Freitag, 23. März 2012

Was sind uns die Werke von Künstlern wert?

Gestern (oder vorgestern) ist Sven Regener, Musiker und Autor, bei einem Radiointerview eine Sicherung durchgebrannt. Aufgestauter Frust und aufgestaute Wut über kostenloses Kopieren im Internet haben sich entladen. Die Aufzeichnung dieses Interviews ist in Kürze durch die Internetgemeinde gegangen.

Ich gestehe, ich habe sie gleich drei Mal angehört und ich habe in Gedanken meinen Hut gezogen vor dem Mann. Endlich einmal einer, der das ausgesprochen hat, was ich denke. Nicht in den feinsten Worten, aber das kommt daher, dass er sich die vorher nicht zurechtgelegt hat.

Offensichtlich ist, dass sich Gräben aufgetan haben, die nicht so einfach zu überbrücken sein werden. Viele meiner Autorenkollegen haben Sven Regener (z.T. begeistert) zugestimmt, haben seinen Ausbruch auf allen Kanälen verlinkt und kommentiert. Viele Internetnutzer haben Sven Regener verbal eins auf den Deckel gehauen.

Fakt ist: Die Welt ist mit dem Internet eine andere geworden. Für diese neuen Gegebenheiten müssen neue Regeln gefunden werden. Verhärtete Fronten werden bei der Lösung des Problems nicht helfen. Ein Beharren auf den alten Strukturen scheint mir nicht sehr sinnvoll. Vielmehr gilt es, Wege zu finden, mit denen beide Seiten leben können. Noch aber scheint mir die Goldgräberstimmung zu herrschen. Der Run auf alles, was gratis angeboten wird, ist enorm. Dabei werden nicht zuletzt jene überrannt, auf deren Produkte es die Rennenden abgesehen haben. Bis jetzt haben viele die Faust im Sack gemacht. Ich hege die Hoffnung, dass sich das ändern wird. Zumindest bei uns in der Schweiz tut sich etwas. Schweizer Musiker haben sich zusammengeschlossen und einen offenen Brief an die Mitglieder der Kommission Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerates geschrieben, in dem sie ihre Anliegen formuliert haben.

Kommentare:

Paula Abigail hat gesagt…

Meine Meinung zu Sven Regener (und Element of Crime) ist nach wie vor: Grossartig! Egal ob schreiben, musizieren oder reden.

Alice Gabathuler hat gesagt…

Ich kenne ihn nicht - aber er hat für uns gestern eine grosse Lanze gebrochen und eine Diskussion ins Rollen gebracht. Für beides bin ich ihm sehr dankbar!

bugsierer hat gesagt…

ich verstehe nicht, warum du eine lanze brichst für diesen unaufgeklärten rant.

ich schätze regener seit urzeiten sehr, aber hier hat er gezeigt, dass er keine ahnung hat und nur gerade alte geschäftsmodelle rüberretten will in die neue zeit. das ist hochgradig naiv und wird nicht funktionieren.

die wahrheit in einem satz ist: die neue zeit wird es stars wie regener schwerer machen und newcomern von unten leichter. ich fidne das gut.

dass dieser fakt ausgerechnet von den stars ausgeblendet wird, kennen wir schon von anderen branchen.

Alice Gabathuler hat gesagt…

Antwort, Teil 1
Ich breche eine Lanze für diesen Rant, weil mir Sven Regener aus der Seele redet. Und nein, ich bin kein Star. Ich behaupte von mir, die Branche, in der ich mich bewege, realistiv skeptisch zu sehen und durchaus zu hinterfragen. Ich bin jemand, der alleine von den Bucheinnahmen nicht leben könnte - nicht einmal entfernt (dazu gehe ich - bis jetzt noch gegen Gage - auf Lesetour, sobald man mich kopieren kann, schicke ich dann die Kopie auf Tour, die will dann keine Gage mehr).

