Sonntag, 1. September 2013

Auslegeordnung - eine Analyse

Ich liebe das Wort Auslegeordnung, habe aber irgendwann in den letzten Jahren herausgefunden, dass es in Deutschland nicht überall verstanden (weil nicht gekannt) wird. Deshalb eine Erklärung vorneweg: In der Schweiz reden wir von Auslegeordnung, wenn wir für uns alle Fakten auf den Tisch legen und sie von allen Seiten beleuchten. Meistens tun wir das, wenn ein Entscheid fällig ist. Wichtig ist, dass man mit sich selber sehr ehrlich ist, nichts beschönigt und die Dinge sieht, wie sie sind. Wie man sie gerne hätte, kann man sich überlegen, wenn man die Auslegeordnung gemacht hat.

Ich habe also in den Bergen eine Auslegeordnung gemacht oder anders gesagt: Ich habe meine Situation analysiert.

- Mein Privatleben könnte nicht besser sein.
- Schreiben tue ich nach wie vor leidenschaftlich gerne.
- Ich habe auch jede Menge Ideen für neuen Stoff.
- Die Kontakte mit Leseveranstaltern / Lehrpersonen, die Lesungen organisieren, sind zu 98 % sehr herzlich und unkompliziert.
- Die Lesungen machen zu 98 % Freude.
- Zu lange Lesetouren werden mir zu streng, vor allem die An- und Rückreise.
- Die Menschen, die in der Verlags- und Buchbranche arbeiten, sind häufig sehr nett.
- Die Verlags- und Buchbranche selbst erträgt man nur mit Galgenhumor, einem dicken Fell und Gelassenheit. Ich habe noch nirgends eine derart desolate Kommunikationsunfähigkeit angetroffen; da weiss oft die linke Hand nicht, was die rechte tut, und der Autor weiss dann schon gar nichts (wozu auch, ist ja nur der Typ, der die Geschichte geschrieben und in einem langen Vertrag ganz viele Rechte abgegeben hat). Und manchmal frage ich mich sogar, ob die Verlage die Bücher, die sie herausgeben, wirklich verkaufen wollen.
- Ich bin seit genau vier Jahren hauptberuflich Autorin und ich kann seither vom Schreiben leben.
- Ich gestehe, es tut weh, sein 10. Buch zu veröffentlichen und mit keinem der neun vorhergegangenen in der Rezensionsliste des Schweizer Instituts für Kinder- und Jugendbuchmedien zu stehen (das mag mimosenhaft klingen, aber es ist nun einfach mal so ... ich kann es nicht ändern, es ist, als gäbe es mich in der Schweiz nicht und ja, das schmerzt).
- Meine Bücher erscheinen in der Schweiz von den Medien absolut unbeachtet (auch das ist nicht immer leicht auszuhalten - und danke W&O, St. Galler Tagblatt und NZZ für die Ausnahmen!).

Es hat gut getan, diese Auslegeordnung zu machen, denn sie hat mir gezeigt, dass ich nur an einem ganz kleinen Teil meiner Arbeit / meines Berufes fast verzweifle. Die letzten eins, zwei Jahre habe ich recht gut damit umgehen können, doch dieses Jahr ist es wieder gekippt (ich hatte schon einmal eine Krise, und zwar aus genau denselben Gründen).

Nun ist es so:
Die Branche kann ich nicht ändern. Das zeigt eine Maillöschaktion, bei der ich gründlich ausgemistet und Verlagsmails der letzten 6 Jahre gelöscht habe - es stand mehr oder weniger immer dasselbe darin. Ich kann auch nichts daran ändern, dass mich die Medien in der Schweiz weitgehend ignorieren.

Am Ende der Auslegeordnung steht der Entscheid:
Ich bleibe Autorin. Aber ich will als Autorin unabhängiger von den Verlagen werden. Im Herbst gebe ich meine ersten beiden Bücher, für die ich die Rechte zurückverlangt habe, selber heraus. Das heisst nicht, dass ich nicht mehr für Verlage schreiben möchte, aber es heisst, dass ich mir Alternativen offen halte für den Fall, dass für mich die Bedingungen nicht stimmen, oder mich kein Verlag mehr will.

Bleibt das Bloggen. Das tue ich für mich und für Menschen, die sich für mein Autorinnenleben interessieren. Und weil ich es für mich tue, wird es hier weniger nebulös und weniger zuckerwattig.

Kommentare:

Tom Zai hat gesagt…

Ich bin froh, dass du weiterschreibst. Auf meiner Liste stehst du ohnehin zuoberst. Wünsche dir, dass du die meiste Zeit diesen bewussten Entscheid gutfinden wirst.
Ich glaube, das ist das Wichtigste: diese Auslegeordnung machen und sich dann bewusst entscheiden - dafür oder dagegen. Hauptsache bewusst. Es gibt einem das Gefühl, den Dingen nicht so ausgeliefert zu sein. Daraus wirst du Kraft schöpfen, um kreativ zu sein und die nötige Fleissarbeit zu leisten.
Go, Alice!

Karin Bachmann hat gesagt…

Auch ich bin froh, dass Du weiterschreibst. Was wäre die Szene ohne Dich?!
Mal abgesehen davon - als Wortjunkie kann man sowieso nicht so einfach aufhören. Oder?