gab, dass ich eine zweite Frageseite aufschalten musste. Was ich allerdings nicht mache: Hausaufgaben für andere erledigen (das habe ich nicht einmal für meine Kinder gemacht).

1 Kommentar:

Petra hat gesagt…

Herrlich! So ein langes Interview, geführt von der Autorin, würde ich zu gern lesen.
Den Baff-Effekt kenne ich allerdings auch. Ich hatte den das letzte Mal, als mich eine Frau anrief: "Sagen Sie mal, wir sind zufällig am Sonntag im Elsass und weil sie doch den tollen Gugelhupf in Ihrem Buch beschreiben, dachten wir, wir kommen am späten Vormittag bei Ihnen daheim zum Probieren vorbei, dann können Sie auch gleich signieren." Der Anruf kam Samstag morgens und ich war auch alles andere als freundlich ;-)