Zurück zu Sven Regener: Doch, ja, der Mann hat AHNUNG, sehr viel sogar, ist schliesslich sein Geschäft, in dem er sich seit Jahren bewegt und seit Jahren behaupten muss. Er weiss also sehr genau, wovon er redet. Wenn er also eins nicht ist, dann naiv. Ohne ihn zu kennen, unterstelle ich ihm mal, dass er sehr genau weiss, was im Internet so abgeht und wie sich einige Leute die "neue Zeit" vorstellen.

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Alice Gabathuler hat gesagt…

Antwort, Teil 2
Ich zweifle nicht daran, dass sie kommen wird, diese neue Zeit. Und ganz ehrlich: Ich sehe noch nichts, das mich nicht Grausen lässt an dieser neuen Zeit (mich begeistert ja nicht einmal das Jetzt). Bis jetzt fällt mir vor allem das hemmungslose Gratiskopieren auf, der unbedarfte Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer - das reicht vom wahllosen Texte herumkopieren, über kostenlose Downloads von Filmen und Musik bis hin zum hemmungslosen Zusammenklauen von Fotos. Der Erzeuger dieser Dinge? Ach, soll der mal die Klappe halten. Wenn das die neue Zeit ist: Na, ja.

Was mir ebenfalls auffällt: Dieses schon fast religiöse Herunterbeten von den ach so wunderbaren Gelegenheiten, übers Netz einfach so berühmt zu werden. Dass die Musik dazu zuerst aufgenommen werden muss (nicht unbedingt im Stall von Onkel Franz, mit einem Mikro und einem selbstgebastelten Schlagzeug), dass die Bücher erst geschrieben werden müssen (lektoriert wären sie wahrscheinlich auch noch einen Zacken besser) ... davon redet fast niemand. Dafür preist man irgendwelche vagen Möglichkeiten von zahlenden Usern (wobei der grosse Flattr-Hype irgendwie nicht so richtig in Fahrt kommt), von Mäzenen (die Abhängigkeit lässt grüssen), von Crowdfunding (super toll, funktioniert aber längst nicht so gut, wie alle sagen).

Was mir am meisten auf den Keks geht: "Wir klauen dir ja nichts, wir kopieren nur. Kannst dein Original ja behalten." Muss ich da jetzt vor Dankbarkeit auf den Knien herumrutschen? Dafür, dass ich ein Buch für mich geschrieben habe, das ich tatsächlich behalten darf - alle anderen kopieren es ja nur.

Hat mal irgendjemand den Newcomern verraten, dass es im Internet genauso schwierig ist, bekannt zu werden, wie zu einem Vertrag mit einem Plattenlabel / einem Buchverlag zu kommen? Sollen sie kommen, die Newcomer, die auf eigene Kosten Musik einspielen, sich dann stundenlang vor den Computer setzen und - zusammen mit unzähligen Millionen anderen Newcomern - ihre Links über Twitter jagen und sich auf FB und Google+ verlinken, damit ich mir dann irgendwelche Musik gratis herunterladen kann ... oder wenn ich grad super duper toll drauf bin 15 Rappen für ein Stück spenden und mich grossartig fühlen kann.

Und zu guter Letzt liebe ich den Mann für den Satz: "Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert." Vor dem Apfel-Laden einen Tag Schlange stehen, um völlig überteuert ein Gadget zu kaufen: Toll. Für irgendwelche Labels das x-Fache des Warenwerts zu zahlen: Super. Mal schnell nach New York shoppen gehen: Cooooool. Dafür hat man die Kohle. Und wenn der Musiker oder der Autor etwas für sein Produkt will: So ein Spinner. So ein naiver Spinner aber auch.

Deshalb breche ich nicht nur eine Lanze für diesen Mann, sondern zieh auch gleich noch den Hut vor ihm. Dass er nicht ganz daneben liegt, zeigen die vielen positiven Reaktionen von Musikern und Autoren. A propos Musiker: Schweizer Musiker haben das kostenlose Abkupfern, ähm, will sagen Kopieren (nicht stehlen, denn das Original ist ja noch da) ihrer Songs ebenfalls satt. Sie haben sich zusammengetan.

