Montag, 22. November 2010

Jetzt rede ich!

Der Boulevard (und seit kurzem auch Tamedia) liebt die Jetzt-rede-ich-Menschen. Egal ob Opfer oder Täter, naher oder entfernter Verwandter oder Bekannter von Opfern oder Tätern, es wird geredet und geredet und geredet ... und schön brav abgedruckt, was die reden, egal, was sie sagen. Immer reden diese Leute JETZT und fast immer mit Ausrufezeichen!!!. Ich nehme an, solche Geschichten werden gelesen. Sonst würde man (weiter unten mehr) sie ja nicht schreiben. In letzter Zeit dürfen ziemlich prominente Täter reden. Zum Beispiel der Bieler Kneubühl, der tagelang ganz Biel und sämtliche Medien auf Trab gehalten und dabei nebenbei einen Polizisten ins Gesicht geschossen hat. Oder ganz neu „Der Killer von Grenchen.“ Leser und Leserinnen dürfen sich danach (auflagefördernd) empören. In der gleichen Zeitung, in der vorher das Opfer geredet hat.
  
„Der Amok-Opa Peter Hans Kneubühl gab sein erstes Interview. Politiker von links bis rechts sind über seine Aussagen entsetzt.“ 

Joo, was? Ehrlich? Ist man da versucht, ganz ironisch zu fragen. Leider bleiben einem die Worte im Hals stecken. Und man fragt, sich in welcher Welt man angekommen ist. 

Womit wir beim man angelangt sind. Es ist ein Medienverlag, der sich für so eine Jetzt-rede-ich-bis-zum-Erbrechen-Strategie entscheidet, es ist eine Chefredaktion, die das nicht hinterfragt, es ist der Journalist (ähm … sind das noch Journalisten?), der seinen Job behalten will oder so abgebrüht ist, dass er auch dem Massenmörder noch sein Ohr leiht; Hauptsache es gibt Kohle und die Auflage stimmt. Und selbstverständlich weisen sie jegliche moralische Schuld von sich. Unter dem Deckmäntelchen: „Die Leute wollen das lesen" suhlen sie sich in ihren Latrinengeschichten. Und jeder Täter weiss: Wenn ich alles versucht habe, in die Medien zu kommen und nichts geklappt hat, dann begehe ich irgendeine schwere Tat. Der Boulevard wird sich dann schon bei mir melden. DAS sind die heutigen 15 Minuten Berühmtheit. Es ist zum ...

Kommentare:

Rabenblut hat gesagt…

Liebe Alice,

genau diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich letztens lesen musste, dass der Inzesttäter aus Österreich (Name habe ich Gott sei Dank wieder vergessen) seine Buch- bzw. Filmrechten verkauft. Da werden plötzlich Filme über diese Monster gedreht und sie verdienen sich dumm und dämlich dabei, vom Knast aus. Das ist sowas von pervers. Jeder der ein solches Buch kauft, sollte sofort an der Kasse den doppelten Betrag an eine Opferhilfsorganisation spenden müssen.
Schande über uns!

Liebe Grüße
Nikola

Titus hat gesagt…

Und warum ist das so bzw. warum funktioniert das?

Sind nicht alle auf der Suche nach einem Stückchen Anerkennung, Aufmerksamkeit oder gar Liebe?

Falls ja, was sind wir für eine Gesellschaft geworden, wenn schier jeder danach strebt?

Bobsmile hat gesagt…

@Alice/Titus
Warum bloggen wir?
- Um hippe Themen aus dem Boulvard herauszulösen und neu zu beleuchten.
- Um interessante Themen aus den Nischen des Internets ins Rampenlicht zu stellen.
- Um mit anderen Leuten auf einer spannenden Ebene zu diskutieren.
- aber auch um dabei ein klein bisschen Aufmerksamkeit für sich selber zu erhalten.
Ohne Mitleser/Kommentatoren wäre es schon a bisserl fad, oder? :-)

Also, lassen wir die Schlagenden Zeilen dem Schmuddeljournalismus und geben dem Hintergründigen weiterhin eine Plattform. Keep on blogging!

Alice Gabathuler hat gesagt…

@titus: Das Aufmerksamkeitssyndrom in Ehren, aber hier geht der Boulevard zu weit - mit dem Veröffentlichen von solchen Kommenatren öffnet er Türen in gefährliche Labyrinthe. Denn was lernt der Zeitungsleser aus den Schlagzeilen:

"Brutaler Bahnhofsüberfall in XYZ"
einen Tag später:
"Jetzt redet der Bahnhofstäter."

@bobsmile: Nein, ich will solche Schlagzeilen nicht dem Boulevard überlassen. Ich will sie hinterfragen und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, solche Mechanismen offen zu legen. Bloggenderweise. Auch wenn Frau Zappadong mit Mr Doorman in Tibet kräftig in die elektrischen Saiten greift.

Bobsmile hat gesagt…

Jo, ähem, ich dachte, ich haue eigentlich in die gleiche Saite.
:-)
Der Schmuddeljournalismus bringt "nur" die Schlagzeile, wisch und weg. Wir Blogger aber schauen genauer hin, oder zumindest hinterfragen wir, geben unsere Meinung dazu, diskutieren kontrovers, kauen drauf rum.
Gut so!

Anonym hat gesagt…

Hallo Frau Gabatuler!
Wie geht es ihnen?
Ich bin Sandro aus der R2A.
Mir hatte das Buch eigentlich gut gefallen doch es war schon sehr schwehr es zu lesen.
Ich möchte ihnen auch nochmal Danken das sie bei uns waren.
Liebe Grüsse Sandro