Montag, 14. Mai 2012

Vorbeirauschen lassen

In Deutschland wütet so was wie ein Krieg. Piraten und Onlineaktivisten entern das Urheberrecht. Auf der Strecke bleiben Vernunft, Respekt,  Anstand und auch noch das letzte bisschen Augenmass. Gipfeln tut das Ganze dann in Ergüssen, die die Welt nicht wirklich braucht.

Ich habe mich entschieden, mich nicht darüber aufzuregen. Es kommt, wie es kommt. Vielleicht können wir schon bald Bücher lesen (gratis), die von Filesharern in Echtzeit getippt und online gestellt werden (gratis). Musik hören (gratis), die von Netzaktivisten komponiert, geschrieben und vertont wurde (gratis). Filme gucken (gratis), die ein paar Webnerds selber geschrieben und in Bild und Ton umgesetzt haben (gratis) - mit sich selbst in der Hauptrolle (gratis). Bilder bestaunen (gratis), die auf irgendwelchen Computerprogrammen mit virtuellen Pinseln virtuell auf eine virtuelle Leinwand geklatscht wurden (gratis). Und all das Zeug sharen wir dann wir wild (gratis). Spassgesellschaft pur (auch gratis). Ich werde mir erlauben, das Zeug ungelesen, ungehört, ungeguckt und unbestaunt an mir vorbeirauschen lassen (gleichgültig).

Ich würde gerne sagen, ich sei zuversichtlich, dass wir einen vernünftigen, gangbaren Weg finden werden. Ich hoffe auch darauf. Aber sicher bin ich mir nicht.

Lesenswertes zum Thema:
Anonymus stellt Autoren bloss (Sueddeutsche Online)
Anonymus veröffentlicht Künstler-Adressen (Spiegel Online)
Wollen wir Diebstahl erlauben (Morgenweb.de)

Kommentare:

Hausfrau Hanna hat gesagt…

"Ich werde mir erlauben, das Zeug ungelesen, ungehört, ungeguckt und unbestaunt an mir vorbeirauschen lassen"

Grattis, Alice!
Das ist Schwedisch und heisst...
Glückwunsch!
Herzlich Hausfrau Hanna

bugsierer hat gesagt…

mit vorbeirauschen lassen tust du das gleiche, was die künstler seit jahren tun, nämlich nichts.

es ist seit mindestens 10 jahren absehbar, dass das urheberrecht überarbeitet werden muss. die künstler haben grossomodo NICHTS gesagt oder getan. und jetzt lesen wir fast nur unreflektierte und billige polemik. wie hier.

ich halte das für ein krasses versagen einer ganzen branche. gesellschaftlich, kulturell und politisch ist das fatal. ähnlich wie bei den zeitungsfritzen, die auch jahrelang glaubten, das internet werde wieder zugemacht. für leute, die “was-mit-medien” machen, ist das ziemlich unterirdisch.

solange ihr euch nicht mit den tools beschäftigt und nur im chor von literaturagenten und verlagen mitsingt (die ganz sicher nicht eure interessen vertreten), in der diskussion dauernd nur die grauenhaftesten plattidtüden wiederholt und keine eigenen ansätze aufzeigt, werden euch die shitstorms weiter entgegenwehen – und das ist gut so.

Alice Gabathuler hat gesagt…

Ich tue nicht nichts. Im Gegenteil. Aber ich diskutiere nicht mit Vollpfosten, die mir sagen, ich hätte gar kein Recht auf ein Einkommen aus meinen Werken. Und genau das ist mir am Anfang der Diskussion so häufig und so gehässig passiert, dass ich mich entschieden habe, mich aus den Diskussionen herauszuhalten. Auf Geschichten wie die mit Anonymus und den offengelegten Privatdaten oder diesen Fileshareren, die sich alles holen wollen gibt es für mich wirklich nur das Vorbeirauschen lassen. Da lohnt sich nicht einmal der Ärger. Wenn ich kluge Worte zu diesem Thema lesen will, gehe ich zu Kollegin Petra van Cronenburg. Was die sagt, hat Hand und Fuss. Das lese ich auch (gerne). Damit setze ich mich auch (gerne) auseinander. Ganz für mich allein. Die Shitstorms überlasse ich anderen. Da gehe ich dann doch lieber ganz real ein paar Blumen pflanzen.

tanine hat gesagt…

Und das schreibt eine meiner Lieblingsautorinnen?

Piraten = Internet = Anonymous
Urheberrechtsdebatte = Alle wollen alles kostenlos

Ernsthaft? Das ist das einzige, was du aus den Diskussionen gezogen hast? :(
Ich akzeptiere vollkommen, dass man andere Meinungen zu den Forderungen zu alternativen Geschäftsmodellen, dem Abschaffen der AG Wort und ähnlichen Verwertergesellschaften oder dem Urheberrecht in Deutschland im Allgemeinen hat.