Alle naiv?

Lassen wir sie aussterben. Warten wir auf die Newcomer. Und die gute, neue Zeit.

Was mir auffällt: Ich habe mich heute durch einige Dutzend Kommentare gelesen. KEIN einziger hat mir eine Alternative aufgezeigt. KEIN einziger hat mir gezeigt, wie die Newcomer kommen mögen. Aber sie werden kommen. Ja?

PS: Ich kann das erst gut finden, wenn man mir gezeigt hat, wie, ob und dass es wirklich funktionieren kann. Belehren kann man mich immer. Überzeugen auch. Nur ist da weit und breit nichts am virtuellen Himmel, das mich bis jetzt überzeugt hat.

PPS: Die New York Times überarbeitet ihr Bezahlmodel und macht die Paywall, die sie jetzt schon hat, noch etwas höher. Vielleicht warte ich einfach, bis die Newcomer im Netz mehr verlangen für ein Buch als es ganz normale Buchhandlungen tun

Alice Gabathuler hat gesagt…

PPS: Doch, soeben ist mir jemand eingefallen. Die Bloggerkollegin Petra van Cronenburg. Die hat ein wirklich gutes Projekt durchgezogen, über das sie auch gebloggt hat.

Nur: Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass irgendjemand kommt, ihr Werk (in das sie viel Arbeit und Herzblut gesteckt hat), kopiert und ins kostenlos ins Netzt stellt, damit andere es auch kopieren (nicht stehlen) können, dann wird mir grad nochmals anders.

bugsierer hat gesagt…

na ja, liebe frau alice... ich sehe in ihrer replik keine ansätze für ein neues denken.

herr regener ist ein typischer vertreter des musikbusiness, der mühe hat mit dem gedanken, dass sich sein geschäftsmodell verändert. wie es züri west auch sind. die haben kürzlich eine ähnliche jammerei ausgegeben. und sina macht sich auch stark.

ich verstehe ja all diese ängste, aber ich nehme sie nur ernst von leuten, die gleichzeitig den tatbeweis erbingen, dass sie das netz und seine chancen ernst nehmen.

ich kann auch den satz von wegener, den du so liebst, nicht ernst nehmen. wer den kulturbetrieb kennt weiss: es ist showbiz und es geht nur bedingt um künstler, sondern um eine industrie, in der die künstler eine austauschbare ressource sind.

aber: noch nie hatten wo viele künstler so konkrete möglichkeiten, ihr zeugs unter die leute zu bringen wie heute. und das ohne nenneswerte investitionen, mal abgesehen vom eigenen manpower.

henusode.

Alice Gabathuler hat gesagt…

Ich denke schon neu ... aber in ganz andere Richtungen :-)

Nachdem ich mir gestern Abend auf verschiedenen Plattformen eine Volladung Kommentare von Menschen angetan habe, die finden, die Musik von heute sei viel zu teuer, habe ich beschlossen, lieber nicht mehr zu viel über dieses Thema nachzudenken, weil ich Aggressionsschübe bekomme. Die tun mir nicht gut. Dem Schreiben sowieso nicht. Und der Zuknuft schon gar nicht.

Weil es vielen Leuten weder ums Urheberrecht, noch die Industrie (über die man durchaus diskutieren könnte), noch um die Menschen, die auf welche Art auch immer Musik machen resp. Bücher schreiben geht, sondern nur darum, kostenlos zu ihrer grenzenlosen Unterhaltung zu kommen. DAS ist u. a. auch diese neue Welt, die da auf uns zukommt (und um die ich einen Bogen machen werde, ganz altmodisch).

Titus hat gesagt…

Vorab: Der Link da oben hinter "Aufzeichnung" führt nicht zu einem Interview.

