Donnerstag, 28. Februar 2013

Like mich, wähl mich, klick mich, bezahl mich - oder die Folgen der Urheberrechtsdebatte

Hysterische Debatten haben heutzutage kurze Halbwertszeiten. Denn wer - ausser den konsternierten Kulturschaffenden - erinnert sich noch wirklich an die bis zur Schmerzgrenze schrillen, hässlichen und bösartigen Kommentare zur Urheberrechtsdebatte?

Wir haben uns darüber gefetzt. Schön. Bitte, wo ist die nächste Hysteriewelle auf der wir reiten können? Denn: Wirkliche Lösungen suchen? Oh, das ist ein bisschen mühsam, das überlassen wir jetzt anderen, gell, im Internet über ein neues Thema zu geifern ist viel lustiger. Zum Beispiel über Sexismus. Aber das ist auch schon nicht mehr wirklich interessant ... und darum geht es in diesem Beitrag auch nicht.

Es geht um die Urheberrechtsdebatte. Die ist nämlich nicht folgenlos geblieben. Den Piraten hat sie kurzfristig einen Schwarm Ich-will-alles-gratis-Anhänger zugeschwemmt, die aber zur nächsten Sommerinsel weitergeschwommen sind, als das Ganze ernsthaft in Arbeit auszuarten drohte. Kleben geblieben ist die Sache an den Kulturschaffenden, allen voran den Musikern und Autoren. Die haben sich tatsächlich eine ganze Menge zu Herzen genommen von diesem "Künstler, die guten alten Zeiten sind vorbei, jetzt musst du selber gucken, wie du zu einem Einkommen kommst".

Genau so, wie es ihnen jene geraten haben, die alles verstanden haben wollen, sind sie jetzt auf allen Social Media Kanälen. Sie linken, sie netzwerken, sie teilen mit, sie crowdfunden. Und weil man dazu Leute braucht, die einem unterstützen, wenden sie sich an diejenigen, die sie kennen und sich für ihre Sache interessieren. Zum Beispiel andere Musiker und Autoren. So nehmen in meiner Mailbox die like mich, klick mich, wähl mich, bezahl mich Mails zu. Ich könnte nonstop irgendwelche Seiten liken, irgendwelche Aktionen durch Klicks vorantreiben, irgendein Projekt zum Projekt des Tages, der Woche, des Monats, des Jahres wählen ... und ich könnte crowdfunden ohne Ende.

"Crowdfunding! Das ist es!" Hat man uns eingeredet. Lass dir dein Projekt finanzieren! Mittlerweile könnte ich ein Vermögen ausgeben. Alleine in den letzten zwei Tagen habe ich vier Einladungen zum Mitfinanzieren von Projekten bekommen. Tolle Projekte. Nur, würde ich alle unterstützen, ginge mir sehr schnell das eigene Geld aus und ich müsste doch glatt selber ein Crowdfunding-Projekt starten.

Ja, ich habe auch mitgemacht. Aber ich mag nicht mehr. Weil sich die Sache bei den allermeisten todläuft (und jene, bei denen es sich nicht todläuft, hätten es zum grossen Teil nicht einmal nötig). Manchmal like ich noch etwas, aber nur noch das, was ich wirklich mag. Manchmal wähle ich noch etwas, aber nur noch das, was ich wirklich mag. Manchmal bezahle ich etwas ein, aber lange nicht bei allen Projekten, die es auch verdient hätten. Es geht einfach nicht.

Für die Herde, die weitergezogen ist, ist das alles nicht mehr wirklich interessant. Das Problem ist geblieben.

UPDATE: Gerade bei Kollegin Jutta Wilke gefunden. Passt genau.

1 Kommentar:

PvC hat gesagt…

Als eine, die sich inzwischen auch für Projekte bezahlen lässt, muss ich immer schmunzeln, wenn Crowdfunding als so ultraneu angepriesen wird. Dabei ist es nur eine neue technische Art, etwas Uraltes zu tun: Sich Bücher sponsern zu lassen, Mäzene zu suchen. Hier in Frankreich hat das eine lange Tradition, die auch von kleinen Verlagen gern genutzt wird. Ohne Fremdfinanzierung gäbe es nicht diese Fülle völlig schräger Kleinverlage, Einzelkämpfer und regionaler Titel.

Mein zweites Schmunzeln bekomme ich, wenn Leute meinen, sie könnten Geld bei Kollegen "abstauben". Das ist doch nun wirklich die völlig falsche Zielgruppe! Bei Crowdfunding geht es gar nicht mal nur um Finanzierung, sondern auch um eine Bindung zu einem Stammpublikum, um Werbeeffekte, um Fans. Das ist so, wie man früher den Chef von der Firma XY um Sponsoring angehauen hat, weil die 1. Geld haben und 2. vielleicht eine Extraauflage als Firmengeschenk ordern und 3. als Multiplikatoren wirken.

Ich kann deinen Überdruss drum verstehen - aber solche Leute haben einfach das Instrument nicht richtig begriffen.