Samstag, 2. Februar 2013

Loslassen

Gestern und heute habe ich an den letzten Details zum neuen Buch gefeilt. Das Feinschlifflektorat meiner Lektorin war vom Feinsten. Ich lasse mit dieser letzten Detailarbeit aber nicht nur mein neues Buch los, sondern muss mich auch von meiner Lektorin verabschieden. Sie hat damals das Potenzial im "Blackout" erkannt; dank ihr hat die Geschichte von Nick Aufnahme in den Verlag gefunden. Neun Bücher haben wir seit damals zusammen gemacht. Neun Bücher, Carolin! Wahnsinn! DANKE!

Ich hätte diesen Feinschliff im Haus in den Bergen machen können. Es war nicht nur das grässliche Wetter, das mich davon abgehalten hat. Seit einigen Monaten habe ich Mühe mit meiner Wahlheimat. Das Dorf, in dem ich seit rund zweieinhalb Jahren zeitweilig wohne, ist mir fremd geworden. In der kurzen Zeit ist so viel gebaut und noch viel mehr geplant worden. Ich wollte von diesem ganzen Bauwahnsinn bei mir unten im Tal fliehen (wo im Moment gerade eine Kleinstadt total umgeackert und zugebaut wird) und bin in den Bergen in den genau gleichen Wahnsinn geraten. Das Dorf ist in Rekordzeit um eine Retortensiedlung und mehrere Wohnblocks erweitert worden. Und so bin ich weder hier noch dort wirklich mehr zu Hause. Ich ertappe mich dabei, wie ich nach neuen Ecken suche, in die ich mich zurückziehen könnte. Das Rätromanischlernen habe ich an den Nagel gehängt. Wozu auch? Ich komme mit Mittellanddeutsch viel weiter als mit Romantsch. Und ich bin - ehrlich gesagt - auch wütend auf die Leute, weil sie es zugelassen haben, was mit ihrem Dorf und ihrem Tal passiert ist und noch passieren wird.

Dabei bin ich ja selber eine "Zugezogene". Eine Zweitwohnerin. Nur habe ich dazu nicht irgendeine neue Allerweltsluxuswohnung im total langweiligen So-sieht-eine-Zweitwohnung-im-Moment-aus-Stil gekauft (die sehen alle gleich aus, alle ... und kosten alle gleich überrissen viel), sondern ein Haus, das kein Einheimischer wollte. Aber eigentlich ist auch das keine Entschuldigung. Ich gehöre zur Horde, die die Freiheit in den Bergen sucht und dabei diese Berge im Moment total kaputt macht.

Das Haus im  Tobel gefällt mir immer noch. Wenn ich dort unten bin und der Bach rauscht, bekomme ich nichts vom Wahnsinn um mich herum mit. Aber beim Wandern, entlang all der Bautafeln mit den ewig gleichen Gebäuden, den über zwanzig geplanten Häusern direkt beim Badesee und am Flachmoor, da vergeht mir immer mehr die Lust. Ich merke, wie ich für mich Argumente suche, warum es mir trotz allem gefällt. Das ist ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass ich dabei bin, loszulassen. Auf welche Art, weiss ich noch nicht. Vielleicht löse ich mich innerlich vom Gedanken, in einer weitgehend intakten Natur zu leben und arrangiere mich mit den neuen Gegebenheiten, vielleicht löse ich mich vom Ort, vielleicht von zwei Orten. Ich weiss es nicht. Es ist auch nicht so wichtig. Weil: Eigentlich habe ich diese Zwischenwelten immer gemocht. Dieses Nichtwissen, was als Nächstes ist und kommt. Das Leben bleibt auf jeden Fall in Bewegung.

Kommentare:

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Mir selber geht es anders,
liebe Alice,
ich mag das Leben in Zwischenwelten nicht. Ich bin gern zuhause in einer Welt.
In der es einigermassen ruhig ist und in der etwas auch mal bleiben darf, wie es ist.
Ohne diesen Dauerbaulärm, wie wir ihn hier auch kennen.
Ohne dieses zwanghafte 'Immermehr' und 'Optimierenmüssen'...

Und ich vermag zu all dem auch nicht (wie manche andere) resigniert zu sagen:
Selawie!

Ich grüsse dich herzlich in eine bewegte Woche
Hausfrau Hanna

Alice Gabathuler hat gesagt…

Liebe Hausfrau Hanna

Dieses Immermehr und Optimierenmüssen hängt mir zum Hals raus. Leider ist es weit in die Berge vorgedrungen, wo die Gier nicht von Bankern kommt, sondern von Grundbesitzern und der Baubranche. Ich ertappe mich dabei, wie ich Auswanderungsgedanken an den nördlichsten Teil in Schottland wälze - um die Ruhe zu finden, die es in unserem Land nicht mehr gibt.

Und doch, ja: Ich resigniere. Ich schaue zu, wie das letzte bisschen Natur verschwindet und erinnere mich daran, wie meine Gotta schon vor Jahren sagte: "Wir sind die Indianer von heute." Ich erlebe, wie wir in der Zweitwohnungsinitiative gesagt haben: Bis hierher und nicht weiter. Und wie das dann alles zur Makulatur wurde, indem die Gier einiger weniger es schaffte, das Gesetz herauszuschieben. Wenn ich heute in die Berge fahre, bekomme ich das nakte Grauen. Wenn nur die Hälfte von dem Zeug gebaut wird, das jetzt geplant ist, machen wir uns alles kaputt. Und zwar wirklich kaputt. Ich habe keine Illusionen mehr. Vielleicht stimmen wir auch Ja zum Raumplanungsgesetz - und erleben dann, wie es ausgehöhlt und umgangen wird. Wir sind gerade dabei, unser Land in einem Ausmass zu zerstören, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ich fühle mich hier nicht mehr zuhause.

Deshalb ziehe ich die Zwischenwelt vor. In dieser Zwischewelt kann ich gedanklich schon mal weg.