Dann: Was die meisten "Kulturkonsumenten" sehen, hören oder lesen, sind die grossen, bekannten Künstler, so quasi "die oberen Zehntausend". Alle anderen Kulturschaffenden - und das ist wohl die grosse Mehrheit - kennen nur ein paar Wenige.

"Die oberen Zehntausend" nehmen die meisten wohl auch als Besserverdienende wahr. Die leben sozusagen in Saus und Braus. Da regt sich kein Erbarmen, wenn jemand ein Stück von Lady Gaga "raubkopiert". Diejenigen, die nun gegen Raubkopien brüllen, sind nicht die grosse Mehrheit wenig bekannter Kulturschaffenden, sondern vor allem "die oberen Zehntausend", also diejenigen, denen es trotz vermeintlicher Raubkopien gar nicht so schlecht geht.

In der Schweiz dürfen Werke unter Privaten getauscht werden. Ich darf ein Buch von Dir, Alice, meinem Nachbarn geben, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Mein Nachbar darf auch eine Kopie aus der Tageszeitung machen und in meinen Briefkasten legen, ohne deswegen das Urheberrecht zu verletzten.

An diesem Prinzip möchte ich nichts ändern wollen. Aber es ist schon klar, dass die digitale Welt einen Austausch erleichtert. So könnte heute mein Nachbar auch online die Tageszeitung abrufen, einen Artikel als PDF drucken und mir per E-Mail zustellen. Und ich könnte das dann auch Bugsierer weiterleiten.

In der Vergangenheit wussten viele Branchen ihre Pfründe zu sichern. So wird etwa auf jede Kopie auf einem Kopierer eine minimale Gebühr als Urheberentschädigung erhoben - selbst wenn dabei selbst erstellte Dokumente kopiert werden.

Und auch in jüngster Zeit kommt ein ähnliches Prinzip zum Tragen. So wird aus den gleichen Gründen beispielsweise auf jedem mp3-Player eine Gebühr erhoben, womit man zum Teil zweimal eine Urheberentschädigung entrichtet; einmal beim Kauf des Musikstücks und einmal beim Kauf des mp3-Players. Muss ich noch erwähnen, dass ich das nicht gerecht finde? Wissen das die Züri Wests und die Sinas?

Schliesslich noch einen letzten Punkt: Wo fängt Kunst oder Kultur an und wo enden diese? Welche Kunst oder welches Kulturwerk ist wie viel wert?

Im Internet finden sich immer wieder kostenlose Werke, die nach meinem Geschmack eine so hohe Qualität aufweisen, dass daneben mancher "Künstler" blass aussieht. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich nur um fachliche Beiträge zu einem bestimmten Thema, um Musikstücke, um Videos, um schriftstellerische Werke oder um eine andere Form von Kulturschaffen handelt.

Damit stellt sich für mich auch die Frage, ob gewisse Kreise eine Art "Herrschaftsanspruch" auf Kunst oder Kultur haben. Natürlich haben sie diesen Anspruch nicht, aber manche tun immer so, als ob sie ihn hätten.

Ich komme darum zum Schluss, dass Kunst- oder Kulturschaffende vor dem Internet-Zeitalter privilegiert waren, weil die "alten Medien" ihnen eine gewisse Kontrolle über die Verbreitung ihrer Werke erlaubten, dass es aber heute wie damals, vor der Zeit als Ton-, Film- oder Literaturträger eine Kontrolle und Kommerzialisierung erlaubten, ein Privileg ist, sich ausschliesslich mit dem Schaffen von Kunst und Kultur auseinandersetzen zu können.

Jeder, der Neues schafft oder Bestehendes weiterentwickelt ist in meinen Augen ein Kulturschaffender. Den Anspruch, dafür immer etwas zu erhalten, kann und darf es nicht geben, denn andernfalls wäre eine kulturelle Weiterentwicklung nur dank Geld möglich. Wollen wir das?

