Montag, 19. Oktober 2009

Ich bin platt - Was Autoren schreiben und Leser lesen

Eigentlich wollte ich diese Woche ausführlich über meine Erlebnisse an der Buchmesse berichten, aber mir ist etwas dazwischengekommen: Buchbesprechungen zu meinem letzten Buch Starkstrom.

Davon habe ich am Wochenende und heute gleich drei gelesen. Am Wochenende habe ich mich leicht gewundert, dass gleich zwei Besprechungen fanden, ich hätte etwas viele verschiedene Themen in das Buch hineingepackt, und heute Morgen sass ich mit offenem Mund vor einer Besprechung, die eigentlich mehr eine Analyse war. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie tief die Gräben sein können zwischen dem, was Autoren schreiben und Leser lesen - auch wenn es sich dabei um genau dasselbe Buch handelt.

Konkret: Starkstrom ist ein etwas irres Rock-Märchen, geschrieben mit viel Spass und dem einzigen Ziel, die Leser zu unterhalten. Ich habe Bücher mit Tiefgang geschrieben (allen voran "Das Projekt") und ich mag den Tiefgang in Büchern sehr, aber Starkstrom ist nun wahrlich kein Beispiel für ein Werk des Tiefgangs (mehr dazu weiter unten im Text).

Einige Besprechungen merken an, dass ich den Finger auf das Thema Medien lege . Das stimmt insofern, als dass ich das Thema Sensationsjournalismus aufgreifen wollte, aber nicht in erster Linie kritisch hinterfragend, sondern als etwas, das schon lange zu unserem Alltag gehört - und eigentlich war es meine Absicht, das Thema so überspitzt (und witzig) rüberzubringen, dass der Irrsinn dahinter auch ohne erhobenen Zeigefinger deutlich wird.

Dann geht es im Buch auch um Musik, das heisst, es geht vor allem um Musik. Und darüber macht sich in der eingangs erwähnten Rezension jemand sehr viele Gedanken. Solche zum Beispiel:

"Indem das explizite Intertextualitätssignal ein umfassendes auserliterarisches Verweissystem in die literarische Textgestaltung mit einbringt, werden Grundstimmung und Grundhaltung des Erzählens eingenommen."

Ich finde das extrem spannend. Und hochinteressant. Und vielleicht las ich mich deshalb heute Morgen am Küchentisch ziemlich schuldbewusst durch die Analyse von Dr. Heidi Lexe in der Zeitschrift Buch und Maus. Denn: All diese interessanten Gedanken, die sich die Rezensentin gemacht hat, habe ich mir nicht gemacht. Weder vor dem Schreiben, während des Schreibens, noch nach dem Schreiben. Vielleicht wäre, wenn ich mir diese Gedanken gemacht hätte, ein ganz anderes Buch herausgekommen.

Jetzt - eine gute Stunde später - sinkt die Analyse allmählich ein. Und ich mache mir die Gedanken, die ich mir während des Schreibens nicht gemacht habe. Nämlich: Dass AC/DC sehr, sehr simple Musik macht, ohne allzuviel Tiefgang, puren Rock'n'Roll zur Unterhaltung. Dass es deshalb gar nicht nötig ist, Soundtrack in den Text einzuschreiben, der das Geschehen der Figuren oder deren Beziehung zueinander über das konkret Ausformulierte hinaus weitererzählt.

Starkstrom ist ein simples Buch über eine komplizierte Geschichte. Und vielleicht fehlen ihm die Zwischentöne, weil die Musik von AC/DC auch keine hat. Wobei: Eigentlich sollten sie schon da sein, die Zwischentöne. Ich habe mich bemüht, sie anklingen zu lassen - ohne sie mit der Dampfwalze breitzudrücken. Wenn mir das nicht gelungen ist, dann habe ich es nicht richtig hinbekommen. Das täte mir dann leid.

Um meine Analyse zu einem Ende zu bringen: Vielleicht bedauert Jonas den gesamten Roman über, dass er keine Tickets für das Konzert bekommen hat, weil es mir genau gleich ging - und dem Vorbild der Figur zu Jonas sowieso (man durfte besagten Jugendlichen gar nicht mehr auf die Tickets ansprechen!). Vielleicht ist ja der Schluss so wahnsinnig überdreht "happy" und simpel, weil das die Musik von AC/DC auch ist. Aber wie gesagt, solche Analysen habe ich während des Schreibens nicht gemacht. Ich habe selten solchen Spass gehabt beim Schreiben (vor allem über Danusers Arche und die Boten der Erlösung). So viel Spass halt wie bei einem AC/DC Konzert :-)

Ulf Cronenberg hat das in seiner Besprechung erkannt: Auch “Starkstrom” ist kein schlechtes Buch – aber eher ein Buch für Zwischendurch, das ein paar interessante Fäden (Flutkatastrophe, Rangeleien in einem Dorf, Medien) aufgreift und zusammenführt.

Genau das soll das Buch sein: Ein unterhaltsames Buch für Zwischendurch. Simpel wie ein Song von AC/DC.

PS: Dr. Heidi Lexe beendet ihre Analyse mit einem erfrischenden ... LOL. Das passt.

PPS: Ich danke beiden Rezensenten für die Einblicke, die ich in meinen eigenen Text gewinnen konnte. Und nicht zu vergessen meinem Kollegen Bobsmile, der das Buch hier besprochen hat.

