Freitag, 16. Juli 2010

Die Ich-Perspektive und ihre Tücken

Ich habe immer gerne in der Ich-Perspektive geschrieben (muss am Ego liegen *grins* ). Und immer extrem ungerne Texte gelesen, die in der Ich-Perspektive geschrieben sind. Weshalb ich meine Finger beim Schreiben meiner Bücher schön brav von der Ich-Perspektive fernhielt. Schliesslich schrieb ich genau das, was ich selber gerne lesen würde. Aber dann kamen Autorinnen und Autoren, denen meine Lesevorlieben egal waren. Sie loteten die Ich-Perspektive in Tiefen aus, die mir den Atem nahmen und mir neue Welten eröffneten.

(Zwischenbemerkung: Eines der gewagtesten und faszinierendsten Perspektivenexperimente findet sich in The Road of the Dead).

In mir wuchs der Wunsch, es auch zu versuchen. Bei meinem neuen Buch, an dem ich gerade schreibe, ist dieser Wunsch geradezu explodiert. Begeistert und leidenschaftlich stürzte ich mich ins Ich-Abenteuer. Gleich dreifach. Was bedeutet: Ich sitze in den Köpfen von drei Leuten, erzähle ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive und geniesse das Schreiben so richtig.

Meistens. Denn im Moment bin ich dabei, die erste Hälfte des Buches aufzuräumen, will heissen, durchzukämmen und zu überarbeiten. Dabei stelle ich fest: Zwei meiner drei Erzählstimmen sind sich noch zu nahe, noch nicht eigenständig genug. Das alleine ist eine Herausforderung. Ich habe aber noch eine zweite gefunden, eine, die mich wirklich beschäftigt.

Ich liebe Dialoge. Meine Bücher sind voll davon. Dummerweise funktionieren diese dialoglastige Szenen in der Ich-Perspektive nicht. Nun bin ich dabei, der Sache auf den Grund zu gehen. So ganz habe ich noch nicht raus, was warum nicht passt. Ich arbeite daran ...

Kommentare:

Jutta Wilke hat gesagt…

Warum funktionieren die Dialoge nicht? Da ich auch gerade in der Ich-Perspektive schreibe, interessiert mich das sehr. Ich hatte bisher nicht das Gefühl, dass die Dialogszenen unter dieser Perspektive leiden.
Kompliziert stelle ich es mir allerdings wirklich vor, wenn du mehrere Ich-Perspektiven hast und diese "Ichs" dann im Dialog aufeinander treffen. Ich bin megagespannt, wie du das löst!
Du schaffst das!

Liebe Grüße
Jutta

Alice Gabathuler hat gesagt…

Wenn ich wüsste, warum das mit den Dialogen (noch) nicht funktioniert, hätte ich kein Problem :-)

Das mit den drei Ich-Perspektiven ist ähnlich wie beim Buch "Das Projekt" - wo ich vier (resp. fünf) Perspektiven hatte. Nur blieb ich dort aussen vor. Diesmal bin ich als Ich-Erzählerin mitten drin. Während ich also beim "Projekt" "meine" Schreibe durchziehen konnte, brauche ich hier drei verschiedene Erzählstimmen, plus noch etwas mehr ;-) Und da sind mir zwei einfach noch zu ähnlich (auch wenn das Jungvolk ähnlich spricht, sowohl real als auch im Buch).

Mit den Dialogen der aufeinanderprallenden Charaktere habe weniger Mühe, weil ich die drei genau "definiert" habe. Was sie dann allerdings erzählen, ist eine andere Geschichte, da Fühlen, Denken und Reden nicht ein und dasselbe sind.

Auf jeden Fall mag ich meine Figuren sehr - wie immer. Und wie immer schenke ich auch jeder Figur ihren ureigenen Abgrund - das mag ich noch viel mehr. Und weil sich im Moment jede der Figuren ihrem Abgrund gefährlich nähert, macht das Schreiben grad unheimlich viel Freude.

Liebe Grüsse

Alice