Alice Gabathuler hat gesagt…

Antwort, Teil 1 (blöde Zeichenbeschränkung):

Ich antworte mal der Reihe nach: Die oberen Zehntausend? Ja, die gibt es. So, wie es sie im Sport und in der Geschäftswelt generell gibt. Daneben gibt es unzählige andere, die mit Musik/Schreiben ein kleineres oder ein Teileinkommen erzielen. Und ja, dahinter steckt eine Industrie, so, wie hinter ganz vielen anderen Dingen eine Industrie steckt. An einer Industrie finde ich nicht alles grundsätzlich verkehrt - es ist ihr ja nicht verboten, sich zu bewegen (da hat die Musikindustrie wirklich Fehler gemacht!)Jeder Musiker, jeder Autor kann es sich überlegen, ob er sich dieser Industrie ausliefern will - es muss keiner. Da ist das Internet wirklich ein Segen. Was du übersiehst: Es rufen zwar die "oberen Zehntausend" aus - aber gerade unter meinen Autorenkollegen, die nicht zu den oberen Zehntausend gehören, hat der Rant grosse Zustimmung gefunden. Das mag man gut oder schlecht finden, aber es sollte doch zu denken geben.

Zum Tauschen. Ich habe nichts dagegen, wenn mein Buch durch 20 Hände geht. Oder drei Freunde eine CD kopieren. Tun wir aber nicht so, als ob das der Normalfall ist. Der Normalfall ist das Filesharing, und das geht weiter über 20 Leute hinaus. Ich mag das Schönreden dieser Downloads nicht; das einzige Wort, das für mich dafür zutrifft, ist "nicht-kommerziell". Aber mit Teilen unter "Freunden" hat das absolut nichts zu tun.

Die auf die Geräte erhobenen Gebühren kann man diskutieren. Für mich sind sie ein etwas hilfloser Versuch, diesen "nicht-kommerziellen" Kopien zu begegnen. Andere Modelle wären mir lieber, denn den Künstlern bringen sie nicht viel. Was die Pro Litteris mir von den eingenommen Gebühren auszahlt, ist so lachhaft, dass man es auch bleiben lassen könnte.

Alice Gabathuler hat gesagt…

Antwort, Teil 2

Ich sage nicht, dass sich im Netz keine qualitativ hochwertigen Werke finden lassen, werfe aber ein, dass man sich einmal überlegen müsste, wie viel persönlicher Aufwand und allenfalls wie viel Geld in diese Werke geflossen ist. Wenn nun jemand diese Werke kostenlos anbieten will, geht das für mich in Ordnung. Mir geht es um jene Leute, die ihre Werke NICHT kostenlos anbieten wollen. Ich möchte einzig und allein, dass deren Wunsch nach Bezahlung respektiert wird. Wer das nicht möchte, soll sie links liegen lassen, ignorieren und sie so zum Umdenken bringen (ob diese Leute dann umdenken wollen, sei ihnen überlassen).

In den letzten beiden Absätzen steckt meiner Meinung nach ein Denkfehler. Der grösste Teil aller Menschen, die sich mit dem Schaffen von Kunst und Kultur auseinandersetzt, erwartet gar nicht, davon leben zu können. Die meisten von uns arbeiten nebenher in einem Brotberuf. Aufwand und Ertrag stehen bei den meisten in einem krassen Missverhältnis. Und trotzdem schaffen sie weiter ihre Werke. Geld ist bei den allerwenigsten die Triebfeder für ihr Schaffen. Von "privilegiert" kann also keine Rede sein. Nur: Wenn dann ein Werk da ist, dann möchten es die meisten lieber verkaufen als verschenken. Ich verstehe das. Der Schreiner verschenkt seinen Tisch auch nicht. Und jetzt komme ich zum Witz an der Sache: Wenn der Schreiner seinen Designertisch, der locker auch als Kunst durchgehen könnte, für ein Heidengeld verkauft, geht das für alle in Ordnung. Wenn es jemand tut, auf dessen Werkbude dummerweise nicht "Schreiner", sondern "Atelier" steht, dann soll er dann plötzlich nicht mehr das Privileg haben, seinen Tisch als Produkt zu verkaufen? Entschuldige, da geht mir dann die Logik verloren und den Bach runter.