Aber bitte, wirf dann doch nicht politisch engagierte, ehrenamtlich arbeitende Menschen, die der Piratenpartei (sechst größte Partei in Deutschland) angehören und sich dem Parteiengesetz unterwerfen in einen Topf mit anonym im Internet agierenden Hackerorganisationen.

Eine Kleinigkeit zum Inhalt: Niemand, der ernsthaft sich mit Urheberrecht (und dessen Abschaffung) auseinandersetzt, verlangt, dass Künstler kein Einkommen haben sollen. Die Rede war von alternativen Modellen, beispielsweise einer Kulturflatrat, ähnlich der GEMA für Musik. Kostenlos bedeutet hier keineswegs unvergütet.

In Deutschland darf man übrigens mindestens 25 Euro pro Monat (bei wenig Hits auf der Homepage) zahlen, wenn man Artikel über sich selbst auf seine Homepage setzt - unabhängig vom Einverständnis des Autors.

bugsierer hat gesagt…

eben, es ist der anfang der diskussion. sie ist erst die vorstufe einer noch viel bedeutenderen, wie herr lobo hier trefflich aufzeigt:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobos-kolumne-ueber-copyright-und-die-debatte-uebers-urheberrecht-a-833147.html

Alice Gabathuler hat gesagt…

@tanine: "Das ist das einzige, was du aus den Diskussionen gezogen hast? :("

Ich sag's ganz hart: (fast) Ja. Leider.

So viel Hähme, so viel Arroganz, so viel "Warum willst du eigentlich Kohle, für das, was du tust // Ein echter Künstler will kein Geld für seine Werke" ist mir einfach zu jenseitig. Mir ist so viel von solchem Schrott um die Ohren geflogen, dass ich mich aus sämtlichen Diskussionen zurückgezogen habe. Und zwar ziemlich fassungslos. Sogar in Kommentaren zu ausgewogenen, guten (Blog)Artikeln fand sich jede Menge schon fast krankhafter Hass auf "diese Tpyen, sie meinen, sie seien Künstler." Leute mit moderaten Ansichten (von beiden Seiten her) haben in solchen Diskussionen meist keine Chance.

Zu den Piraten: Leider habe ich auch von Piraten ziemlich viele Aussagen in ähnliche Richtung gelesen. Nun weiss ich zwar, dass die Piraten ein ziemlich bunt zusammengewürfelter Haufen (mit vielen verschiedenen Ansichten und Meinungen) sind, aber bis gestern Abend habe ich nirgends etwas von einer Distanzierung zu der Anonymus-Aktion gelesen. Der Rummel um die Dame (Namen vergessen) mit den hochdotierten Buchvertrag, die sich so abschätzig über Künstler geäussert hat, hat euch auch nicht unbedingt gut getan - und auch von ihr hat sich niemand distanziert. Ich muss also zumindest davon ausgehen, dass ihr solche Aussagen und Taten stillschweigend gutheisst. Zudem gibt's online zuhauf Videoclips auf denen Piraten nicht gerade den besten aller Eindrücke machen.

Es ist nicht so, dass ich nicht versucht habe, mich fachkundig zu machen. Es ist auch nicht so, dass ich mich auf dem Status Quo eingeigelt habe - aber ich bin einfach grandios gescheitert beim Versuch, meinen Wunsch nach der Bezahlung meiner Werke zu vermitteln.

Zur Kulturflatrate: Kann ich nichts damit anfangen. Wir haben in der Schweiz die Pro Litteris, die die Einnahmen aus den Kopiergebühren an Autoren u.a. auszahlt: Ein RIESENAPPARAT mit Ausschüttungen, die so lachhaft klein sind, dass ich mir von den Jahreseinnahmen, die mir Pro Litteris überweist (bei mittlerweile acht Büchern) gerade mal ein Nachtessen zu zweit in einem Restaurant leisten kann. Kommt dazu: Denkt mal ernsthaft über das Eintreiben und Verteilen dieser Gelder nach ...

Langer Rede kurzer Sinn: Ich finde auch, dass eine Anpassung des Urheberrechts nötig ist, dringend sogar. Aber so, wie die Diskussionen jetzt laufen, wird das nie was, oder zumindest nicht in naher Zukunft. Es ist für mich also verschwendete Energie, mich zum jetzigen Zeitpunkt einzubringen.

=> @Bugsierer: Ich warte mit dem Mitdiskutieren, bis die Leute aufgehört haben, auf jeden einzuhauen, der sich als Verfasser von Werken zu erkennen gibt. Shitstürme sind nämlich ausgesprochen unfruchtbar.

PS: Danke für "eine meiner Lieblingsautorinnen"