Kommentare:

Frederik Weitz hat gesagt…

Liebe Alice!
Ich habe das Buch zwar noch nicht gelesen, aber eines kann ich dir sagen: ich werde nichts von Intertextualitätssignalen schreiben. Ich habe noch nicht mal verstanden, was Frau Lexe da geschrieben hat, und das, obwohl ich Julia Kristeva (von der der Begriff Intertextualität kommt) sehr gut kenne. Falls es dich beruhigt: von Julia Kristeva kommt auch 'le simple désir de raconter'. Und da passt dein Buch dann doch wieder vollkommen, oder?

Alice Gabathuler hat gesagt…

Lieber Frederik

Doch, doch, man versteht, was sie meint, wenn man den ganzen Artikel liest. Leider ist er noch nicht online (der Link zu Buch und Maus führt noch zur letzten Ausgabe; ich denke, das wird sich im Verlauf der Woche / des Monats ändern).

Wie gesagt, ich finde den Artikel hochspannend und habe mich an der einen oder anderen Stelle gefragt, ob ich da nicht mehr hätte darauf achten sollen.

Vor allem wäre es wirklich schade, wenn der (Buch)Sountrack - wie Frau Lexe schreibt - keinen Eingang in den Text gefunden hätte. Ich selber denke, er ist drin, zu finden in der Art, wie die Leute sind, in ihrer Art, Dinge zu tun und anzupacken.

Aber eben ... wenn jemand das Buch liest und beim Lesen AC/DC nicht "hören" kann, dann habe ich bei jenem Leser als Autorin versagt. Das ist schade.

Und ja, das "le simple désir de raconter" beruhigt. Das ist es, was ich beim Schreiben gefühlt habe. Eigentlich immer fühle. Dabei kann Gutes und weniger Gutes herauskommen.

Witzig an "Starkstrom": Während ich bei meinen anderen Büchern manchmal unsicher bin und mich frage, ob es nicht auch anders gegangen wäre, ob das Buch besser geworden wäre wenn ... usw., ist es bei Starkstrom so: Ich liebe das Buch. Ich würde es wieder genauso schreiben. Es ist "mein" Buch, das Buch, das ich schreiben wollte und das so herausgekommen ist, wie ich es wollte. Selbst wenn es kein einziger Mensch gut finden würde, würde es mir immer noch gefallen. Ohne Wenn und Aber. Keine Ahnung, warum das so ist. Ist einfach so ein Gefühl.

Dazu eine kleine Geschichte: Als das Buch fertig war, schaute ich es an und dachte "Au weia! So was veröffentlicht mein Verlag nicht." Ich habe das Manuskript meiner Lektorin geschickt mit der Anmerkung: "Wenn Ihnen und dem Verlag das Buch nicht gefällt, veröffentlichen wir es halt nicht." Ich habe damit gerechnet, dass ein Entsetztes: "Das können wir wirklich nicht veröffentlichen" zurückkommt - Ich hätte es akzeptiert. Dass das Buch meiner Lektorin dann super gut gefallen hat, hat mich total glücklich gemacht.

Im Moment schreibe ich an einem neuen Krimi. Und da springen mich die Zweifel wieder von allen Seiten an. Das ist gut so. Aber so eine "zweifellose" Strecke (mit Starkstrom) hat gut getan.

Spannend finde ich auch die Besprechung von Ulf Cronenberg, der Mühe mit den ersten 100 Seiten hat - die ersten 100 Seiten sind jene, die ixh x-Mal überarbeitet habe, danach habe ich es "flutschen" lassen. Ich habe den restlichen Text schon noch überarbeitet, aber nie in dem Ausmass wie die ersten 100 Seiten. Und jetzt sitzte ich hier und grüble darüber nach, ob mir mein Überarbeitungsdrang manchmal nicht doch ein wenig im Weg ist.

Du siehst, Frederik, da ist ganz schön viel Nachdenkfutter zusammengekommen.

Liebe Grüsse

Alice

Anonym hat gesagt…

"Ich liebe das Buch. Ich würde es wieder genauso schreiben. Es ist "mein" Buch, das Buch, das ich schreiben wollte und das so herausgekommen ist, wie ich es wollte. Selbst wenn es kein einziger Mensch gut finden würde, würde es mir immer noch gefallen. Ohne Wenn und Aber. Keine Ahnung, warum das so ist. Ist einfach so ein Gefühl."

Liebe Alice,

momentan beneide ich dich total um dieses Gefühl, auch wenn ich es dir natürlich von Herzen gönne.

Und ich muss dir etwas beichten: Mir ist es gegangen wie Ulf Cronenberg: Ich hatte Probleme mit den ersten hundert Seiten. So viele, dass ich das Buch erst einmal zur Seite gelegt habe. Nachdem ich nun seine Kritik gelesen habe und das, was du über das Überarbeiten genau dieser hundert Seiten schreibst, wird es heute Abend wieder auf den Stapel neben meinem Bett wandern ;).

Liebe Grüße von Christine,
die auch gerade mal wieder mit Selbstzweifeln & Co. kämpft

Alice Gabathuler hat gesagt…

Liebe Christine

Du kannst locker auch einfach auf Seite 101 anfangen ;-)

Ach, die Selbstzweifel! Die gehören dazu. (Fast) immer. Sie lassen uns besser werden. Hoffentlich.

Alice