Zurück zur Musik: Ein Musiker ist kein Schreiner. Eine CD gibt es zwar in unzähligen Kopien, aber er kann ja den Rohling schlecht als Original verkaufen (wie den Tisch). Warum kann ein Konsument den Wunsch eines Musikers nach Einkommen nicht einfach akzeptieren? Man muss dann die Alben nicht kaufen, wenn man findet, der gute Mann sollte sie umsonst anbieten. Ich gehe aus diesen Gründen schon längst nicht mehr an absolut überteuerte Konzerte von Megaacts. Aus Prinzip. Es würde mir aber nicht im Traum einfallen, mich da gratis einzuschleichen.

Anonym hat gesagt…

Genau das ist das Problem, der Konsument nimmt nur "die oberen Zehntausend" wahr und schließt daraus, Künstler haben eh mehr als genug Geld (wie Lady Gaga), die brauchen nicht noch mehr davon. Die meisten Künstler verdienen aber nur einen Mini-Bruchteil dieser Summen.
Ich verstehe auch nicht, warum jeder Mensch für seine Arbeit entlohnt werden soll, ein Künstler für seine Arbeit aber nicht entlohnt werden darf.
Dass es neue Wege der Verbreitung von Kunst geben muss, halte ich auch für unbestritten. Aber ich bin nicht der Meinung, dass die praktisch eine zwangsweise Enteignung desjenigen, der diese Kunst geschaffen hat, beinhalten müssen. Vordergründig wird dabei zwar die Freiheit des Internets reklamiert, aber in Wahrheit geht es nur um Geiz ist geil.

Viele Grüße, Luise

Titus hat gesagt…

@ Alice
Das Thema ist komplex, vieles hängt zusammen, dennoch schlage ich vor, zwei Arten von Schutz zu unterscheiden: a) Den Schutz vor anderen Kulturschaffenden, die ein Originalwerk unter Verwendung eines Teils des Originals weiterentwickeln und b) den Schutz des Originals selbst was die unerlaubte Weiterverbreitung anbelangt.

Zu a) möchte ich mich nicht zu weit äussern, das wäre ein Thema für sich und geht ebenfalls sehr weit (für mich geht das in die Kategorie "sich von anderen inspirieren lassen").

Beschränken wir uns darum auf b). Ich finde Filesharing auch nicht in Ordnung. Aber: Die Doppelbelastung mp3-Player/CD ist ebenfalls nicht in Ordnung. Den Fünfer und s'Weggli kann man nicht haben. Also: Entweder fällt jegliche Gebühr auf mp3-Playern weg und man geht rigoros gegen Filesharing-Plattformen vor oder man belastet die Konsumenten doppelt, womit für mich auch die Legitimation wegfällt, gegen Filesharing-Plattformen vorzugehen. Das gilt übrigens auch für Kopierer und allfällige weitere, ähnliche "Doppelbelastungssysteme", denen sich viele nicht bewusst sind.

Noch ein Punkt zur "Gratis-Mentalität": Internet macht vieles billiger. Werbung muss nicht mehr zwingend in der gedruckten Presse gemacht werden, sondern online. Rohlinge müssen nicht mehr gepresst und Bücher nicht mehr gedruckt werden. Und wie hat sich das preislich ausgewirkt?

Ich sage es einmal umgangssprachlich: Wir (und vermutlich auch die Kulturschaffenden) werden hier nach Strich und Faden abgezockt. Die Preise haben sich nur unbedeutend nach unten bewegt. Würden z. B. Musikstücke für lächerliche 50 Rappen angeboten, würden wohl auch mehr die 50 Rappen bezahlen und weniger versuchen, auf "lusche" Weise die überteuerten Preise zu umgehen. Trotz günstigeren Preisen bin ich überzeugt, dass sich das wiederum mit der Masse kompensieren liesse, dies nicht zuletzt auch deshalb, weil dann auch solche zugreifen, welche bisher gezögert haben. Aber eben: Hier wäre ein radikales Umdenken gefordert.

Alice Gabathuler hat gesagt…

zu a) Das wäre eine Diskussion wert
zu b) völlig einverstanden

Zu den Preisen: Ein Musikstück ist nicht nur der gepresste Rohling, ein Buch nicht nur der Text. Hinter beidem stecken Arbeitsvorgänge und Vorinvestitionen. Was mich einfach fassungslos zurücklässt: Was bitte ist an den jetzigen Preisen so überteuert? Heiliger Himmel, titus! Weisst du, um wie viel überteuert zum Beispiel die Apfel-Produkte verkauft werden? Oder Converse-Turnschuhe (deren Realwert zwischen 10 und 15 Franken liegt und die bei uns für rund 100 Franken verkauft werden)? Da ist der Preis eines Musikstücks eine Lachnummer dagegen. Wenn du das überteuert findest, dann antworte ich dir mit Regeners Worten: So eine Gesellschaft, in der jedes Label oberkrasscool ist und man ohne mit der Wimper zu zucken Fantasiepreise dafür bezahlt, aber für einen Song dann grad mal 50 Rappen ausgeben will, ist nichts wert. Tut mir leid. Da kippt für mich die Diskussion ins Absurde.

Die Masse wird überschätzt. Ich kenne die Verkaufszahlen in der Musikbranche nicht, aber wenn sie ähnlich sind wie bei den Büchern, reden wir bei normalen Schweizer Durchschnittskünstlern von irgendwas zwischen 300 und 6000 Stück. Mulitpliziert mit 50 Rappen (die nicht alle an den Künstler gehen), geteilt durch 3 bis 6 Musiker ... ja, ja, die werden steinreich und müssen ihr Leben lang nicht mehr arbeiten ...

Titus hat gesagt…

@ Alice
Ich wollte eigentlich beim Punkt b) bleiben und nicht gleich alle kommerziellen Übel der Welt anprangern ;-)

Ja, natürlich, überall wo ein Hype besteht, seien es nun technische Gadgets, Mode, Popmusik usw. werden überrissene Preise verlangt. Darum gibt es nicht nur Raubkopien von Musikstücken, sondern auch von Markenjeans, Markenuhren usw...

Noch ein Wort zur Masse: Ich spreche von Mehrverkäufen dank günstigeren Preisen. Hast Du die oben in Deinen 300 bis 6000 Stück drin? Du kennst das vermutlich: Da macht jemand ein Stück Musik, das Du "ganz OK" findest, aber es reicht nicht, als dass es Dich zum Kauf bewegt. Wenn ein Stück allerdings nur 50 Rappen kosten würde...

Alice Gabathuler hat gesagt…

Diesmal nur kurz: Ich glaube, du überschätzt dieses Massenpotential total. Was kostet, kostet. Für jemanden, der nicht bezahlen will, sind 50 Rappen immer noch zu viel.

Bei einem Hype zahlt der Konsument auch schon ma 250 Franken für ein Konzert (oder noch viel mehr), weil es cool ist, dabei zu sein. Um einen Werbeslogan zu bemühen: Weil es ihm wert ist. Wenn jemand etwas WIRKLICH haben (resp. kaufen) will, bezahlt er die jetzigen Downloadpreise, ohne mit dem Auge zu blinzeln. Sind ja wirklich nicht hoch. Dasselbe gilt übrigens für Bücher. Für etwas, das dich ein paar Stunden unterhält, sind doch die 15 bis 30 Franken nicht zu viel.